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Alt 02.05.2026, 08:21   #1
männlich Epilog
 
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Standard timmy, stalin, seghers und ein kampfpilot

reizt uns nicht tag für tag die qual? der wal
scheint nun auf gutem weg zum nordkanal
auf dass der flotte strahl aus morgenröte
ihn dort demnächst mit der harpune töte

zum helden auch der hype den kerl erhöhte
den kein gewissen in den jet befahl
sein abschuss brachte uns multiple nöte
die anteilnahme wuchs fast digital

wie sagte einstmals wohl ein mann aus stahl
(und klang sekundenlang genial wie goethe):
des einzlen leid toppt tode ohne zahl

nur anna s. nicht die bilanz verdrehte
weil ihr der zeitlauf das erinnerungsmal
der ersten bombentoten zu verschweigen böte*

*https://www.einladung-zur-literaturw...el-5&Itemid=55
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Alt 04.05.2026, 12:32   #2
männlich Anaximandala
 
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Standard Puh, ein weiter Bogen ...

... den du hier um den Skagerrak geschwommen bist.

Ich versuche mich mal an einer kurzen Interpretation, aber verzichte lieber darauf, zu viel deuten zu wollen.
Hat gut geklappt, finde ich.

Es geht um Leid und unsere Auseinandersetzung damit.
Da ist die Tragödie des konkreten Leidens, und die abstrakte Statistik.
Leid, das wir nachempfinden, und welches, dessen Ausmaß wir erfassen.

Die erste Strophe, die Qual der Wahl, ziehlt scheinbar auf Wal Timmy, mit dem wir schrecklich mitleiden. Aber der wurde durch den Skagerrak in die Nordsee gebracht.
Der Nordkanal ist woanders.

Harpunentod im Morgenrot, also vor Grönland gibt es Quoten zur Jagd auf Buckelwale ...

Im Nordkanal ist 1945 die beschädigte U1003 auf Grund gelaufen.
Man ist in der Morgenröte zum Lüften aufgetaucht und Wasser ist eingedrungen.
Das Uboot musste schließlich mit 17 Mann Besatzung versenkt werden.

Ich sage mal vorsichtig, diese Mehrpfadigkeit ist gewollt.


Die zweite Strophe behandelt einen nicht personalisierten Kampfpiloten.
Fast digital lenkt den ersten Blick auf die Moderne, schließt aber nicht-digitale-Zeiten nicht per sé aus.
Schaut man auf die Zwei Denkmäler Geschichte, könnte es
... der Bomberpilot im ersten Weltkrieg sein, dem die Mutter zum Opfer fiel. An deren Gedenkstein (fast ... digital) sich eine persönliche Trauer Bahn bricht, mit der sich auch das systemische Leiden des Krieges ausdrückt.
... ein Pilot im zweiten Weltkrieg, der den Dom getroffen hat, zum allgemeinen Leidwesen.
Es passt auch heute ... der US Pilot, der im Iran abgeschossen wurde und dessen Rettung die Medien bestimmt hat.

Im Kontext von Ubootkrieg und Stalin (und auch Seghers) drängt sich der zweite Weltkrieg als Rahmen fast auf.
Ich denke es ist kein Versehen, dass der Pilot im ersten Blick stellvertretend irgendein Pilot sein könnte, irgendwann.
Dass er im zweiten Blick zwischen UBoot und Stalin zeitlich gut verortet scheint,
und im Dritten als Jet Pilot doch an modernere Zeiten gebunden ist.

Mit Blick auf heute, auf Timmy und Pilot, ist die mediale Berichterstattung wohl der große Faktor in der Art der Betrachtung (Die Medien kauen-vor, die Seghers denkt-nach?)


Die dritte Strophe, das Zitat
Ein Toter ist eine Tragödie, eine Millionen sind eine Statistik (stammt eher von Tucholsky)
soll im Zusammenhang zum Holodomor gefallen sein.
Der Tod Vieler wird industriell, klingt bürokratisch.

er klang sekundenlang genial wie Goethe
(Stalin hat sein Volk verdichtet)

hat einen schönen Takt mit Schlagwirkung der Vokale.
Die Zeile hat Kraft und macht lächerlich. Der Binnenreim verstärkt das.
Das klingt für mich sehr angenehm nach romantisch-ironisch in die Synthese gerülpst.


