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Alt 18.06.2025, 11:05   #1
männlich RolandK
 
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Standard Die Glaskugel

Es war bereits Spätsommer – ein wunderschöner Altweibersommer. Die letzten warmen Sonnenstrahlen streichelten mein Gesicht, während ich im Garten saß und beobachtete, wie sich die Blätter langsam verfärbten – ein stiller Vorbote des nahenden Herbstes.

Meine kleine Tochter spielte vergnügt vor meinen Augen, und ihr fröhliches Lachen erfüllte den Garten. Sie spielte nicht mit gewöhnlichen Glaskugeln, sondern mit golfballgroßen, farbigen Kugeln, die ihre Oma irgendwann irgendwoher mitgebracht hatte.

Neugierig hielt sie eine davon vor ihr Auge und tauchte ein in die Wunderwelt, die sich darin spiegelte. Plötzlich ließ sie die Kugel fallen und rannte lachend dem Ball hinterher, der in der Wiese lag.

Plötzlich wurde ich ganz still.

In diesem Moment, in dem sie dem Ball hinterherrannte, ihr braunes Haar im Sonnenlicht glänzte, wurde mir bewusst, wie schnell die Zeit verging. Noch vor wenigen Jahren hatte ich selbst mit solchen Kugeln gespielt, damals unter den wachsamen Augen meiner Mutter.

Ich erinnerte mich an ihre Stimme, an das sanfte Klirren, wenn sie die Glaskugeln aus der alten Holzkiste nahm. „Man sieht darin nicht nur Licht“, hatte sie immer gesagt, „sondern das, was im Herzen ist.“

Als Kind hatte ich das für ein schönes Märchen gehalten. Doch heute, in diesem goldenen Spätsommer, fühlte ich etwas, das ich damals nicht verstehen konnte.

Meine Tochter hatte den Ball erreicht, drehte sich um und kam zu mir zurückgelaufen, die Glaskugel wieder in der Hand.

„Mama, ich hab sie wiedergefunden! Sie hat geblinzelt!“
Ich musste lächeln. „Hat sie das?“
Sie nickte ernst und streckte mir die Kugel entgegen. „Für dich.“

Ich nahm sie vorsichtig in die Hand. Das Glas war kühl, aber das Licht darin – das war warm. Ich hob sie ans Auge, so wie sie es getan hatte.
Und für einen winzigen Moment schien die Welt stillzustehen.

Ich sah Farben, Reflexe, ein Lichtspiel. Und mitten darin: ein verschwommener Schatten, der mich vage an das Lächeln meiner Mutter erinnerte.

Ich blinzelte – und es war verschwunden.
Aber das Gefühl blieb.

Ich sah zu meiner Tochter hinunter, die erwartungsvoll zu mir hochblickte. Ihre kleinen Finger griffen nach meiner Hand, und in diesem einfachen, selbstverständlichen Griff lag eine Wärme, die kein Glas der Welt einfangen konnte.

Vielleicht hatte meine Mutter recht gehabt.
Vielleicht war es nie wirklich um das Glas gegangen. Nicht um Magie oder Spiegelbilder, sondern um das, was wir darin zu erkennen bereit waren.

Liebe. Erinnerung. Gegenwart.

Manchmal eingefangen in einer Glaskugel, manchmal einfach nur in einem Lächeln, einem Blick, einem stillen Moment.

Ich drückte meiner Tochter die Kugel wieder in die Hand.
„Pass gut auf sie auf“, sagte ich leise.
Sie nickte ernst, als wüsste sie längst, dass es dabei um mehr ging als nur ein Spielzeug. Dann lief sie wieder los, lachend, tanzend zwischen Sonnenflecken und raschelnden Blättern.

Ich blieb noch einen Moment sitzen und ließ den Blick durch den Garten schweifen.

Der Herbst kam.
Und ich war bereit.
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