![]() |
|
|
|||||||
| Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw. |
![]() |
|
|
Themen-Optionen | Thema durchsuchen |
|
|
#1 |
|
Forumsleitung
|
„Keine Angst, der ist lieb“, sagte der junge Mann, als sein Pitbull mich beschnupperte und seine Vorderpfoten auf meine Schuhe stellte. „Er will nur getätschelt werden.“
Ich hatte keine Angst. Auch keine Vorbehalte gegen Hunderassen, die als „Kampfhunde“ gelistet waren. Trotzdem war meine Hand wie gelähmt. Grundsätzlich konnte ich keine Hunde streicheln, wollte ihr Fell nicht spüren, nicht über ihre knöcherne Stirn fahren, nicht ihre rosa Zunge sehen, ihren Blick nicht ertragen und nicht ihren Atem riechen. Nicht, nachdem es Crixus in meinem Leben gegeben hatte. Einmalig und unvergesslich. Ich wollte den Schmerz der Vergangenheit nicht mehr in mir hochkommen lassen. Diesen Schmerz, der so eng mit dem Tod meines Sohnes Daniel verbunden war. Wenn Crixus sich freute, sprang er hoch, legte seine Pfoten dem Objekt seiner Sympathie auf die Brust und schlabberte ihm mit seiner rosa Zunge das Gesicht ab. Mir gelang nicht immer, ihn davor zurückzuhalten und mir den Ärger zu ersparen, den solche Sympathiebekundungen nach sich zogen. Crixus kam als Welpe zu mir, kurz nachdem ich Mutter eines Jungen geworden war. Zunächst hatte ich Bedenken, denn von Hunden hatte ich nicht die geringste Ahnung. Aber dieses knuffige Fellbündel mit Hängeohren und dunkelbrauner, feuchtglänzender Nase war so putzig und sah mich aus derart vertrauensseligen Augen an, dass ich aus Granit hätte sein müssen, ihm zu widerstehen. „Hoffentlich ist dir klar, was du dir ans Bein gebunden hast.“ Thomas, mein Ehemann, machte aus seinem Unmut über meine Schock-Verliebtheit in Crixus keinen Hehl, denn ich hatte ihn übergangen, ein kardinaler Verstoß gegen unsere Übereinkunft, alles, was unser gemeinsames Leben betraf, in kompromissbereiter Abwägung stichhaltiger Argumente demokratisch zu entscheiden. „Baby und Hund gleichzeitig passt nicht zusammen“, strafte er mich ab, „mit meiner Unterstützung brauchst du nicht zu rechnen.“ Thomas war eingeschnappt, aber was sollte ich machen? Früher hätten die Leute bei solchen Problemen den Welpen samt schwerer Steine in einen Sack gesteckt, ihn verknotet und im nächsten Gewässer, das tief genug war, versenkt. Das wäre mit meinen Moralvorstellungen nicht vereinbar gewesen und hätte Thomas in Zweifel gestürzt, ob er nicht in Wahrheit ein Monster geheiratet hatte. Also war meine erste Strategie, mich ohne zu klagen oder um Hilfe zu bitten durch meine selbstauferlegte Prüfung durchzuwursteln. Ich ging in meine Stammbuchhandlung, ließ mich beraten und kam mit einer Wagenladung an Literatur über Hundehaltung, Hundecharakter, Hundepsychologie, Hundeerziehung, Hundekrankheiten, Abstammung des Hundes, Geschichte des Hundes seit der Frühzeit des Menschen, Hunderassen und und und nach Hause zurück. In geduldiger Arbeit lehrte ich Crixus, bei Fuß zu gehen, auf Fingerschnippen zu sitzen und so zu verharren, bis ich ihn zu mir rief. Das war trotz wochenlangen Studiums all der Literatur, von der sich neunzig Prozent als unbrauchbar erwies, alles, was ich ihm beibringen konnte, denn gegen sein Temperament war nichts zu machen. Die Anzeigen von Leuten, die seine überschäumende Freundlichkeit missverstanden und um die Unversehrtheit ihrer Kehlen gebangt haben, füllten mir einen breiten Ordner. Die meisten Anzeigen blieben ohne gravierende Folgen, abgesehen von der Klage eines älteren Herrn, der massive Herzprobleme hatte und das Trauma nachweisen konnte, als Kind von einem Schäferhund in die Wange gebissen worden zu sein, ehe seine Mutter das Tier mit Fußtritten in die Flucht schlug. Das Verfahren kostete uns saftige fünftausend Euro an Schmerzensgeld, obwohl Crixus kein Leid verursacht hatte. Thomas ersparte mir eine Standpauke über die Strafzahlung („Da hast du’s!“) ebenso wie Schadenfreude („Du wolltest die Töle, jetzt ist das Geld für dein eigenes Auto eben weg.