Jetzt kommt Anna Seghers, die ihre Bilanz nicht verdreht, obwohl die Zeit ihr schweigendes Vergessen anbot.
Ist das eine Mahnung an die Erinnerung?

Also, sie bewertet ihre Bilanz unverdreht, stemmt sich gegen Zeitgeist und Vergessen und erinnert sich ...
nach den Bomben des zweiten Weltkrieges an das Leid der Bomben des Ersten?
Das Leid der Vergangenheit unvergessen, das Leid der Gegenwart unverzerrt?

Tut sie das gerne? Hat es ihr genützt? Hat es wem genützt?
Hier steht nichts von "dieser Nutzen, jene Wertung, solche Wirkung, ..."
nur sie im Gegensatz zu ... verdreht sich nicht die Bilanz.
Ist sie dann menschlich geblieben?


Vielleicht ist es bloß ein Wal, der gerettet wird, ein Pilot, der gerettet wurde, und Stalin, der erzählt, wie berührend er all das findet.
Vielleicht braucht es die Erinnerung. Das Wissen, was zu wissen wissenswert ist, um zu erkennen, dass manches vergessen werden will, und erinnert werden sollte.
Wie Stalin, der sterbende Massen zu Randnotizen auf Exekutivanordnungen degradiert hat.

Wo man das Leid der Vergangenheit vergisst, bucht man es für die Zukunft.

.

Vermutlich lässt sich mit Blick auf die Symbolik von Dom (abstrakt, dauernd) und Denkmal (konkret, schwindend) all das noch besser umrahmen ...

Das ist ein weit gespannter Bogen, aus dem sich vermutlich auch entsprechend viele Facetten ableiten lassen ...


Die Reihenfolge der Namen im Titel entspricht nicht den Strophen.
Der Kampfpilot ist auffällig unpersönlich zwischen den Namen.
Die Qual der Wa(h)l in der ersten Zeile fällt auf.
Die zwölfte Zeile hat mit "verdrehte" einen unreinen Reim.

Die dreizehnte Zeile hat eine zusätzliche Silbe -Erinnerung!
(Außer ich lese Erinnerungsmal im Dialekt als Erinnrungsmal)

Zeile Vierzehn hat mit einer zusätzlichen Hebung zwei Silben mehr.
Das "erste" ist nicht überflüssig, aber da der Zeile auch nichts fehlen würde ohne, könnte es aus einem Grund dort sitzen.

Der Kampfpilot aus Strophe 2 könnte nach Lesart im Titel als Symbol/Projektionsfläche für Krieg am Schluss "wiederkehren".
Wer ihn kennt, jagt ihn vor die Hunde ... wer nicht, nicht.


Ich behaupte mal mutig dein Gedicht ist weniger ein sukzessiver Pfad, als ein Cluster aus Mehrbedeutungen und Möglichkeiten. Ein Labyrinth mit Falltüren und doppeltem Boden.
Das Reimschema ist nicht mehr der alleine interessanteste Aspekt deiner Dichtung.


Beste Grüße
Delf
Anaximandala ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2026, 15:10   #3
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Standard Hallo Delf

ich musste gerade doch mal wieder schmunzeln, was Du so als "kurze Interpretation" bezeichnest - und bin sehr angetan von alldem, was Du als Assoziationen einbringst. Denn darum geht es selbstverständlich, wie Du ja schon selber feststellst, und nicht um eine haarkleine Ausdeutung, dass etwas "nur genau so und keineswegs irgendwie anders gemeint sein kann".

Am besten greife ich mir einige der wichtigsten Aussagen von Dir heraus und versuche sie "kurz zu kommentieren":

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Es geht um Leid und unsere Auseinandersetzung damit.
Da ist die Tragödie des konkreten Leidens, und die abstrakte Statistik.
Als eine der (oder die) Kernaussagen sehr gut zusammengefasst.

