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#1 |
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Die Gefängnisinsel
Kapitel 1: Die Insel Der Nebel verzog sich, als die Sonne des frühen Morgens sich über das Meer legte. Weit draußen im Pazifik erhob sich eine Insel, so groß, dass ihre Silhouette wie ein eigener Kontinent wirkte. Schon aus der Ferne schimmerten die Farben: das tiefe Grün der Wälder, das steingraue Band der Klippen, das Glitzern der Seen, die zwischen den Hügeln zu erkennen waren. Im Zentrum ragten Berge auf, deren Spitzen von weißen Wolken umhüllt waren. Wasserfälle stürzten in klare Schluchten, sammelten sich in Flüssen und speisten die Seen, die das Herz der Insel bildeten. Die Wälder wirkten unberührt, uralt, und in ihnen lebte eine Vielfalt von Tieren – Vögel, die in der Dämmerung schrien, und Wild, das den Bewohnern Nahrung versprach. An den Küsten wechselte das Bild: Dort, wo Klippen und scharfe Riffe jede ungewollte Annäherung vereitelten, donnerte die Brandung gegen das Gestein. An anderen Stellen lagen sanfte Strände, weißer Sand, von Palmen gesäumt – wunderschön und zugleich trügerisch, denn kein Mensch konnte die Insel ohne das eine Tor verlassen: den Hafen. Dieser Hafen war unscheinbar, ein einfacher Steg aus Beton und Holz, doch er war das Nadelöhr zwischen Freiheit und Gefangenschaft. Hinter ihm erhob sich ein Komplex aus Gebäuden: das Verwaltungsgebäude, das zugleich Wohnsitz des Direktors war, und das große Gefängnishaus, das eher wie ein Wohnheim aussah als wie ein klassischer Kerker. Die Fassaden waren schlicht, die Fenster vergittert, aber nicht wie Zellen – mehr wie die stummen Augen eines schlafenden Riesen. Abseits davon lagen Felder, auf denen Gemüse angebaut wurde, und Weiden, auf denen Vieh graste. Pferde bewegten sich träge unter der Morgensonne, Lastwagen standen still am Rand der Wege, die durch die Insel führten. Der Rauch aus Schornsteinen der kleineren Häuser mischte sich mit dem Duft der Wälder – das Leben hier war hart, aber möglich. Die Insel war streng organisiert, doch es gab auch eine stille Schönheit, die niemand leugnen konnte. Wenn die Sonne hinter den Bergen versank, färbte sich der Himmel purpurrot, und das Meer verwandelte sich in eine glatte Fläche, die wie ein Spiegel wirkte. Ein Ort, der paradiesisch wirken konnte – wäre da nicht die unsichtbare Mauer aus Regeln, Gewalt und Strafe, die alles durchdrang. Dies war die Bühne. Und an diesem Tag näherte sich ein Schiff, beladen mit neuen Gesichtern, neuen Geschichten – Menschen, die diese Welt verändern würden. Kapitel 2: Die Ankunft & Die Figuren Das Dröhnen der Schiffssirene hallte über den Hafen. Der alte Frachter legte schwerfällig am Steg an, während Möwen kreischend über dem Wasser kreisten. Eine Gangway wurde heruntergelassen, und die Gefangenen drängten sich nach vorne, jeder mit einem Sack oder nur den Kleidern, die er am Leib trug. Schweigende Blicke, Furcht, Misstrauen – so begann für sie das Leben auf der Insel. Am Dock standen jene, die schon seit Jahren über diesen Ort wachten. Der Gefängnisdirektor Vor der Menge trat Direktor Aurelian Hartmann hervor, ein Mann mit durchdringendem Blick und scharf geschnittenen Zügen. Er war in den Fünfzigern, seine Haare bereits von Grau durchzogen, und er trug eine Uniform, die mehr an einen Richter als an einen Soldaten erinnerte. Hartmann galt als streng, aber nicht willkürlich. Auf dieser Insel war er Gesetz und Gericht in einer Person – sein Wort entschied über Freiheit innerhalb der Gemeinschaft oder über Strafe, im schlimmsten Fall über Leben und Tod. Die Frau des Direktors An seiner Seite stand seine Frau Elena Hartmann, eine ruhige, geheimnisvolle Gestalt. Sie hatte die Insel nie verlassen, seit ihr Mann das Amt übernommen hatte. Manche nannten sie die „heimliche Stimme im Ohr des Direktors“. Sie kümmerte sich um Gärten, Krankenversorgung und hatte