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Alt 19.06.2022, 15:47   #1
weiblich anschi
 
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Standard Der Lektor

Schon als Kind konnte er das Knarren rostiger Scharniere nicht ertragen. Er lief davon vor dem Geräusch, oder er hielt sich die Ohren zu. Es waren nicht die weitergehenden Vorstellungen, die ihm Angst machten, etwa, dass sich hinter knarrenden Türen etwas Dunkles und Schlimmes zeigen würde, oder dass sie sich hinter ihm nicht mehr würden öffnen lassen. Nein, das war es nicht. Ein Vorfahr, den er nicht näher kannte, hatte ihm das absolute Gehör vererbt, und das Kreischen von Metall auf Metall, verstärkt durch die Resonanz eines hölzernen Türflügels, bereitete ihm körperliche Schmerzen. Er konnte die in winzigste Tonintervalle zersplitterten Geräusche in seine innere, ihm angeborene Harmonie nicht einordnen. Es war wie eine Säge, die ihm durch Gehirn und Knochenmark fuhr. Er litt.

Als er die Pubertät hinter sich hatte, war er des Davonlaufens müde geworden. Er ermannte sich und begann, den aktiven Kampf gegen die knarrenden Türflügel aufzunehmen.

Er führte von da an stets ein Kännchen mit sich, ein kleines, silbern glänzendes, flaches Gefäß, dessen Seitenwände bei leichtem Druck von Daumen und Zeigefinger knackend nach innen sprangen und das über einen seitlich aufgesetzten, sich verjüngenden Hals ein Tröpfchen Schmiere auswarf. Damit brachte er alle Scharniere, alle Türen und Läden, alle Kommoden, Schränke und Sekretäre seines Umfeldes zum Schweigen.

Er begann, sich mit verschiedenen Ölen zu beschäftigen, lernte die synthetischen von den mineralischen Schmierstoffen zu unterscheiden und erfuhr von einem Cetaceologen, dass unter den Walölen jenes der Pottwale das geschmeidigste sei, von den Königen auf der Stirn getragen zum Zeichen der Würde, vom Täufling zur Errettung vor ewiger Finsternis. Er setzte viel Aufwand und Geld ein, um an dieses Salböl zu kommen, und füllte es in das Kännchen. Er trug es stets direkt am Körper, um seinen Inhalt zu wärmen, bereit, den Durst jeder quietschenden Angel sofort und auf Dauer zu löschen.

Es war ihm wie Wollust.

Später, in die Jahre gekommen, fand sich sein Leib eigenartig verändert. Die Schulter war schief geworden, der Hals zur Seite geneigt, der Kopf nach vorne hängend und der Krümmung des Rückens folgend, die Linke stets in Habacht, mit der hohlen Hand die Ohrmuschel zu vergrößern. Er war ein Lauscher geworden, ein zwanghafter Horcher, stets auf der Suche nach störenden Tönen, die mit dem Saft aus dem silbernen Kännchen zum Verstummen zu bringen wären.

Er galt allen anderen längst als Sonderling. Lächeln oder gar lachend sah man ihn nie. Kurz vor seinem Tod (einige sagten, er sei dadurch bedingt gewesen) ging ihm sein Ölvorrat aus, denn es gab keine Pottwale mehr. Derart gelähmt, blieb er in der Folge daheim und begann nachzudenken, ob es wohl Sinn gemacht hatte, den fressenden Schmerz, den ihm die Dissonanzen verursacht hatten, mit den Ölen zu lindern. Oder ob die Qual nicht bestimmt gewesen wäre, zu zeigen, dass nichts für sich selbst stünde, sondern spürbar sein müsse als Teil eines Ganzen.

Da erkannte er, dass es falsch gewesen war, all die rostigen Schlünde zu stopfen, ein Fehler, zu versuchen, der Welt das Schreien abzugewöhnen. Denn es war nie wirklich still, wenn er horchte. Nicht einmal in seiner letzten Stunde.

Er wurde als rotrandiger Baumschwamm reinkarniert: Ungulina marginata, ein Saprophyt auf Laub- und Nadelholz, insbesondere an Fichten, Buchen und Apfelbäumen. Die meisten halten ihn für vollkommen nutzlos, aber einige Mykologen behaupten, Holz und Schwamm bedingten einander.


anschi
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Alt 20.06.2022, 08:01   #2
weiblich Fourwaystreet
 
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Was für ein Trost,
dass Wiedergeburt als rotrandiger Baumschwamm möglich ist,
nach einem Leben,
das vermeintlich sinnlos war.
Dabei hatte er doch sein Bestes gegeben
und sicherlich vielen Türen und Scharnieren damit hilfreich zur Seite gestanden,
als dies notwendend war.

Ein wundervoll poetischer Text,
der zärtlich melancholisch die Sinnlosigkeit der Existenz beschreibt .

VG 4WS
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Alt 20.06.2022, 08:30   #3
weiblich Ilka-Maria
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Guten Morgen,

ein geschmeidig geschriebener Text in einem Stil, der das Lesen angnehm macht: Klare Sprache, schnörkellos und - besonders auffällig - in korrekter Rechtscheibung, dazu detailfreudig, ohne überfrachtet zu wirken. Außerdem zeigt er, wie man unter Konzentration auf ein einziges Sinnesorgan - das Gehör - eine Kurzgeschichte machen kann, die zu fesseln vermag. Das wirkt alles sehr profesionnell und beispielhaft dafür, wie ein Autor mit Sprache umgehen sollte.