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Die erste Strophe, die Qual der Wahl, ziehlt scheinbar auf Wal Timmy, mit dem wir schrecklich mitleiden.
Na klar.
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Aber der wurde durch den Skagerrak in die Nordsee gebracht.
Der Nordkanal ist woanders.
Deshalb schrieb ich (um mich irgendwie rauszureden) "zum Nordkanal", der ja wohl zwischen Nordirland und Schottland gelegen ist. Vielleicht ist Timmy ja inzwischen dort (Er ist ja angeblich von den Radarschirmen verschwunden)
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Harpunentod im Morgenrot, also vor Grönland gibt es Quoten zur Jagd auf Buckelwale ...
Das ist natürlich das ernüchternde Fazit dieses ersten Quartetts: Juchhu, das einzelne Tierchen ist gerettet, nun blast zur Jagd auf alle Buckelwale ("der flotte strahl aus morgenröte" meinte hier, ehrlich gesagt, vor allem die Fangflotte aus dem Land der Morgenröte ...)

Das mit dem U-Boot ist mir völlig neu, danke für den zusätzlichen Deutungshorizont.
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Ich sage mal vorsichtig, diese Mehrpfadigkeit ist gewollt.
Ein gleich mehrfaches, betontes "Yep"

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Die zweite Strophe behandelt einen nicht personalisierten Kampfpiloten.
Es passt auch heute ... der US Pilot, der im Iran abgeschossen wurde und dessen Rettung die Medien bestimmt hat.
Den meinte ich hier sogar ausschließlich, hab seinen Namen nicht recherchiert (ist auch austauschbar). Deine Assoziationen zum Seghers-Text und damit zum 1. wie auch 2. Weltkrieg sind tolle Deutungserweiterungen aus Lesersicht.
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Mit Blick auf heute, auf Timmy und Pilot, ist die mediale Berichterstattung wohl der große Faktor in der Art der Betrachtung (Die Medien kauen-vor, die Seghers denkt-nach?)
Wieder hervorragend zusammengefasst, den Spruch in Klammern finde ich klasse.

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Ein Toter ist eine Tragödie, eine Millionen sind eine Statistik (stammt eher von Tucholsky)
Finde ich auch wahrscheinlicher, wo Du es sagst, aber ich denke, Du weisst auch, dass es vieltausendfach dem großen Mann aus Stahl in den Mund gelegt wurde (passt ja auch irgendwie verdammt gut)

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
er klang sekundenlang genial wie Goethe
(Stalin hat sein Volk verdichtet)

hat einen schönen Takt mit Schlagwirkung der Vokale.
Die Zeile hat Kraft und macht lächerlich. Der Binnenreim verstärkt das.
Vielen Dank für das Kompliment. Außerdem brauchte ich ja einfach noch was für meine Siebener-"öte"-Reimfolge

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Jetzt kommt Anna Seghers
Das ist ein weit gespannter Bogen, aus dem sich vermutlich auch entsprechend viele Facetten ableiten lassen ...
Ja, Du sagst es ... Das ist natürlich eine Einbeziehung von Intertextualität, die einerseits dem Leser sehr viel abverlangt, ihm aber andererseits seine eigenen Deutungsmöglichkeiten überlässt (ich kann ja niemandem vorschreiben, wie er den kurzen Text von Seghers zu deuten hat - aber auseinandersetzen muss sich damit jeder, der auch mein bescheidenes Werkchen interpretieren möchte).
Mein im Vorjahr leider verstorbener "literaturwissenschaftlcher Mentor", Jochen Vogt, hat diesen Text in verschiedenen seiner Bücher immer wieder aufgegriffen und auch in eine Online-Sammlung beispielhafter Texte aufgenommen, die vom Germanistik-Lehrstuhl der Uni Duisburg-Essen veröffentlicht wurde (siehe Link unter meinem Gedicht). Es würde jetzt zu weit führen, im Einzelnen zu erläutern, warum der Text mich immer wieder mal erschüttert (es geht darin ja dezidiert darum, warum sie eine Geschichte nicht hat schreiben können oder auch wollen). Der völlig neue Schrecken eines Bombenopfers Ende des 1. Weltkriegs wurde schon wenig später im 2. millionenfache Realität und war deshalb auch keine Erwähnung mehr wert. Auch der Hinweis, dass es sich um die Frau eines jüdischen Händlers gehandelt hat, sollte m.E. nicht unbeachtet bleiben. Dass Eppstein und Frauenlobstraße für mich (EPI) noch ganz persönliche Bedeutungen haben, möchte ich hier gar nicht weiter ausführen.