“) Crixus war ein gutmütiger und schöner Hund. Sein schwarzbrauner Sattel hob sich in einer harten Linie von seinem blonden Fell ab. Er hatte einen wohlgeformten Kopf und schaute mich aus honigfarbenen Augen an. Früh hatte er gelernt, die Ohren aufzustellen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe Schäferhunde gesehen, denen es nicht gelang, beide Ohren zu spitzen, sondern dass eins von beiden immer hängen blieb. Für einen Schäferhund war Crixus ungewöhnlich groß, und wo immer ich mit ihm auftauchte, war mir der Respekt der Leute sicher, die nicht ahnten, wie harmlos er wirklich war. Er liebte Kinder und ließ mit sich machen, was immer den Rackern im Übermut einfiel. Nie knurrte er, wenn ein Dreikäsehoch ihn am Schwanz zog oder mit ihm „Huckepack“spielte. Am treuesten aber war er Daniel zugetan, der, ohne die Differenz zwischen Hunde- und Menschenleben zu berücksichtigen, mit ihm gleichaltrig aufgewachsen war. Daniel konnte sich ein Leben ohne Crixus an seiner Seite nicht vorstellen. Ob Crixus mit dem Intellekt eines Hundes ähnlich empfand, hätte ich damals nicht beurteilen können. Heute kann ich zumindest ahnen, wie stark sich die beiden verbunden waren. Zwei Polizisten brachten Crixus nach Hause, an einem Samstag, an dem Daniel von der Geburtstagspartie eines Klassenkameraden nicht zur vereinbarten Zeit zurückgekehrt war. „Ihr Sohn wollte zum Bus“, sagte einer der Polizisten. Und als ihm die Stimme versagte, fuhr der andere fort: „Er rannte blindlings über die Straße, um ihn, bevor er losfuhr, noch zu erreichen, und da erfasste ihn ein Lastwagen. Es tut uns leid.“ Thomas und ich erstarrten. Augenblicklich erfassten wir, was die Worte bedeuteten: „Es tut uns leid.“ Daniel war tot. Crixus war unverletzt davongekommen, weil er ihm, wie Augenzeugen des Unfalls berichtet hatten, ein paar Sprünge voraus gewesen war. Seit jenem Tag, an dem Daniel von dem Lastwagen überrollt worden war und noch an der Unfallstelle starb, stellte Crixus das Fressen und Trinken ein. Er wartete auf Daniel. Und je länger er wartete, umso länger fraß und trank er nicht mehr. Einmal zerrte ich ihn mit zu Daniels Grab, in der naiven Hoffnung, wenn er es sähe, fände er sich mit dessen Sterblichkeit ab und zu seinen Lebensgeistern zurück. Das Gegenteil war der Fall: Er bedeckte das Grab mit seinem Körper und musste mit Gewalt davon gelöst werden. Crixus magerte ab, seine Nieren versagten, und er drohte zu verhungern. Ich ließ ihn einschläfern. Ohne mit Thomas darüber entschieden zu haben. Ich hielt es für notwendig. Und Thomas weinte. Ich nicht. Aber ich habe seitdem keinen Hund mehr so nah an mich herangelassen, ihm den Kopf zu tätscheln. Ein Herz ist nicht teilbar, es ist nur einmal zu verschenken. Seitdem ich Crixus einschläfern ließ, gab es für mich in dieser Welt keinen anderen Hund mehr. Alles, was Menschen an Tieren, die sie für Hunde hielten, an der Leine führten, waren für mich Verrückte, die mit Zombies unterwegs waren. Ich war selber verrückt, lange Zeit, bis ich wieder normal denken konnte. Verlust tut weh, und zurück in ein schmerzfreies Leben zu finden ist schwer. Meine Ehe drohte daran zu zerbrechen. „Wie kann es sein“, warf Thomas mir vor, „dass ein Hund dir wichtiger ist als unsere Liebe? Dass sein Kadaver dich regelrecht auffrisst?“ Kadaver? Thomas wollte wieder ein Kind. Einen Neuanfang. Widerwillig ließ ich mich darauf ein. Wir ließen das Mädchen auf Iris taufen, und mit neun wollte sie einen Hund. Ich war dagegen, aber Thomas unterstützte sie, und so bekamen wir Ringo, einen struppigen, kurzbeinigen Terrier, der unsere Herzen im Handumdrehen gewann. Warum haben wir das gemacht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Iris und Ringo ein Herz und eine Seele sind. Das Leben geht weiter. |
|
|
|
|
|
#2 |
|
Dabei seit: 02/2021
Ort: mit beiden Beinen in den Wolken
Alter: 62
Beiträge: 2.133
|
... scheint eine ulkige Partnerschaft zu sein, ich meine jetzt Mann und Frau. Obwohl auch mir schon Hunderassen ins Haus kamen, an denen ich keine Entscheidungsbefugnis erhielt.