Ein Satz wie dieser

Zitat:
Er führte von da an stets ein Kännchen mit sich, ein kleines, silbern glänzendes, flaches Gefäß, dessen Seitenwände bei leichtem Druck von Daumen und Zeigefinger knackend nach innen sprangen und das über einen seitlich aufgesetzten, sich verjüngenden Hals ein Tröpfchen Schmiere auswarf.
vermag zu begeistern.

Einen kleinen Meckerer habe ich allerdings beim unnötigen Gebrauch von Partizipien wie hier:

Zitat:
Die Schulter war schief geworden, der Hals zur Seite geneigt, der Kopf nach vorne hängend und der Krümmung des Rückens folgend, die Linke stets in Habacht, mit der hohlen Hand die Ohrmuschel zu vergrößern.
Warum nicht einfach den Satz fortführen mit "... der Hals war zur Seite geneigt, der Kopf hing nach vorn und folgte der Krümmung des Rückens ..."? Wobei ich mir, offen gesagt, nicht genau vorstellen kann, wie ein nach vorn hängender Kopf der Krümmung des Rückens folgen könnte. Überhaupt finde ich den ganzen Satz etwas verwirrend.

Vielleicht missverstehe ich hier etwas, oder es fehlt mir die Phantasie, um mir ein Bild aus dieser Beschreibung machen zu können.

Das mindert jedoch nicht den positiven Gesamteindruck des Textes. Respekt!

VG
Ilka
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Workshop "Kreatives Schreiben":
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Alt 20.06.2022, 08:48   #4
weiblich anschi
 
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Vielen Dank für die freundliche Zuschrift, liebe Fourwaystreet.

Wer schon mal mit Lektoren zu tun hatte, weiß, dass diese Spezies stets mit Vorbehalten zu kämpfen hat. Das liegt natürlich nicht nur an ihren manchmal in der Tat ziemlich verschrobenen Grundsätzen (und ihrem Rückhalt in der Verlagsleitung), sondern auch wesentlich an der Empfindlichkeit abgehobener Schriftsteller, die um jedes Komma kämpfen, als ginge es um's Leben.

Beckmesser werden gefürchtet, aber nie geliebt, auch wenn sie sich soviel Mühe geben wie der beschriebene. Am Ende müssen sie alle erkennen, dass sie der Literatur die falschen Töne nicht abgewöhnen können. Es wird sie immer und überall geben.

lg

anschi
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Alt 20.06.2022, 09:00   #5
weiblich anschi
 
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Dass Partizipien und Konjunktive in der gewöhnlichen Deutschen Sprache immer weniger benützt werden, ist für mich kein Grund, sie in einem (skurrilen) Stück wie diesem nicht zu verwenden.

Es unterstreicht diese Ausdrucksweise den manieristischen Charakter eines Beckmessers, der seine Aufgabe darin sieht, der Welt der Sprache das Zähneknirschen abzugewöhnen.

lg

anschi
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Alt 20.06.2022, 09:15   #6
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von anschi Beitrag anzeigen
Es unterstreicht diese Ausdrucksweise den manieristischen Charakter eines Beckmessers, der seine Aufgabe darin sieht, der Welt der Sprache das Zähneknirschen abzugewöhnen.
Nach meiner Erfahrung kann man das nicht verallgemeinern. Nicht jeder Lektor ist ein "Beckmesser". Ich kenne einen Romanautor, der mit einer Lektorin nicht klar kam und deshalb das Lektorat wechselte. Dann lief es besser, denn was an einem Text zu ändern ist, wird dem Autor nicht aufgezwungen, sondern mit ihm verhandelt.

Außerdem tritt ein Autor nicht alle Nutzungsrechte an seinem Werk ab. Rechtschreibung, Satzzeichen, Abschnittaufteilung, Hervorhebungen usw. werden von ihm bestimmt, nicht vom Lektor. Wenn er ein Komma nicht setzen auf bei der wörtlichen Rede auf die Anführungszeichen verzichten will, muss der Lektor das akzeptieren.
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Alt 20.06.2022, 13:44   #7
weiblich anschi
 
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Es gibt Lektoren und solche, die sich dafür halten. Von letzteren ist in meinem Stückerl nicht die Rede, sondern schon in der Überschrift klar von einem Lektor, nota bene einem, der den aktiven Kampf gegen unnütze Geräusche aufgenommen hat.

Wer schon mal mit einem Verlagslektorat direkt zu tun hatte, weiß, wie groß dessen Macht ist; sie endet allenfalls dort, wo ein Nobelpreisträger meint, auf seiner falschen Syntax beharren zu müssen. Allerdings ist ein Lektorat, das einen Schriftsteller am Ende nicht dorthin bringt, wo sich fehlerfreier Sprachgebrauch findet, kein gutes. Es wird nicht lange bestehen bleiben ...

lg

anschi
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Alt 22.06.2022, 13:01   #8
männlich Flocke
 
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Hallo anschi,

jetzt sind schon die zwei Hauptfiguren aus deinen beiden Texten verstorben: das verwesende Wesen, der "Nerd".
Über die beckmesserisch agierende neue Figur, die den Kampf gegen die körperlich schmerzende Geräusche aufnahm, die alles in ÖL tunkte und zum Schluss doch aufgeben musste, stellt dein Erzähler fest:
„Er war ein Lauscher geworden, ein zwanghafter Horcher, stets auf der Suche nach störenden Tönen .“
Ich werde die Figur denn auch einfachhalber "Lauscher" nennen. *(1)
Und überlegen, was er mit dem Typus des Lektors zu tun hat.
In deinem neuen Text bleibt dem mitfühlenden Leser wenigstens der Trost, dass die tragische Figur "Lauscher" als "rotrandiger Baumschwamm" reinkarnieren wird. *(2) Dieser Pilz lebt zum Teil parasitär.


