Poetry.de - das Gedichte-Forum
Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Geschichten, Märchen und Legenden

Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 10.01.2026, 17:05   #1
männlich RolandK
 
Benutzerbild von RolandK
 
Dabei seit: 01/2025
Ort: Wien 1050
Beiträge: 218


Standard Der Bruder (neu, überarbeitet)

Der Bruder (neu, überarbeitet)

Im Park scheint die Sonne. Sie scheint, als müsse sie es beweisen. Alles ist grün, als hätte es nie eine andere Farbe gegeben. Die Blumen blühen. Alternativen sind nicht vorgesehen. Für Sekunden steht ein Regenbogen im zerstäubten Wasser des Springbrunnens, dann verschwindet er, als wäre er nie da gewesen.

Verliebte sitzen im Gras. Sie lachen an den falschen Stellen. Kinder schreien vor Freude, in der Sandkiste, auf der Schaukel. Ihr Lachen klingt hohl, wie aus einer Erinnerung, die nicht die eigene ist. Es ist ein perfekter Tag. So perfekt, dass er misstrauisch macht.

Zwischen den Menschen bewegt sich ein Mann. Langsam. Zu langsam. Sein Blick klebt am Boden, als gehöre er ihm. Die Menge teilt sich um ihn herum, ohne ihn wahrzunehmen. Das Bild schließt ihn nicht ein. Ein schwarzer Fleck. Ein Fehler, den niemand ausbessert.

Der Mann hebt den Kopf. Seine Augen sind blassblau, wässrig, als hätten sie zu lange irgendwohin geblickt. Ein Kind sieht ihn an. Nur eines. Das Lachen des Kindes bricht ab, als hätte jemand den Ton abgestellt.

Der Mann schaut zurück. Sein Blick ist leer. Nicht traurig. Nicht wütend. Leer wie ein Raum, aus dem alles entfernt wurde.

Auf der Brücke.

Unter ihr tobt das Wasser. Zu laut für diese Höhe, als wolle es gehört werden. Der Himmel verdunkelt sich allmählich, wie ein Raum, in dem jemand langsam das Licht zurückdreht.

Der Mann steigt auf das Geländer. Seine Füße finden Halt, ohne zu suchen.

Jetzt, denkt er.
Oder etwas in ihm denkt es für ihn.

Er beugt sich nach vorne.
Ein Griff umschließt seinen Unterschenkel. Fest. Sachlich. Ohne Zögern. Kein Zittern.

„Nicht“, sagt eine Stimme.
Dann, nach einer Pause, die zu lang ist:
„Tu es nicht.“

Der Mann blickt nach unten. Ein alter Mann hält ihn fest. Weißes Hemd, weißer Anzug. Zu hell für diesen Ort. Der Stoff wirkt neu, fast steif, als wäre er gerade erst angezogen worden – oder noch nie getragen.

„Warum willst du springen?“ fragt der Alte.

„Was bringt dich auf die Idee, dass das hier ein Ausgang ist?“

Der Mann lacht kurz. Es klingt, als sei ihm das Lachen nur für einen Moment erlaubt.

„Lass mich los. Es hat keinen Sinn. Ich bin allein. Ich kenne niemanden. Keine Eltern. Keine Verwandten. Man hat mir erzählt, es gäbe irgendwo einen Bruder. Aber das ist nur ein Wort. Ein Geräusch.“

Der Alte nickt langsam, als prüfe er etwas Unsichtbares.

„Wie heißt du?“ fragt er.

Der Mann zögert. Nicht aus Unsicherheit, sondern als müsse er auswählen.

„Alex Bau“, sagt er schließlich.

Der Alte sagt nichts. Er hält den Griff. Zu fest.

„Ich habe dich gesucht“, sagt er dann.
„Nicht dich, sondern etwas von dir.“

„Das sagen viele“, antwortet Alex.

Der Alte lässt eine Hand los und greift in seine Jacke. Er zieht eine Geldbörse hervor. Sie ist neu. Unbenutzt. An der Innenseite klebt ein Preisschild. Es ist nicht abgeknickt. Es scheint wichtig, dass es gesehen wird.

