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#1 |
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Sternenkinder
Prolog: Ein Riss im All Der Kosmos war still, als hätte er den Atem angehalten. Doch in diesem Schweigen tobte der letzte große Krieg. Schwärme metallischer Riesenvögel — Menschenschiffe, gebaut aus Titan und Hass — jagten durch das Dunkel. Zwischen ihnen flitzten schwarze, schlanke Jäger, die Schiffe der Katzenmenschen. Ihre Hüllen waren bemalt mit silbernen Krallen, ihre Triebwerke heulten wie uralte Raubtiere. Laserlanzen schnitten durch die Schwärze, Funken regneten, Schiffe zerplatzten wie reife Früchte. Piloten schrien Befehle, fluchten, flehten, starben. Auf der Brücke der SCS Vesper, einem gewaltigen Menschenschlachtschiff, stand Leutnant Elias Kovac. Seine Hände zitterten am Steuerknüppel, der Schweiß rann ihm in die Augen. „Noch einmal… Nur noch einmal…“, murmelte er. Draußen explodierte ein Kreuzer. Metallteile wirbelten, ein Trümmerstück schlug gegen die Vesper. Der Rumpf kreischte wie ein sterbendes Tier. Gleichzeitig, irgendwo zwischen den Trümmern, saß Shira, Tochter des Nachtkralle-Clans, in ihrem leichten Abfangjäger. Ihre bernsteinfarbenen Augen blitzten. „Für meine Ahnen… für den Clan…“, knurrte sie. Ihre Klauen packten die Steuerkonsole, während sie durch die Explosionen tanzte, schneller als jede Reaktion eines Menschen. Dann — das Licht. Ein Riss zog sich durch das All. Heller als jede Sonne, tiefer als jede Leere. Alle Funksprüche verstummten. Schiffe standen still, eingefroren im Augenblick des Untergangs. „Ihr habt gewählt: Hass. Tod. Ihr wünschtet, allein in der Stille zu regieren. Nun sollt ihr die Stille spüren.“ Die Stimme war keine Stimme. Sie war in jeder Zelle, in jeder Erinnerung, in jedem schmerzhaften Herzschlag. „Zwei. Ihr zwei. Ihr werdet entscheiden. Kein Heer. Keine Flotte. Nur zwei Seelen — und ein Planet, der selbst der Tod ist. Überlebt ihr, überlebt eure Art. Sterbt ihr, vergeht euer ganzes Volk.“ Dann: Leere. Dunkelheit. Kälte. ________________________________________ Kapitel 1: Erwachen unter dem Säurehimmel Elias schrie, bevor er richtig begriff, dass er lebte. Er schlug um sich, rang nach Luft. Giftiger Nebel füllte seine Lungen, brannte wie Feuer. Er hustete, würgte, spürte, wie sich säuerlicher Schaum an seinen Lippen sammelte. Der Boden unter ihm war eine spröde Schicht aus gebrochenem Glas und verätztem Gestein. Jeder Atemzug fühlte sich an wie Scherben im Hals. Er versuchte, aufzustehen. Sein rechter Arm gab nach, zuckte schwach. Er spürte Blut, warm, zäh, den metallischen Geruch, der ihn an die Wracks toter Kameraden erinnerte. Sein Helm lag zertrümmert neben ihm. Er zog ihn zu sich, starrte hinein. Der Spiegel war blind, voller Kratzer. Darin sah er nur das verzerrte Glitzern seines eigenen Blicks — leer, gehetzt, voller Todesangst. Die Umgebung waberte. Nebel in schwachen Violett- und Gelbtönen kroch über den Boden, stieg wie züngelnde Flammen an den kantigen Felsen hoch. Aus Ritzen tropfte eine dicke schwarze Flüssigkeit, die bei jedem Tropfen ein zischendes Loch in den Boden brannte. Oben kreisten wolkenartige Wesen, durchscheinend, mit blassen Glühaugen, die jede Bewegung verfolgten. Wo bin ich…? Bin ich tot? Nein. Nein, noch nicht. Ich… ich muss… Er spürte seine Tasche, fand einen kleinen Splitter Metall — scharf, spitz. Seine Finger umklammerten ihn wie ein Ertrinkender einen Rettungsring. Dann ein Laut. Kratzend, tief, grollend. Er drehte sich. Da stand sie. Shira. Ihr Fell war zerfetzt, ihre Haut mit violetten Narben überzogen. Schwarzer Schorf klebte an ihren Schultern, eine ihrer Ohren war eingerissen. Trotz der Verletzungen stand sie aufrecht, wie eine Königin auf dem Schlachtfeld. Ihre gelben Augen leuchteten im Nebel, fixierten ihn. „Mensch…“, spie sie aus, als wäre das Wort selbst eine Krankheit. Elias schnappte nach Luft, hob den Metallsplitter. „Zurück…“, keuchte er, seine Stimme kaum mehr als ein Wimmern. Shira machte einen Schritt, die Krallen schnitten über den Stein, ließen Funken sprühen. „Du bist die Beute. Du stinkst nach Angst. Nach Tod.