ein scharfes Gespür für Lügen. Die Wächter Hinter dem Direktor positionierten sich mehrere Wächter, alle bewaffnet. Unter ihnen ragte Kain Becker hervor – ein breitschultriger, schweigsamer Mann mit einer langen Narbe über dem Auge. Er war bekannt für seine Härte, und die Gefangenen wussten: Wenn Becker mit den Hunden kam, war es ernst. Neben ihm stand Mira Solberg, eine jüngere Wächterin, deren Augen stets wachsam, aber nicht kalt wirkten. Im Gegensatz zu Becker war sie dafür bekannt, mit den Gefangenen zu sprechen, Regeln zu erklären – nicht nur Furcht zu säen. Die neuen Gefangenen Die Gangway bebte unter den Schritten der Neuankömmlinge. Unter ihnen stachen einige heraus: Jonas Keller, ein drahtiger Mann Anfang dreißig, angeblich ein politischer Gefangener, der behauptete, unschuldig zu sein. Seine Augen funkelten voller Trotz. Rafael „Rafe“ Ortega, einst ein Schmuggler und Anführer einer Gang. Sein selbstsicheres Grinsen wich nicht einmal jetzt, als er auf den Hafen trat – als wäre diese Insel nur ein weiteres Geschäft, das er kontrollieren lernen wollte. Lina Varga, eine Frau mit ruhigem Blick, deren Schweigen schwerer wog als Worte. Niemand wusste genau, weshalb sie hier war, doch ihre Narbe am Hals sprach von Gewalt. Magnus Thorsen, ein bulliger Mann mit Tätowierungen, einst verurteilt wegen Mordes. Die Wächter hielten ihn besonders im Auge, als er die Planken betrat. Hartmann ließ die Gefangenen antreten. Seine Stimme war fest, als er sprach: „Ihr seid hier, weil ihr in der Welt da draußen keinen Platz mehr hattet. Doch hier – auf dieser Insel – habt ihr die letzte Chance auf ein Leben. Haltet euch an die Regeln, arbeitet, seid Teil der Gemeinschaft. Brecht die Regeln – und ihr werdet die Strafe tragen.“ Ein Schweigen lag in der Luft. Die Wächter führten die Neuankömmlinge zum Lastwagen, der sie zum Wohnhaus bringen würde. Pferde wieherten in der Ferne, ein Hahn krähte – und während die Sonne stieg, begann das Leben der Neuankömmlinge im Schatten des neuen Paradieses, das zugleich ihr Gefängnis war. Kapitel 3: Das Wohnhaus & Die ersten Begegnungen Der Lastwagen rumpelte über den schmalen Weg, der vom Hafen ins Innere der Insel führte. Links und rechts erstreckten sich Felder, auf denen Gefangene in einfachen Leinenhemden arbeiteten, manche pflanzten Reihen von Gemüse, andere trieben Vieh über die Weiden. Niemand sprach mit den Neuankömmlingen, aber die Blicke, die ihnen folgten, waren eindeutig: prüfend, neugierig, manche feindselig. Das „Wohnhaus“ erhob sich schließlich am Rand eines Hügels – ein massives Gebäude aus grauem Stein, drei Stockwerke hoch, mit langen Balkonen und vergitterten Fenstern. Es wirkte nicht wie ein Kerker, eher wie ein Internat, und doch hing über allem eine bedrückende Schwere. Im Inneren roch es nach Holz, gekochtem Gemüse und kaltem Metall. Ein langer Flur führte zu Schlafsälen, jeder von ihnen voller eiserner Betten, in denen bereits Gefangene lebten. Keine verschlossenen Zellen, keine Ketten – nur das ungeschriebene Gesetz, dass niemand ohne Erlaubnis verschwand. Die Neuankömmlinge wurden in den Speisesaal geführt, wo lange Tische aus groben Bohlen standen. Einige der älteren Insassen hatten ihre Mahlzeit unterbrochen und sahen neugierig herüber. Die alten Insassen Samuel „der Lehrer“ Reiter, ein Mann um die sechzig, der einst Universitätsprofessor gewesen war, saß mit einem Notizbuch in der Hand am Fenster. Er hob kaum den Kopf, notierte etwas, und doch wusste jeder, dass er jedes Gesicht genau registrierte. Hana Okabe, eine zierliche Frau mit blitzschnellen Augen, saß mit einer Gruppe jüngerer Gefangener zusammen. Sie war wegen Diebstahls verurteilt worden, aber hier hatte sie sich einen Ruf als geschickte Organisatorin aufgebaut. Gregor Stahl, ein breitschultriger Ex-Soldat, lehnte in der Ecke und musterte Magnus Thorsen mit einem grimmigen Grinsen. Alte Feindschaften oder vielleicht nur Instinkt – es war klar, dass hier zwei Raubtiere in einem Käfig aufeinandertrafen. Die Einführung Direktor Hartmann trat ein, gefolgt von Wächterin Mira Solberg. Hartmann sprach kurz, aber eindringlich: „Ihr werdet in Gruppen eingeteilt. Jeder von euch erhält eine Aufgabe: Feldarbeit, Viehzucht, Bau oder Werkstätten. Es gibt keinen Lohn, nur Versorgung – Essen, Wasser, Kleidung. Wer sich entzieht, verliert seine Privilegien. Wer die Regeln bricht, wird bestraft.