Ich finde die Übersicht über das Leben von Lauscher sehr interessant. Und ich habe mir dazu ein paar Fragen gestellt?
Die Sprache deines Erzählers ist auffallend elaboriert. Der nach vorne drängenden Sprachfluss unterstützt den leicht lakonischen Ton. Die Sprache des Erzählers in deiner Story klingt beredt, ausgewählt, abwechslungsreich, differenziert, wohl durchdacht; viele grammatische Varianten werden eingespannt. Ein latenter Reichtum an alternativen Möglichkeiten sich auszudrücken ist spürbar. Diese Art zu sprechen kann man „elaboriert“ nennen.
Der des elaborierten Sprechens fähige Erzähler hat also die vorliegende als die beste und passendste für sein Anliegen bestimmt.
Die Wahl, den gesamten Text in diesem elaborierten Code (vs restringierten Code) zu verfassen, macht Sinn. Die Geschichte ist in der Sprache verfasst, die auch ein Lektor verwenden würde.
(Würde der Lektor den Stil des Erzählers akzepieren?)
Nebenbei gefragt: Im medizinischen Bereich gibt es einen Medizinerslang und einen Therapeutenslang. Gibt es eigentlich einen Slang der Lektorenzunft?

Die Überschrift heißt "Der Lektor". Doch außer in der Überschrift taucht diese Figur, dieser Typus, nirgends im Text auf. Die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte über Lauscher als eine über den ganzen Text ausgebreitete Metapher fungiert, um bestimmte Aspekte im Tun und im Antrieb eines Lektors zu versinnbildlichen. (Vielleicht ist aber auch ein ganz bestimmter Lektor gemeint!) Spezifische Eigenheiten im Leben eines typischen Lektors finden durch die Darstellung des Protagonisten "Lauscher" einen prägnanten Ausdruck.
„Das Kreischen von Metall … bereitete ihm körperliche Schmerzen.“
Man könnte diese Zeile als Metapher verstehen, wie es einen sprachgewandten Lektor ergeht angesicht falscher Rechtschreibung. Unkorrektes Sprechen und Schreiben bewirkt auch bei ihm körperlichen Schmerz.
„Er führte von da an stets ein Kännchen mit sich, … das … ein Tröpfchen Schmiere auswarf.“
Auf den Lektor bezogen könnte es heißen: Er wehrte sich von nun gegen sprachliche Fehler, indem er sie sofort richtigstellte und sie im Dschungel der Sprache gleitfähig machte. Er wollte keine sprachliche Kanten mehr tolerieren.
Die benannten Stationen im Lebenslauf des "Lauschers" könnten also stellvertretend für entsprechende Stationen und Situationen in einem Lektorenleben stehen. Der Erzähler spricht über Lauscher, aber gemeint ist eigentlich der Lektor!
Ist der Text „Der Lektor“ ein Gleichnis?

Hier noch weitere mögliche Entsprechungen der Leben von Lauscher und Lektor:
Vielleicht wird der Typus des nörgelnden, beckmesserischen, Korinthen ausscheidenden Lektors so noch deutlicher.

Schon als Kind konnte er das Knarren rostiger Scharniere nicht ertragen. (Lauscher)
Schon als Kind verzog er das Gesicht, wenn jemand den falschen Kasus benutzte. (Lektor)

Er ermannte sich und begann, den aktiven Kampf gegen die knarrenden Türflügel aufzunehmen.
Er ermannte sich und begann aktiv gegen offensichtlichen Sprachmissbrauch anzugehen.

Er führte von da an stets ein Kännchen mit sich, ein kleines, silbern glänzendes, flaches Gefäß
Immer hatte er eine Deutsche Grammatik und ein Büchlein in einem Lederumschlag dabei, um den Missbrauch bei Bedarf nachzuweisen und den Schuldigen in seinem Büchlein zu benennen Jedes Gespräch unterlag dem Primat der grammatischen Korrektheit!

… dass unter den Walölen jenes der Pottwale das geschmeidigste sei,
… dass die Sprache von Rilke und von Thomas Mann das Maß alles Sprechens sei

Es war ihm wie Wollust.
Es gab ihm ein geiles Gefühl, Sprüche von Goethe zu zitieren, die das Gegenüber garantiert nicht kanrte.

Später, in die Jahre gekommen, fand sich sein Leib eigenartig verändert.
Er konnte im Alter seinen erhobenen Zeigefinger nicht mehr beugen.

