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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 13.03.2026, 07:19   #1
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Standard abbazia di pomposa

aus gleichsam glaubens- wie auch angst-affinen
gründen als kleinod ins schilf gewebt
sie mit dem turm in himmels höhen strebt
die innren abbilder entsprechen ihnen

befreite seele wie ein schwarm von bienen
der kühlen krypten einsamkeit entschwebt
derweil der leib sich in die erde gräbt
umringt von jüngsten tages schreckensmienen

unweit das ferienvolk von schweiß verklebt
in brauner brühe treibt wie ölsardinen
und dürstend eingespannt in sandsalinen
kaum noch die ausgebrannten häupter hebt

die von der glut gebannten strände schienen
auf seltsam andere weise unbelebt
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Alt 21.04.2026, 16:25   #2
männlich Anaximandala
 
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Standard Ich bin begeistert

Hallo Epi,

ich hab mir dein Gedicht jetzt einige Male im Verlauf des Tages durchgelesen.
Und ja, wie es oben steht: Ich bin begeistert – und erschreckt! Im positiven Sinne.

Das erste Quartett setzt den Rahmen, das Kleinod der Abtai wird in der Natur zwischen Schilf erbaut und seine Türme streben empor.
(Aufstieg, Erhabenheit, Ewigkeit, ...?)

Das zweite Quartett setzt dem die Innenansicht entgegen.
Befreite Seelen (klingt erstmal gut) der Toten in der Krypta entschweben (gen Himmel), während die Leiber vergehen. Passend dazugesetzt das Fresko vom Weltgericht an der Westwand. Die zum Himmel aufsteigenden Toten könnten einen Sinn haben, entweder für die Strophe, oder den Strand.
(Abstieg(?), Pathos, Endlichkeit, ...?)

Das dritte Quartett springt von der Abtai zu den Stränden voller Urlauber, die Sprache wandelt sich entsprechend. Der höheren Sprache der Quartette folgen schweißverklebte Menschen wie Ölsardinen mit ausgebrannten Häuptern in brauner Brühe.
Häupter ist das einzig gehobene Wort, durch das vorangestellt "ausgebrannt" aber negiert.
(Ausgelassenheit, Profanität, Leben, ...?)

Das Duolett nimmt den (belebten) Stränden ihre Lebendigkeit.
Die Sprache ist härter (Z13, Glut gebannt), mystisch-sanft (Z14), vor allem aber wieder gehoben.


Die ersten beiden Quartette bilden einen Gegensatz innerhalb der Abtai (innen - außen, oben - unten). In beiden Strophen umschließt die weiche Kadenz die harte, was dem Klang eine gewisse Sanftheit gibt.

Das dritte Quartett gibt einen Gegensatz zu den ersten beiden, hier steht der Mensch in seiner Ausgelassenheit entgegen den Bedeutungsebenen der Abtai. Die Sprache ist profaner, die Worte schmutziger, passend dazu umschließt die harte Kadenz grob die weiche.

Im Duolett wird es spannend, zwei Zeilen – zwei Reimworte.
Die erste Zeile mit "glutgebannt" und der weichen Kadenz (hart – weicher Ausklang) könnte ausgerichtet auf die ersten beiden Quartette und die Abtai sein, die zweite Zeile mit ihrer "seltsam anderen Nicht-Lebendigkeit" (mystisch-weich – harter Ausklang) auf das dritte Quartett und den Menschen.


Dein Sonett erinnert ein wenig an das Shakespeare-Sonett.
Quartett 1&2 These (bei dir unterteilt in Pol und Antipol)
Quartett 3 Antithese
Duolett Synthese

Das Reimschema ist ein anderes.