“ Ein Murmeln ging durch die Reihen. Lina Varga blieb stumm, während Rafe Ortega schon begann, mit einem Grinsen Blicke auszutauschen – als hätte er sofort vor, Kontakte zu knüpfen. Jonas Keller hob den Kopf, als wolle er protestieren, schwieg aber. Die Mahlzeit wurde serviert – Eintopf aus Gemüse, Brot, Wasser. Einfach, nahrhaft. Während die Neuankömmlinge aßen, begannen die Gespräche leise. Einige Alte stellten Fragen: „Woher kommst du? Wofür bist du hier?“ Andere schwiegen, musterten, warteten ab. Die Spannung Als Magnus Thorsen seinen Teller leerte, schob er ihn mit einem Krachen beiseite und stand auf. Sein Blick blieb an Gregor Stahl hängen, der in der Ecke noch immer grinste. Für einen Augenblick war es totenstill im Raum, als die beiden Männer einander fixierten. Doch bevor etwas geschehen konnte, legte Mira Solberg ihre Hand ruhig auf den Griff ihres Gewehrs. „Setzt euch“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie schnitt durch die Stille. Magnus brummte etwas, setzte sich wieder und lachte leise, als wäre das Ganze nur ein Spiel. Doch die Botschaft war klar: Auf dieser Insel war jeder Blick, jedes Wort ein möglicher Beginn von Machtkämpfen. Und während die Sonne draußen über den Feldern stand, wussten die Neuankömmlinge: Das Paradies hatte Regeln, und jeder Fehltritt würde teuer bezahlt. Kapitel 4: Die ersten Tage Der Morgen begann mit dem Schlagen einer Glocke. Noch war es dunkel, nur der schwache Schimmer der Dämmerung lag über den Feldern. Die Neuankömmlinge wurden geweckt, erhielten schlichte Arbeitskleidung – Leinenhosen, grobe Hemden, robuste Stiefel – und dann in den Hof geführt. Direktor Hartmann wartete dort, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Neben ihm stand Wächter Kain Becker mit den Hunden. Hartmann sprach nicht lange: „Heute beginnt eure Arbeit. Jeder von euch trägt seinen Teil, ob auf dem Feld, im Stall, beim Holz oder in den Werkstätten. Wer sich entzieht, entzieht sich der Gemeinschaft. Und das dulden wir nicht.“ Die Aufgabenverteilung Jonas Keller wurde den Feldern zugeteilt. Mit Hacke und Schaufel musste er Seite an Seite mit anderen Gefangenen Gemüse pflanzen. Er schwitzte unter der Sonne, sein Körper nicht an die harte Arbeit gewöhnt. Immer wieder stahl er Blicke zu den Wächtern – als suchte er nach einem Schwachpunkt im System. Rafe Ortega kam in den Stallungen unter. Dort kümmerte er sich um Vieh und Pferde, lachte mit den anderen Gefangenen und sprach schon nach wenigen Stunden von „Geschäften“ und „Gefälligkeiten“. Seine Art war gefährlich charmant. Lina Varga wurde in die Werkstätten geschickt, wo aus Holz Möbel, Werkzeuge und Wagenräder gefertigt wurden. Still, konzentriert, ohne ein unnötiges Wort, machte sie ihre Arbeit. Die anderen beobachteten sie – eine Frau, die mehr Geheimnisse als Antworten mitbrachte. Magnus Thorsen schließlich landete bei den Holzfällern im Wald. Dort konnte er seine Kraft ausleben, den Axtschwung in die Stämme treiben. Doch jeder Schlag klang, als ob er ein Ventil für seine Wut wäre. Der Alltag Die Insel hatte ein hartes, aber klares System: Arbeit am Tag, Essen in der Gemeinschaft, abends wenige Stunden Ruhe. Manche spielten Karten, andere erzählten Geschichten oder saßen schweigend. Die Wachen hielten sich meist zurück – solange die Regeln eingehalten wurden. Doch es dauerte nicht lange, bis die Neuankömmlinge die erste Lektion erhielten. Das Vergehen Am dritten Abend wurde ein Diebstahl gemeldet: Zwei Brote fehlten aus der Küche. Es war nichts Großes – und doch etwas, das hier nicht toleriert wurde. Die Gerüchte schossen sofort umher, und schließlich wurde ein junger Gefangener aus der Gruppe der Neuankömmlinge beschuldigt. Hartmann ließ ihn vor der Gemeinschaft antreten. Alle versammelten sich im Hof. Die Glocke schlug, die Wächter standen mit Fackeln. „Das Gesetz ist einfach“, sagte Hartmann. „Ihr stehlt nicht. Ihr nehmt nicht, was der Gemeinschaft gehört.