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Philosophisches und Nachdenkliches Philosophische Gedichte und solche, die zum Nachdenken anregen sollen.

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Alt 22.11.2021, 12:51   #1
männlich Hans Plonka
 
Dabei seit: 03/2021
Ort: 59590 Geseke
Beiträge: 899

Standard Subjektive Wahrheit

Subjektive Wahrheit

Die Erkenntnis ist nicht Wahrheit,
denn Wahrheit ist stets relativ,
traf meist zu auf Zeit und Einheit,
in der man sich auf sie berief.

Wissen ist kein Absolutes,
was Jeder übernehmen kann.
Trotzdem sieht man in ihm Gutes,
solang die Mehrheit glaubt daran.

Wahrheit ist das, was wir glauben,
in Raumzeit, wo sie festes Maß.
Wandlung wird uns manches rauben
und Glaube bricht wie dünnes Glas.
Hans Plonka ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.11.2021, 12:59   #2
männlich Anaximandala
 
Benutzerbild von Anaximandala
 
Dabei seit: 05/2021
Ort: Zu Hause
Beiträge: 1.220

Super, ich würds wahr nennen, zumindest stimme ich da mit dir überein ich hoffe es ist ok, dass ich einen Teil eines Gedichts poste, das ich ganz passend finde, eigentlich würde das ganze Gedicht passen, aber 70 Strophen sind vielleicht etwas viel

Die Gedanken sind natürlich nicht meine, der Text basiert auf einer Geschichte von Zhuangzi, die ich mal mit Müh und Not verreimt habe


"Wo genau wird denn entschieden,
Was Unwert ist, und was von Wert,
Kann der Punkt im Ding selbst liegen,
Oder bleibt ihm das verwehrt?"

Der Gott des Nordmeers holte aus,
"Vom Sinn betrachtet gibts ihn nicht,
Den Wert, den Unwert, weil daraus,
Ja immer nur ein Standpunkt spricht.

Denn jedes Ding hält sich für wert,
Doch andren es den Wert abspricht, -
Die Masse macht es umgekehrt,
Für sie zählt nur der andren Sicht.

Sieht man die Relativität,
Und nennt ein Ding, weils größer ist,
Als andre, groß; es dahin geht,
Dass alles man als groß ermisst.

Bezeichnet man ein Ding als klein,
Weil etwas größres existiert,
Dann müsste jedes Ding klein sein,
Weils gegen irgendwas verliert.

Sieh, dass Himmel und auch Erde,
Am Ende wie ein Reiskorn sind,
Und Haarspitzen groß wie Berge,
Wenn man die Relation ersinnt.

Sehn wir vom Punkt der Qualität,
Und sagen dann, dass etwas sei,
Weil Qualität es in sich trägt,
Kein Ding der Welt wär nicht dabei.

Und sagten wir, etwas sei nicht,
Weil eine Qualität ihm fehlt,
Von allen Dingen würde schlicht,
Ein jedes mit hinzugezählt.

Ost und West stehn sich entgegen,
Zu jeder Zeit im Weltenlauf,
Ohne, dass sie sich aufheben,
Und Qualitäten gibts zuhauf.

Würd von der Wertung aus gesehn,
Man die Dinge wertvoll nennen,
Die selbst als wertvoll sich verstehn,
Werte würden die Welt schwemmen.

Und sprächen wir jedem Wert ab,
Den irgendwer für wertlos hält,
Dann sage ich mal kurz und knapp,
Ganz wertlos wär die ganze Welt.

Ein Heiliger und ein Tyrann,
Sehen beide sich als wertvoll,
Den andren doch als wertlos an,
Das beschreibt Werturteile toll.

Yau und Schun gaben auf den Thron, -
Und doch hatte ihr Reich bestand,
Das selbe tat Dschi Guais Person,
Bracht seinem Reich den Untergang.

Tang und Wu kämpften um Herrschaft,
Als Könige endeten sie,
Dem weißen Prinz hats nichts gebracht,
Sein Gegner zwang ihn in die Knie.