“ Sie sprang. Elias riss den Splitter hoch. Ihre Krallen schnitten durch die Luft, streiften seine Brust, hinterließen drei tiefe, blutige Linien. Er taumelte, schlug blind mit dem Splitter zu, traf sie an der Schulter. Shira schrie, riss ihm das provisorische Messer aus der Hand, schleuderte ihn gegen einen Felsen. Sein Kopf knallte auf Stein. Sterne explodierten in seinem Blickfeld. Sie kniete sich auf ihn, packte seine Kehle, drückte zu. Ihr Atem stank nach Blut und Galle, ihre Augen funkelten in wilder Raserei. Das war’s… Ich sterbe… Doch sie hielt inne. Ihre Klaue zitterte, ihr Blick zuckte über sein Gesicht. „Zu leicht…“, knurrte sie. „Zu schwach. Kein Jagdwert.“ Sie ließ los, stieß ihn mit dem Fuß zur Seite. Elias spuckte Blut, kroch hustend davon, während sie sich erhob. Shira beugte sich über ihn, ließ den Kopf nah an sein Ohr sinken. „Ich will dich jagen, Mensch. Ich will dich spüren, rennen sehen, kämpfen sehen. Nur dann schmeckt der Tod süß.“ Dann verschwand sie, so lautlos wie sie gekommen war, und ließ ihn zitternd und keuchend zurück. ________________________________________ Ende Teil 1 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 2: Die Jägerin Elias kroch durch eine Schlucht, die aussah wie das aufgerissene Maul eines uralten Ungeheuers. Die Wände waren schwarz und rissig, von Adern aus glühendem Orange durchzogen. Aus Spalten stieg beißender Dampf auf, der selbst seine ohnehin zerfetzte Kleidung zerfraß. Seine Brust schmerzte bei jedem Atemzug. Das Blut aus den drei tiefen Kratzern hatte inzwischen eine dicke, schwarze Kruste gebildet, die brannte wie kochendes Öl. Verdammt… ich muss Wasser finden. Ich muss… Irgendwo… Er erinnerte sich an eine winzige Pfütze, die er in der Nacht gesehen hatte. Ein Becken aus halb geschmolzenem Stein, in dem sich Regen gesammelt hatte — so giftig, dass es selbst die dicken Ranken versengt hatte. Elias stützte sich an der Wand ab, zog seinen Körper weiter. Sein rechter Arm war taub, die Finger zitterten unkontrolliert. Von oben kam ein Laut. Ein Knurren, tief und vibrierend. Er drehte sich um. Shira. Sie kauerte auf einem Felsvorsprung, ihre Augen glühten im dichten, violetten Nebel. Blut sickerte aus ihrer Schulter, dort, wo er sie mit dem Splitter getroffen hatte. Sie leckte die Wunde, langsam, fast genüsslich, während sie ihn fixierte. „Läufst du, Mensch?“, fauchte sie. „Oder kriechst du schon deinem Ende entgegen?“ Elias packte eine lose Felsscherbe, schleuderte sie. Shira wich mit einer eleganten Drehung aus, landete weiter vorne. Er versuchte, aufzuspringen — doch sein Bein versagte. Shira grinste. Sie sprang herab, schloss die Distanz mit wenigen Sprüngen. Elias schlug blind um sich. Sie packte seinen Arm, drehte ihn mit brutaler Präzision, ein widerliches Knacken hallte durch die Schlucht. Elias schrie, seine Augen flackerten, Schweiß und Blut liefen in seinen Mund. Shira beugte sich über ihn, ihre Stirn fast an seiner. „Du bist erbärmlich. Aber irgendetwas an dir… macht mich neugierig.“ Sie roch an seinem Hals, ihre Zunge streifte seine Wange. „Du riechst nach Metall. Nach Angst. Nach… Hunger.“ Mit einem letzten Ruck zog Elias ein verstecktes, spitzes Stück Glas aus seiner Tasche. Er rammte es in ihre Seite. Shira schrie auf, wich taumelnd zurück, die Krallen an ihrer Hüfte. Sie starrte ihn an, ein Blick zwischen Wut und ungläubiger Enttäuschung. „Verräter!