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Alt 07.02.2024, 13:38   #1
männlich dunkler Traum
 
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Standard Kontrolltermin

Ich erwachte in meinem Bett, schaute auf die Uhr und belehrte mich vor dem Aufstehen. Ich notierte mein Traumgeschehen. Noch ein wenig orientierungslos tappste ich in Richtung Bad, um dort meine Tabletten mit einer wohlabgemessenen Menge Wasser zu mir zu nehmen. Meine Morgenwäsche und Körperentleerung erfolgten nach dem ausgehängten Strukturplan.

Bevor ich die Spülung betätigte, versuchte ich, Volumen und Konsistenz der abgegebenen Substanzen zu bestimmen und hielt meine Beobachtungen auf einem bereit liegenden Block fest. Vermutlich überzog ich damit den Zeitplan, ein Licht blinkte alarmierend und ich wurde per Laufschrift aufgefordert, mich anzukleiden.

Entlang der aufgebrachten Morgenpfeile am Boden begab ich mich zum Kleidungsgestell, es war leer. Ich stutzte kurz, bemerkte dann aber den Zettel mit Handlungsanweisungen. Im von mir geöffneten Schrank blinkten zielführend getaktete Lichter in scheinbar korrekter Bekleidungsfolge auf, selbst mein Verheddern in der Kleidung schien eingeplant worden zu sein. Erschöpft setzte ich mich und kam meiner Dokumentationspflicht nach. Währenddessen wurde ich fotografiert und meine heutigen Körperdaten erfasst, später werde ich sie in meinen Ernährungsplan einbeziehen müssen.

Kurz nickte ich ein, schien mich aber in die Küche bewegt zu haben, auch hier hielt ich mich an den Strukturplan: Wasserhahn aufdrehen, Glas aus dem linken Schrank nehmen und mit Wasser befüllen, Wasserhahn zudrehen, Glas austrinken, abstellen und Tätigkeit abhaken. Eine Notiz am Kühlschrank forderte mich auf, das Radio für die Morgennachrichten einzuschalten. Ich versuchte dies mehrmals ergebnislos und erinnerte ich mich nun an mein Hörgerät auf dem Nachtschrank.
Mit dem neu zugeschalteten Sinn kamen mir die Nachrichten wie eine Wiederholung vor. Vor der Frühstückzubereitung notierte ich auch diesen Zwischenfall pedantisch. Jeden Tag erstaunt mich die Komplexität dieser Handlungen: Zutaten festlegen, Koordinaten im Raum bestimmen, hygienische Beschaffenheit zweifelsfrei prüfen, Zutaten vermengen, erhitzen, zubereiten, aufnehmen und natürlich alles dokumentieren.

Gegen 09:00 Uhr sitzt die Zwangspflegebeamtin mit am Tisch und überprüft meine Unterlagen, das Hygienekonzept mit Umsetzung, den Brandschutz, meinen Nahrungs- und Trinkmengenumsatz, meine Körperpflege nebst Geruch, meine Hautfeuchtigkeit etc. etc. Mein entkleideter Körper wird visitiert und abgetastet. Sie lobt mich für meine Dokumentation und Körperbeschaffenheit und gestattet mir einen weiteren Monat ohne Pflegekraft zu Hause. Natürlich protokollierte sie ihre Kontrolle und die Aufschiebung der Zwangspflege.
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Alt 07.02.2024, 13:56   #2
kofski
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Muahaha. Wie geil ist das denn? Auf so eine Idee muss man ja auch erstmal kommen.
Ich würde die Zeitformen in die Gegenwart verlegen, also alles im Präsens.
Die Beamtin, die mit am Tisch sitzt - fand da ein Raumwechsel statt oder kam sie herein? Wo steht dieser Tisch? Das hat mich etwas verwirrt.
Gerne gelesen,
LG
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Alt 07.02.2024, 16:42   #3
männlich dunkler Traum
 
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Standard Hallo Kofski

... der gesetzlich verordnete Papierkram ist in den letzten Jahren ungeheuerlich gewachsen. Egal wen du fragst, Behörden, Versicherungen, Pfleger, Ärzte usw. Irgendwie trieb mich dieser Wahn zu solchen Gedanken.