Umarmende Reime, die in S3 die Position tauschen in den Quartetten, statt Kreuzreim
(ändert nicht viel, außer dass S1&2 klarer von S3 getrennt sind)

Zwei in die Reimstruktur des Gedichts eingebundene, aber im Duolett alleine stehende Reimworte, statt Paarreim
(könnte etwas bedeuten)


Meine erste Lesart geht dahin, dass du mit der Abtai Pomposa das Geistige/Religiöse den Menschen gegenüberstellen könntest, die es verloren haben.
Sie tummeln sich unrein an schmutzigen Stränden wie Ölsardinen in einem Leben, das es kaum wert ist.
(Die Bilder ergäben Sinn ...

Zweiteilung der Abtai in:
außen - aufwärts - erhaben / innen - abwärts - Weltgericht
(Trotz der Abwärtsbewegung der Strophe steigen die Toten in S2 zum Himmel auf)

Entwertung der Menschen außerhalb der Abtai

S13, Abtai: kraftvolle Sprache, weicher Ausklang (Der schwere Weg zum süßen Ziel?)
S14, Mensch (außerhalb Abtai): sanfte Sprache, harter Ausklang (Der leichte Weg zum bitteren Ziel?))


Auf einer mehr abstrakten, weniger theologischen Ebene, könnte es auch das Leben ohne Sinn/Streben als sinnlos darstellen.
Vielleicht meint es die "Kleinheit" des (einfachen) Menschen(leben) vor solch einem Bauwerk. (ich glaube ich sehe ich dich am ehesten, staunend vor dem Bauwerk stehen)

(in beiden Fällen wäre die Zweiteilung der Abtai allerdings nicht nötig)



Nachdem ich die Struktur durchgearbeitet habe, verstehe ich (mehr noch als vorher), was du meinst. Gelesen hatte ich dein Gedicht bereits letzten Monat. Allerdings nicht so genau, dass ich (angenommene) Hintergründe herausgearbeitet hätte.

Ich wage es kaum, das zu sagen, aber:
Mein Gedicht Zyklisch ist nicht als Gegenentwurf zu deinem schönen Werk entstanden.

Viele liebe Grüße
Delf

Geändert von Anaximandala (21.04.2026 um 18:59 Uhr)
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Alt 21.04.2026, 19:09   #3
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Standard Vielen Dank, lieber Delf

für Deine prompte und ausführliche Begutachtung meines Sonetts - und das:
Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Mein Gedicht Zyklisch ist nicht als Gegenentwurf zu deinem schönen Werk entstanden.
habe ich so auch keineswegs in Erwähnung gezogen. Die thematische Verwandtschaft mit Deinem neuesten Beitrag ist mir aber schon aufgefallen, weshalb ich darauf gleich wieder dezent hinweisen musste.

Die Gegensatzpaare in den drei Quartetten (Außen- und Innenansicht der Abtei - aber vor allem auch: deren Erscheinungsbild und dessen Widerspiegelung im Inneren des Betrachters -, Himmelfahrt und Höllensturz sowie insbesondere die christliche Abkehr von allem Weltlichen gegenüber dem Strandvergnügen wenige hundert Meter entfernt) hast Du ja noch mal sehr anschaulich nachvollzogen. Man muss vielleicht erläuternd dazusagen, dass es in der Krypta nicht nur um die befreiten Seelen der Auserwählten in dem Weltgerichts-Fresko geht, sondern auch um diejenige (deshalb auch die Einzahl) des Betrachters und Schreiberlings, der dort die Kühle, Ruhe und Verinnerlichung gewissermaßen in sich aufgenommen hat. Es herrschte Anfang August 2018 eine fast unerträgliche Gluthitze, und trotzdem waren Haidi und ich die einzigen, die dieses absolut erholsame Innere der alten Abtei erkundeten (später kam noch ein einzelnes weiteres Pärchen hinzu). Anders als in dem Sonett waren wir vorher schon am etwa drei Kilometer entfernten Strand gewesen, der ja eigentlich das unbeschwerte weltliche Urlaubsvergügen repräsentieren müsste. Aber auch dort war alles von der Gluthitze wie gelähmt - das habe ich ja auch im dritten Quartett darzustellen versucht. Ich bin noch bis zu den Knieen ins Wasser gewatet, aber es stellte sich keinerlei Erfrischung ein - es war tatsächlich eine mehr als lauwarme braune Brühe, auf der ölige Überreste von abgewaschener Sonnencreme herumschwammen. Vor diesem Hintergrund war die (anschließemd besuchte) Abtei dann doch mein eindeutiger Favorit.