Er galt allen anderen längst als Sonderling.
Im Altersheim wollte sich niemand neben ihn setzen, niemand mochte sein dauerndes sprachliches Zähneknirschen,

… sondern spürbar sein müsse als Teil eines Ganzen.
... entdeckte neue Qualitäten in der Sprache des Hip Hop.

… ein Fehler, zu versuchen, der Welt das Schreien abzugewöhnen.
… Normierte und sogenanntes Gutsprech tötet Kreativität und Lebendigkeit, das wusste er jetzt.

Er wurde als rotrandiger Baumschwamm reinkarniert.
Die Welt ist kein Garten, sondern ein Urwald.

Die benannten Stationen im Lebenslauf des "Lauschers" stehen also stellvertretend für entsprechende Stationen und Situationen in einem Lektorenleben. Der Erzähler spricht über Lauscher, aber gemeint ist der Lektor!
Der Text „Der Lektor“ wäre demnach der Gattung des literarische“Gleichnisses“ zuzuordnen.

Dem Ende zu lässt uns der Erzähler sogar noch einen tiefen Blick auf eine Lebenswahrheit werfen
Zitat:
… ein Fehler, zu versuchen, der Welt das Schreien abzugewöhnen. Denn es war nie wirklich still, wenn er horchte.
Zitat:
... ob die Qual nicht bestimmt gewesen wäre, zu zeigen, dass nichts für sich selbst stünde, sondern spürbar sein müsse als Teil eines Ganzen
Die letzten Aussagen bringen deutlich zum Ausdruck, dass in diesem Leben als Lauscher, als Lektor etwas völlig falsch gelaufen ist: Diese gemachte Lebenserfahrung kann man altertümelnd Moral! nennen.
Ich versuche die Quintessenz dieser „Moral“ mal zusammenzufassen:
Der „Lauscher“ (Subjekt) und die nervenden Tondissonanzen (Objekt der Wahrnehmung) existieren nicht unabhängig voneinander. Hängt die Wahrnehmungsfähigkeit an unabänderlichen Kriterien, wirst du immer nur Dissonanzen hören. Du wirst z.B. gerappte Sprache nicht akzeptieren und vielleicht sogar gustieren können.
Wenn du diese Verbundenheit leugnest, störende Geräusche wegdrückst, sie nicht wahrnehmen willst und als „störend“ titulierst, dann hast du die Voraussetzung geschaffen, dass sie dich quälen werden.

Ich formuliere nun die „Moral der Geschichte“ in ihrem Bezug auf ein Lektorenleben:
Du bist Lektor, deine Aufgabe ist, dass Sprachregeln beachtet werden (, dass z. B. Sprachmüll akustischer und geschriebener Art getilgt wird). Aber kleinkrämerisch grundsätzlich überall und immer auf einem hohen (elitären) Sprachniveau zu beharren, tötet die Kreativität, die dem lebendigen Sprachgebrauch inhärent ist und deformiert zudem deinen Körper, machen dich zum Gespött und isolieren dich. Absolute Stille, perfektes Sprechen, Geräuschlosigkeit, ein Leben ohne irritierenden Momente sind nicht realisierbar, noch sind sie wünschenswert.

Die Geschichte "Der Lektor" ist wie gesagt ein Gleichnis. Zudem bietet sie dem Leser auch eine klassische Moral an. Damit outet sie sich damit sogar als Parabel.

* (1) Eine künstlerische Darstellung des Lauschers: https://blog.hnf.de/der-lauscher-an-der-wand/
* (2) Ein Film über den rotrandigen Baumschwammes: https://www.youtube.com/watch?v=9a3hyGy3O8o


Liebe Grüße Flocke

Geändert von Flocke (22.06.2022 um 18:07 Uhr)
Flocke ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 25.06.2022, 16:25   #9
weiblich anschi
 
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Jö, lieber Flocke – was hast Du Dir mit dem langweiligen Beckmesser für Arbeit gemacht! Ich danke Dir!

Eigentlich sollte doch recht deutlich werden, dass wir’s hier mit einem von Geburt an sehr Hellhörigen zu tun haben, der imstande zu sein scheint, Geräusche nicht nur insgesamt, als Lärm, wahrzunehmen, sondern vermöge seines absoluten Gehörs jedes Intervall, jede Abstufung, jede Unreinheit spürt. Er stört sich an der akustischen (sprachlichen) Unvollkommenheit seiner Umgebung und sieht sich zu Abhilfe veranlasst – zuerst wohl aus innerem Antrieb, später vielleicht professionell.

Ob er dazu Tinte oder das aus dem Pottwal zu gewinnendes Öl, einen Füllfederhalter oder ein Druckkännchen nutzt, spielt keine Rolle; entscheidend ist der Aufwand und die Ernsthaftigkeit, mit der er sich seiner Berufung widmet. Selbstverständlich verformt ihn sein Dienst; am Ende gehen ihm nicht nur die Betriebsstoffe aus, sondern er verliert auch sein Ziel aus den Augen, als er erkennen muss, dass er mit seinen (begrenzten) Mitteln nicht mehr weiterkommt.

Kritiker oder Lektoren müssen, wohl oder übel, alles anhören oder ansehen, was ihnen vorgelegt wird; Kritiken oder Verbesserungen ins Blaue hinein wären unangemessen und sinnlos. Kritiker oder Lektoren „lauschen“ nicht – sie prüfen, hören an oder zu, sehen durch, resümieren, wägen ab und schlagen eventuell vor.

