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Alt 15.01.2025, 17:34   #1
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Standard VÖLVA

In einer kleinen Hütte, tief in den Moorwäldern Meckpoms, lebt eine Völva, die für ihre Gabe bekannt ist, die Runen zu deuten und mit den Wesen in der Natur zu sprechen. Eines Tages kommt ein Wanderer aus Berlin zu ihr. Er ist müde von den Partys und den Häusern die aus Stein gebaut vom endlosen Rauschen der Menschenmassen in allen möglichen Fahrzeugen. Doch er trägt immer noch den Stolz der Städter in sich, den Glauben, dass die Welt ihm zu dienen habe.

Die Völva sitzt auf einem Moos bewachsenen Baumstamm und wirft kleine Stäbe auf die Erde. In denen sie den Mann kommen sieht, bevor er überhaupt den Rand des Waldes erreicht hat.
Als er nun vor ihr steht, mustert sie ihn mit Augen, die wie die Bäume sehen, wie der Wald selbst.

„Warum bist du hier, Wanderer?“ fragt sie, ihre Stimme ist ruhig, aber melodisch.

„Ich suche Antworten,“ poltert der Mann los. „Mein Geist ist leer, mein Herz schwer. In der Stadt hab ich fast alles, was ich brauche, und doch fehlt mir was. Es fühlt sich zumindest so an, könnt ihr mir da helfen, weise Frau.“

Die Völva lächelt kalt. „Setz dich.“ Sie deutet auf den umgekippten Baumplatz neben sich.

„Du bist wie so viele andere, die den Weg hierher finden,“ schluchtst sie. „Du sitzt auf dem Thron deines Geistes und blickst herab auf die Körperwelt, in der alles dir zu dienen hat. Du denkst du kannst dir vom Universum alles wünschen, was dich glücklich macht, in deiner Gier nach Völlerei.“

Der Mann runzelt die Stirn, aufgrund des Messers ihrer Worte.

„Das ist also aus Überleben, Jagen, Rennen geworden?“ fährt sie ihn an. „Du suchst keine Antworten, du suchst Abkürzungen. Verwurzelt willst du sein, dass alles dir zufliegt, ohne dass du etwas dafür tust. Was ist denn dieses Universum, dass dir da deine Wünsche erfüllt?
Auch wenn es vielleicht die Quanten sind, mit denen die Wünsche übertragen werden, so ist es doch die Erde, die dir alles mit ihrer Fülle schenkt.
Und trotzdem bist du unzufrieden. Undankbar, immer verlangend, immer fordernd.“

Der Wanderer schweigt. Er erinnert sich an die Fülle auch in seiner Stadt, an die verschwenderischen Mahlzeiten, die unzähligen Dinge, die er besitzt, die ihn aber immer nur kurz befriedigen.

„Also, was soll ich tun?“ bricht es schließlich aus ihm heraus.

Die Völva blickt in die Baumkronen. „Kehr zurück zum Ursprung. Erkenne, dass dein ganzes Spiel nur auf Überlebe, Jage, Renne basiert. Spüre, was es bedeutet, so unendlich viel von der Erde, zu bekommen.
Dankbarkeit ist der Schlüssel, Wanderer. Nur wenn du lernst, die Gaben des Lebens zu schätzen, wirst du wirklich erfüllt sein.“

Der Mann verlässt die Völva mit schweren Schritten, aber in seinem Geist keimt eine Pflanze, ein neues Verständnis. Die Worte der Völva bleiben bei ihm, und vielleicht, so hofft sie, wird er sie eines Tages wirklich verstehen.
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