“, keuchte sie. „Du wagst es…!“ Elias kroch zurück, hustete. „Du wolltest mich töten. Ich bin kein Spielzeug…“ Shira zog das Glas aus ihrer Seite, schleuderte es fort. „Ich hätte dich jagen wollen. Dich brechen. Langsam. Du nimmst mir den Tanz…“ Sie sprang erneut auf ihn zu, riss ihn am Nacken hoch, drückte ihn gegen den Fels. Ihr Griff schnitt ihm fast die Luft ab. Ich sterbe… diesmal wirklich… Ihre Augen flackerten, als würde sie mit sich selbst kämpfen. Schließlich stieß sie ihn weg. Er fiel, schlug hart auf. „Lauf“, zischte sie. „Lauf, Mensch. Ich will sehen, wie tief du wirklich kriechen kannst.“ Dann verschwand sie wieder, sprang die steilen Felswände hoch, als wäre sie ein Schatten. Kapitel 3: Die Falle Elias kroch tiefer in die Schlucht. Sein gebrochener Arm hing nutzlos an seiner Seite, jeder Atemzug war ein Kampf. In einer Mulde fand er zerrissene Wurzeln, halb verbrannt von dem giftigen Regen. Zwischen den schwarzen Fasern tropfte eine dünne, klare Flüssigkeit. Er schleppte sich hin, trank, würgte, hustete erneut Blut. Ich muss sie töten… Oder ich sterbe. Keine andere Wahl. Keine. Sein Blick fiel auf ein Gewirr aus abgebrochenen Kristallen, die wie Dolche aus dem Boden ragten. Er grinste schwach. Er zog mit seinem gesunden Arm Ranken zusammen, knotete sie mit zittrigen Fingern. Jede Bewegung war ein Stich durch seinen Körper, doch er biss die Zähne zusammen. Er baute eine primitive Fallgrube, spickte sie mit Splittern. Darüber legte er einen Teppich aus Schlick und schwarzem Staub. Komm schon… Shira… komm… Er legte sich ein paar Meter weiter in eine Kuhle, zog sich Tarnschlamm über den Körper. Sein Herz trommelte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel. Stunden vergingen. Die Luft wurde dichter, ein finsterer Nebel zog heran. Dann hörte er sie. Schritte. Geschmeidig. Lautlos. Shira. Sie roch die Luft, knurrte leise. „Du bist hier… ich spüre dein Gestank…“ Sie bewegte sich vorsichtig. Ihre Augen huschten über den Boden, über die Ranken, über die Schatten. Plötzlich blieb sie stehen. Sie kauerte sich hin, schnupperte. „Glaubst du wirklich… ich wäre so dumm?“, flüsterte sie. Elias spannte alle Muskeln. Shira drehte sich, ihre Augen trafen seine. Sie grinste. „Gefunden.“ Sie sprang. Er riss einen Stein hoch, warf ihn gegen eine zweite Ranke — eine improvisierte, zweite Falle. Ein Haufen Felsbrocken stürzten herab, zerbrachen, rutschten, trafen Shira an der Seite. Sie schrie auf, verlor das Gleichgewicht, stolperte. Sie taumelte direkt auf die Grube zu — dann fing sie sich mit einer katzenhaften Drehung, ihre Krallen gruben sich in den Boden, sie schwang sich an einem Felsspalt vorbei. Elias schnappte nach Luft, seine Hand zitterte am Griff eines weiteren Glasdolchs. Shira sprang auf ihn zu, ihre Klauen blitzten. Er rammte ihr das Glas in den Oberarm. Sie kreischte, riss es heraus, warf ihn zu Boden. Sie kniete auf ihm, ihre Krallen an seiner Kehle. „Du… Drecksmensch… du wagst es wirklich… mich zu jagen…“ Ihre Augen flimmerten. Blut tropfte von ihrem Arm auf seine Brust. Elias spürte, wie seine Gedanken verschwammen. Jetzt… Jetzt stirbst du wirklich, Kovac… Doch Shira zögerte. Ihre Brust hob und senkte sich heftig. Dann beugte sie sich langsam vor, roch an seiner Wange, ihr Atem heiß, wild. „Warum… warum kämpfst du so?“, hauchte sie. „Warum stirbst du nicht einfach…?“ Elias spürte ihren heißen Atem, roch ihr Blut, ihre Wut, ihre Angst. „Weil… ich… nicht nur für mich kämpfe…“, flüsterte er, kaum hörbar. „Ich… kämpfe… damit jemand… etwas anderes sieht…“ Ihre Krallen sanken, berührten nur noch seine Haut. Ihre Stirn senkte sich, berührte seine. Einen Augenblick lang — nur einen — war es still. Dann stieß sie ihn weg, sprang zurück, fauchte, ihr Blick wirr. „Das ist nicht… das ist nicht der Plan!