Im abschließenden "heroic couple" (die englische "Shakespeare"-Sonettform passt hier natürlich nicht so wirklich) habe ich versucht, das auf den Punkt zu bringen: Die Jahrhunderte alte Abtei repräsentiert natürlich eine irgendwie jenseitige Vergeistigung - aber die benachbarten Adriastrände waren in gewisser Weise noch unbelebter.

Schönen Abend wünscht Dir

EPI

Geändert von Epilog (21.04.2026 um 21:36 Uhr)
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Alt 25.04.2026, 12:28   #4
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Standard Ein Vers sollte noch inhaltsschwer geändert werden

V11 könnte (oder sollte gar) noch in der folgenden Weise umformuliert werden, um der modernen Augenwischerei Rechnung zu tragen:

und fischend abgelenkt im klandestinen


Viele Grüße

EPI
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Alt 27.04.2026, 17:26   #5
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Standard Eine spannende Änderung

Hallo Epi,

Zitat:
Man muss vielleicht erläuternd dazusagen, dass es in der Krypta nicht nur um die befreiten Seelen der Auserwählten in dem Weltgerichts-Fresko geht, sondern auch um diejenige (deshalb auch die Einzahl) des Betrachters und Schreiberlings, der dort die Kühle, Ruhe und Verinnerlichung gewissermaßen in sich aufgenommen hat.
Es ist gut, dass du diesen Aspekt nochmal hervorgehoben hast. Die einzählige Nennung der Seele war mir nicht aufgefallen. Stattdessen gingen meine Gedanken in Richtung von in der Krypta Bestatteten.

Zitat:
Im abschließenden "heroic couple" ...
Danke für die Erwähnung, auch wenn ich Ähnliches sicherlich schon genutzt habe, ist mir das "Heroic Couple" bisher nicht bekannt gewesen.

Zitat:
Die Jahrhunderte alte Abtei repräsentiert natürlich eine irgendwie jenseitige Vergeistigung - aber die benachbarten Adriastrände waren in gewisser Weise noch unbelebter.
Schön ausgedrückt. Es juckt mir unter den Fingernägeln, meine Interpretation mit Blick auf deine Worte zu präzisieren, aber vielleicht lieber auf eine Unschärfe und offenen Projektionsraum zulassende Weise.

Zitat:
und fischend abgelenkt im klandestinen
Deine Änderung finde ich sehr spannend!
Es ist schwer zu übersehen, dass sie einer Strophe aus konkreten, "schmutzigen" Bildern eine abstrakte, fast erhaben klingende Ebene hinzufügt. Die Bedeutung verschiebt sich damit in in Richtung eines Gegensatzpaares von "klar/umnebelt, bzw. "Schärfe/Unschärfe".
Der "strukturelle Widerspruch" innerhalb der Strophe gefällt mir.

Der neue, oder sich klarer herauskristallisierende Gegensatz zu den die Abtai betreffenden Strophen macht auch die gegensätzlich ergänzende, thematische Verwandtschaft der Gedichte für mich greifbarer.

Zitat:
die von der glut gebannten strände schienen
auf seltsam andere weise unbelebt
Eine epigrammatisch schöne Zusammenführung zweier Pole!
Ich mag die "seltsam andere Weise".
Sie erinnert mich an Hugo von Hofmannsthals "Ein Knabe":

Eh er gebändigt war für sein Geschick,
Trank er viel Flut, die bitter war und schwer.
Dann richtete er sonderbar sich auf
Und stand am Ufer seltsam leicht und leer.