Ob – nach erfolgter Seelenwanderung – ein Baumschwamm das auch kann und noch praktiziert, während er sein Mycel in den Stamm treibt, wissen wir nicht. Ich stell mir vor, dass es der Buche gefällt, wenn der Schwamm bei ihr haust, und dass der Schwamm einen Vorteil davon hat, dass er nicht mehr direkt am Boden wachsen muss.

Was Du, lieber Flocke, unter einem Lektor verstehen möchtest, ist Dir völlig unbenommen – der in meiner Geschichte kümmert sich nicht um den originären Klang der Instrumente, sondern um die Intonation und duldet keine falschen Töne. Er ist nicht der erste und einzige, der feststellen muss, dass es keine immerwährenden Harmonien geben kann. Sich damit zu befassen, wie viele Misstöne man für noch erträglich halten könnte, fehlen ihm die Zeit und das Material, denn der Pottwal wurde unter Schutz gestellt und schwimmt unbehelligt weiter um die Erde ...

lg

anschi

Geändert von anschi (25.06.2022 um 21:54 Uhr)
anschi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.06.2022, 22:09   #10
männlich Kurt
 
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Ich schließe mich den positiven Bewertungen an und erlaube mir die Vermutung, dass sich hinter selbigem Text möglicherweise eine besondere Intention verbirgt..
Kurt ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.06.2022, 23:18   #11
weiblich anschi
 
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Stimmt, lieber Kurt.

Die Autorin möchte darauf aufmerksam machen, dass man zum Lektor geboren sein muss, dass diese Zunft die zu beschreibende Welt aber nie wirklich besser machen kann. Sie ist und bleibt unverbesserlich, ganz egal, wo und wie man den Hebel ansetzt.

Ist der Lektor ein Auftragskiller oder doch nur ein Sprachfrisör? Die Frage bleibt hier unbeantwortet. Ich glaube, die meisten Lektoren können nur simple Dauerwellen legen, ganz gleich, welches Öl sie aus ihren Kännchen gießen ...

lg

anschi
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Alt 26.06.2022, 15:42   #12
männlich petrucci
 
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Schöner Zeilenstil, anschi.

Ein guter Lektor erkennt das ferne Ufer, begibt sich mit einem Boot dahin und sackt den Verschollenen ein. (Erkennen, verstehen, vermitteln und helfen)

Ein schlechter Lektor blickt nicht über das eigene Ufer hinaus.

Der durchschnittliche Lektor versucht es, scheitert aber an Texten von talentierten Schreibern oder erkennt sie nicht.

Wie das LI wohl zu Synästhesie steht?

Du, Dein Text ist schön!
petrucci ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.06.2022, 18:53   #13
männlich Flocke
 
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Hallo anschi,

Es folgt ein Erlebnisbericht über meine Textanalyse von "Der Lektor!

Meine Interpretation deiner Story habe ich gegen die Wand gefahren.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dich mein humorbefreiter Analyseversuch irritierte. Ich frage mich ja auch, was haben meine (wirren) Gedanken mit deinem Text zu tun und was nur trieb mich zur Veröffentlichung??

Du hast jetzt zum zweiten mal auf dieser Poetry-Seite ein komprimiertes, treffendes Portrait eines Menschen gezeichnet. Wie der Nerd so ist auch die neue Hauptfigur eine Type (d.h. sowohl eine bestimmt Person als auch ein Typus).
In dieser Story ist dem Protagonisten ein außerordentliches akustisches Wahrnehmungsvermögen von Geburt an mitgegeben. Er besaß die Fähigkeit, Dissonanzen in der Geräuschwelt unmittelbar körperlich zu empfinden. Von Anfang an störten sie ihn. Um diesem ausgeprägten ästhetischen Empfinden zu entgehen, begann er die Missgeräusche erst in seinem privaten Umfeld, dann in seinem Beruf zu eliminieren. Das Öl vom Pottwal erwies sich als Mittel der Wahl, als bestes Schmiermittel, um das hässliche Quietschen z.b. der Schubladenscharniere zu dämpfen. Er kultivierte die Tätigkeit des Lauschens, um schon bei Beginn der Dissonanzen einschreiten zu können. Über die Zeit bildete sich bei ihm eine berufliche Deformierung aus. Er konnte die typische „Lauschstellung“ nicht mehr aufgeben.
https://blog.hnf.de/der-lauscher-an-der-wand/
Letztlich konnte er die Dissonanzen nicht vermindern oder gar aus der Welt schaffen. Er verstand, dass sie als Bestandteile der Welt nicht überflüssig waren. Er nahm es als gegeben an,
Zitat:
„dass nichts für sich selbst stünde, sondern spürbar sein müsse als Teil eines Ganzen.“
Hättest du z.B. die Überschrift mit dem Begriff „Der Beckmesser“ gewählt, hätte ich dir etwas in der Art des bisher geschriebenen Text zukommen lassen und die Story wegen ihres skurrilen Charakters und ihrer sauberen und subtilen sprachlichen Konstituierung gelobt.
Vielleicht hätte ich noch angemerkt, dass mir ein oder zwei zusätzliche Sätze, geholfen hätten, um den gerade zitierten Satz, ("dass nichts für sich selbst stünde ... ) wirklich verstehen zu können.

