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Alt 02.12.2025, 08:06   #1
männlich RolandK
 
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Standard Gerechtigkeit 3, Vergeltung

Gerechtigkeit, Vergeltung

Vergeltung: Auf eine vorhergehende Handlung mit einer ähnlichen, oft negativen, Gegenreaktion antworten.

Ich heiße Max. Früher war ich Anwalt. Ein Verteidiger. Einer, der glaubte, dass Worte die Welt ordnen können und Paragrafen Gerechtigkeit schaffen. Heute bin ich nur noch ein Mann, der in den Schatten seiner eigenen Entscheidungen lebt.

Gerechtigkeit und Schuld – zwei Begriffe, die wie Zwillinge wirken und doch niemals denselben Weg gehen. Zwischen ihnen bin ich zerbrochen.

Dies ist der Anfang meines neuen Falls. Oder das Erwachen eines alten.

Die Akte 317

Es begann an einem Montag. Ein unscheinbarer, farbloser Tag. Der Umschlag lag vor meiner Tür, wettervergilbt, aber eindeutig neu adressiert. Keine Briefmarke, kein Absender – nur ein Wort und eine Zahl:

„Fall 317 – Schubert“

Als ich den Namen sah, spannte sich etwas in meiner Brust an. Schubert war ein Lehrer. Gebildet, ruhig, unauffällig. Zu unauffällig.

Vor Jahren vertrat ich ihn in einem Prozess wegen Übergriffs auf eine Schülerin. Sechzehn Jahre alt, Lina. Ihre Aussage war klar, aber die Beweise waren dünn. Zu dünn.

Schubert wurde freigesprochen. Ich hatte ein gutes Plädoyer gehalten. Eines von denen, auf die man früher stolz war.

Drei Monate später verschwand ein anderes Mädchen.

Dann noch eines.

Ich wusste, was das bedeutete. Aber ich hatte damals mehr Angst vor der Wahrheit als vor der Lüge.

Im Umschlag stand nur ein Satz:

„Wie fühlt es sich an, jemanden freigesprochen zu haben?“

Ich las ihn wieder und wieder. Das Papier roch nach Metall. Nach Vergangenheit.

Ich öffnete meinen alten Aktenschrank. Man wirft seine Sünden nicht weg – man archiviert sie.

Fall 317 lag da wie eine tickende Bombe. Fotos, Protokolle, Befragungen. Da war Lina, ihr Blick voller Angst und Wahrheit zugleich. Damals hatte ich sie nicht verteidigt. Ich verteidigte ihn.

Jetzt war sie tot. Suizid.

Ich legte die Akte vor mich auf den Tisch. Meine alte Unterschrift strahlte Selbstsicherheit aus. Arroganz vielleicht. Sie wirkte wie ein Hohn.

Dann kam das nächste Paket.

Die Gegenstände

Ein kleiner Karton, sorgfältig verklebt. Ohne Absender, wie der Brief zuvor. Darin befand sich ein einzelnes rotes Haarband. Eines, das ich von den Fotos kannte.

Linas Haarband.

Eine Woche später ein weiterer Umschlag:

Eine Spieluhr.

Verkratzt, verstummt – aber mit denselben Schnitzmustern wie jene, die das zweite verschwundene Mädchen besessen hatte.

Dann noch einer:

Ein zerbrochener Schlüsselanhänger. Ein kleiner Teddybär. Der gehörte dem dritten Mädchen.

Ich brauchte nicht mehr überlegen.

Schubert.

Er spielte wieder.

Ich begann zu recherchieren, tiefer als jemals zuvor. Ich suchte nach ihm, nach Spuren, nach Bewegungen. Laut offiziellen Datenbankeinträgen war Schubert seit Jahren nicht mehr in Österreich. Auslandstätigkeiten. Sprachkurse. Aufenthalte in Südamerika, Norwegen, Osteuropa.
Ein Mann, der Grenzen überschritt wie andere Straßenseiten.

Doch die Pakete waren eindeutig von hier. Wien. Aus verschiedenen Bezirken. Jemand beobachtete mich. Jemand wusste, wo ich wohnte. Jemand wusste, was ich getan hatte.

Und jemand wollte, dass ich es auch nie vergesse.

Je länger ich suchte, desto mehr fühlte ich seinen Atem im Nacken. Nicht real, sondern wie ein Schatten, der sich unter meiner Haut festsetzt.

Ich fand Hinweise auf erneute Aufenthalte in Österreich. Kurz, unauffällig, kaum registriert. Flüge unter falschen Namen. Mietautos. Hostels. Spuren, die gerade sichtbar genug waren, um sie zu finden – und verschwommen genug, um sie nicht beweisen zu können.

Meine Nächte wurden zu Verhören mit mir selbst:

„Warum hast du ihn damals verteidigt, Max?“
„Weil es mein Job war.“
„Und heute?“
„Heute ist es meine Schuld.“

Ich war ihm näher, als mir lieb war. Und gleichzeitig wusste ich: Er war mir vermutlich näher, als ich ahnte.

