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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 18.08.2022, 11:18   #1
Sunyata
 
Dabei seit: 01/2022
Beiträge: 27

Standard Am Mühlbach

Ein Laubblatt folgt
Den strömenden Schnellen
In ungewisse Ferne
Tanzt mit tausend Tropfen
Von Stein zu Stein
Entflieht knapp dem Versinken

Bald ist's entschwunden
hinab an den Kaskaden

Dort springt es weiter umher
Oder findet Ruhe
An einem grünen Ufer
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Alt 26.08.2022, 15:10   #2
weiblich Candlebee
 
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Dabei seit: 04/2022
Ort: noch auf diesem Planeten
Beiträge: 300

Hallo Sunyata,

ich bin mitgeschwommen. Ein schönes Bild hast du gemalt. Ich möchte jetzt gern das Laubblatt sein. Schwitz! Hab ich gern gelesen.

Nette Grüße, Candlebee
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Alt 26.08.2022, 22:37   #3
männlich MonoTon
 
Benutzerbild von MonoTon
 
Dabei seit: 04/2021
Ort: zu Hause
Beiträge: 526

Hallo Sunyata

Dein Vers Libre wirkt auf mich wie 3 zusammengelegte Senryu mit 2 Distichen als einschub, um eine gedankliche Zäsur zu erzwingen in Form eines abfallenden Tonus, Inhaltlich an den Kaskaden orientiert und somit versinnbildlich dargestellt.
Der Gesamttext wirkt, als wolle man in ihm 3 separate Gedanken formulieren, dessen Zusammenhang eher sprunghaft erscheint. Bzw werden für mich augenscheinlich 3 separate Metaphern in Aphorismen darstellen, die zufällig Zusammenhang vermitteln.

Zitat:
Ein Laubblatt folgt
Den strömenden Schnellen
In ungewisse Ferne
Tanzt mit tausend Tropfen
Von Stein zu Stein
Entflieht knapp dem Versinken

Bald ist's entschwunden
hinab an den Kaskaden

Dort springt es weiter umher
Oder findet Ruhe
An einem grünen Ufer
Das Laubblatt ist augenscheinlich ein schönes Bild, aber bist du dir sicher, das ein Laubblatt bei Regen nicht versinkt? Seine Form erinnert mich eher an ein kleines Boot. Selbst in skelletierter Form würde es Regen fangen und den Regen auf sich sammeln bis es vom Druck unter geht. Die strömenden Schnellen unterstützen diese Annahme sogar weil keine Kontrolle besteht, nur willkür.

Die Zäsur zwischen Ferne und Tanzt ist extrem hart, was den Augenschein erweckt, dass es sich um nicht zusammenhängende Texte handelt, die zu beginn aus Terzetten bestanden, in Form von Senryu.

Die Kaskaden münden in Verwirbelungen, aus denen es für ein armes kleines Blatt nach dem Eintauchen kein entkommen gibt. Es wird auf Ewig am Fuße des Wasserfalles unter Wasser gedrückt werden und sich in der Verwirbelung im Kreise drehen.

Es scheint in Mode zu sein Versanfänge Groß zu schreiben ohne ersichtliche Interpunktion. Mir persönlich sind das zuviele Großbuchstaben auf einmal.

LG Mono
MonoTon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.08.2022, 05:16   #4
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 28.520

Mir ist das Gedicht zu banal, Da wird ein Blatt auf der Wasseroberfläche getrieben, fällt einen kleinen Wasserfall hinunter und hakt sich dann am Ufer fest - na und?

Mein Blatt

drehte sich wild im Kreise, versuchte, sich gegen die Strömung zu stemmen, klebte an einem Holz oder Felsen, um nicht mit dem Katarakt in eine Untiefe gepresst zu werden. Es tanzte und steppte auf den Wellen, um sie zu unterbrechen, scheiterte, denn alles fließt, wurde dennoch vom Katarakt mitgerissen und landete dann erschöpft an einem Ufer, um von einer Wasserratte gefressen zu werden.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.08.2022, 09:17   #5
weiblich Donna
 
Dabei seit: 02/2020
Beiträge: 365

Nun, liebe Sunyata,
es mag an der Stärke deiner Bilder liegen, welche eine reflexartige Tabuisierung auslösen können. Manch Leser weiß seine tiefersitzende Angst nur noch mit dem Stempel der Banalität zu schützen. Und, man darf nicht vergessen, nicht jedem ist der geistige Transfer zu einer anderen Ebene gegeben, so dass die Bedauerlichkeit entstehen könnte, dass ein anderer sich u.U. mit der Banalität seiner eigenen Bilder abzufinden hat; vorrausgesetzt, dass man dem keine launenhafte Herabwürdigung oder gelangweilte Abgeklärtheit gegenüber deinen Zeilen unterstellen wollte.
Aber zum Glück sind die Lesarten sehr unterschiedlich.
Tot und Geburt, Liebe, Hass, Krieg, Frieden und Gerechtigkeit Stolz und Schönheit sind nunmal die großen Themen, die unser Lebensdrama ständig erfüllen. Wohl kaum ein guter Roman, der uns ansprechen will, kommt ohne eines dieser wuchtigen Elemente aus.
Welche Assoziationen wollen bei mir spontan aufkommen. Ein welkes Blatt hat gelebt, es ist tot, und auf seiner letzten Reise (vllt. auf dem Styx) ist es bereit für eine Metamorphose. Das Blatt nimmt den Blick des Lesers mit ( vllt. in in Richtung Hades). Es ist kein ruhiger Abschied, er ist bewegt, begleitet von Vermutungen (3. Strophe).
Der Grundgedanke einer japanischen Gedichtsform ist hier naheliegend, da er einen Nachklang erzeugt, welcher stark an eine Naturbeobachtung geknüpft ist. Wer will, kann sich mit in den Strom von unausgesprochenen Gedanken hineinziehen lassen.
gerne gelesen,
Donna
Donna ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.08.2022, 14:26   #6
männlich Thomas Oy
 
