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| Zeitgeschehen und Gesellschaft Gedichte über aktuelle Ereignisse und über die Menschen dieser Welt. |
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#1 |
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Siehst du den Mann vor der Spielothek steh’n,
mit zitternden Händen, kaum fähig zu geh’n? Ein Becher voll Kaffee, der wärmt nur die Haut, sein Mantel ist müde, der Kälte vertraut. Die Schuhe erzählen von Jahren im Dreck, die Zeit ist verschwunden, der Tag bleibt ihm weg. Und du willst mir sagen, du seist schon am Ende, weil Arbeit dich drückt und der Alltag dich blende? Komm mit mir ein Stück von den Türmen zurück – ich zeig dir am Rand, wie zerbrechlich ist Glück. Siehst du die Frau an der Taunusallee, ihr Blick starr und fern wie ein eisiger See? Zu jung für die Härte, zu alt für ein Ziel, der Lippenstift hält, doch er lügt für ein falsches Spiel. Sie erwartet nicht Kunden, nicht Nähe, nicht Geld, nur die Wärme, die kurz sie im Schutzzelt erhält. Und du willst mir sagen, du wärst ganz allein, kein Mensch würde bleiben, kein Wort wäre dein? Komm mit mir dorthin, wo man Nähe verkauft – ich zeig dir, was es kostet, was Liebe hier taugt. Siehst du die Schatten am U-Bahn-Eingang, ihre Schritte ohne Richtung, ihr Atem so lang? Die Nadeln wie Uhren, sie ticken nicht mehr – kein Morgen, kein Gestern, nur bleich und leer. Zeit ist kein Maß mehr, kein Trost und kein Ziel, nur Stille im Rausch oder Zittern, kein Gefühl. Und du willst mir sagen, dein Leben steht still, weil nichts sich verändert, nichts werden will? Komm mit mir hinab unter Brücken aus Stein – ich zeig dir die angebliche Freiheit am Main. Ein paar Straßen weiter glänzt Glas und Beton, doch hier spiegelt nichts mehr, nicht Traum, nicht Lohn. Nur Gesichter, die niemand beim Namen mehr nennt und Wege, die keiner vom Sehen kennt. Wenn du also klagst über Tage aus Leere, über die Lasten, über die untragbare Schwere: Denk an die Straßen am Bahnhof bei Nacht – sie tragen das Gewicht und niemals die Pracht. |
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#2 |
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du beschreibst die schon sehr lange vorhandene Nähe von Macht und Elend in Frankfurt am Main.
Mit "ich zeig dir, ..." fühle ich mich angesprochen, aber was soll ich tun? Soll ich die Glastürme einreißen damit das Elend sich ausbreiten kann? Soll ich den Magistrat auffordern, das Bahnhofsviertel endlich zu sanieren, damit das Elend nicht so offensichtlich ist? Oder soll vom Glanz der Türme etwas Geld abgezwackt werden, damit gut bezahlte Sozialarbeiter das Elend etwas lindern können? LG Nordasche PS: Videoüberwachung soll auch helfen, hat mir neulich ein Polizist gesagt. |
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#3 |
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Forumsleitung
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Ein langes Gedicht, Max Vödisch, aber mit wenig Inhalt. Es konzentriert sich auf Nachclubs, Spielhallen und Prostitution. Die gibt es im Frankfurter Bahnhofsviertel seit undenklichen Zeiten, war aber nie das größte Problem. Es ist für Touristen sogar eine Attraktion, denen Führungen durch das Rotlichtviertel angeboten werden.
Das größte Problem sind die Bandenkriminalität und die Rauschgiftszene. Wenn man Pech hat, kann man schnell mal in eine Schießerei hineingeraten, wie es einem früheren Kollegen von mir passiert ist. Verschärft wurde das Problem dadurch, dass der Hauptbahnhof mittlerweile zu einem Sammelpunkt für Zuwanderer wurde. Eine Taunusallee ist mir nicht bekannt. Am Hauptbahnhof kreuzen nördlich die Düsseldorfer Straße, um den Bahnhof herum führt die Baseler Straße. Es gibt eine Taunusstraße, die am Bahnhof endet, sowie die Taunusanlage, die sich jedoch weiter östlich, auf gleicher Höhe wie die Deutsche-Bank-Türme befindet. Glastürme gibt es im Bahnhofsviertel kaum welche, dort stehen noch vorwiegend Häuser mit alten Fassaden. Das (immer noch) höchste Gebäude in Bahnhofsnähe ist der Messe-Turm (über 250 m), insgesamt sind nur wenige Hochhäuser im Westend hinzugekommen, wie z.B. Westendstraße 1, Westend Gate und Opern-Turm. Die meisten Hochhäuser stehen in Frankfurt-Mitte, dem sog. "Mainhattan". Das Gedicht überzeugt mich nicht. Die wahre Atmosphäre des Frankfurter Bahnhofviertels trifft es nur ungenügend, so dass die Beschreibung auf etliche andere Städte zutreffen könnte, die als Knotenpunkte komplexe Verkehrsstrukturen haben und dadurch Einfallstore für allerlei dubiose Elemente und deren Geschäfte sind. Besten Gruß Ilka |
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#4 |
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Liebe Ilka - Maria, liebe Nordtasche,
was ist eine "wahre" Atmosphäre? Für mich ist Atmosphäre subjektiv. Ich habe die Situationen wie im Gedicht beschrieben, so empfunden und erlebt. Ob nun die Straße Taunusallee oder Taunusstraße heißt, dürfte eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, außerdem habe ich den Namen Frankfurt nie erwähnt und keine Stadtbeschreibung gemacht. Ich kenne von vielen deutschen und europäischen Großstädten merkwürdige Stadtteile, nur sind auf dem ersten Blick die Kontraste nicht so sichtbar wie in Frankfurt. Kritisieren kann man alles mögliche und Du Ilka - Maria als ortskundige Person kannst ja ein "perfektes" Gedicht über die "wahre Atmosphäre" von Frankfurt schreiben. |
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#5 |
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Forumsleitung
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Könnte ich machen. Ist aber nicht die Aufgabe eines Kritikers.