“, schrie sie. „Das ist nicht der Tanz, den ich wollte!“ Sie verschwand in den Nebeln. Elias blieb keuchend liegen, starrte in den violetten Himmel. Seine Brust bebte, seine Finger krampften. Ich… lebe noch. Aber wie lange…? ________________________________________ Ende Teil 2 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 4: Die Nacht des Giftes Der Himmel leuchtete in einer unnatürlichen Farbe, als wäre er aus lebendigem Fleisch. Violette Blitze pulsten, waberten durch die Wolken wie Adern unter einer kranken Haut. Elias schleppte sich in eine kleine Senke, umgeben von dornenbewehrten Ranken. Die Dornen waren schwarz und glänzten wie Obsidian, ihre Spitzen tropften langsam eine Flüssigkeit, die bei jedem Tropfen Zischlaute auf dem Boden erzeugte. Er tastete nach einem halb zerfetzten Verband. Jede Bewegung war ein Stechen, ein Pulsieren, als würde jemand heißes Metall in seine Muskeln pressen. Ich kann nicht mehr. Ich… ich bin nur noch ein Schatten. Er zog sich in einen Spalt, spürte, wie seine Lider schwer wurden. Doch er wusste: Shira war da draußen. Und sie kam. Er hörte sie, bevor er sie sah. Das leise Schaben ihrer Klauen über Stein. Das rhythmische Knurren, das immer lauter wurde, immer näher. Elias griff nach seinem improvisierten Dolch, die Finger glitten an der scharfen Kante ab. Blut rann über seine Hand, tropfte leise in den Staub. Shira trat in den Spalt, langsam, geschmeidig. Ihre Augen leuchteten schwach, in ihnen ein unstetes Feuer. Ihr Fell war an vielen Stellen verklebt von Blut und Dreck. Sie starrte ihn an. „Du lebst noch.“ Ihre Stimme war rau, brüchig. Fast enttäuscht. „Ich… bin nicht so leicht totzukriegen“, presste Elias heraus. Shira schnaufte, trat näher. Ihre Finger glitten über einen der schwarzen Dornen, sammelten einen Tropfen der giftigen Flüssigkeit. „Wusstest du, dass man mit nur wenigen Tropfen das Herz stoppen kann?“, hauchte sie, während sie den Tropfen zwischen zwei Krallen balancierte. Elias hob das Messer. „Wenn du es tun willst… dann mach es. Aber tu es schnell.“ Shira grinste. Doch es war kein Siegesgrinsen. Es war schief, verwirrt, beinahe traurig. „Du willst es also schnell? Kein Tanz? Keine Flucht? Kein letztes Zucken?“ „Ich bin kein Tier“, keuchte Elias. „Ich bin… ein Mensch.“ Sie neigte den Kopf, ihre Pupillen weiteten sich. Dann stieß sie ein kehliges Lachen aus. „Mensch…! Stolz bis zuletzt…“ Sie kam näher, presste ihre Hand mit dem Gift an seine Wange. Seine Haut begann sofort zu brennen, rote Streifen zogen sich über seine Schläfe. Er schrie, versuchte, sie wegzustoßen. Doch Shira packte ihn, drückte ihn gegen den Fels, ihr Gesicht nah an seinem. „So… viel… Feuer…“, hauchte sie, ihr Atem roch nach Eisen, nach fremden Kräutern. Er schnappte nach Luft, zog plötzlich ein kleines Röhrchen aus seiner Tasche. Darin: eingedickter Saft einer giftigen Moospflanze, die er vor Tagen gesammelt hatte. Elias stieß es gegen ihre Seite, der Inhalt sickerte in ihre Wunde. Shira riss die Augen auf, stieß einen wilden Schrei aus, warf ihn von sich. „Du elender…!