Dabei seit: 04/2022
Ort: dortmund
Beiträge: 70

Liebe Grüße Sunyata,

Hat mich unmittelbar angesprochen. Lob!
Thomas Oy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.08.2022, 14:41   #7
männlich petrucci
 
Dabei seit: 05/2021
Beiträge: 399

Zitat:
Zitat von Donna Beitrag anzeigen
dass ein anderer sich u.U. mit der Banalität seiner eigenen Bilder abzufinden hat; vorrausgesetzt, dass man dem keine launenhafte Herabwürdigung oder gelangweilte Abgeklärtheit gegenüber deinen Zeilen unterstellen wollte.
Das Kontextualisieren und Intellektualisieren lernt man je nach Studiengang in der Universität. Viele haben mit der trügerischen Banalität ihre Probleme und scheitern dann vor Ort. Vor vielen Jahren besuchte ich einen Fotografiekurs, der von einem Dozenten gegeben wurde, ich glaube, Professor Peter oder Philip Geiser oder Geißer hieß er. Jedenfalls war ich extrem schockiert, auf welche Ebene man es treiben kann, ein normales Bild mit einem verrosteten Blech zu intellektualisieren. Das war schon beeindruckend.

Als Erstes interessiert mich der Titel, da "Mühlbach" ein aufgeladener Begriff ist, den man nicht nur in Österreich findet. Auch in Deutschland besitzen "Mühlenweg" und "Mühlenbäche" ihre historischen Hintergründe, die nicht selten im Sorbischen verwurzelt sind.

Mir gefällt die Form, sie wirkt leichtfüßig und unbemüht oder unbekümmert. Der Zeilenstil wirkt ungezwungen, greift metaphorisch tief in den Trickkiste. Beim ersten Durchlesen erinnern mich die Zeilen an Schowjeskies "Lerchentanz", in dem ein Blatt auf unmerkliche Weise zu einer Lerche wird - andererseits erinnert es mich aber auch an die ein oder andere Prosa von Rainer Maria Rilke und an die Leichtigkeit eines jungen Heines mit seiner Ich-Lyrik.

Was mir am meisten gefällt, ist, dass das Werk den Lebensfluss zu entdramatisieren scheint, mit all den Höhen und Tiefen und das Ende lässt zweierlei Schlüsse zu: Es wird enden oder ankommen, aber in Frieden bzw. in Ruhe.
Das ist sehr kulturoptimistisch und lässt auf eine sehr positive, intelligente und reife Lebenseinstellung des LI schließen. Es ist aber auch nicht falsch. Denn egal was vorher war, es wird danach unwichtig sein. Was aber immer gegeben ist, es führt irgendwohin.

Geschrieben ist es wunderbar. Die Zeilen muten sehr locker an, keinerlei Zwang lässt sich erkennen. Diese Zwanglosigkeit ist vielleicht ein Abgeklärtsein. Ein wunderbares Werk, das ich sehr gern gelesen habe und in meine Favoriten aufnehme.
petrucci ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.08.2022, 15:10   #8
männlich Ex-Tristanhirte
abgemeldet
 
Dabei seit: 12/2021
Beiträge: 139

Das sind in ihrer Differenziertheit neben den hier omnipräsenten pejorativen Pauschalkeulen mal wieder wohltuende Kommentare.

Zum Gedicht: Kann mich dem Lob nur anschließen, wunderschön, kontrastreich aber in sich stimmig und trotz der vermeintlichen Banalität über das exponierte Bild hinausgehend geschrieben. Auch für mich ein Fav

Zitat:
Zitat von petrucci Beitrag anzeigen
Was mir am meisten gefällt, ist, dass das Werk den Lebensfluss zu entdramatisieren scheint, mit all den Höhen und Tiefen und das Ende lässt zweierlei Schlüsse zu: Es wird enden oder ankommen, aber in Frieden bzw. in Ruhe.
Das ist sehr kulturoptimistisch und lässt auf eine sehr positive, intelligente und reife Lebenseinstellung des LI schließen. Es ist aber auch nicht falsch. Denn egal was vorher war, es wird danach unwichtig sein. Was aber immer gegeben ist, es führt irgendwohin.
Ich glaube, Naturbilder - besonders solche vermeintlicher „Unberührtheit“ - taugen allgemein sehr gut, um den drohenden Charakter der Vergänglichkeit zu entschärfen. In ihnen klingt oftmals noch die pastorale Tradition des 17.-19. Jahrhunderts an, vor allem in ihrem „bäuerlich-ländlichen“ Ambiente, das damals durch ihren postulierten Gegensatz zum hektischen, „künstlichen“ Stadtleben mit Ursprünglichkeit, Originalität und Ausgeglichenheit konnotiert wurde. Der von dir erwähnte unbekümmerte, unbemühte Ton tut hier sein Übriges, um das Bild zu stärken.
Ex-Tristanhirte ist offline   Mit Zitat antworten
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