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| Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw. |
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#1 |
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Forumsleitung
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Vor langer Zeit, als das Wünschen noch nicht als Aberglaube belächelt wurde, gebar Fanja in einem entfernten Wald und im hohlen Stamm einer Birke ihr erstes Kind und gab ihm in Anlehnung an den Götterboten Hermes den Namen Hermi. Wie sie sollte auch Hermi eine gute Fee werden, dazu erzogen, die Welt friedlicher zu machen. „Eintracht ist besser als Zwietracht, Frieden besser als Krieg, Sprechen besser als Schweigen, Kompromiss besser als Diktat, Liebe besser als Hass. Dies soll dein Manifest sein, Hermi, solange du lebst. Wenn du einmal groß bist, wird es deine Aufgabe sein, die Flügel auszubreiten und dieses Manifest der Welt zu verkünden.“
Hermi hatte keinen blassen Schimmer, was diese Worte bedeuteten und weshalb sie für die Welt wichtig sein sollten. Was, zum Kuckuck, war ein Manifest? Sie dachte nicht tiefer darüber nach, denn sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Raupen-Rudi, der sich schon bald in Klausur zu begeben hatte, am Kopf zu graulen und ihm das Versprechen abzunehmen, nach seiner Metamorphose zu ihr zurückzukehren. „Und ob!“, haute Rudi auf die Pauke. „Deine Flügel werden vor Staunen propellern, wenn du mich zurückkommen siehst, schlank und mit eigenen Flügeln, so prachtvoll, dass sie den größten Malern der Kunstgeschichte die Farbpalette von der Hand schlagen werden.“ „Jetzt übertreib mal nicht, Rudi“, gab ihm Hermi eins auf den Deckel. „Wenn du es wagst, mit so riesigen, dunklen Monsterflecken auf den Flügeln aufzutauchen wie der Toby, der damit sogar die frechen Krähen in Todesangst versetzt, brauchst du mich nie wieder anzuquatschen. Das ist Angeberei.“ Rudi schüttelte so heftig den Kopf, dass seine Fühler sich ineinander verhedderten. „Nee, oder? Ihr Weibsvolk habt einfach keine Ahnung. Der Witz ist doch gerade, dass den Krähen die Kloake auf Grundeis geht. Sonst hätten sie den Toby längst aus der Luft geschnäbelt und ihn genüsslich verdaut.“ Hermi wurde blass um die Nase. „Wirklich? Das ist ja gruselig.“ Sie dachte nach. „Du, Rudi, glaubst du, die könnten mich auch fressen? Wo ich doch so klein bin.“ „Dich?“ Rudis Lachen klang, als könne er Hermi nicht ernst nehmen. „Die legen sich mit keiner Fee an, seit sie gesehen haben, was mit Krischan passiert ist. Der dachte, deiner Mutter dreist kommen zu können, obwohl ihn seine Kumpel gewarnt hatten. Plusterte sich auf und machte auf Zampano. Der Narr hatte es auf Fanjas kleine Schwester, deine Tante Tita, abgesehen, und schwuppdiwupp – ein Streich mit Fanjas Zauberstab, und seitdem watet Krischan als Pillendreher im Dung und schuftet sich die Hinterhaxen ab. Ständig muss er aufpassen, dass er nicht von seinem eigenen Federvolk gefressen wird.“ „Du erzählst Ammengeschichten, Rudi. So etwas tut Mama nicht. Sie ist eine gute Fee. Sie hätte mit Krischan verhandelt und ihn vom falschen Weg abgebracht.“ „Meine Güte, bist du naiv! Selbst die gütigste Fee wird zur Hetäre, wenn es um ihre Sippschaft geht, erst recht, wenn jemand ihr Kind oder ihre Geschwister bedroht. Ausnahmslos. Nee, keine Bange, dir geschieht nichts.“ Hermi atmete hörbar auf. „Also müssen bei Faltern die Glotzaugen sein, damit sie sicher sind?“ „Ich kann auch mit einem Totenkopf auf dem Nacken zurückkommen. Ausgesprochen wirkungsvoll, kann ich dir sagen.“ „Bloß nicht! Dann lieber die Monsteraugen. Aber sag mal, Rudi, du kennst dich doch mit so vielen Sachen aus. Was versteht man eigentlich unter einem ‚Manifest‘?“ Rudi richtete seinen Vorderkörper auf, stolz, dass man ihm eine gute Portion an Wissen zutraute. Sich seiner Bedeutsamkeit bewusst räusperte er sich, ehe er loslegte. „Also, darunter verssteht man eine Grundsatzüberzeugung, die man, umfangreich begründet, in einem Programm zusammenfasst.“ „Und wozu soll das gut sein?