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Alt 26.08.2025, 15:43   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Guter Stil, schlechter Stil

Michael Maar schreibt in seinem aktuellen Bestseller „Die Schlange im Wolfspelz“:

Schlechten Stil zu schreiben ist relativ leicht. Man kann den Finger darauf legen, was platt ist, wo es holpert, wo es schief ist, wo grau und abgenutzt.
Viel schwieriger ist es beim guten Stil. Jeder Stil für sich ist eigen, eben das ist seine Definition
.“

Es gab in Poetry vor Jahren einen User, der widersprochen hätte. Er vertrat die These, es gäbe grundsätzlichen nur Stile, aber keinen nachweislich guten oder schlechten Stil. Jeder Stil sei individuell und deshalb gleichwertig. Das klang mir jedoch nicht nach eigener Meinung, sondern wie von einem Lehrer geimpft und nicht nach Plausibilität überprüft.

Der Autor meines Buches liefert etliche Beispiele für guten und schlechten Stil, unterlegt mit scharfsinnigen Argumenten. Aber ich habe mir meine eigenen Gedanken gemacht, und weil Stil nicht nur eine Frage der Literatur ist, ging mein Blick zu Szenen aus dem Alltag. Da wurde ich schnell fündig.

Und ich kam zum Schluss: Schlechter Stil äußert sich in schlechtem Benehmen. Wenn ich jemandem bis zur Tür folge und er sie einfach loslässt, so dass sie mir fast ins Gesicht schlägt, ist das schlechter Stil – und zwar der einzig schlechte Stil, den man mit einer Tür anfangen kann. Wenn mir aber der Vorausgegangene die Tür offenlässt und sie mir in die Hand gibt, ist das guter Stil. Wenn er sie mir offenhält und mich an sich vorbeigehen lässt, ist das auch guter Stil. Im idealen Fall sieht er mich kommen, begleitet mich zur Tür und öffnet sie für mich, lässt mich an ihm vorbeigehen und wünscht mir noch einen angenehmen Tag oder Abend – das ist bester Stil.

Mir fiel aber noch ein anderes Beispiel ein: In einer Drogerie bekam ich mit, wie während meines Einkaufs eine Mitarbeiterin, die Regale zu bestücken hatte, von ihrer Vorgesetzten wegen einer Lappalie zusammengestaucht wurde. Das ist schlechter Stil. Guter Stil wäre gewesen, die Mitarbeiterin beiseite zu nehmen und sie außer Sichtweise von der Kundschaft freundlich anzuweisen, ein paar wichtige Regeln einzuhalten.

Was haben diese Beispiele mit Literatur zu tun? Ich bin überzeugt: eine Menge. Die Literatur ist der Wald, in den der Alltag hineinruft.

Ab hier überlasse ich jedem, der sich nicht nur mit der Literatur verheiratet fühlt – das kann sehr unglücklich sein - , sondern in sie verliebt ist, selbst darüber nachzudenken, was guter und was schlechter Stil ist.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
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Alt 30.08.2025, 10:10   #2
männlich TravisBeamer
 
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Beiträge: 980

Mein Gedankengang ging nach ein paar deiner Zeilen auch gleich ins Alltägliche.
Natürlich kann man etwas abgehoben behaupten, dass ''gut'' und ''schlecht'' nur anerzogen sind und von der Gesellschaft als solche vorgegeben sind. Aber wenn man ''gut'' so definiert, dass sich die betroffenen Personen ''gut'' fühlen, in dem die Tür, um bei deinen Beispielen zu bleiben, nicht vor der Nase zugeschlagen wird oder die Mitarbeiterin nicht von der Chefin vor den Kunden zusammengestaucht wird, kann man schon von ''gutem Stil'' sprechen.

Freundliche Grüße,
Travis Beamer
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