“ Der Junge beteuerte seine Unschuld, aber die Beweise waren eindeutig: Krümel in seiner Tasche, Zeugen aus der Küche. Die Strafe: Zehn Hiebe mit der Peitsche, vor den Augen aller. Becker vollstreckte, und das Schreien des Jungen hallte über den Hof. Danach wurde er zurück in den Schlafsaal gebracht, wo zwei andere Gefangene ihn versorgten. Die Wirkung Niemand zweifelte mehr an der Härte der Regeln. Selbst Rafe Ortega schwieg an diesem Abend. Jonas Keller starrte stumm in die Dunkelheit, während Lina Varga nur stiller wurde. Und doch, im Schatten der Wälder, während die Nacht über die Insel fiel, tuschelten bereits Stimmen. Manche flüsterten von Flucht, andere von Machtkämpfen. Das Paradies war schön – aber es konnte in jedem Moment zur Hölle werden. Kapitel 5: Das Dorf der Ausgestoßenen Die Tage auf der Insel liefen gleichförmig, und doch lag nach der Auspeitschung des Jungen ein schweres Schweigen über den Neuankömmlingen. Jeder wusste nun, wie streng die Regeln waren. Aber die Härte der Insel ging über Peitschenhiebe hinaus – und das erfuhren sie nur wenige Tage später. Der Konflikt In der Werkstatt kam es zu einem Streit. Lina Varga arbeitete schweigend an einem Rad, als ein anderer Gefangener – ein bulliger Mann namens Karol Drenk, seit Jahren auf der Insel – sie bedrängte. Worte wurden lauter, ein Werkzeug flog, und ehe jemand eingreifen konnte, hatte Karol einen jüngeren Gefangenen mit einem Hammer verletzt. Nicht tödlich, aber schwer. Die Wächter rissen Karol fort. Am Abend wurde erneut die Glocke geläutet. Wieder versammelte sich die Gemeinschaft im Hof, doch diesmal war die Strafe anders. Direktor Hartmann trat hervor, die Hände verschränkt, Elena an seiner Seite. Seine Stimme war ruhig, fast kalt: „Nicht jedes Vergehen wird mit dem Tod geahndet. Doch wer sich als Gefahr für die Gemeinschaft erweist, wer wiederholt Gewalt verübt, der verliert sein Recht, unter uns zu leben.“ Er wandte sich an die Neuankömmlinge: „Ihr sollt wissen, dass es auf dieser Insel einen weiteren Ort gibt. Einen Ort, an dem keine Hilfe, keine Versorgung und keine Gnade gewährt wird. Die Verbannten leben dort – Männer und Frauen, die so tief gefallen sind, dass sie nur noch unter ihresgleichen überleben können. Wer dorthin geschickt wird, darf nie mehr zurückkehren.“ Das Dorf Am nächsten Morgen führten die Wächter eine kleine Gruppe von Gefangenen hinaus, um Karol Drenk in das Dorf der Ausgestoßenen zu bringen. Auch einige der Neuankömmlinge durften mit, um zu sehen, was sie erwartete, wenn sie die Regeln brachen. Der Weg führte durch Wälder und über Hügel, bis sich eine Lichtung öffnete. Dort lag ein armseliges Dorf: Hütten aus Treibholz, Blech, gestohlenen Brettern. Rauch stieg aus wenigen Feuern, der Gestank von Schmutz und Krankheit lag in der Luft. Männer mit harten Gesichtern, Frauen mit vernarbten Körpern traten aus den Hütten. Ihre Augen waren stumpf, misstrauisch, manche glitten sofort über die Neuankömmlinge – wie Raubtiere, die Beute mustern. Hier gab es keine Wachen, keine Regeln außer dem Gesetz des Stärkeren. Die Verbannten mussten selbst für Nahrung sorgen, oft durch Jagd, Diebstahl von Feldern oder Handel mit Schmuggelware. Wer zu schwach war, ging unter. Karol wurde vor die Bewohner gestellt. Hartmann sprach keine weiteren Worte. Er nickte nur, und die Wächter stießen den Mann nach vorne. Sofort schlossen sich die Ausgestoßenen um ihn, manche lachend, andere schweigend. Ein neues Mitglied – ein weiteres Schicksal im Schatten. Die Wirkung auf die Neuankömmlinge Für Jonas Keller war es ein Schock. Er flüsterte später: „Das ist schlimmer als jede Zelle. Das ist… ein Todesurteil auf Raten.