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Alt 29.11.2021, 20:45   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Wörterbuch der saftigen Antworten

Egal, wieviel an Jahren und Lebenserfahrung ich hinter mich gebracht habe, es ist immer der gleiche Fehler, über den ich mich ärgere, weil ich ihn nie in den Griff bekommen habe. Es gelingt ihm immer wieder, mich hereinzulegen.

Eigentlich ist es kein Fehler, sondern ein Unvermögen, das sehr viel mit der legendären „langen Leitung“ zu tun hat, auf der man immer dann steht und ihr den Saft abwürgt, wenn man ihre reibungslose Funktion am dringendsten gebraucht hätte. Eine andere Bezeichnung wäre „mangelnde Schlagfertigkeit“.

Wenn ich meiner Freundin Ingrid, die ich seit meiner Schulzeit kenne und die mich beinahe so gut kennt wie sich selbst, darüber meinen Verdruss klage, hebt sie die rechte Hand bis in Höhe ihres Ohres, neigt den Kopf zur Seite und lässt dann die Hand lässig nach unten fallen, wobei sie ein kurzes Schnauben ausstößt. „Hab dich nicht so. Jeder kennt das. Mir geht es nicht anders.“

In Kurzform heißt das: Eine abwinkende/abwertende Handbewegung.

„Aber das ist nicht normal“, wende ich ein. „Da fährt mir jemand mit einem blöden Spruch ans Knie, ich lasse mich überrumpeln, bin regelrecht sprachlos und stehe da wie ein dummes Huhn im Regen – und kaum ist der Phrasendrescher um die Ecke, fällt mir ein, was ich ihm hätte entgegnen können, um ihm innerhalb einer Nanosekunde sämtliche Synapsen seines Gehirns abzusäbeln. Und dann könnte ich mich …“

„… vor Zorn zerreißen – ich weiß. Passiert mir fast jede Woche einmal.“

Ich werde sauer. „Wozu rede ich dann überhaupt mir dir darüber? Sag doch gleich, dass das alles kein Problem ist. Das gehört offensichtlich zum Leben dazu.“ Und dann äffe ich Ingrid nach: „Hab dich nicht so, hab dich nicht so … jeder kennt das!“

Ingrid zündet sich gelassen eine Zigarette an und inhaliert. „Jetzt komm mal wieder runter von der Zinne!“

Aber dazu bin ich gerade nicht in Laune. In Gedanken sehe ich mich auf den höchsten Grat der Burg hinaufschweben, auf den Gang hinter den Zinnen des Burgfrieds. „Du nimmst mich überhaupt nicht ernst. Ich will nicht hören, dass du mein Problem selber kennst. Ich will auch keine Ratschläge haben, wie ich es ändern kann. Ich will nix weiter als dass mir jemand zuhört und teilnimmt.“

„Ach?“ Schulterzucken. „Aber wozu?“

„Damit ich mich nicht zufriedengebe, dass es anderen nassen Hühnern genauso geht wie mir, sondern dass ich meinen Unmut loswerde und den Knoten zum Platzen bringe, der meine Intelligenz blockiert. Ich suche keine Herde, die mich aufnimmt. Ich will, dass man mir auf die Sprünge hilft. Fahrt aufzunehmen. Zurückschlagen zu können. Nicht anzugreifen, aber entgegen treten zu können, wenn ich angegriffen werde.“

„Was hält dich denn davor zurück?“

Ich werde unmutig. Sie hat es immer noch nicht verstanden. „Weil ich nicht imstande bin, es sofort zu tun. Auf der Stelle. In dem Moment, wo es nötig ist. Zeitnah!“

Ingrid hebt die Schultern. „Na und? Du kannst es doch nachholen. So als Rachefeldzug.“

„Gottverdammich nein! Dann versteht es niemand mehr. Der zeitliche Bezug ist nicht mehr vorhanden.“

„Das ist mir zu kompliziert. Aber trotzdem glaube ich, ein wirksames Mittel gegen Sprücheklopfer zu kennen. Sogar mit Zeitbezug.“ Sie grinste. „Aber nicht der Zeitbezug, den du meinst.“

„Und?“

„Ist doch ganz einfach und passt auf ziemlich alles , was dir an dummen Sprüchen um die Ohren gehauen wird.“

„Jetzt sag’s doch endlich!“

„Was ich sagen würde?“

„Also?“

Süffisantes Lächeln „Hängst du nicht noch ein bisschen zu sehr an der Brust, um schon aus dem Kaffeesatz lesen zu können?“

Nun, das ist Ingrids Lösung – für mich nicht sonderlich originell und keineswegs optimal. Aber immerhin ein Tritt ins Gesäß. Jetzt „studiere“ ich Schlagfertigkeit und bin dabei, mir für alle Lebenslagen, Diskussionsverläufe und dummdreiste Sprüche ein „Wörterbuch der saftigen Antworten“ anzulegen. Das ist neu, das gibt es noch nicht. Bin jetzt bei Buchstabe „d“.

Noch nicht weit, könnte man sagen. Aber von „a“ bis „d“ habe ich schon einiges an rhetorisch scharfen Waffen sammeln können, mehr als ich mir vorgestellt habe. Ein paar Jahre habe ich noch vor mir, und wer weiß, ob ich in der Zielgrade ein Lebenswerk hinterlassen werde.

Nicht mehr für mich, sondern für die Welt nach mir. Ich selbst antworte nicht mehr. Ich höre sie erst gar nicht mehr, all die dummen Sprüche. Mir reichen diejenigen, die ich kenne, um mein Werk zu füllen und zu vollenden. Vielleicht gehe ich dann in die heiligen Hallen all der Weisen ein, die dann noch große Werke vollbracht hatten, als sie für sich selbst keine mehr brauchten.

29.11.2021
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Alt 29.11.2021, 20:54   #2
männlich Andri
 
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Beiträge: 401


Hallo Ilka,
wenn du es fertig hast, kannst du mich als Käufer schon mal vormerken. Für die Welt nach dir. Wenn du dein langes Streichholz zum Einsatz gebracht hast...

Viele Grüße,
Andri
Andri ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 29.11.2021, 21:01   #3
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 27.121


Du darst es als Probeleser kostenlos haben. Aber dann bist du dazu verurteilt, es zu lesen.
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Alt 29.11.2021, 21:06   #4
weiblich C.Alvarez
 
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Beiträge: 4.796


Ich frage in so Fällen immer: "Wenn ich dich so reden höre, kann es sein dass deine Eltern Geschwister sind?"
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Alt 29.11.2021, 21:20   #5
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von C.Alvarez Beitrag anzeigen
Ich frage in so Fällen immer: "Wenn ich dich so reden höre, kann es sein dass deine Eltern Geschwister sind?"
Das kann man nie ausschließen. Das weiß ich, seit ich den Roman "Middlesex" gelesen habe.

Den hatte ich bei meinem Text, bei dem es um ein eher unspektakuläres Thema, sprich: um ein alltägliches Thema mit der Qualität eine Flohbisses geht, das aber jeder irgendwann einmal kennngelernt hat, gar nicht im Sinn. Freud ist sowieso nicht mehr en vogue, da sind wir eine gewaltige Ecke weiter.
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Alt 18.05.2022, 23:26   #6
weiblich PeiaKassio
 
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Beiträge: 1

Dann warte ich auch mal geduldig - auf meiner langen Leitung - auf das Buch. oder schreibe in der Zwischenzeit mein eigenes. Ich liebe die Idee
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