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| Zeitgeschehen und Gesellschaft Gedichte über aktuelle Ereignisse und über die Menschen dieser Welt. |
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#1 |
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reizt uns nicht tag für tag die qual? der wal
scheint nun auf gutem weg zum nordkanal auf dass der flotte strahl aus morgenröte ihn dort demnächst mit der harpune töte zum helden auch der hype den kerl erhöhte den kein gewissen in den jet befahl sein abschuss brachte uns multiple nöte die anteilnahme wuchs fast digital wie sagte einstmals wohl ein mann aus stahl (und klang sekundenlang genial wie goethe): des einzlen leid toppt tode ohne zahl nur anna s. nicht die bilanz verdrehte weil ihr der zeitlauf das erinnerungsmal der ersten bombentoten zu verschweigen böte* *https://www.einladung-zur-literaturw...el-5&Itemid=55 |
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#2 |
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... den du hier um den Skagerrak geschwommen bist.
Ich versuche mich mal an einer kurzen Interpretation, aber verzichte lieber darauf, zu viel deuten zu wollen. Hat gut geklappt, finde ich. Es geht um Leid und unsere Auseinandersetzung damit. Da ist die Tragödie des konkreten Leidens, und die abstrakte Statistik. Leid, das wir nachempfinden, und welches, dessen Ausmaß wir erfassen. Die erste Strophe, die Qual der Wahl, ziehlt scheinbar auf Wal Timmy, mit dem wir schrecklich mitleiden. Aber der wurde durch den Skagerrak in die Nordsee gebracht. Der Nordkanal ist woanders. Harpunentod im Morgenrot, also vor Grönland gibt es Quoten zur Jagd auf Buckelwale ... Im Nordkanal ist 1945 die beschädigte U1003 auf Grund gelaufen. Man ist in der Morgenröte zum Lüften aufgetaucht und Wasser ist eingedrungen. Das Uboot musste schließlich mit 17 Mann Besatzung versenkt werden. Ich sage mal vorsichtig, diese Mehrpfadigkeit ist gewollt. Die zweite Strophe behandelt einen nicht personalisierten Kampfpiloten. Fast digital lenkt den ersten Blick auf die Moderne, schließt aber nicht-digitale-Zeiten nicht per sé aus. Schaut man auf die Zwei Denkmäler Geschichte, könnte es ... der Bomberpilot im ersten Weltkrieg sein, dem die Mutter zum Opfer fiel. An deren Gedenkstein (fast ... digital) sich eine persönliche Trauer Bahn bricht, mit der sich auch das systemische Leiden des Krieges ausdrückt. ... ein Pilot im zweiten Weltkrieg, der den Dom getroffen hat, zum allgemeinen Leidwesen. Es passt auch heute ... der US Pilot, der im Iran abgeschossen wurde und dessen Rettung die Medien bestimmt hat. Im Kontext von Ubootkrieg und Stalin (und auch Seghers) drängt sich der zweite Weltkrieg als Rahmen fast auf. Ich denke es ist kein Versehen, dass der Pilot im ersten Blick stellvertretend irgendein Pilot sein könnte, irgendwann. Dass er im zweiten Blick zwischen UBoot und Stalin zeitlich gut verortet scheint, und im Dritten als Jet Pilot doch an modernere Zeiten gebunden ist. Mit Blick auf heute, auf Timmy und Pilot, ist die mediale Berichterstattung wohl der große Faktor in der Art der Betrachtung (Die Medien kauen-vor, die Seghers denkt-nach?) Die dritte Strophe, das Zitat Ein Toter ist eine Tragödie, eine Millionen sind eine Statistik (stammt eher von Tucholsky) soll im Zusammenhang zum Holodomor gefallen sein. Der Tod Vieler wird industriell, klingt bürokratisch. er klang sekundenlang genial wie Goethe (Stalin hat sein Volk verdichtet) hat einen schönen Takt mit Schlagwirkung der Vokale. Die Zeile hat Kraft und macht lächerlich. Der Binnenreim verstärkt das. Das klingt für mich sehr angenehm nach romantisch-ironisch in die Synthese gerülpst. Jetzt kommt Anna Seghers, die ihre Bilanz nicht verdreht, obwohl die Zeit ihr schweigendes Vergessen anbot. Ist das eine Mahnung an die Erinnerung? Also, sie bewertet ihre Bilanz unverdreht, stemmt sich gegen Zeitgeist und Vergessen und erinnert sich ... nach den Bomben des zweiten Weltkrieges an das Leid der Bomben des Ersten? Das Leid der Vergangenheit unvergessen, das Leid der Gegenwart unverzerrt? Tut sie das gerne? Hat es ihr genützt? Hat es wem genützt? Hier steht nichts von "dieser Nutzen, jene Wertung, solche Wirkung, ..." nur sie im Gegensatz zu ... verdreht sich nicht die Bilanz. Ist sie dann menschlich geblieben? Vielleicht