Aber der Titel lautete „Der Lektor“! Und das irritierte mich. Es war ja offensichtlich, dass der „Lektor“ und dieser Hochsensibelist zusammengehörten, sonst hättest du nicht diese Überschrift gewählt. Aber mir wollte diese Parallele nicht sofort einsichtig sein. Bei "Lektor" assoziierte ich nicht Öle, Saprophyten und Pottwale; fehlte mir die Phantasie? Oder gab es da einen Gag auf einer anderen Ebene, den ich nicht verstand?

Also arbeitete ich kleinschrittig und meinte am Ende herausgefunden zu haben, dass sich in deinem Werk die Strukturelemente einer „Parabel“ fanden:
Da war die Bildebene (die Welt des Horchenden) und das eigentlich Gemeinte (die Welt unnd der Charakter des Lektors). Letzteres erschloss sich erst aus der Darstellung der vordergründigen Bildebene, der. Zudem meinte ich auch eine Art „Das ist die Moral von der Geschicht!“ gefunden zu haben.

Die Behauptung, „diese Geschichte wird strukturell von Elementen der Gattung „Parabel“ getragen!", klingt überraschend und lässt für einen Augenblick vielleicht aufhorchen.
Aber diesem Zucken folgt dann auf keinem Fall ein Aha-Erlebnis: „Das ist der Punkt! Jetzt habe ich es verstanden!“
Es wird nur reichen zu einem müden „Na ja, da habe ich mich angestrengt und aus der Analyse den Gattungsbegriff „Parabel“ rausgequetscht." - Und was dannn?
Ich fühlte mich nicht klüger als zuvor und legte die Interpretation für ein paar Tage zur Seite.
Um sie dann, immer noch nicht klüger geworden, doch zu posten: Vielleicht könnte Überraschendes passieren. Vielleicht käme eine Anmerkung mit einem Hinweis, was ich übersehen hatte.
________________

Es gab auch einen externen Grund, warum mich die Überschrift so irritierte, dass ich zeitweise meine innere Ordnung verlor.
Vor kurzem hatte ich im Forum das Sonett „Was bleibt“ vorgestellt.
https://www.poetry.de/showthread.php?t=98624
Bis auf wenige Elemente war es das gleiche Gedicht, dass ich vier Jahre zuvor unter dem Titel „Demenz“ veröffentlichte.
https://www.poetry.de/showthread.php?t=75346
Beide Gedichte wurden völlig unterschiedlich rezensiert. Bei „Demenz“ diskutierten wir viel über die Krankheit Demenz, unter anderem stritten wir darüber, ob die im Gedicht erwähnten Verhaltens- und Denkweisen wirklich Symptome einer Demenz wären (oder aber vielleicht doch die einer Schizophrenie).
Mir Ziel war es aber nicht, ein Krankheitsbild zutreffend zu beschreiben. Ich wollte eigentlich nur den Moment festhalten und verstehen, an dem schlagartig wie in einem Schock offensichtlich geworden ist, dass mein Verstand nicht mehr wie früher selbstverständlich funktioniert, dass er die Übersicht verliert und dass meine innere kontinuierlich taktende Welt zu verfallen beginnt (aus welchen Gründen auch immer).

Eine Überschrift, das weiß ich jetzt, kann helfen oder auch erschweren, ein Gedicht zu verstehen. Das wusste ich zwar auch schon vorher; aber jetzt weiß ich es noch nöcher!

Liebe Grüße Flocke

Geändert von Flocke (26.06.2022 um 22:09 Uhr)
Flocke ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 26.06.2022, 20:43   #14
männlich Flocke
 
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Noch mal Flocke

Hallo anschi,

vielleicht kennst du den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 1981 Elias Canetti, den Autor von den Buchern:

-> Die Blendung
-> Die Stimmen von Marrakesch
-> Die Fackel im Ohr

Er schrieb auch die wundervolle kleine Sammlung:
-> Der Ohrenzeuge. 50 Charaktere. Taschenbuch im Fischerverlag.
bei amazon gebraucht erhältlich ab ca. 8,- Euro.

Er hat in diesem Buch 50 Charaktertypen über jeweils zwei, drei Seiten hin dargestellt. Er beschreibt sie nicht nach psychologischen oder gar psychoanalytischen Maßgaben, sondern er erzählt von ihren typischen Verhaltensmustern und skurrilen Eigenheiten.

Zwei Zitate lassen seine poetologische Arbeitsweise erkennen. Mich machen diese Bemerkungen neugierig:
„Die Welt wimmelt von Charakteren, man braucht sie nur zu erfinden, um sie zu sehen.“
"Es interessiert mich nicht, einen Menschen, den ich kenne, präzis zu erfassen. Es interessiert mich nur, ihn präzis zu übertreiben."


Die folgenden Titelbeispiele, mit denen er die einzelnen Charaktertypen beschreibt, geben euch einen weiteren Hinweis, auf welche Weise er sie betrachtet:
- Der Ohrenzeuge
- Die Selbstschenkerin
- Die Schuldige
- Die Mondkusine
- Der Tränenlecker
- Der Wortfrühe
- Der Papiersäufer
- Die Müde
- Der Saus und Braus
usw.