Die Bedrohung wird echt

Am zehnten Tag fand ich eine Nachricht an meiner Tür, keine Post diesmal. Schwarzer Filzstift, grob, hastig.

„Du hast mich damals befreit. Jetzt befreie ich dich.“

Darunter ein Datum.
Eine Uhrzeit.
Ein Ort.

Schubert wollte ein Treffen.
Oder ein Spiel.

Ich wusste nicht, was schlimmer war. Aber ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab.

Als der Abend des Treffens kam, hatte ich nur zwei Möglichkeiten: hingehen oder fliehen. Und ich wusste, dass Flucht nur eine andere Form von Schuld war.

Ich nahm mein altes Aufnahmegerät mit. Und den Mut, den ich irgendwo tief unter den Schichten aus Scham und Schweigen wiedergefunden hatte.

Was auch immer dort auf mich wartete – es war Teil von mir.
Und diesmal würde ich nicht schweigen.

Das Treffen

Der Ort war verlassen. Eine abgelegene Lagerhalle am Rand des 22. Bezirks. Früher wurden hier Reifen gelagert, jetzt nur noch Staub und Schatten.

Ich kam zehn Minuten zu früh. Alte Angewohnheit. Kontrolle ist ein Reflex von Menschen, die wissen, dass sie keine mehr haben.

Das Neonlicht flackerte. Es roch nach kaltem Eisen und modriger Pappe. Meine Schritte hallten wie fremde Erinnerungen.

Dann hörte ich es:

Ein trockenes, keuchendes Atmen.
Ich drehte mich um. Und da stand er.

Schubert.

Nicht mehr der ruhige Lehrer von damals. Sein Körper wirkte ausgehöhlt, eingefallen. Die Haut grau, als hätte jemand die Farbe aus ihm gezogen. Seine Augen jedoch – dieselben. Klar. Wach. Gefährlich.

„Max“, sagte er, als wäre das hier ein Wiedersehen alter Freunde. Die Stimme war heiser, brüchig.

„Du hast meine Briefe bekommen.“

Ich sagte nichts.

Er lachte heiser. „Gut. Du weißt also, warum du hier bist.“

Ich wusste es nicht. Aber ich fühlte es.

Er winkte mich näher, tastete sich an einer alten Wand entlang. Sein Atem rasselte. Als wäre jeder Schritt eine Zumutung.

„Du suchst Antworten“, flüsterte er. „Gerechtigkeit.“

Das Wort klang falsch in seinem Mund.
Er zeigte auf eine Ecke der Halle. Dort lagen zwei alte Europaletten. Mit Staub bedeckt, aber nicht alt genug.

„Heb sie hoch.“

Ich tat es. Darunter – Erde. Frisch umgegraben.
Ein süßlicher Geruch stieg auf.

Ich erstarrte.
Schubert lächelte schwach. „Manchmal muss man zurückkommen, um Dinge zu erledigen.“

Die Erde war weich. Dunkel. Und darunter… Stoff.
Ein Stoffschnipsel eines Mantels.
Ein Stück Schuh.
Und Haare.

Ich erkannte sie.
Von den Fotos.
Von den Akten.

Die beiden verschwundenen Mädchen.
Die, die man nie gefunden hatte.
Mir wurde kalt. Eine Kälte, die von innen kam.

Die Einladung zum Mord

„Warum zeigst du mir das?“ flüsterte ich.

Schubert lachte trocken, ein Geräusch wie brechende Zweige. „Weil du es wolltest. Schon damals.“

Er trat näher. Zu nah.

„Ich bin krank, Max.“ Er öffnete die Jacke. Ein medizinischer Zugang steckte in seinem Oberarm, die Haut darum verfärbt. „Nicht mehr lange.“

Ich sah den Tod bereits in seinem Gesicht. Er war nur eine Frage der Zeit.

„Du wolltest mich aufhalten. Damals. Später auch. Du hättest es tun sollen.“

Seine Stimme wurde weicher. Fast bittend.

„Jetzt kann dich niemand mehr verurteilen. Nicht wirklich. Ich habe dir alles gegeben, was du brauchst. Beweise. Geständnisse.“

Er machte einen Schritt zurück und öffnete die Hände.

„Ich bin hier, Max… damit du die Arbeit endlich zu Ende bringst.“

Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. Ein Druck in der Brust. Ein alter Schmerz. Ein neuer.

Er wollte, dass ich ihn töte.
Er bot mir die moralische Falle an, die ich jahrelang gefürchtet hatte.

Ich atmete schwer.

„Es ist Zeit“, flüsterte Schubert.

Sein Kopf neigte sich. Seine Augen glänzten. Fast friedlich.
Und in diesem Moment wusste ich:

Er war der Mörder.
Aber ich sollte der Henker sein.

Und irgendwo tief in mir – war die Stimme, die fragte:
„Und wenn das Gerechtigkeit wäre, wieder einmal?“

Schubert wankte einen Schritt zurück, stützte sich an einer Betonstütze ab. Sein Atem rasselte wie eine rostige Kette. Doch seine Stimme fand noch einmal Kraft.