“, kreischte sie, taumelte rückwärts, griff nach ihrer Hüfte, wo das Gift sich bereits in die Muskeln fraß. Elias fiel keuchend auf die Knie. Sein Gesicht brannte, die Haut platzte an einigen Stellen auf, Blut mischte sich mit dem dunklen Gift. Shira torkelte, fiel auf alle Viere. Ihre Atmung war kurz, stoßweise, die Pupillen zuckten. „Du… wagst es… mich… zu vergiften…“, fauchte sie, spuckte Blut. „Du… hast angefangen…“, keuchte Elias, während seine Finger über die steinige Erde tasteten, als suchten sie Halt an der Welt selbst. Shira zog sich, halb kriechend, in die Ecke des Spalts. Ihr Blick traf seinen. Da war Hass. Tod. Aber auch ein Funke — etwas Unbegreifliches, etwas, das beide nicht benennen konnten. Sie starrten sich an. Keiner konnte mehr aufstehen. Beide zitterten, Schweiß und Blut rannen in Strömen. Hier sterben wir. Jetzt. Zusammen. Elias spürte, wie sein Bewusstsein flackerte. Er wollte sich wegdrehen, doch sein Kopf sank seitlich, und sein Blick blieb an Shira hängen. Shira starrte ihn an, ihr Mund bebte. „Warum… kämpfst du… so sehr…?“, flüsterte sie. Er wollte antworten. Doch nur ein Röcheln kam. Sie robbte, millimeterweise, kam näher. Ihre Finger zitterten, zogen eine blutige Spur. Schließlich lag sie neben ihm, so nah, dass ihre Atmung seine brennende Wange streifte. „So… dumm…“, hauchte sie. „So… stur…“ Er konnte nur noch ein schwaches, tonloses Lachen ausstoßen. Dann legte sie ihre Stirn gegen seine. Nur einen Moment. Nur den Hauch einer Berührung. Ihre Augen flackerten, sie schnappte nach Luft, dann sank sie bewusstlos zusammen. Elias folgte ihr, sein letzter Blick verschwamm in einem Meer aus Violett und Schwarz. ________________________________________ Kapitel 5: Zwischen Leben und Tod Als Elias wieder zu sich kam, fühlte es sich an, als würde jemand Nadeln durch jede Nervenbahn treiben. Sein Kopf dröhnte, sein Herz raste. Er sah Shira. Sie lag zusammengerollt, ihre Finger um eine Ranke gekrallt, ihr Fell verklebt, ihre Brust hob und senkte sich kaum merklich. Er robbte näher. Jede Bewegung brannte wie Feuer. Warum… warum helfe ich ihr? Warum nicht einfach weg? Warum nicht…? Er zog ein Reststück von dem Moos hervor, das er in einer Falte seines Hemdes versteckt hatte. Er zerrieb es mit zitternden Händen, schob es an ihre Lippen. „Schluck…“, flüsterte er. „Du stirbst hier nicht… nicht so…“ Shira zuckte, ein krächzendes Fauchen kam über ihre Lippen. Dann öffnete sie schwach die Augen, ihre Pupillen schmal wie Schlitze. „Du… Idiot…“, hauchte sie. „Du solltest… mich töten…“ „Vielleicht…“, murmelte er. „Aber… ich kann nicht…“ Ihre Hand tastete nach seinem Gesicht. Erst tastend, dann verkrampft. „Ich… hasse dich… so sehr…“, flüsterte sie. „Ich dich auch…“, hauchte er, sein Gesicht an ihre Hand gelehnt. ________________________________________ Ende Teil 3 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 6: Das Bündnis aus Blut Elias wusste nicht, wie viele Stunden vergangen waren, seit sie beide in diesem Spalt zusammengebrochen waren. Er öffnete die Augen, sein Blick flimmerte. Jede Bewegung fühlte sich an, als würden Klingen in seinen Muskeln stecken. Neben ihm lag Shira, reglos. Nur ihr Atem verriet, dass sie noch am Leben war. Er zog sich langsam hoch, tastete nach einem Stein, um sich abzustützen. Sein gebrochener Arm hing schlaff, die Haut darum schwarz und blau, geschwollen wie ein fauler Apfel. Wasser… Ich muss Wasser finden… sonst sind wir beide tot. Er kletterte hinaus. Draußen herrschte eine unnatürliche Stille. Keine heulenden Nebelwesen, kein Zischen der giftigen Ranken — nur das dumpfe Brummen des Planeten selbst, als würde er tief unter der Oberfläche atmen. Elias kroch über spitze Kristallfelder, zog sich an fleischigen Ranken vorbei, die in der Hitze pulsierten. Schließlich fand er eine kleine, dampfende Pfütze in einer Gesteinsschale. Er roch daran. Scharf. Bitter. Aber nicht sofort ätzend. Er füllte einen Splitter eines alten Helms, der fast auseinanderbrach, und schleppte sich zurück. Shira hatte sich leicht bewegt, ihre Klauen kratzten über den Boden, als suchte sie Halt. Ihre Augen waren halb geöffnet, trüb, gehetzt. „Trink…“, keuchte Elias. Er hielt ihr das improvisierte Gefäß an die Lippen. Sie fauchte schwach, wollte sich abwenden. „Trink, verdammt!