Der Alte öffnet die Börse.
Innen liegt ein Foto. Es wirkt alt, aber nicht benutzt. Ein Junge. Ein Mann. Eine Frau. Alle schauen in eine Richtung, die nicht die Kamera ist.

„Das sind unsere Eltern“, sagt der Alte.
„Und das bin ich.“

Alex beugt sich vor. Die Gesichter kommen ihm bekannt vor, aber ohne Erinnerung. Wie Namen, die man falsch ausspricht und trotzdem versteht.

„Du bist nicht auf dem Bild“, fährt der Alte fort.
„Entweder, weil du noch nicht da warst. Oder weil man dich vergessen hat.“

Alex schluckt.
„Warum zeigen Sie mir das?“ fragt er.

Der Alte schließt die Börse. Das Preisschild bleibt sichtbar.
„Weil ich dich kenne“, sagt er.
„Und weil ich weiß, wie es endet, wenn man loslässt.“

Er reicht Alex die Hand.

Alex sieht sie an. Die Hand wirkt merkwürdig vertraut. Die gleiche Haut. Die gleiche Linie zwischen Daumen und Zeigefinger.
Nach einer langen Pause nimmt er sie.

Als Alex vom Geländer steigt, verändert sich der Himmel. Nicht freundlich, nur funktional. Die Wolken ziehen weiter, als hätten sie ihren Zweck erfüllt. Das Wasser unter der Brücke klingt plötzlich gedämpft, wie hinter Glas.

Sie gehen nebeneinander her. Keiner spricht. Ihre Schritte sind nicht synchron, aber sie kommen trotzdem gleichzeitig an.

Im Park lachen die Kinder wieder. Dasselbe Lachen. Oder ein anderes, das genauso klingt.

Der alte Mann bleibt stehen.
„Ich habe dir meinen Namen noch nicht gesagt“, sagt er.

Alex nickt.
„Das ist nicht wichtig.“
„Doch“, sagt der Alte. „Für dich schon.“

Er wartet, als müsse der Name erst erlaubt werden.
„Man nennt mich Ander Mann.“

Alex wiederholt den Namen. Etwas in ihm setzt sich zusammen. Nicht vollständig. Gerade genug.

Sie gehen weiter.

In einer Fensterscheibe spiegelt sich ihr Bild. Für einen Moment sind es zwei Gestalten. Dann verschiebt sich der Winkel.
Am Ende geht nur noch einer.

Der Mann bleibt stehen. Er schaut auf seine Hände. Er zählt sie nicht. Er weiß, wie viele es sind.

Ein Name liegt bereit. Schwer wie etwas, das man schon lange trägt.
Alexander Baumann geht weiter.

Plötzlich steht er vor einer Tür.
Mitten im Park.
Sie war vorher nicht da. Oder sie war es, und niemand hatte sie bemerkt. Ein schlichtes Rechteck, grau, ohne Griff, ohne Schild. Die Bäume enden genau vor ihr. Das Gras wächst nicht darunter.

Alexander bleibt stehen. Er ist nicht überrascht. Überraschung würde voraussetzen, dass noch etwas erwartet wird.

Sie öffnet sich automatisch.
Drinnen ist es still. Gedämpft. Die Wände sind weich, weiß, nachgiebig. Eine Weichzelle. Der Boden gibt minimal nach, als wolle er jeden Schritt entschuldigen. Kein Fenster. Kein Geräusch von außen. Der Park ist weg, als hätte er nie existiert.
Die Tür schließt sich hinter ihm. Nicht laut. Endgültig.

Dann öffnet sie sich wieder.
Ein Mann tritt ein. Weißer Kittel. Sauber. Zu sauber. Er trägt ein Klemmbrett, das leer aussieht, auch wenn Papier darauf liegt. Sein Lächeln ist geübt, nicht unfreundlich.

„Wie geht’s, Herr Bau?“ fragt er.

Alexander sieht ihn an. Lange.
„Ich bin gesund“, sagt er.
Dann, nach einer kurzen Pause:
„Ich heiße Alexander Baumann.“

Der Mann im Kittel nickt, als hätte er diese Antwort erwartet. Oder gefürchtet.

„Du könntest genauso Max Muster oder Imilian Mann heißen“, sagt er.