Ich hatte das große Glück, diesem winzigen kleinen Mann mit seiner feinen, überaus differenzierten und intensiven Stimme zuhören zu dürfen, die mich mit ihrer Satzmelodie und mit ihrem phonetischen Ausdruck ein wenig an Marcel Reich-Ranicky erinnerte.
Er las damals in einer Lesung u.a. auch aus dem Buch "Der Ohrenzeuge".

Zur ersten Einstimmung habe ich hier YouTube Videos verlinkt, bei denen unterschiedliche Vorleser, einige der 50 Charaktere vorstellen:
-> Tatjana Lehmann: Die Schuldige
-> und dieselbe: Der Ohrenzeuge
https://www.youtube.com/watch?v=BJqWYJPodD0

-> Volker Carl Jacoby: Der Vermachte
https://www.youtube.com/watch?v=UvT_o6sck_4

-> Harry Timmermann: der Namenlecker
https://www.youtube.com/watch?v=ieOrRJidHYk





Liebe Grüße Flocke

Geändert von Flocke (26.06.2022 um 22:04 Uhr)
Flocke ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 27.06.2022, 10:31   #15
weiblich anschi
 
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Hm, der Canetti?

Der war vor einem halben Jahrhundert zwar mal literarischer Olympiasieger, im übrigen aber ein rechter Giftzwerg - ein polygyner Misanthrop, der Albtraum der Lektoren, die sich an seinen z. T. stenografierten Manuskripten abschaffen mussten.

Warum Du mich mit ihm vergleichen möchtest, lieber Flocke, versteh ich nicht so recht. Mag ja sein, dass Du Herrn Canetti besonders nahe stehst (oder standest); ich hab von ihm nur "Die Fackel im Ohr" und "Die Blendung" gelesen und fand beides aus heutiger Sicht so frauenfeindlich und verstaubt, dass ich mir nicht vorstellen kann, damit wäre aktuell noch ein Literaturpreis zu gewinnen.

Canetti ist ungefähr eine Million Lichtjahre von der Welt entfernt, in der wir uns aufhalten: er ist seit 30 Jahren tot; Friede sei seiner Asche.

Wir sind was ganz anderes. Wir sind nicht mehr nur analog. Wir leben im Cyberwald ...

lg

anschi
anschi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.06.2022, 15:00   #16
männlich Heinz
 
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Hallo Anschi,
Hut ab vor so einer Leistung!
Weshalb mir Süskinds "Parfüm" einfiel, wirst Du Dir denken können.
Da von meinen Vorrednern und auch von Ilka schon Gewichtiges und Richtiges gesagt wurde, beschränke ich mich aufs Lorbeerblattverteilen.
Liebe Grüße,
Heinz

Geändert von Heinz (27.06.2022 um 20:29 Uhr)
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Alt 27.06.2022, 16:12   #17
männlich Flocke
 
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llo Heinz,
dein berechtigter Hinweis auf "Das Parfum" war überfällig!

Hallo anschi,
Ja Canetti! Genau der!

Beide (Canetti + du) habt ihr Portraits geschrieben. Zum jetzigen Stand des Threads wollte ich, als ich Elias Canetti erwähnte, nur anmerken, dass es sich meiner Meinung nach lohnt, auch mal die Charakterstudien von Canetti zu lesen.
Ich würde mich nicht trauen, dich mit Canetti zu vergleichen. Du würdest mich in der Luft zerreißen.

Canettis Misanthropie allerdings war, da kann ich dein Statement unterstützen, wohl einzigartig abartig. Hier Beispiele:
Canetti beschrieb z.B. in seiner Autobiografie Alma Mahler-Werfel als "zerflossene Alte auf dem Sofa“ und als „strotzende Witwe“, er bezeichnete eine Geliebte Oskar Kokoschkas als „die Mörderin des Komponisten Gustav Mahler“. Canetti war drei Jahre mit Iris Murdoch liiert, die er in seiner Lebensgeschichte hemmungslos auf das Übelste beschimpfte. Sie war u.a. Vorreiter in der Gender-Debatte.
Leute aus seinem Umfeld nannten ihn z.B. „wirkliche Giftspritze“ oder "Godmonster of Hampstead".

Aber das bedeutet doch nicht, dass seine Charakterbilder nichts taugen würden. Vielleicht konnte er mit seinem Talent als "Giftspritze" besonders treffend Menschen charakterisieren. Schopenhauer war aus heutiger Sicht ein Chauvi und ein Arschloch. Sollte man deswegen z.B. seine philosophischen Ansichten ad acta legen?

Das Buch "Die Blendung" zeigt, wie der Sinologieprofessor Peter Kien sich gegen die Zumutungen der Alltagswelt wehrt. Er geht völlig in seiner Bibliomanie auf, er ist ein blutleerer Intelektueller, sein Ehefrau Theresa dagegen treiben nur materielle Interesse nach Geld. Beide kämpfen erbarmungslos in ihrer Höllenehe um das Vorrecht in der Bibliothek. Kien nähert sich dem Wahnsinn und wird zeitweise aus dem Haus geworfen. Weitere Figuren z.B. Fischerle und Pfaff sind sehr skurril gestaltet und leben mit einer nur ihnen zugänglichen Sprache. Alle sind in keiner Weise fähig sind, andere zu verstehen und Empathie aufzubringen.
Die Figuren bleiben ihrem egoistischen Absichten verhaftet. Sie sind "verblendet"! Mitmenschlichkeit kommt nur als Kuriosum ins Spiel. Der einzige, der Spuren von Mitmenschlichkeit zeigt, ist der Bruder von Kien, der Psychater Georg Kien. In einem Gespräch wütet Peter Kien gegen die Frauen, die an allem Elend Schuld seinen. Die Ansichten Peter Kiens spiegeln die Gedanken Otto Weiningers, die er in dem Buch "Geschlecht und Charakter" veröffentlichte. Auch in vielen anderen Stellen wird Frauen- und Judenhass im Denken der Figuren deutlich werden. In den 80-ziger Jahren wird Susann Sonntag dann Canetti viele "Kiensche Momente" in seinen Ansichten vorwerfen. Am Ende des Romans wird Peter Kien mit seiner Bibliothek verbrennen.