“ Rafe Ortega hingegen grinste nur schmal: „Oder eine Gelegenheit. Wo keine Regeln sind, kann man Macht haben.“ Lina Varga schwieg, doch ihre Augen ruhten lange auf dem Dorf, als ob sie etwas daran kannte oder verstand. Magnus Thorsen knurrte leise: „Dort gehöre ich nicht hin. Niemals.“ Als sie zum Wohnhaus zurückkehrten, wusste jeder: Die Insel hatte viele Gesichter. Paradies. Gefängnis. Und Hölle – in Form des Dorfes der Ausgestoßenen. Und dies war nur der Anfang. Kapitel 6: Die erste Verhandlung Es begann an einem schwülen Abend, als die Luft schwer über den Feldern hing. Im Speisesaal des Wohnhauses kam es zu einer Auseinandersetzung – eine jener hitzigen Diskussionen, die schnell in Gewalt umschlagen konnten. Magnus Thorsen, der bullige Mörder, hatte seit Tagen Spannungen mit Gregor Stahl, dem Ex-Soldaten aus den alten Insassen. Blicke, spöttische Bemerkungen, das Gefühl, dass beide sich beweisen mussten. Diesmal jedoch eskalierte es: Ein Messer, eigentlich ein Werkzeug aus der Küche, blitzte auf. Ein Schrei. Blut. Als die Wächter den Raum stürmten, lag Gregor am Boden, die Brust aufgeschlitzt, während Magnus mit blutverschmierter Hand daneben stand. Er ließ die Waffe fallen, grinste fast trotzig. „Er wollte es so“, murmelte er. Die Verhandlung Noch in derselben Nacht ertönte die Glocke. Alle Gefangenen wurden in den Hof gerufen. Fackeln brannten, die Hunde bellten, die Atmosphäre war elektrisierend. Direktor Hartmann trat vor, die Augen kalt. Neben ihm Elena, ruhig, fast reglos. Mira Solberg stand an seiner Seite, während Kain Becker den Gefesselten brachte: Magnus Thorsen. „Heute“, begann Hartmann, „wird Gericht gehalten.“ Die Verhandlung war öffentlich. Jeder musste zusehen. Hartmann stellte Fragen, ließ Zeugen sprechen. Jonas Keller wurde aufgerufen – er hatte den Streit gesehen. Jonas schilderte, wie Magnus zuerst zugeschlagen hatte. Andere bestätigten es. Magnus schwieg, dann lachte er plötzlich auf. „Ich bin ein Mörder. Was habt ihr denn erwartet? Dass ich Kartoffeln pflanze und mich von euch beugen lasse?“ Ein Raunen ging durch die Reihen. Manche der alten Gefangenen nickten, als hätten sie so etwas geahnt. Andere starrten mit blanker Furcht. Hartmann ließ die Stimmen verklingen, dann sprach er: „Die Regeln sind klar. Kein Mord. Kein Angriff auf das Leben eines anderen. Wer diese Grenze überschreitet, verliert das Recht, zu leben.“ Er sah in die Menge, seine Stimme hallte über den Hof: „Magnus Thorsen wird zum Tode verurteilt.“ Die Vollstreckung Das Urteil wurde sofort vollzogen. Am Rand des Hofes stand ein alter Galgen, ein Relikt aus der Anfangszeit der Insel. Magnus lachte bis zuletzt, spie auf den Boden und schrie den anderen zu: „Ihr seid genauso verloren wie ich! Dieses Paradies frisst euch alle!“ Dann wurde die Schlinge um seinen Hals gelegt, und der Galgenarm knackte. Stille legte sich über die Insel, nur das Knarren des Seils im Wind war zu hören. Die Wirkung Die Neuankömmlinge standen schweigend da. Für Jonas Keller war es ein Schock – die Härte des Systems ließ ihm kaum Luft. Rafe Ortega dagegen flüsterte Lina zu: „Jetzt weiß ich, wie weit man gehen kann… und was es kostet.“ Lina sah nicht hin, als Magnus’ Körper baumelte. Sie presste nur die Lippen zusammen, als ob sie diesen Moment tief in sich einschrieb. Hartmann trat noch einmal hervor: „Ihr habt gesehen, was geschieht. Diese Insel ist ein Ort für Ordnung, nicht für Chaos. Vergesst das nicht.