Deine Präsensidee muss ich noch sacken lassen, klingt aber gut.
Tja, wo kam die Beamtin her? Weiß ich nicht, stand nicht drin. Das sind Aufzeichnungen aus dem Jahre 2075, habe ich im Dachbalkenversteck gefunden.

wsT
dT
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Alt 07.02.2024, 17:20   #4
kofski
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Zitat:
Zitat von dunkler Traum Beitrag anzeigen
Tja, wo kam die Beamtin her? Weiß ich nicht, stand nicht drin. Das sind Aufzeichnungen aus dem Jahre 2075, habe ich im Dachbalkenversteck gefunden.

wsT
dT
Ach, Du hast meine Zeitmaschine. Ich wusste nicht mehr, wem ich sie geliehen hatte, ich hab Zeitreisedemenz. Irgendwas war doch noch? Ach ja, der Tisch! Man sollte als Leser in der Raumzeit orientiert sein. Wenn da ein neuer Raum ist, muss erklärt werden, wie die Person dort hin kam und wo die neue Location ist. Der Tisch steht vielleicht im Wohnzimmer. Oder im Plüschbüffelsalon. Das will der Leser wissen, da hat er ein Recht drauf, darum musst Du was erfinden.
LG
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Alt 08.02.2024, 10:42   #5
männlich dunkler Traum
 
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Standard ach Kofski

... du bist lustig: "muss erklärt werden, darum musst das was erfinden" spiegelt eine Meinung wieder. Ich sehe es nicht so. Ein Leser sollte die Fantasie haben und hat sie meist auch, auftretende Fragen selbst auszuschmücken.
Übrigens habe ich deine Zeitmaschine nicht, das Datum ist natürlich in den Dokumentationen dokumentiert, wäre ja echt schlampig, wenn nicht.

wsT
dT
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Alt 08.02.2024, 11:05   #6
kofski
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Dabei seit: 01/2024
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Ach so, dann hat sie jemand anders. Wenn ich nur wüsste, wer ...

"Der Leser muss in der Raumzeit orientiert sein" ist keine Privatmeinung. Das gehört zum Grundhandwerk des Erzählens. Wenn man plötzlich einen Tisch erscheinen lässt, wird der Eindruck des Surrealen größer. Bei mir hat es den Lesefluss gestört, ich musste zurücklesen, aber da stand auch nichts über den Tisch.
LG
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Alt 08.02.2024, 11:43   #7
männlich dunkler Traum
 
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Standard mmmhhhmmm

... naja, wenn mir jemand die Zubereitung einer Mahlzeit schildert, projiziere ich dies in eine Küche. Das dort gelegentlich Tische platziert sind, erscheint mir vorstellbar.
Ein paar Zeilen später sitzt eine neue Person an einem Tisch und der Autor schreibt nicht, wo sie herkommt. Wahrscheinlich ist es für die Story selbst nicht wichtig, oder, oder... der Deutungsmöglichkeiten gibt es viele.
Schlussendlich hat es dein Interesse erhöht, du hast dich intensiver damit beschäftigt. War von mir nicht beabsichtigt, erscheint mir eher positiv, die Story bleibt im Kopf.

wsT
dT
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Alt 09.02.2024, 10:11   #8
kofski
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Ja, aber sie bleibt im Kopf, weil es da einen handwerklichen Schnitzer gibt. Dabei ist die Idee geil und ansonsten gut umgesetzt. Das Erscheinen der erwarteten Person verdient durchaus eine kleine Exposition.
LG
kofski ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2024, 14:53   #9
männlich dunkler Traum
 
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... schade, ohne weitere Kommentare scheint es eine Einzelmeinung zu bleiben.

dT
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Alt 08.03.2024, 15:52   #10
weiblich Lee Berta
 
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Lieber dunkler Traum,
die Geschichte gefällt mir sehr gut und erinnert mich etwas an Kafka.
Ich war nicht desorientiert. Die Beamtin sitzt plötzlich mit am Küchentisch, weil es einen Zeitsprung gibt und vorher Frühstück zubereitet wurde.
Prinzipiell ist es schon richtig, dass Orte etabliert werden müssen, aber ich habe mir eine große Einraumwohnung vorgestellt.

Liebe Grüße,
Lee
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