“, knurrte Elias, drückte das Wasser fester an ihre Lippen. Schließlich nahm sie kleine Schlucke. Ihre Kehle bebte bei jedem Tropfen. Dann hustete sie, schnappte nach Luft. Ihre Augen richteten sich auf ihn. „Du… hilfst mir?“, krächzte sie. „Ja…“, keuchte Elias. „Sonst… sterben wir beide… und dann… war alles umsonst.“ Ihre Augen verengten sich. „Du willst mich nur am Leben halten… damit du mich töten kannst, wenn du stark genug bist…“ „Nein…“, stieß er hervor. „Ich will… nicht mehr kämpfen… nicht jetzt…“ Shira starrte ihn an. Dann schloss sie die Augen. Ihr Brustkorb hob sich schwer. ________________________________________ Die ersten Schritte In den nächsten Tagen schleppten sie sich gemeinsam durch die Schluchten. Shira stützte Elias mit einer Schulter, obwohl ihre eigenen Beine zitterten. Ihre Krallen bohrten sich manchmal unabsichtlich in seine Haut, was jedes Mal ein Schmerzenslaut auslöste. „Hör auf, so zu jaulen, Mensch“, fauchte sie, als sie ihn ein weiteres Mal fast zu Boden drückte. „Vielleicht solltest du mal versuchen, mit gebrochenem Arm zu laufen!“, fauchte er zurück. Sie schnaubte. Für einen Moment war da ein Zucken in ihrem Mundwinkel. Kein Lächeln. Noch nicht. Aber etwas, das danach schmeckte. ________________________________________ Misstrauen wie Gift Sie fanden einen verlassenen Felshohlraum, von kristallinen Ranken überwachsen. Dort bauten sie ein notdürftiges Lager. Shira bestand darauf, dass sie abwechselnd Wache hielten. Jede Nacht lag ein Steinmesser zwischen ihnen, schimmernd in der Finsternis. Elias beobachtete sie oft, wenn sie schlief. Ihre Brust hob sich flach, ihre Stirn war in Falten gelegt, als würde sie selbst in Träumen kämpfen. Einmal wachte sie plötzlich auf, sah ihn. Ihre Augen waren wild, ihre Finger zuckten nach dem Messer. „Warum… starrst du mich an?“, knurrte sie. „Ich… wollte nur… sehen, ob du noch atmest…“, stammelte Elias. „Lüg nicht!“, fauchte sie, packte ihn am Hals. Ihre Krallen legten sich auf seine Haut, ohne zu drücken. Ihre Augen flackerten. Dann ließ sie ihn los, drehte sich um. „Schlaf, Mensch“, knurrte sie leise. „Ich werde dich nicht töten… noch nicht.“ ________________________________________ Die gemeinsame Jagd Am nächsten Tag beschlossen sie, Nahrung zu suchen. Sie schlichen durch einen engen Canyon, dessen Wände von tropfenden Schlingpflanzen überzogen waren. Überall lauerten violette, fleischfressende Käfer, die ihre Kiefer öffneten, sobald sie Wärme spürten. Shira sprang plötzlich vor, packte eine der Ranken und riss einen Skarabäus-artigen Käfer herunter. Sie zerbrach den Panzer mit einem lauten Krachen, sog das schleimige Fleisch heraus. Sie reichte einen Teil an Elias. „Iss, oder stirb“, knurrte sie. Elias zögerte, würgte beim ersten Biss, spuckte fast wieder aus. „Götter…“, murmelte er, Tränen liefen über sein Gesicht. Shira beobachtete ihn. Dann biss sie selbst ein weiteres Stück ab, ihre Reißzähne blitzten. „Du bist schwach, Mensch. Aber… zäher als ich dachte.“ ________________________________________ Kampf im Regen Plötzlich zog ein Sturm auf. Schwarzer Regen begann vom Himmel zu peitschen, ätzte in Sekunden Löcher in Stein und Pflanzen. Sie rannten, stolperten, zogen sich in eine Nische. Drinnen lagen sie keuchend, der Regen prasselte wie glühende Pfeile auf den Eingang. Shira kauerte dicht an Elias, ihr Fell dampfte, ihre Augen halb geschlossen. „Verdammt…“, murmelte sie, „dieser Planet frisst uns… jeden Tag…“ Elias drehte den Kopf, sah sie an. „Ja… und wir machen es ihm noch leichter, indem wir uns gegenseitig töten…“ Shira funkelte ihn an. „Sag nicht… du willst Frieden…“ „Vielleicht… will ich einfach nur nicht