“ Dann löste sich die Menge auf. Aber niemand schlief in dieser Nacht ruhig. Denn allen war klar: Auf dieser Insel entschied ein Mann über Leben und Tod – und jeder Schritt konnte der Letzte sein. Kapitel 7: Strom, Nachrichten & neue Spannungen Die Tage nach der Hinrichtung von Magnus Thorsen waren stiller. Die Gefangenen arbeiteten wortkarger, die Gespräche beim Essen waren gedämpft. Niemand konnte das Bild des baumelnden Körpers vergessen. Doch die Insel war kein Ort reiner Primitivität. Hoch auf den Hügeln ragten Windräder in den Himmel, deren Rotorblätter sich im stetigen Wind des Pazifiks drehten. Auf den Dächern des Wohnhauses glitzerten Solarmodule in der Sonne, die tagsüber Strom sammelten. In den Werkstätten brummten einfache Maschinen, in den Schlafsälen brannten abends elektrische Lampen. Einmal in der Woche, stets am Samstagabend, wurde im großen Saal ein Beamer eingeschaltet. Dann versammelten sich alle Gefangenen, während Nachrichten vom Festland gezeigt wurden – politische Entwicklungen, Katastrophen, Sportereignisse. Es war ein seltsames Ritual: Die Welt draußen, die sie verloren hatten, flackerte für eine Stunde über die Wand. Manchmal schürte es Hoffnung, manchmal Wut, oft nur Sehnsucht. Über eine Funkverbindung hielt Direktor Hartmann Kontakt mit dem Festland. Die Gefangenen wussten es, und manche sahen darin ein Symbol für das, was sie nie erreichen würden: eine Stimme, die hinausreichte in eine Welt, die sie vergessen hatte. Die Stimmung Nach der Hinrichtung hatte die Angst die Gemeinschaft enger zusammengerückt, aber unter der Oberfläche gärte etwas. Jonas Keller begann leise, mit anderen politischen Gefangenen zu reden. „Wenn es Strom gibt… gibt es Möglichkeiten. Kommunikation. Vielleicht sogar ein Signal, wenn man weiß, wie.“ Rafe Ortega hingegen sah die Dinge anders. Er suchte den Kontakt zu den härteren Insassen – jenen, die mehr Macht wollten. Seine Augen glänzten, wenn er über das Dorf der Ausgestoßenen sprach: „Dort gibt’s keine Regeln. Wenn man mit den Richtigen redet, könnte man ein Netzwerk haben. Handel. Einfluss. Sogar ein Weg raus.“ Lina Varga hielt sich wie immer zurück, doch eines Abends sah man sie lange auf die Hügel starren, wo die Windräder drehten und die Sonne über den Solarfeldern versank. Niemand wusste, woran sie dachte. Ein neues Geheimnis In dieser angespannten Atmosphäre kam die nächste Nachricht: Ein Gefangener war verschwunden. Kein Toter, kein Blut – einfach verschwunden. Bald hieß es, er sei in der Nacht über die Wälder zum Dorf der Ausgestoßenen gegangen. Vielleicht freiwillig, vielleicht gezwungen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Manche sahen darin nur eine Flucht ins Elend, andere jedoch – wie Jonas und Rafe – witterten Möglichkeiten. Denn wenn man das Dorf der Ausgestoßenen erreichen konnte, dann konnte man vielleicht auch mehr erreichen. Kapitel 8: Die Nachrichten & die heimlichen Treffen Der große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Einmal in der Woche, wenn der Beamer eingeschaltet wurde, saßen alle Gefangenen Schulter an Schulter – Männer, Frauen, Alteingesessene und Neuankömmlinge. Für eine Stunde flackerte die Außenwelt über die kahle Wand, und für eine Stunde erinnerten sie sich daran, dass es noch mehr gab als diese Insel. Diesmal waren die Nachrichten schwerer als sonst. Die Sprecherin berichtete: „China hat seine Flottenbewegungen in Richtung Taiwan verstärkt. Die internationale Gemeinschaft spricht von einer möglichen Eskalation. Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass Nordkorea massiv aufrüstet. Experten warnen vor einem Angriff auf Südkorea innerhalb der nächsten Monate.“ Ein Murmeln ging durch den Saal. Einige Gefangene lachten bitter – Krieg, Bedrohung, Zerstörung, während sie hier Gemüse pflanzten und Pferde fütterten. Andere hörten mit starrer Miene zu. Für die Politischen unter ihnen, wie Jonas Keller, waren diese Worte ein Schlag. „Die Welt da draußen brennt,“ flüsterte er zu Lina, die neben ihm saß. „Und wir sitzen hier fest, als wären wir auf einer einsamen Insel im Märchen.