Der Satz bleibt im Raum stehen. Er prallt nicht ab. Er verschwindet nicht. Er legt sich wie Staub auf die weichen Wände.

Alexander sagt nichts.

Er spürt den Namen in sich. Nicht als Beweis. Eher als Gewicht.

Die Tür bleibt offen.

Niemand sagt, ob er gehen soll.
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2026, 23:41   #2
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.225


Roland, du kannst gut erzählen. Du hast Bilder im Kopf, die ins Schriftliche wollen. Aber ...

Zitat:
Im Park scheint die Sonne. Sie scheint, als müsse sie es beweisen. Alles ist grün, als hätte es nie eine andere Farbe gegeben. Die Blumen blühen. Alternativen sind nicht vorgesehen. Für Sekunden steht ein Regenbogen im zerstäubten Wasser des Springbrunnens, dann verschwindet er, als wäre er nie da gewesen.
So funktioniert es nicht. Die Sonne scheint, um "es" zu beweisen? Was ist denn dieses "es"? Wieso muss die Sonne etwas beweisen?

Es gibt nur das Grün, aber die Blumen blühen?

Um was handelt es sich bei den "Alternativen", die nicht in Frage kommen?

Das ist Larifari und Wortgeklingel.

Warum nicht einfach so:
Sonnenwetter. Menschen wandeln im Park, angelockt vom Grün und den bunten Blumen. Hier und da lässt sich ein Schmetterling auf den Blüten nieder, ein Zitronenfalter oder ein Tagpfauenauge. Wenn man um den Springbrunnen geht, kommt man an den Punkt, an dem man den Regenbogen sieht, den das Sonnenlicht in die Luft malt, und wenn man einen Schritt weiter geht, ist er verschwunden.
Du kannst schreiben, Roland, du hast ein Gefühl für Sprache, aber vergewaltige sie nicht. Schreibe einfach auf, was du als Bild vor dir siehst, ohne zu beanspruchen, es besonders "literarisch" zu machen.

Zitat:
Zitat:
Verliebte sitzen im Gras. Sie lachen an den falschen Stellen. Kinder schreien vor Freude, in der Sandkiste, auf der Schaukel. Ihr Lachen klingt hohl, wie aus einer Erinnerung, die nicht die eigene ist. Es ist ein perfekter Tag. So perfekt, dass er misstrauisch macht.
Auch hier: Das sind alles nur Andeutungen, aber es wird nichts Genaues gesagt. Der Absatz soll eine Atmosphäre herstellen, was völlig danebengeht. Was sind denn die falschen Stellen, an denen die Verliebten lachen? Und wie kommt der Beobachter zu dieser Einschätzung? Warum nimmt er nicht einfch zur Kenntnis, dass Verliebte sich im Gras anlehnen und glücklich lachen? Warum muss er werten?
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.01.2026, 11:23   #3
männlich RolandK
 
Benutzerbild von RolandK
 
Dabei seit: 01/2025
Ort: Wien 1050
Beiträge: 218


Standard Kein realistischer Park

Hallo liebe Ilka,

der Text ist keine realistische (sollte es auch nie sein) Parkbeschreibung. Von der ersten Zeile an soll deutlich werden, dass dieser Park kein normaler Ort ist. Er ist bewusst symbolisch angelegt und dient nicht als Wohlfühlszenerie, sondern als verunsichernder Raum.

Die Wahrnehmung ist subjektiv gefiltert, perspektivisch verzerrt und psychologisch instabil. Aussagen wie „Die Sonne scheint, als müsse sie es beweisen“ sind keine naturbeschreibenden Bilder, sondern Ausdruck von Misstrauen gegenüber einer zu perfekten, künstlich wirkenden Welt. Das „es“ bleibt absichtlich unbestimmt, weil auch der Erzähler keine verlässliche Orientierung mehr hat.

Formulierungen wie „Alles ist grün … Alternativen sind nicht vorgesehen“ stehen für eine Welt ohne Abweichung: kein Anderssein, keine Brüche, keine Wahl. Die Abstraktion ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Perspektive und der inneren Situation der Figur.

Der Text will nicht abbilden, sondern irritieren.

Servus aus Wien

Roland
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Der Bruder (neu, überarbeitet)

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.

1998 © poetry.de