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Die Reihenfolge der Namen im Titel entspricht nicht den Strophen.
Stimmt. Wir wollen es dem Leser ja auch nicht zu einfach machen ...
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Die dreizehnte Zeile hat eine zusätzliche Silbe -Erinnerung!
(Außer ich lese Erinnerungsmal im Dialekt als Erinnrungsmal)
Ja, ist eine Synkope, das mittlere "e" bei "Erinnerung" wird beim (Vor-)Lesen verschluckt. Die Aussprache aller fünf Silben liefe bei mir unter Dialekt (Aachen oder so), das verschluckte e ist überall sonst in Deutschland in der Alltagssprache Standard.
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Zeile Vierzehn hat mit einer zusätzlichen Hebung zwei Silben mehr.
Das "erste" ist nicht überflüssig, aber da der Zeile auch nichts fehlen würde ohne, könnte es aus einem Grund dort sitzen.
Es ist extrem wichtig, dass sie "das erste Bombenopfer" zumindest in Mainz war, denn ein Vierteljahrhundert später waren die Bombentoten Nr. Zehn bis 4 Millionen (oder was auch immer) die Normalität und somit nur noch Statistik im Sinne Stalins. Das muss hier stehen, das ist mir dann auch zwei zusätzliche Silben wert. Hab weiter oben schon mal was dazu geschrieben.

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Ich behaupte mal mutig dein Gedicht ist weniger ein sukzessiver Pfad, als ein Cluster aus Mehrbedeutungen und Möglichkeiten. Ein Labyrinth mit Falltüren und doppeltem Boden.
So isses.
Zitat:
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Das Reimschema ist nicht mehr der alleine interessanteste Aspekt deiner Dichtung.
War das bisher etwa so? Na warte, ich trage Dir doch noch den La Mettrie als Strafe auf!

Ganz herzlichen Dank und viele Grüße

EPI
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Alt 05.05.2026, 07:29   #4
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Standard Alternative Abschlussverse ...

... welche die Erinnerungssynkope vermeiden und in der ausklingenden Zeile "eleganter" und grammatikalisch präziser klingen, sind mir jetzt auch noch eingefallen:

weil ihr der zeitlauf vom gedenksteinmal
der ersten bombentoten zu erzähln verböte

(Okay, ist mit "erzähln" die nächste Synkope drin)

Beste Grüße

Epilog
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Alt 10.05.2026, 14:03   #5
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Standard Hallo Epi

als erstes freut es mich sehr, dass dir mein Kommentar gefällt!

Was die Länge angeht, es ist meine ehrliche Absicht gewesen, meine Gedanken grob umrissen und kurz darzulegen. Allerdings sind es beim Recherchieren einfach immer mehr geworden.
Ich froh, so tief in das Thema und dein Gedicht eingetaucht zu sein!

Was ich ein wenig bedaure, weil ich es eigentlich gerne in meiner Interpretation dringehabt hätte, ist folgendes:
Anna Seghers hat nicht bloß zur Geschichte der ersten Bombentoten geschwiegen.
Sie hat auch zu den Opfern des Stalinismus geschwiegen. Das wäre unter anderen Umständen vielleicht gar nicht so bedeutsam, und ist durch ihre Nähe zu Joseph Stalin ein Stück weit nachvollziehbar.
Allerdings, das ist nicht stark. Es gibt dem Ganzen eine weitere, unschöne Färbung.

Zitat:
Auch der Hinweis, dass es sich um die Frau eines jüdischen Händlers gehandelt hat, sollte m.E. nicht unbeachtet bleiben. Dass Eppstein und Frauenlobstraße für mich (EPI) noch ganz persönliche Bedeutungen haben, möchte ich hier gar nicht weiter ausführen.
Das ist sehr interessant!
Zum Weinhändler Eppstein bin ich nicht sonderlich fündig geworden, obwohl mir seine explizite Erwähnung schon aufgefallen ist. Bei dem was du hier schreibst, und wie, fühle ich mich an etwas erinnert, das du hier im Forum mal geschrieben hast (nicht zu mir allerdings):
Nämlich, dass sich dein Nutzername zusammensetzt aus dem Kürzel für deinen Namen und dem Scherz "log".
Ich belasse es erstmal dabei, muss aber durchaus neugierig interessiert grinsen

Was die Synkope angeht, ich erinnere mich daran, dass du mir davon erzählt hast.
Man muss es eben wissen, wenn man deine Texte liest