“ Rafe Ortega grinste nur: „Wenn die Welt draußen zusammenbricht, wird man uns irgendwann vergessen. Vielleicht ist das unsere Chance.“ Die Übertragung endete. Das Licht ging an. Die Wächter löschten den Beamer, und die Gefangenen kehrten schweigend zurück in ihre Schlafsäle. Doch in der Dunkelheit, zwischen den Flüstern und den schmalen Betten, begannen neue Gespräche. Die geheimen Treffen Noch in derselben Nacht trafen sich Jonas, Lina und Rafe am Rand der Werkstätten. Ein alter Schuppen diente als Deckung. Die Nacht war feucht, der Wind ließ die Bäume rauschen. Jonas sprach mit fiebriger Stimme: „Wir haben hier Strom, wir haben Funk. Irgendwo in diesem Gebäude ist eine Verbindung zum Festland. Wenn wir es schaffen, die Technik zu nutzen, könnten wir eine Botschaft nach draußen senden. Vielleicht Hilfe holen.“ Rafe lachte leise: „Oder wir nutzen das Dorf der Ausgestoßenen. Dort gibt’s keine Regeln. Manchmal handeln die mit Teilen, die sie von den Feldern stehlen. Vielleicht haben die längst alte Funkgeräte oder andere Tricks. Wenn wir die kontrollieren, kontrollieren wir den Schattenmarkt.“ Lina schwieg lange, dann sagte sie nur: „Ihr vergesst, dass Hartmann alles hört, alles sieht. Wer zu laut redet, landet am Galgen oder im Dorf. Wollt ihr so enden?“ Ein Moment des Schweigens. Draußen jaulte ein Hund. Jonas ballte die Fäuste. „Lieber sterbe ich im Kampf, als hier Gemüse zu pflanzen, während die Welt draußen in Flammen aufgeht.“ Rafe nickte langsam, sein Grinsen verschwand. „Dann brauchen wir Verbündete. Und die finden wir nicht hier im Wohnhaus. Wir müssen ins Dorf.“ Lina sah beide an – und obwohl sie kein Ja sagte, blieb sie. Manchmal sagte das Schweigen mehr als Worte. Die Wächter Zur gleichen Zeit saßen Direktor Hartmann und seine Frau Elena in ihrem Büro. Auf dem Schreibtisch flackerte die Funkverbindung zum Festland. Hartmann hörte das leise Knistern, die Stimmen in der Ferne, dann schaltete er das Gerät ab. „Sie reden schon“, sagte Elena leise. „Die Neuen. Vor allem Jonas und Ortega.“ Hartmann nickte. „Ich weiß. Die Frage ist nicht, ob sie etwas versuchen. Die Frage ist, wann.“ Er sah hinaus zum Hof, wo das Licht der Windräder blinkte. Die Insel war ruhig. Zu ruhig. Kapitel 9: Geheimnisse & neue Wege Der Abend nach den Nachrichten lastete schwer auf Hartmann. Er saß in seinem Büro, die Hände verschränkt, während draußen der Wind an den Fenstern rüttelte. Elena stellte ihm eine Tasse Tee hin, doch er rührte sie nicht an. „Es wird schlimmer“, sagte er leise. „China, Nordkorea – wenn das eskaliert, sprechen wir nicht mehr von bloßen Konflikten. Wir reden von… Enden.“ Elena setzte sich ihm gegenüber. „Dann wirst du das tun müssen, wofür du ihn gebaut hast.“ Hartmanns Blick huschte kurz zum Boden. Unter diesem Gebäude, tief im Fels verborgen, lag ein Geheimnis, das kaum jemand kannte: ein Atombunker, gebaut in der Anfangszeit des Projekts, als die Regierung nicht nur Gefangene unterbringen, sondern auch eigene Vorsorge treffen wollte. Betonwände, Vorräte für Jahre, eine autonome Stromversorgung – ein Ort, an dem wenige überleben konnten, wenn draußen die Welt in Asche fiel. „Die Gefangenen dürfen davon nie erfahren“, flüsterte Hartmann. „Wenn sie wüssten, dass es diesen Ort gibt, würden sie alles tun, um hineinzukommen.“ Elena nickte ernst. „Und wir müssen entscheiden, wer… mit uns dort Platz findet.“ Sie sah ihn lange an. „Vielleicht Mira. Aber sicher nicht Becker.“ Hartmann schwieg, während draußen das dumpfe Heulen eines Hundes die Nacht zerschnitt. Die Gefangenen Währenddessen waren Jonas, Rafe und Lina in ihrem geheimen Gespräch weitergekommen. Rafe hatte einen Plan. „Es gibt Wege ins Dorf der Ausgestoßenen. Keine offiziellen, versteht sich – aber nachts, wenn die Wachen am Hafen sind, kann man durch den Wald gehen. Ich kenne jemanden, der mir noch einen Gefallen schuldet.“ „Und was dann?