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#6 |
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Forumsleitung
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Du erwähnst den Main, und da gibt es keine andere Stadt als Frankfurt, die für den Text in Frage kommt. Selbst Offenbach und Hanau sind dagegen pillepalle.
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#7 |
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Liebe Ilka Maria,
für mich gibt es im Bahnhofsviertel keine „wahre“ Atmosphäre. Ich habe sie so erlebt, wie ich sie beschreibe – subjektiv, menschlich, ungefiltert. Was Frankfurt betrifft, so habe ich den Namen bewusst weggelassen weil in vielen Städten es artverwandt abläuft und Frankfurt nicht das Alleinerkennungsmerkmal besitzt. Auch Würzburg liegt am Main und hier habe ich in einem kleineren Ausmaß ähnliche Erfahrungen gesammelt. Nur zur Ergänzung: Dass Menschen subjektiv fühlen, handeln, erleben und man dadurch nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis kommt, macht doch den Austausch interessant oder? Liebe Grüße Max |
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#8 | |
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Forumsleitung
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Zitat:
Würzburg - gut und schön. Aber wo stehen in den mehr oder weniger provinziellen Städten von Frankfurt (meinetwegen fange bei Mainz an) bis zur Fränkischen Alb "Türme" (ausgenommen Aussichtstürme und eventuell noch Burgfriede) oder Gebäude aus "Glas und Beton" in einem Ausmaß, dass dies erwähnenswert wäre? Die wenigen kommen auf rd. 17 Etagen; in Frankfurt sind es 35 bis 56 Etagen (Commerzbank). Dein Bezug zu Frankfurt ist klar erkennbar. Außerdem: Erstens muss ein Leser nicht von einem Text auf den Autor schließen, denn er ist nicht der Erzähler des Textes; zweitens hat auch Nordasche sofort den Bezug zu Frankfurt hergestellt. Doch, es gibt eine "wahre" Atmosphäre, nämlich dann, wenn man ein bisschen recherchiert und die gesamte Szene einfließen lässt. Das hat nicht das Geringste mit "subjektiv" oder "objektiv" zu tun. Letztendlich ist und bleibt Wahrnehmung immer subjektiv, das ist eine Binsenweisheit. |
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#9 | |
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Hallo Max,
dein Gedicht gefällt mir von den Reimen und dem Inhalt her (auch ich habe übrigens direkt einen Bezug zu Frankfurt hergestellt). Was mir nicht gefällt - oder womit ich nicht konform gehen will - ist die Aussage in jeder Strophe "Und du willst mir sagen, dein Leben ist ..." etc. Was darauf hinausläuft, dass man sich nicht zu beklagen habe, schließlich geht es anderen noch viel schlechter als einem selbst. Möglich - aber nicht meine Schuld. Z. B. Hier: Zitat:
Ich finde, dein Gedicht setzt da an der falschen Stelle an. Es geht im Leben nicht darum, dass man gefälligst für alles dankbar sein soll, was man hat, weil es anderen schlechter geht. Damit erzeugt man natürlich einen wunderbaren Schuldkomplex, der bringt aber weder den einen noch den anderen etwas. Schöne Grüße DieSilbermöwe |
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#10 |
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Liebe Die Silbermöwe,
danke für Deine offene Rückmeldung. Mein Gedicht will keine Dankbarkeit aus Schuld einfordern. Im Gegenteil: Dieses „Sei froh, anderen geht es schlechter“ ist für mich Teil des Problems, das im Text sichtbar gemacht werden sollte – nicht die Lösung. Es beschreibt den Druck, Gefühle zu relativieren, statt sie ernst zu nehmen. Wenn das anders bei Dir angekommen ist, nehme ich das ernst. Gerade solche Interpretationen zeigen, wie unterschiedlich Texte wirken können. Schöne Grüße Max |
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| armut, jammern, schicksal |
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