ist es bloß ein Wal, der gerettet wird, ein Pilot, der gerettet wurde, und Stalin, der erzählt, wie berührend er all das findet. Vielleicht braucht es die Erinnerung. Das Wissen, was zu wissen wissenswert ist, um zu erkennen, dass manches vergessen werden will, und erinnert werden sollte. Wie Stalin, der sterbende Massen zu Randnotizen auf Exekutivanordnungen degradiert hat. Wo man das Leid der Vergangenheit vergisst, bucht man es für die Zukunft. . Vermutlich lässt sich mit Blick auf die Symbolik von Dom (abstrakt, dauernd) und Denkmal (konkret, schwindend) all das noch besser umrahmen ... Das ist ein weit gespannter Bogen, aus dem sich vermutlich auch entsprechend viele Facetten ableiten lassen ... Die Reihenfolge der Namen im Titel entspricht nicht den Strophen. Der Kampfpilot ist auffällig unpersönlich zwischen den Namen. Die Qual der Wa(h)l in der ersten Zeile fällt auf. Die zwölfte Zeile hat mit "verdrehte" einen unreinen Reim. Die dreizehnte Zeile hat eine zusätzliche Silbe -Erinnerung! (Außer ich lese Erinnerungsmal im Dialekt als Erinnrungsmal) Zeile Vierzehn hat mit einer zusätzlichen Hebung zwei Silben mehr. Das "erste" ist nicht überflüssig, aber da der Zeile auch nichts fehlen würde ohne, könnte es aus einem Grund dort sitzen. Der Kampfpilot aus Strophe 2 könnte nach Lesart im Titel als Symbol/Projektionsfläche für Krieg am Schluss "wiederkehren". Wer ihn kennt, jagt ihn vor die Hunde ... wer nicht, nicht. Ich behaupte mal mutig dein Gedicht ist weniger ein sukzessiver Pfad, als ein Cluster aus Mehrbedeutungen und Möglichkeiten. Ein Labyrinth mit Falltüren und doppeltem Boden. Das Reimschema ist nicht mehr der alleine interessanteste Aspekt deiner Dichtung. Beste Grüße Delf |
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#3 | |||||||||||||
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ich musste gerade doch mal wieder schmunzeln, was Du so als "kurze Interpretation" bezeichnest - und bin sehr angetan von alldem, was Du als Assoziationen einbringst. Denn darum geht es selbstverständlich, wie Du ja schon selber feststellst, und nicht um eine haarkleine Ausdeutung, dass etwas "nur genau so und keineswegs irgendwie anders gemeint sein kann".
Am besten greife ich mir einige der wichtigsten Aussagen von Dir heraus und versuche sie "kurz zu kommentieren": Zitat:
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Das mit dem U-Boot ist mir völlig neu, danke für den zusätzlichen Deutungshorizont. Ein gleich mehrfaches, betontes "Yep" Zitat:
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Mein im Vorjahr leider verstorbener "literaturwissenschaftlcher Mentor", Jochen Vogt, hat diesen Text in verschiedenen seiner Bücher immer wieder aufgegriffen und auch in eine Online-Sammlung beispielhafter Texte aufgenommen, die vom Germanistik-Lehrstuhl der Uni Duisburg-Essen veröffentlicht wurde (siehe Link unter meinem Gedicht). Es würde jetzt zu weit führen, im Einzelnen zu erläutern, warum der Text mich immer wieder mal erschüttert (es geht darin ja dezidiert darum, warum sie eine Geschichte nicht hat schreiben können oder auch wollen). Der völlig neue Schrecken eines Bombenopfers Ende des 1. Weltkriegs wurde schon wenig später im 2. millionenfache Realität und war deshalb auch keine Erwähnung mehr wert. Auch der Hinweis, dass es sich um die Frau eines jüdischen Händlers gehandelt hat, sollte m.E. nicht unbeachtet bleiben. Dass Eppstein und Frauenlobstraße für mich (EPI) noch ganz persönliche Bedeutungen haben, möchte ich hier gar nicht weiter ausführen. Stimmt. Wir wollen es dem Leser ja auch nicht zu einfach machen ... Zitat:
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Ganz herzlichen Dank und viele Grüße EPI |
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#4 |
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... welche die Erinnerungssynkope vermeiden und in der ausklingenden Zeile "eleganter" und grammatikalisch präziser klingen, sind mir jetzt auch noch eingefallen:
weil ihr der zeitlauf vom gedenksteinmal der ersten bombentoten zu erzähln verböte (Okay, ist mit "erzähln" die nächste Synkope drin) Beste Grüße Epilog |
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#5 | ||
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als erstes freut es mich sehr, dass dir mein Kommentar gefällt!
