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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 28.05.2025, 14:46   #1
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 72
Beiträge: 11.082

Standard Kurzer und langer Abschied

Es blinkt etwas. Ein Krankenwagen
steht, sehe ich, vor unserm Haus.
Mein Nachbar wird hinausgetragen
und sieht, scheint mir, verändert aus.

Er konnte längst schon nicht mehr gehen,
und alles andre fiel ihm schwer.
Ich habe ihn nicht oft gesehen,
zuletzt ein ganzes Jahr nicht mehr.

Ich sah nur jeden Tag die Frauen
vom Pflegedienst im Treppenhaus
und gönnte mir, sie anzuschauen.
Sie sahen nämlich lecker aus.

Die eine steht beim Sanitäter,
dem sie noch einen Zettel zeigt,
bevor sie Augenblicke später
wie schaudernd in ihr Auto steigt.

Der Krankenwagen ist verschwunden,
das andre Auto aber nicht.
Es steht da noch drei volle Stunden,
als lähme irgendein Gewicht.

Ich fühle, ohne nachzusehen:
Mein Nachbar stand mir allzu fern.
Doch andre wollten ihn verstehen,
und hatten ihn wohl mehr als gern…
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.05.2025, 15:58   #2
männlich Elysium
 
Benutzerbild von Elysium
 
Dabei seit: 07/2011
Ort: Siegburg
Alter: 45
Beiträge: 515

Zitat:
Zitat von gummibaum Beitrag anzeigen
Es blinkt etwas. Ein Krankenwagen
steht, sehe ich, vor unserm Haus.
Mein Nachbar wird hinausgetragen
und sieht, scheint mir, verändert aus.

Er konnte längst schon nicht mehr gehen,
und alles andre fiel ihm schwer.
Ich habe ihn nicht oft gesehen,
zuletzt ein ganzes Jahr nicht mehr.

Ich sah nur jeden Tag die Frauen
vom Pflegedienst im Treppenhaus
und gönnte mir, sie anzuschauen.
Sie sahen nämlich lecker aus.

Die eine steht beim Sanitäter,
dem sie noch einen Zettel zeigt,
bevor sie Augenblicke später
wie schaudernd in ihr Auto steigt.

Der Krankenwagen ist verschwunden,
das andre Auto aber nicht.
Es steht da noch drei volle Stunden,
als lähme irgendein Gewicht.

Ich fühle, ohne nachzusehen:
Mein Nachbar stand mir allzu fern.
Doch andre wollten ihn verstehen,
und hatten ihn wohl mehr als gern…
... und am Wichtigsten scheint mir, lieber Gummibaum, dass er nicht vergessen wird. Dass mehr als ein Zettel bleibt. Die Erinnerung. Und vielleicht jemand, der ihn mochte. Vielleicht die Frau vom Pflegedienst ...

Toll, dass Du nach langer Zeit hier wieder öfter auftauchst. Ich habe immer gerne mit Dir korrespondiert.

Zum Gedicht:

Formal und handwerklich sehr sauber, stringent gearbeitet, scheint seine geradezu starr anmutende Form eine Metaebene der tiefen Empathie des lyrischen Ichs kaum halten zu können. Hier möchte ein Mitgefühl ausbrechen, das sich hinter einem strengen Formalismus kaum verstecken kann.

Ich musste spontan an Mascha Kaléko denken. Sehr gerne genossen.

LG
Elysium

Geändert von Elysium (28.05.2025 um 19:21 Uhr)
Elysium ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.05.2025, 19:19   #3
männlich TravisBeamer
 
Benutzerbild von TravisBeamer
 
Dabei seit: 10/2022
Beiträge: 1.066

Ein Gedicht, das auch mir sehr gut gefällt. Ja manchmal ist das so. Ich lebe auch mit Leuten in einem Hausblock, die ich teilweise kaum sehe. Ich habe nichts gegen diese Anonymität, den Tod wünscht man jedoch wohl keinem.

Freundliche Grüße,
Travis Beamer
TravisBeamer ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2025, 04:38   #4
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 72
Beiträge: 11.082

Liebe Elysium,
danke für deinen differierten Kommentar. Ich freue mich, wieder etwas von dir zu lesen.

Lieber TravisBeamer,
danke für deinen Zuspruch.

Liebe Grüße von gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.05.2025, 13:07   #5
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Ort: Bei Rostock
Beiträge: 2.302

Ein sehr gut geschriebenes Gedicht, was die Situation vollständig nahebringt.
Perfekt
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.06.2025, 21:41   #6
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 72
Beiträge: 11.082

Danke, lieber MiauKuh. Ich freue mich.

Grüße von gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
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