Zitat:
War das bisher etwa so? Na warte, ich trage Dir doch noch den La Mettrie als Strafe auf!
Nun sagen wir mal bisher ist es zumindest bei mir so gewesen.
Nachdem ich hier aber einen beeindruckend bewussten Umgang mit Stilmitteln gesehen habe, befürchte ich fast, dass ich der mir aufgetragenen Auseinandersetzung mit La Mettrie gerne nachkomme

Bis dahin erstmal die besten Grüße an dich!
Delf
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Alt 10.05.2026, 16:25   #6
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Standard Lieber Delf

ich freu mich auch über Deine weiteren aufschlussreichen Anmerkungen. Teilweise wirds dadurch ganz schön schwierig.
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Anna Seghers hat nicht bloß zur Geschichte der ersten Bombentoten geschwiegen.
Sie hat auch zu den Opfern des Stalinismus geschwiegen. Das wäre unter anderen Umständen vielleicht gar nicht so bedeutsam, und ist durch ihre Nähe zu Joseph Stalin ein Stück weit nachvollziehbar.
Allerdings, das ist nicht stark. Es gibt dem Ganzen eine weitere, unschöne Färbung.
Da hast Du zweifelsohne Recht. Ich hoffe, diese unschöne Färbung erweckt nicht den Eindruck, ich wollte in irgendeiner Weise den Stalinismus verherrlichen (wie es Seghers in ihren Alterswerken wohl getan hat) - nichts liegt mir ferner. Ich habe die Autorin in der Schulzeit (wie wahrscheinlich viele andere auch) durch ihren bewegenden Roman "Das siebte Kreuz" kennengelernt, später im Studium dann unter anderem durch den hier relevanten kurzen Denkmal-Text, spätere Bücher wie etwa "Das Vertrauen" kenne ich nicht (und möchte es auch jetzt nicht lesen). Die ganze Zweischneidigkeit einer Kritik an der "Massenvernichtung" - von wem auch immer betrieben - wird an diesem Beispiel nochmals deutlich: Ist es überhaupt verantwortbar, den Bombenkrieg der Westalliierten (na klar, es gab auch Guernica, Coventry uswusf. - hier geht es auch schon wieder los) mit den stalinschen Gräueldaten wie dem von Dir bereits erwähnten Holodomor oder gar den Gaskammern der Nazis auf- und gegenzurechnen? Mit Sicherheit nicht - da sind wir ja praktisch bei "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Aber gerade dieser Punkt, die Unmöglichkeit, den geplanten millionenfachen Tod im weitesten Sinne "literarisch" aufzugreifen und zu kommentieren erscheint mir zumindest gerade interessant und diskussionswürdig. (Die Auseinandersetzung um Celans "Todesfuge" führt ja in ähnliche Bereiche). Seghers hat ja keineswegs etwas bewusst verschweigen wollen, sondern versucht irgendwie "stammelnd" herauszufinden, wie die ungeheuerliche Entwicklung des Bombenkriegs im Zweiten Weltkrieg ihre Schreckensgeschichte aus dem Ersten quasi einfach überspült und fortgeschwemmt hat - da bleibt im ersten Augenblick wohl nur betroffenes Schweigen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Hinweis auf den jüdischen Weinhändler: Angesichts der sechs Millionen von den Nazis getöteten Juden war es einfach nicht mehr möglich, ein jüdisches Opfer den westalliierten Bombenangriffen Ende des Ersten Weltkriegs anzukreiden. Diese ganzen Zusammenhänge in den 14 Versen eines Sonetts unterzubringen, ist natürlich unmöglich (wenn es überhaupt adäquat möglich ist). Vielleicht sollten wir es einafch als Möglichkeit nehmen, sich des Themas mal bewusst zu werden und darüber nachzudenken.

Zitat:
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Bei dem was du hier schreibst, und wie, fühle ich mich an etwas erinnert, das du hier im Forum mal geschrieben hast (nicht zu mir allerdings):
Nämlich, dass sich dein Nutzername zusammensetzt aus dem Kürzel für deinen Namen und dem Scherz "log".
Ich belasse es erstmal dabei, muss aber durchaus neugierig interessiert grinsen
Das ist jetzt wesentlich weniger schwierig, hat auch mit den Texten hier gar nicht direkt zu tun, sondern mit meiner persönlichen Lebensgeschichte. Okay, die beiden Buchstaben E und P zum Einstieg von "Eppstein" sind auch die Initialen meines Vor- und Nachnamens, aber ich wohne nun auch seit mehr als zehn Jahren in Eppstein im Taunus, in direkter Nachbarschaft von Wiesbaden. Mainz ist dann ja auch nicht so viel weiter weg, liegt halt "nur" der Rhein dazwischen. Jedenfalls bin ich auch relativ häufig dort, in der Wohn- und Wirkungsstätte Gutenbergs ...