Was die Länge angeht, es ist meine ehrliche Absicht gewesen, meine Gedanken grob umrissen und kurz darzulegen. Allerdings sind es beim Recherchieren einfach immer mehr geworden. Ich froh, so tief in das Thema und dein Gedicht eingetaucht zu sein! Was ich ein wenig bedaure, weil ich es eigentlich gerne in meiner Interpretation dringehabt hätte, ist folgendes: Anna Seghers hat nicht bloß zur Geschichte der ersten Bombentoten geschwiegen. Sie hat auch zu den Opfern des Stalinismus geschwiegen. Das wäre unter anderen Umständen vielleicht gar nicht so bedeutsam, und ist durch ihre Nähe zu Joseph Stalin ein Stück weit nachvollziehbar. Allerdings, das ist nicht stark. Es gibt dem Ganzen eine weitere, unschöne Färbung. Zitat:
Zum Weinhändler Eppstein bin ich nicht sonderlich fündig geworden, obwohl mir seine explizite Erwähnung schon aufgefallen ist. Bei dem was du hier schreibst, und wie, fühle ich mich an etwas erinnert, das du hier im Forum mal geschrieben hast (nicht zu mir allerdings): Nämlich, dass sich dein Nutzername zusammensetzt aus dem Kürzel für deinen Namen und dem Scherz "log". Ich belasse es erstmal dabei, muss aber durchaus neugierig interessiert grinsen ![]() Was die Synkope angeht, ich erinnere mich daran, dass du mir davon erzählt hast. Man muss es eben wissen, wenn man deine Texte liest ![]() Zitat:
Nachdem ich hier aber einen beeindruckend bewussten Umgang mit Stilmitteln gesehen habe, befürchte ich fast, dass ich der mir aufgetragenen Auseinandersetzung mit La Mettrie gerne nachkomme ![]() Bis dahin erstmal die besten Grüße an dich! Delf |
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#6 | ||
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ich freu mich auch über Deine weiteren aufschlussreichen Anmerkungen. Teilweise wirds dadurch ganz schön schwierig.
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Dass ich außerdem vier Jahre lang in Bochum in die Frauenlobschule (Grundschule) in der Frauenlobstraße gegangen bin, ist allerdings ein weiterer Umstand, der mich (in dieser "Dichte") beim Lesen des Seghers-Textes zum Erinnern und Nachdenken bringt. Schönen Restsonntag und liebe Grüße EPI |
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#7 | |||||
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Ich hätte vielleicht dazuschreiben sollen "unschöne Färbung für Anna Seghers". Ihren "Zwei Denkmäler" Text empfinde ich ja selber beispielsweise als eine sehr tiefsinnige, schöne Aufarbeitung. Zitat:
Aufzurechnen, nein, das ist wohl nicht angemessen. Aber zwei, oder mehr, verschiedene Grausamkeiten können wohl denke ich beieinander stehen, jede für sich und ihr ganz eigenes Wesen zum Ausdruck bringen. Mehr ein Spektrum, statt einer Gleichung. Zitat:
Als subtile Dissonanz, die sich erst dem Leser offenbart, der tief genug eintaucht und (sich) die richtigen Fragen stellt, empfände ich es hier, ob nun bewusst gesetzt, oder nicht, ganz angemessen. Schließlich regt es zum Nachdenken und Hinterfragen an. Die Todesfuge klingt auch sehr interessant. Zu schleierhaft, als das ich schon viel dazu sagen könnte, wobei gerade dieses Schleierhafte ein guter Schutz davor zu sein schein, sich Vorwürfe wie Verballhornung, oder Infantilisierung aufzuladen. Zitat:
Zitat:
![]() Danke für deine Gedanken und einen guten Start in die Woche wünsche ich dir ![]() Viele Grüße Delf |
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