anschi meint, Canetti wäre frauenfeindlich und verstaubt.

Ich finde nicht, dass ein Autor, der ein Buch geschrieben hat, in dem Frauen- und Judenhass in brutalen Gesprächen und Situationen sozusagen vorgeführt werden, und das als eine Dystopie der Sprache gelesen werden kann, dass selbiger eine Million Lichtjahre schon von uns entfernt sei.
Wir sind und bleiben immer noch analog!

Jetzt am Ende meines Beitrages naht der Augenblick, an dem ich zugeben muss, dass ich keine Ahnung davon hatte, was Lektoren im Umgang mit Canetti erleben mussten. Handgeschrieben und Steno - die Hölle!

Liebe Grüße Flocke
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Alt 27.06.2022, 16:16   #18
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Zitat:
Zitat von Heinz Beitrag anzeigen
Da von meinen Vorrednern und auch von Ilka schon Gewichtiges und Richtiges gesagt wurde, beschränke ich mich aufs Lorbeerblattverteilen.
Ich hätte auf diese Referenz gerne verzichtet (die Arbeit eine Lektors fängt nicht am Schreibsil eines Autors an, und "das meiste" liest er nicht*,) grüße dich aber, Heinz, nach deiner Genesung mit einem "Willkommen zurück!"

Der Text ist hervorragend geschrieben, aber er hat mit der eigentlichen Aufgabe eines Lektors nur minimal zu tun.

Lieben Gruß
Ilka

*Bei den ersten Sichtungen von Manuskripten hilft das Ölkännchen nämlich so gut wie wie nichts. Da werden andere Maßstäbe angelegt.
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Alt 27.06.2022, 20:32   #19
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Liebe Ilka-Maria,
mein Lob bezog sich auf den Schreibstil und die fehlerfreie Orthografie.
Danke für Deine Willkommensgrüße!
Gruß,
Heinz
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Alt 27.06.2022, 22:12   #20
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Zitat:
Zitat von Heinz Beitrag anzeigen
Liebe Ilka-Maria,
mein Lob bezog sich auf den Schreibstil und die fehlerfreie Orthografie.
Geht mir genauso, Heinz. Der Text ist spitze geschrieben.

Aber inhaltlich hat er mit den vordergründigen Aufgaben eines Lektors wenig zu tun. Dessen Schwerpunkte liegen nicht darin, den Stil des Autors zu bemängeln. Der kommt zuletzt dran, wenn alle anderen Kriterien erfüllt sind, so dass es sich lohnt, den Text in die engste Wahl zu ziehen und zu lesen. Das stellt er bei den Manuskripten, die er in die engere Wahl gezogen hat, bei den ersten drei Seiten fest. Über 90 Prozent dieser Manuskripte landet bekanntlich auf dem Haufen für den Shredder.

Es fängt z.B. schon bei der Form an, wie jemand sein Manuskript einreicht. Fehlt das Exposé, ist die Sache gleich gestorben. Bei schlechter Rechtschreibung auch.

An der Form erkennt ein Lektor den Anfänger oder den Profi. Dann prüft er, ob das Thema zum Verlagsprogramm passt. Danach, wie umfangreich das Manuskript ist. Dicke Bücher kosten den Verlag Geld und versprechen kaum Gewinn, d.h., sie sind risikobehaftet. Themen, die den Zeitgeist treffen, sind willkommen, denn sie lassen sich gut kalkulieren.

Erst wenn all das und noch ein paar andere Dinge abeklopft sind, ist ein Lektor bereit, ein Manuskript zu lesen und sich mit dem Autor auseinanderzusetzen. Aber nicht, um dessen Stil zu ändern, der ist den meisten Lektoren nämlich wurst. Es geht lediglich darum, gravierende logische Fehler auszuschalten oder Seiten zusammenstreichen, weil der Verlag für ein Buch nur 300 statt 450 Seiten vorgesehen hat. Aus Kostengründen., und die hat ein Autor, der unter Vertrag steht, einzuhalten.

Die Verlage und Agenturen haben ohnehin ihre Stammschreiber, kennen also deren Stil. Für Neueinsteiger ist es sehr schwer, dort reinzukommen. Das ist der Grund, weshalb die Selbstvelage wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind, und dort ist der Autor sein eigener Lektor.
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Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.06.2022, 22:58   #21
männlich Heinz
 
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Liebe Ilka-Maria,
bitte!!! Ändere das Wort Orthografie! Ich glaub, ich spinne.
Heinz
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