Viele liebe Grüße
Delf

Geändert von Anaximandala (28.04.2026 um 00:18 Uhr)
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Alt 28.04.2026, 12:22   #6
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Standard Hallo lieber Delf

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
auch wenn ich Ähnliches sicherlich schon genutzt habe, ist mir das "Heroic Couple" bisher nicht bekannt gewesen.
In dieser Schreibweise kann es Dir auch gar nicht bekannt sein, denn in meinem Halbwissen habe ich wieder das abschließende "t" von "couplet" unterschlagen. Doch wenn Du andererseits öfter mal Shakespeare-Sonette geschrieben hast, nutzt Du ja gewissermaßen automatisch diesen abschließenden Zweizeiler. In seiner strengen Definition sollen sich die beiden Verse sogar reimen, das habe ich zumindest im aktuellen Sonett nicht übernommen - womit wir wieder mal bei der kreativen (?) Abwandlung bestehenden Sonett-Regulariums wären. (Und ob das Couplet tatsächlich "heroic" klingt, bleibt auch der Könnerschaft des Dichters sowie seiner Themenwahl überlassen ...).

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Es ist schwer zu übersehen, dass sie einer Strophe aus konkreten, "schmutzigen" Bildern eine abstrakte, fast erhaben klingende Ebene hinzufügt.
Ja, "von Schweiß verklebt in brauner Brühe treibt" und "eingespannt in Sandsalinen" erschien mir dann wohl doch zu dick aufgetragen. Vor allem habe ich auch noch (wieder mal verspätet) den möglichen Siebtreim "klandestinen" gefunden (gehoben und veraltet für "im geheimen, verborgenen"). Zusammen mit dem assoziierten Wortspiel des "im Trüben fischen" symbolisiert er, wie Du richtig erkannt hast, eine zumindest mögliche transzendente Deutungsebene, die sich allerdings dem Dichter (ein LI tritt ja in dem Sinne nicht auf) nicht erschlossen hat.

die übern Bildschirm wischen
für mich im Trüben fischen

Vielen Dank für Deine Anmerkungen und beste Grüße

EPI
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Alt 01.05.2026, 06:10   #7
männlich Anaximandala
 
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Standard Guten Morgen lieber Epi

Ich glaube mit etwas Abstand würde ich in meinem Deutungsversuch viel mehr bei abstrakteren Gegensatzpaaren bleiben, als sie auspräzisieren zu wollen. Schließlich habe ich mein Gedicht auch eher mit einer Liste an möglichen Gegensatzpaaren begonnen und dann geschaut, möglichst mehrere ins Bild zubekommen.
Ich weiß zum Beispiel auch, dass du gerne eigene Eindrücke als Grundlage für Gedichte nimmst. Dass also gar nicht prinzipiell eine voll ausformulierte Idee in den Zeilen zu finden sein muss, hat beim draufschauen trotzdem keine Rolle gespielt.
Ich mache mir da keine Hoffnungen, dass ich im Impuls in Besitz genommen zu weit schieße, wird wieder passieren. Für den späteren Blick ist das natürlich wissenswert.
Als Werkzeug zur Verarbeitung der Erfahrung von Eindrücken finde ich das Schema wieder sehr spannend. Der Anspruch an die Reime und die Präzision zwingen zu einer klaren Verarbeitung und der Sprachgebrauch ist sehr individuell.

Zum heroischen Couplet. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei heroisch eher darum geht, die Essenz des vorausgegangenen auf den Punkt gebracht zu spiegeln, als um Heldenmut.
Mit dem Heroic Couple konnte google zum Glück etwas anfangen, so dass ich mich eingelesen hatte. Dabei ist mir der Bedeutungsinhalt natürlich weit wichtiger gewesen, als lapidare Rechtschreibfragen. Das vergessene t ist deswegen auch mehr Ausdruck einer naiven Vollkommenheit, als von Nachlässigkeit.

Ich glaube, wenn du meine ehrliche Meinung wissen möchtest, würde ich sagen, dass mir die Sandsalinen besser gefallen haben.

Auch dir beste Grüße
Delf
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