“ „Damit zieht man los und versucht, alle Welt davon zu überzeugen, an das Programm zu glauben und zu helfen, es zu verbreiten.“ „Aha. Aber wenn sich die Grundüberzeugung als falsch herausstellt?“ „Gute Frage. Es ist und bleibt aber trotzdem ein Manifest. Man kann davon abrücken oder weiter dran glauben. Egal, man bekommt es aus der Welt nicht mehr raus. So oder so ähnlich hab ich es jedenfalls verstanden.“ Hermi dachte eine Weile darüber nach. „Ich denke, ich hab’s auch kapiert, Rudi.“ Bald nachdem Rudi seiner kleinen Freundin zur Erleuchtung verholfen hatte, war die Zeit des Abschieds gekommen. Beide waren traurig, als Rudi sagte: „Mach’s gut und pass auf dich auf. Ich muss jetzt an meinen Platz.“ Hermi war untröstlich, bis ihre Mutter sie schalt, sie benehme sich kindisch, wo sie doch fast erwachsen sei und die Pflicht auf sie warte. „Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, als du klein warst? Eintracht ist besser als Zwietracht, Frieden ist …“ „… besser als Krieg. Ja, Mama, weiß ich noch. Das Manifest. Kompromiss ist besser als Diktat und all das.“ „Brav, mein Kind. Du bist jetzt flügge und stark genug, auszuziehen und deine Mission zu erfüllen.“ „Aber Rudi!“, protestierte Hermi. „Ich muss doch auf ihn warten. Wir haben uns einander versprochen.“ „Nichts habt ihr. Rudi wird zu einem Schmetterling, aber du bist und bleibst eine Fee. Ihr seid Jugendfreunde gewesen, aber eure Wege trennen sich jetzt. Rudi wird nach seiner Metamorphose eine bezaubernde Sommergefährtin finden und mit ihr viele kleine Rudis zeugen. Du bist für andere Aufgaben ausersehen.“ Hermi traten Tränen in die Augen. Fanja nahm sie in den Arm. „Das Leben ist hart, Hermi, aber daran ist nichts zu ändern. Rudi wird dich vergessen. Er kommt zurück, aber nicht zu dir.“ Hermi riss sich los. „Ich glaube dir kein Wort!“ Aber sie gehorchte, breitete ihre Flügel aus und verkündete fern ihrer Jugendheimat Fanjas Manifest, wo immer sie sich gebraucht fühlte. Oft ging ihr dabei die Energie aus, denn all ihr Bemühen, die Welt friedlicher zu machen, schien vergeblich zu sein. An allen Ecken der Welt tobten Kriege, ohne dass die Konfliktparteien bereit waren, einzulenken. Als sie wieder einmal zu Hause bei ihrer Mutter war, um sich von den Strapazen ihrer Mission zu erholen, ereilte sie ein Hilferuf. Sie ging ihm nach und sah Rudi, der zu einem prachtvoll bunten Schmetterling mutiert, aber mit lausig kleinen Augen auf den Tragflächen gezeichnet war. Hilflos flatterte er mit den Flügeln. „Der Krixkrax hat meine Tippi im Schnabel!“ Die Krähe hatte Tippi erwischt und war drauf und dran, davon zu fliegen und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Hermi verlor keine Zeit und balbierte Krixkrax mit ihrem Zauberstab eins über den Schnabel. Augenblicklich ließ die Krähe ihre Beute fallen und trat die Flucht an. „Moment mal!“, schrie ihr Hermi nach und gab ihr noch einen Streich auf die Schwanzfedern. Im nächsten Moment verwandelte sich die Krähe in einen Hausspatz, womit sie gut bedient war. „Lass dir das eine Lehre sein!“, herrschte Hermi sie an. „Das nächste Mal geht es nicht so glimpflich ab.“ Sie wandte sich Tippi zu. „Alles in Ordnung?“ „Nicht ganz. Ich habe Staub verloren, und mein mittleres linkes Bein hat einen Knacks.“ „Das wird wieder.“ Rudi, den Hermi nicht wiedererkannte, flatterte an sie heran. „Du warst unsere Rettung. Wie heißt du?“ „Hermi. Und du?“ „Ich bin der Rudi.“ „Rudi …“. Etwas in Hermi schlug eine Glocke an, erst stark, aber dann immer schwächer. Rudi. Da war mal was. Vor langer, langer Zeit. Unschuld, Romantik und Vertrauen. Sie konnte sich partout nicht so erinnern, wie sie gerne wollte, und so wischte sie die Gedanken fort. „Ja, dann, Rudi. Ich muss weiter.“ „Hab Dank“, rief er ihr nach, als sie mit flirrendem Flügelschlag davonflog. 10.08.2025 |
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#2 |
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Hallo Ilka,
manches, was verloren geht, bleibt verloren – selbst, wenn es einst unvergänglich schien. Das ist die Quintessenz der Geschichte. Servus Roland |
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