„Wenn du mich befreist, Max…“

Ich sah ihn an. Dieses Wort brannte.
Befreien.
Nicht töten. Nicht richten. Befreien.
Er machte Verbrechen zu Gefühlen. Zu Entscheidungen. Zu Moral.

„…wenn du mich befreist, sage ich dir, wo die anderen sind.“

Mir gefror das Blut.

„Welche anderen?“

Sein Lächeln war schwach, aber grausam.
„Es waren nie nur drei, Max.“

Er hustete, Blut glänzte an seiner Lippe. „In Rumänien, in Norwegen, in Kolumbien. Kleine Orte. Niemand sucht dort. Niemand fragt.“

Ich fühlte, wie die Halle sich um mich drehte, setzte mich in den Staub.

„Du willst Gerechtigkeit? Dann gib sie mir. Befreie mich. Und ich gebe dir die Wahrheit. Hier auf diesem USB Stick.“

Seine Worte schnitten tiefer als jedes Messer. Und während ich dasaß, zwischen seinen Gräbern und seinen Geständnissen, begriff ich:

Er wollte sterben. Von meiner Hand.
Damit ich derjenige bin, der sein Vermächtnis trägt.
Seine Grausamkeit weiterführt.
Sein Richter werde.

Ich schüttelte den Kopf.
Zu langsam. Zu spät.

Hinter mir knackte etwas.
Ein leises, vorsichtiges Geräusch.
Als ich mich umdrehte, sah ich sie.

Die Schwester

Eine junge Frau stand im Eingang der Halle. Schwarz gekleidet, das Haar streng zurückgebunden. Ihre Hände zitterten.

Ich brauchte nur einen Moment, um sie zu erkennen.
Sie war älter geworden, härter, aber der Blick… den kannte ich.
Silvia.

Die ältere Schwester von Lina.

Ich hatte sie damals im Gericht gesehen. Wie sie die Aussage ihrer kleinen Schwester verteidigte, während die Richter gelangweilt blickten.
Ihre Augen brannten jetzt wie damals.

„Max“, sagte sie. „Geh zur Seite.“

In ihrer Hand – ein kleines Etui.

Ein Insulinpen.

Gefüllt auf Maximum.

Zu viel für jeden Körper.
Mir stockte der Atem.

„Silvia…“

„Er hat sie getötet“, flüsterte sie. „Er hat sie alle getötet. Und jetzt will er dich benutzen, damit er noch einmal Bedeutung hat.“

Schubert lachte heiser. „Du bist zu spät, Silvia.“

„Nein“, sagte sie. „Diesmal nicht.“

Bevor ich eingreifen konnte, war sie bei ihm.

Schnell. Entschlossen.

Sie rammte ihm die Nadel in den Hals und drückte den gesamten Inhalt hinein. Ein einziger, fließender Stoß.

Schubert röchelte. Seine Augen weiteten sich. Keine Angst.
Nur… Erleichterung.

„Befreien…“ hauchte er.

Dann sackte er zusammen.

Silvia trat zurück. Kein Zittern. Keine Tränen.
Nur ein stiller, eiskalter Sieg.

Später, im Polizeikommissariat, saß Silvia vor mir. Ihre Hände lagen gefaltet auf dem Tisch.

„Er hat sie alle getötet“, sagte sie zu mir. „Ich habe ihm nur gegeben, was er verdiente.“

„Du sagst den Ermittlern kein Wort, Silvia, ich bin dein Anwalt.“

Die Ermittler redeten. Paragraphen, Mordmerkmale, Tathergang.

Ich hörte nichts davon.
Ich hörte nur meinen eigenen Atem und das ferne Echo seiner Worte:

„Du wolltest Gerechtigkeit. Befreie mich.“

Silvia blickte mich an.
„Max… du wirst mich doch verteidigen?“

Ich wusste, dass sie schuldig war.

So schuldig wie jeder, der die Entscheidung selbst trifft, Leben zu nehmen.
Aber ich sah auch ihr Gesicht, das Gesicht eines Menschen, dem die Justiz nie geglaubt hatte.

Einer Schwester, die Jahre in Dunkelheit verbrachte.

Einer Frau, die im Schatten der Lügen lebte, die ich einst mit verteidigt hatte.

Und da war die Frage wieder.
Dieselbe Frage, die mich mein ganzes Leben verfolgt:

Was ist Gerechtigkeit?
Ich atmete tief durch.

„Ja“, sagte ich schließlich. „Ich werde dich verteidigen.“

Und in diesem Moment wusste ich:

Ich tat es nicht für sie.
Nicht für das Gesetz.
Nicht für die Wahrheit.
Ich tat es, weil ich selbst etwas suchte.
Nicht Gerechtigkeit.
Nicht Rache.
Sühne.

„Silvia eine Frage, bist du Zuckerkrank?“
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