Hier zeigt sich, dass Kampf und Verzicht,
Dass Wert und Unwert Zeiten hat,
Wers absolut ansieht, der bricht,
Die Umstände spieln mit ins Blatt.

Ein Sturmbock berennt eine Stadt,
Doch kann keine Bresche füllen,
Ein Renner, der gut Tempo hat,
Wird Mäusejagt mit Scham erfüllen.

Ein Kauz, der seine Flöhe fängt,
Und Haaresspitzen unterscheidet,
Am Tag sieht er nen Berg und denkt,
Kann ich nicht seh'n, wie leidig. -

Wer zur Bejahung sich bekennt,
Doch nichts von der Verneinung weiß,
Im Leben stets auf Ordnung brennt,
Verwirrung doch als schlecht verheiß.

Hat die Gesetze nicht durchschaut,
Durch die Himmel und Erde wirkt,
Wie einer, der dem Himmel traut,
Und vor der Erde sich verbirgt.

Es ist doch klar, dass das nicht geht,
Wer trotzdem davon weiterspricht,
In Dummheit oder Täuschung steht,
Denn es fehlt ihm die klare Sicht.

Ein Mensch, der von der Zeit abweicht,
Und der den Sitten widerstrebt,
Mit Sicherheit nicht viel erreicht,
Und dazu noch in Schande lebt.

Wer jedoch seiner Zeit entspricht,
Der wird dafür hoch angesehn,
Sei still, oh Flussgott, siehst du nicht,
Wir könnens einfach nicht verstehn."

Hier wär sie im ganzen:

https://www.poetry.de/showthread.php?t=95516

Wiegesagt, ein toller Text von dir, der in drei Strophen alles sagt, was gesagt werden muss

Liebe Grüße
Anaximandala ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.11.2021, 22:17   #3
männlich Orakel
 
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Dabei seit: 10/2012
Ort: Nah am Wurmlöch
Alter: 65
Beiträge: 1.623

Standard Sehr subjektive Wahrheit

Diese uralte Frage nach der Wahrheit


Wahrheit 3867:
Die längste Reise beginnt mit ????
Dem ersten-----------ARD


Zweite Meinung

Wahrheit 16.790:
Die dritte Dimension
ist nur eine Dimension

Private Meinung

Wahrheit 7484932344:
Es iss wie es tssssssssssssss
Orakel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.11.2021, 22:34   #4
männlich Anaximandala
 
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Dabei seit: 05/2021
Ort: Zu Hause
Beiträge: 1.220

Standard Das Orakel hat gesprochen Orakel sprechen Wahrheit

Oh Mist, ich dachte die zweite Wahrheit wäre es gibt nur eine xD

Aber klar, alles was wir als Wahrheit sehen ist Standpunkt, Prägung, Vorurteil, Schwachsinn und individuelles irgendwas, wirklich wahr

Nein also ich versuche für mich, etwas erst wirklich ernst zu nehmen, wenn ich das Gegenteil adequat vertreten kann, an sonsten ist Wahrheit nur ein abstraktes Konstrukt und das bricht, wenn es ins Konkrete gezogen wird, nur ein Ideal.
Klar, Dinge können empirisch beweisbar sein, aber Empirie widerlegt sich selbst, wenn sie klüger wird, es ist auch nur Möglichkeit und Vorstellung, neue Möglichkeiten widerlegen, was gestern unumstößlich war.
Existenz ist unwiderlegbar, aber darum geht ja nicht denke ich

An sonsten ist sie ein Ideal, und denen nähert man sich nur an, die Suche ist also sinnvoll, das Ziel trotzdem unerreichbar.