mehr allein sein…“, flüsterte er. Shira zuckte, ihre Finger zuckten an seiner Brust. „Schwach…“, knurrte sie, aber ihre Stimme bebte. ________________________________________ Das erste Mal Ruhe Als der Regen nachließ, lag Shira immer noch an ihm. Sie atmete tief, ihre Stirn an seiner Schulter. „Ich… sollte dich jetzt töten…“, murmelte sie. „Dann tu es“, hauchte Elias, seine Stimme heiser. Shira blieb reglos. Dann stieß sie ein leises, brüchiges Knurren aus. „Nicht heute…“ ________________________________________ Ende Teil 4 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 7: Das leise Erwachen Die Sonne auf diesem Planeten war nicht hell, sondern eine blasse, pulsierende Scheibe, die kaum Wärme gab. Trotzdem krochen ihre Strahlen über den Boden wie giftige Finger, die alles versengten. Shira wachte zuerst auf. Sie lag halb über Elias, ihr Gesicht dicht an seiner Brust. Ihr erster Reflex war Abscheu. Sie zuckte zurück, zog die Lippen hoch, ihre Zähne blitzten. Doch dann sah sie ihn. Sein Gesicht war grau, die Lippen spröde, die Augen geschlossen. Sein gebrochener Arm lag ungeschützt, die Wunde war dunkelrot, verkrustet. Warum… warum liegt er so da? Warum… kümmert es mich? Shira kroch näher, schnupperte an seinem Arm. Die Wunde stank nach Tod. Sie zog ein scharfes Steinmesser, schnitt die Kruste vorsichtig auf, presste den Eiter heraus. Elias stöhnte im Schlaf, sein Körper zuckte. „Ruhig…“, flüsterte sie, fast unmerklich. Sie riss ein Stück Stoff von ihrer eigenen Beinbinde ab, tränkte es mit dem Rest eines bitteren Pflanzensafts, den sie aus einer violetten Wurzel gewonnen hatte. Langsam, mit zittrigen Fingern, band sie die Wunde neu. Als sie fertig war, starrte sie ihre eigenen Hände an. Blut, Schmutz, Stofffetzen. Was tue ich hier? Ich sollte ihn töten. Ich könnte es jetzt tun. Kein Widerstand. Nur ein Schnitt. Ihre Hand wanderte zu seiner Kehle. Sie fühlte seinen Puls, schwach, aber stetig. Ihr Daumen glitt unbewusst über seine Haut. „Dummkopf…“, hauchte sie. „Du machst mich schwach…“ ________________________________________ Erinnerungen Später, als Elias erwachte, fanden sich ihre Blicke. Sein erster Ausdruck war Misstrauen. Dann Schmerz, als er seinen Arm sah. „Du… hast mich verbunden?“, krächzte er. Shira funkelte ihn an, die Augen wieder kalt. „Nur damit du nicht an Wundbrand stirbst, bevor ich dich wieder jagen kann.“ Elias versuchte zu lachen, doch es klang wie ein Hustenanfall. „Danke… trotzdem.“ Shira knurrte. „Halte den Mund.“ Sie saßen schweigend. Ein warmer Wind zog durch den Felsspalt, wirbelte Asche und trockene Pflanzenfasern auf. Nach einer Weile hob Elias schwach die Stimme. „Du… hast du… Familie?“ Shira blinzelte, als hätte er ihr ein Messer ins Herz gerammt. „Was geht dich das an?“ „Einfach… reden…“, hauchte Elias. „Sonst… drehe ich durch.“ Shira funkelte ihn an. Dann, nach einem langen Moment, starrte sie an die Wand. „Ich hatte einen Bruder. Karn. Er war Jäger, mutiger als ich. Er starb… an einem Plasmastreitkolben, bei eurem Überfall auf den Nebelmond-Sektor.“ Ihre Stimme bebte. Ihre Krallen schabten über den Stein. „Ihr… habt uns die Sterne genommen. Alles, was wir waren.“ Elias schluckte. „Ich… hatte eine Schwester. Leila. Sie war Botanikerin. Friedlich. Sie starb bei einem Überfall eurer Raids. Ihr… habt sie in ihrem Forschungslabor verbrannt.“ Stille. Die beiden atmeten, nur ihre Wut vibrierte zwischen ihnen wie ein lebendiges Wesen. „Du… hasst mich“, flüsterte Shira. „Ja“, hauchte Elias. „Und du mich.