Dass ich außerdem vier Jahre lang in Bochum in die Frauenlobschule (Grundschule) in der Frauenlobstraße gegangen bin, ist allerdings ein weiterer Umstand, der mich (in dieser "Dichte") beim Lesen des Seghers-Textes zum Erinnern und Nachdenken bringt.

Schönen Restsonntag und liebe Grüße

EPI
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Alt 11.05.2026, 12:28   #7
männlich Anaximandala
 
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Standard Hallo lieber Epi

Zitat:
Ich hoffe, diese unschöne Färbung erweckt nicht den Eindruck, ich wollte in irgendeiner Weise den Stalinismus verherrlichen (wie es Seghers in ihren Alterswerken wohl getan hat)
Nein, um Gottes Willen.
Ich hätte vielleicht dazuschreiben sollen "unschöne Färbung für Anna Seghers".

Ihren "Zwei Denkmäler" Text empfinde ich ja selber beispielsweise als eine sehr tiefsinnige, schöne Aufarbeitung.

Zitat:
Die ganze Zweischneidigkeit einer Kritik an der "Massenvernichtung" - von wem auch immer betrieben - wird an diesem Beispiel nochmals deutlich: Ist es überhaupt verantwortbar, den Bombenkrieg der Westalliierten (na klar, es gab auch Guernica, Coventry uswusf. - hier geht es auch schon wieder los) mit den stalinschen Gräueldaten wie dem von Dir bereits erwähnten Holodomor oder gar den Gaskammern der Nazis auf- und gegenzurechnen?
Oh, das ist eine interessante Frage!
Aufzurechnen, nein, das ist wohl nicht angemessen.
Aber zwei, oder mehr, verschiedene Grausamkeiten können wohl denke ich beieinander stehen, jede für sich und ihr ganz eigenes Wesen zum Ausdruck bringen.
Mehr ein Spektrum, statt einer Gleichung.

Zitat:
Aber gerade dieser Punkt, die Unmöglichkeit, den geplanten millionenfachen Tod im weitesten Sinne "literarisch" aufzugreifen und zu kommentieren erscheint mir zumindest gerade interessant und diskussionswürdig.
Das "Wie" ist vielleicht die richtige Frage.

Als subtile Dissonanz, die sich erst dem Leser offenbart, der tief genug eintaucht und (sich) die richtigen Fragen stellt, empfände ich es hier, ob nun bewusst gesetzt, oder nicht, ganz angemessen.
Schließlich regt es zum Nachdenken und Hinterfragen an.

Die Todesfuge klingt auch sehr interessant.
Zu schleierhaft, als das ich schon viel dazu sagen könnte, wobei gerade dieses Schleierhafte ein guter Schutz davor zu sein schein, sich Vorwürfe wie Verballhornung, oder Infantilisierung aufzuladen.


Zitat:
Angesichts der sechs Millionen von den Nazis getöteten Juden war es einfach nicht mehr möglich, ein jüdisches Opfer den westalliierten Bombenangriffen Ende des Ersten Weltkriegs anzukreiden. Diese ganzen Zusammenhänge in den 14 Versen eines Sonetts unterzubringen, ist natürlich unmöglich (wenn es überhaupt adäquat möglich ist). Vielleicht sollten wir es einafch als Möglichkeit nehmen, sich des Themas mal bewusst zu werden und darüber nachzudenken.
Amen!

Zitat:
Das ist jetzt wesentlich weniger schwierig, hat auch mit den Texten hier gar nicht direkt zu tun, sondern mit meiner persönlichen Lebensgeschichte. Okay, die beiden Buchstaben E und P zum Einstieg von "Eppstein" sind auch die Initialen meines Vor- und Nachnamens
Gut, ich wäre auch verwundert gewesen, wenn du nun geäußert hättest "Dieser Eppstein ..."


Danke für deine Gedanken und einen guten Start in die Woche wünsche ich dir
Viele Grüße
Delf
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