Orakel... dein Name ist fast so cool wie dein Lieblingsbuch... nicht das Sparbuch

Lieben Gruß
Anaximandala ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.11.2021, 00:30   #5
weiblich Ilka-Maria
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Beiträge: 31.321

Zitat:
Zitat von Hans Plonka Beitrag anzeigen
Subjektive Wahrheit

Die Erkenntnis ist nicht Wahrheit,
denn Wahrheit ist stets relativ,
...
Wissen ist kein Absolutes,
was Jeder übernehmen kann.
....
Wahrheit ist das, was wir glauben,
in Raumzeit, wo sie festes Maß.
Wandlung wird uns manches rauben
und Glaube bricht wie dünnes Glas.
Nach meinem Empfinden hast du die ersten beiden Strophen inhaltlich und stilistisch gut umgesetzt, Hans. Gerade in unserer Zeit, in der die Verschwörungsmythen wieder hochkochen, darf man die Leute auf den Boden runterholen und ihnen klarmachen, dass es weder eine absolute Wahrheit noch ein absolutes Wissen gibt. Seit der Antike ringen die Denker mit der Frage, ob sich unsere Sinne auf die Phänomenologie und auf die Empirie verlassen können, und bis heute heißt die Antwort: Nein, wir können uns ihrer Wahrheit nur annähern.

Die dritte Strophe ist mir indessen zu schwammig formliert und in ihrer Aussage nicht stimmig. Glaube und Wahrheit kann man nicht gleichsetzen. Vielmehr steht der Glaube als Platzhalter für alles, was wir nicht wissen bzw. nicht beweisen können, Er steht auch nicht in der Raumzeit, denn dieses Modell ist wie viele andere physikalische Gedankengebäude eine Theorie. Glaube entzieht sich der Physik, jeglicher mathematischer Berechnung und jeglicher Empirie, somit kann er sich nicht in einem Raum mit festem Maß bewegen.

Ohnehin steht die dritte Strophe im Widerspruch zu den beiden ersten. Denn was wäre, wenn das "feste Maß" eines Tages widerlegt würde? Versuche, Einsteins Theorien auszuhebeln, gab es bereits en masse. Du jedoch gehst in der dritten Strophe von einer nicht mehr falzifizierbaren Wahrheit aus. Wie passt das zu den Aussagen der ersten beiden Strophen?

Kurz gesagt: Mit der Aussage der dritten Strophe kann ich mich nicht anfreunden. Glaube und Raumzeit ... das passt nicht zusammen. Raumzeit ist Theorie, Glaube ist Dogma. Deshalb bricht der Glaube auch nicht wie dünnes Glas, sondern ist bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen widerstandsfähig.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.11.2021, 11:59   #6
männlich Hans Plonka
 
Dabei seit: 03/2021
Ort: 59590 Geseke
Beiträge: 899

Lb. Anaximandala,

danke für die Anerkennung. In Deinem Gedicht habe ich viele gute Aussagen gefunden. Über Wahrheit habe ich auch mehrere kleine Gedichte geschrieben.

LG Hans

Lb Orakel,

Diese uralte Frage nach der Wahrheit
Sie wird aber auch immer wieder neu gestellt und kann auch nur betrachtungsbezogen beantwortet werden. Für eine Frage gibt es viele wahre und unwahre Antworten. Es gibt nur eine absolute Wahrheit und die ist die Existenz des Seins (Bewusstsein).

LG Hans

Lb. Ilka-Maria,

eine Verschwörungstheorie ist alles, was nicht mit der offiziellen Aussage übereinstimmt. Erst wenn diese gezwungen ist, einen Irrtum zuzugeben, ist es keine mehr.
Mit Raumzeit ist hier gemeint, dass Wahrheit auch auf eine Zeit und ein Gebiet (Raum) bezogen ist.
Ein Glaube kann und muss nicht logisch erwiesen werden und er ist ein fester Bestand des Glaubenden. Für außenstehende Betrachter jedoch kann er durch logische Beweise als unwahr entlarvt werden und zerbricht für den Betrachter wie dünnes Glas.
Danke für Deine Betrachtung. Habe mich über die Kommentare gefreut.

LG Hans.
Hans Plonka ist offline   Mit Zitat antworten
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Stichworte
erkenntnis, glaube, wahrheit

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