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Sprüche und Kurzgedanken Prosatexte, die einen Sachverhalt möglichst kurz und knapp schildern.

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Alt 05.06.2022, 10:39   #1
weiblich kartoffeline
 
Dabei seit: 06/2022
Beiträge: 4

Standard Gestern weinte ich über das Leben.

Gestern weinte ich über das Leben. Ich weinte über eine Welt, in der ich nicht wusste, was ich bin – was ich möchte.

Ich weinte über meine Möglichkeiten und dass ich weiss, was ich nicht möchte. Ich weiss zwar, was ich vielleicht möchte. Aber was ich wirklich möchte, weiss ich nicht.

Ich sehe mich als Architektin, als Grafikerin, als Philosophin, als Lehrerin. Ich interessiere mich auch für Physik: Quantenmechanik, Stringtheorie und so… Von den Neurowissenschaften gar nicht anzufangen. Manchmal stelle ich mich aber auch als Journalistin vor. Leute informieren und Geschehen in Worte fassen. Ach, könnte ich doch alles sein... Du kannst alles werden, haben sie gesagt. Ich soll einfach glücklich sein.

Er sagte, ich soll werden, was ich gut kann. Das wäre einfacher. Ich möchte nichts sein, sagte ich – und doch wollte ich irgendwie alles sein.

Gestern weinte ich über Kleider, die ich mag und gleichzeitig hasse. Ich weinte über einen Körper, der nicht mir gehört – aber irgendwie schon. Ich weinte über Essen, welches ich nicht mag und ich weinte über die Freude am Leben.

Ich weinte über die Zukunft. Über den brennenden Planeten mit den brennenden Menschen. Menschen die nichts haben – und doch alles. Zuviel des Guten und zu viel des Bösen – immer eines zu viel.

Gestern weinte ich über das Leben. Ich weinte über die Zukunft und all das, was mich noch erwarten würde. Über die Möglichkeiten, die ich habe, und über mich. Ich weinte über die Zeit, die wie in einem Film verging. Der einzige Unterschied – man kann nicht pausieren und es gibt kein Popcorn.

Gestern weinte ich über das Leben und über wie alles verging – morgen werde ich es wieder tun.
kartoffeline ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.06.2022, 14:27   #2
weiblich C.Alvarez
 
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Dabei seit: 07/2006
Ort: Santa Marta
Beiträge: 4.796

Zitat:
Zitat von kartoffeline Beitrag anzeigen
Du kannst alles werden, haben sie gesagt.
Aber doch nicht wenn man sein ganzes Leben mit Heulerei über dies und das verbringt. Haben sie das auch gesagt? Wenn nicht möchte ich das hier nachholen.

Corazon
C.Alvarez ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.06.2022, 21:10   #3
weiblich kartoffeline
 
Dabei seit: 06/2022
Beiträge: 4

Standard Auf den Punkt gebracht.

Stimmt, gebe ich Ihnen total recht. Es handelt sich aber auch nur um eine Momentaufnahme. Es geht um die Verzweiflung, welche ein junger Mensch wie ich, heutzutage teils spürt.
kartoffeline ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.06.2022, 21:43   #4
weiblich Ilka-Maria
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Beiträge: 27.121

Zitat:
Zitat von kartoffeline Beitrag anzeigen
Es geht um die Verzweiflung, welche ein junger Mensch heutzutage spürt.
Was das mit "heutzutage" zu tun haben soll, wüsste ich gerne genauer, möglichst an Beispielen. Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit, Zukunftsfragen usw. gab es auch in früheren Generationen, und nicht nur bei den jungen Leuten. Sie hatten bloß nicht die Gelegenheit, permanent Nabelschau zu betreiben und das Kreisen um sich selbst für das Wichtigste im Leben zu halten, weil niemand dafür allzu lange Verständnis gehabt hätte. Entscheidungen müssen dauernd getroffen werden, und sie sind immer mit dem Risiko behaftet, falsch zu sein. Das weiß man aber erst hinterher. Und da Heulerei und Verzweiflung noch nie ein Problem gelöst haben, bleibt nur, den Kurs zu korrigieren und die gleichen Fehler möglichst nicht nochmal zu machen. Das perfekte Leben haben schon Adam und Eva nicht hinbekommen, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Eine gute Methode, aus der Verzweiflung zu kommen, wäre, bei den Medien die Ohren auf Durchzug zu stellen und die allgegenwärtige Stimmungs- und Panikmache zu ignorieren. Nicht alles, was mit dem mittlerweile inflationären Begriff "Krise" benannt wird, ist tatsächlich eine Krise, sondern meistens ein Problem, und da die Lösung eines Problems fast immer die Eröffnung eines neuen Problems nach sich zieht, ist die Menschheit natürlich ständig mit der Suche nach Lösungen befasst. Das ist nichts Neues unter der Sonne.
__________________

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Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2022, 11:10   #5
weiblich kartoffeline
 
Dabei seit: 06/2022
Beiträge: 4

Standard Ich halte mich ja auch nicht für wichtig.

Was das mit "heutzutage" zu tun haben soll, wüsste ich gerne genauer, möglichst an Beispielen. Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit, Zukunftsfragen usw. gab es auch in früheren Generationen, und nicht nur bei den jungen Leuten. Sie hatten bloß nicht die Gelegenheit, permanent Nabelschau zu betreiben und das Kreisen um sich selbst für das Wichtigste im Leben zu halten, weil niemand dafür allzu lange Verständnis gehabt hätte.
kartoffeline ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2022, 11:14   #6
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 27.121

Zitat:
Zitat von kartoffeline Beitrag anzeigen
Ich halte mich ja auch nicht für wichtig.
Es geht doch auch gar nicht um dich als Autorin des Textes, sondern um das Ich in dem Text. Das Ich im Text ist der Erzähler dieser, wie du sagst, Momentaufnahme, nicht du als Autorin. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
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Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2022, 11:25   #7
weiblich kartoffeline
 
Dabei seit: 06/2022
Beiträge: 4

Das mit dem Zitieren klappt bei mir noch nicht so.

In diesem Text geht es um eine Situation, welche ich vor kurzem erlebte und nicht genau nachvollziehen konnte. Ich erschrak ab der Reaktion über meine Gedanken. Schlussendlich bin ich ein pessimistischer Realist, welcher teils etwas mit dem Geschehen der Zeit überfordert ist. Ich halte meine Gedanken für zeitlos und möchte Menschen daran teilhaben.

Ich habe das Gefühl, viele Menschen erleben heutzutage eine «Perspektivüberforderung». Sie kommen nicht klar mit den Möglichkeiten, die sie haben.

Zu der Heulerei und der Verzweiflung. Mein Gemütszustand befindet sich aktuell nicht in so einem Dilemma, der Text war vielleicht auch etwas übertrieben. Schliesslich bin ich halt doch «nur» ein hormongesteuerter Teenager. Ich wollte damit nur zu Wort bringen lassen wie, und wieso ich so fühle. Wie wahrscheinlich viele, verarbeite ich meine Gedanken zu Worten. Und das sollen meine Texte auch - helfen, zu verstehen.

Ich danke für die ausführliche, interessante Antwort und wünsche mir, dass Sie meine Sicht nun besser verstehen können.
kartoffeline ist offline   Mit Zitat antworten
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