“, fragte Jonas ungeduldig. Rafe grinste. „Dann reden wir mit denen, die dort herrschen. Die Verbannten haben mehr Freiheiten als wir hier. Kein Wächter, keine Glocke, keine Direktoren. Sie haben ihren eigenen Markt. Vielleicht haben sie alte Teile, Batterien, Funkgeräte… vielleicht sogar Waffen.“ Lina verschränkte die Arme. „Oder sie reißen euch die Kehle raus und hängen euch über ihr Feuer. Das Dorf ist kein Paradies, es ist die Hölle. Wer dort lebt, hat nichts mehr zu verlieren.“ Jonas trat näher, seine Stimme war kaum ein Flüstern: „Aber vielleicht… vielleicht brauchen wir genau das. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind bereit, alles zu tun.“ Die erste Verbindung Einige Nächte später machte Rafe ernst. Er schlich sich aus dem Wohnhaus, durch die Wälder, nur mit einem Sack auf dem Rücken. Jonas wollte mit, doch Rafe winkte ab. „Nicht du. Noch nicht. Du bist zu laut. Lass mich zuerst reden.“ Das Dorf der Ausgestoßenen empfing ihn wie ein schwarzes Loch. Rauch, Gestank, halbverfallene Hütten. Männer mit stechenden Augen, Frauen mit harten Gesichtern. Er sah Karol Drenk, den, der vor kurzem verbannt worden war. Karol grinste schief, als er Rafe erkannte. „Na, der feine Ortega. Was treibt dich hierher? Schon satt von deinem Gemüse?“ Rafe grinste zurück, auch wenn seine Hand am Messergriff lag. „Ich will Geschäfte machen.“ Ein Raunen ging durch die Menge. In den Schatten, zwischen Feuerstellen und schmutzigen Zelten, begann ein neuer Faden gesponnen zu werden – einer, der bald das fragile Gleichgewicht der Insel gefährlich erschüttern könnte. (Fortsetzung folgt) |
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Forumsleitung
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Zitat:
worauf soll das Wort "schon" hindeuten? Dass man alles, was man aus der Ferne erkennen kann, noch deutlicher sieht, wenn man dichter davor steht? Das ergibt keinen Sinn. Von Ferne sieht man das Ganze, von Nahe die Details. Wie kann jemand aus der Ferne, also offensichtlich vom Festland aus, die Seen einer Insel erblicken, die zwischen Hügeln verborgen sind? Selbst mit einem Fernglas dürfte man nichts sehen können, das "verborgen" ist. Spielt es für den Verlauf der Geschichte überhaupt eine Rolle, diese Seen zu erwähnen? Ich weiß es nicht, denn ich habe sie nicht gelesen, weil ich gleich hier, am ersten Absatz, wegen seiner Diskrepanzen hängengeblieben bin. Auch die Reihenfolge der Beschreibung der Insel klingt merkwürdig. Was man aus der Ferne sieht, ist doch zuerst der Ufersaum mit den Klippen, erst dann, falls vorhanden, die Vegetation und die Berge, die sich weiter hinten erheben. Eine Geschichte mit einer Landschaftsbeschreibung zu beginnen, ist ohnehin kritisch, denn damit kann man einen Leser nicht fesseln. Da müsste schon ein Vulkan ausbrechen und das Land mit Gestein und Lava malträtieren. Okay, wir sind im Pazifik. Da könnte man so beginnen: Die Menschen im Fischerdorf erzählten sich, wer einmal dort draußen auf der Insel einsaß, käme nie mehr frei. Das Gefängnis war stärker bewacht als Sing-Sing. Wer trotzdem die Mauern überwand und auf der Flucht nicht erschossen wurde, sah vor sich die kochenden Wellen, die gegen die Riffe schlugen und eine Ahnung zurückließen, wie es einem weichen Körper ergehen könnte, der vergebens versuchen würde, das offene, stille Meer zu erreichen. Aber da waren noch die Haie ... So erzählten die Menschen im Fischerdorf. Eine Faustregel, Roland, lautet: Bedenke den ersten Satz oder wenigstens den ersten Absatz. Und einer der erfolgreichsten Filmprodzenten sagte einmal: "Beginne eine Story mit einem Erdbeben und steigere sie dann." Zitat:
Jedes vermeintliche Paradies hat Mauern. In seinem Inneren herrschen Regeln, Gewalt und Strafe, die jeden treffen, der einer Versuchung erliegt und die innere Ordnung des Paradieses in Frage stellt. Wer die Regeln bricht, wird selbst gebrochen. |
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