Dein Abschluss enthält keine Wertung, wie das Leben selbst. Der Leser entscheidet. beaux rêves |
|
|
|
|
|
#3 | |
|
Forumsleitung
|
Zitat:
Danke fürs Lesen und den Kommi. |
|
|
|
|
|
|
#4 |
|
Hallo Ilka,
ich gehe mal davon aus, es ist eine wahre Geschichte. Du hast sie so natürlich geschidert, dass sie mich tatsächlich in den Bann gezogen hat. Die schönen Dinge, aber auch die Traurigen Erfahrungen, welche das Leben uns schenkt, sind von uns selbst nich beeinflussbar. Tiere, wie Hund oder auch Katze, sind für viele Menschen der Wegbegleiter durchs Leben. Sie sind Ansprechpartner, Trostspender, oder auch Therapeut. Ich selbst hatte einmal eine schweizer Gebirgsdogge, ein großer. kräftiger Kerl mit samftem Gemüt. Es war kurz nach dem Krieg, die Menschen hungerten, eines Tages hing sein Fell über einen Zaun... Ich wurde krank danach, es war grausam für mich, ich war vierzehn Jahre alt. |
|
|
|
|
|
|
#5 | |
|
Forumsleitung
|
Zitat:
Was du über die Dogge berichtest, ist barbarisch. Vielleicht muss man aber selber erst einmal Hunger bis zum Wahnsinnigwerden erlebt haben, um so ein Erlebnis verarbeiten zu können. LG Ilka |
|
|
|
|
|
|
#6 |
|
Man liest, wie der Hund Daniels Tod verarbeitet und daran zugrunde geht. Ich wusste als Leserin nicht wohin mit mir und meinen Gedanken, die bei den Eltern festhingen, vor allem bei der mir anfänglich sympathischen Ich Erzählerin.
Ich hab dann alles, was Crixus macht, als Metapher genommen. Und dann auch wieder nicht, denn die Geschichte trägt den Titel Crixus. Es geht um ihn. Aber der kleine Sohn der Ich Erzählerin stirbt in dieser Geschichte. Und wir erfahren nichts darüber, was das mit der Ich Erzählerin macht. Sie ist verrückt, sie spürt Verlust, aber das betrifft den Hund, nicht ihr Kind. Oder? Crixus liebte Daniel mehr als die Mutter ihr Kind liebte. So lese ich das. Crixus, ein Hund als Sympathieträger der Geschichte, auf Kosten eines (toten) kleinen Jungen. Ungewöhnlich. Das Ende-kaum auszuhalten. Gern gelesen und drüber nachgedacht. |
|
|
|
|
|
|
#7 |
|
Was ist denn ein Bullpit?
|
|
|
|
|
|
|
#8 |
|
Forumsleitung
|
Eine Hunderasse, die auf der Liste der gefährlichen Kampfhunde steht. Sozusagen ein von Geburt an diskriminierter Hund, der es seinem Halter schwer macht, eine Wohnung zu mieten. Der Jude und Islamist unter den Hunden. Der wird mit einem Palistänsertuch um den Hals und dem Davidsstern auf der Stirn geboren. Statt Zähnen wachsen ihm Messer in der Schnauze, und wenn er bellt, wirst du von Geschossen zersiebt. Springt er an dir hoch, dann mit dem Ziel, dir den Brustkorb einzudrücken, bis du keine Luft mehr kriegst. Dabei leckt er dir mit der Zungte einige tausend Mikroben ins Gesicht, die dich zu Fall bringen werden.
Sonst noch Fragen, auf die mir nur eine ketzerische Antwort einfällt? |
|
|
|
|
|
#9 | |
|
Zitat:
|
||
|
|
|