“ ________________________________________ Der nächste Kampf In dieser Nacht griff ein Rudel violetter Schattenschrecken an — spindeldürre Kreaturen mit leuchtenden Augen und rasiermesserscharfen Zähnen. Elias schrie, als einer ihn am Bein packte. Shira sprang, riss dem Monster den Kopf ab, Blut spritzte wie schwarzer Regen. Ein zweites Wesen sprang auf sie, rammte seine Klauen in ihre Schulter. Elias, halb kriechend, griff nach einem Stein und schlug, immer wieder, bis die Kreatur zuckte und erlosch. Danach sanken sie inmitten der toten Wesen zusammen. Ihre Blicke trafen sich, wild, atemlos. „Warum… hilfst du mir?“, fauchte Shira, zitternd. „Weil… ich es nicht ertragen kann… dich sterben zu sehen…“, stieß Elias hervor. Ihre Augen brannten. Dann packte sie ihn, riss ihn zu sich, ihre Stirn an seiner. „Ich hasse dich… ich hasse dich… ich hasse dich!“, fauchte sie immer wieder, während ihre Krallen an seinen Armen verhakten. Elias packte ihre Schultern, presste sein Gesicht an ihres. „Ich dich auch…“, keuchte er. Doch diesmal waren ihre Griffe nicht tödlich. Sie zitterten ineinander, ihre Köpfe aneinander gelehnt. ________________________________________ Der Morgen danach Am nächsten Tag saßen sie erschöpft, ihre Rücken aneinander gelehnt. Shira kaute an einem zähen Fleischstück, reichte ihm mechanisch einen Bissen. „Schwachkopf“, murmelte sie. „Wenn du stirbst… muss ich wieder alleine jagen.“ Elias grinste schwach. „Und ich dachte, du würdest lieber alleine sein.“ „Dachte ich auch…“, zischte Shira, doch ihre Stimme klang hohl. ________________________________________ Die erste zarte Geste In der Nacht rollte sich Shira näher an ihn. Ihre Hand legte sich auf seine Brust, nur für einen Moment. Elias wollte protestieren. Doch er ließ es zu. Er legte seine gesunde Hand über ihre. „Nicht… zu viel fühlen“, murmelte Shira, ihr Atem heiß an seinem Nacken. „Nicht… zu nah…“ „Ich… weiß“, flüsterte er. Aber sie blieben so. Stunde um Stunde. ________________________________________ Ende Teil 5 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 8: Die Maske fällt Die Tage wurden heißer. Die Luft vibrierte, als würde der Planet selbst fiebern. Elias und Shira zogen weiter durch eine trostlose Ebene, übersät mit Knochen verrotteter Kreaturen. Zwischen den Rippen wuchsen schwarze Pilze, die pulsierende Blasen bildeten, sobald man sie berührte. Der Boden war so heiß, dass selbst die Luft brannte. Elias’ Schuhe waren längst zerfetzt, seine Fußsohlen wund und blutig. Shira ging voran, ihre Beine zuckten bei jedem Schritt, doch sie blieb stehen, sobald er zurückfiel. „Schneller!“, fauchte sie. „Wenn du langsamer bist, lockst du die Jäger an.“ „Ich… kann… nicht…“, stöhnte Elias, stürzte auf die Knie. Shira wirbelte herum, packte ihn am Nacken, zog ihn hoch. „Du stirbst mir nicht hier! Nicht jetzt!“ Elias keuchte, riss sich los. „Warum? Warum rettest du mich immer wieder?!“ Shira zitterte, ihre Augen weiteten sich. „Weil… ich…“, begann sie, doch sie verschluckte den Rest. „Sag es!“, schrie Elias. „Sag endlich, warum!“ Shira warf ihn zu Boden, sprang auf ihn, riss ihm die Arme nach oben. Ihre Krallen gruben sich in sein Fleisch, warmes Blut sickerte. „Weil du mich wahnsinnig machst!“, fauchte sie. „Weil du in meinen Gedanken bist! Weil ich dich hasse… aber… ich… ich…“ Ihre Stimme brach. Sie sackte über ihm zusammen, bebte. „Ich will dich nicht verlieren…“, hauchte sie so leise, dass der Wind die Worte fast davontrug. Elias starrte sie an, sein Atem flach, sein Blick glasig. Er spürte, wie ihre Tränen auf seine Wange fielen. Langsam, zögerlich, hob er seine unverletzte Hand, legte sie an ihre Wange. „Shira…“, flüsterte er. „Ich… ich habe dich auch gehasst. Ich habe dich getötet in meinen Gedanken, Nacht für Nacht… Aber jetzt…“ Er zog sie näher, ihre Stirnen stießen aneinander. „Jetzt kann ich dich nicht mehr hassen…“, hauchte er. Shira sog die Luft ein, ihr ganzer Körper spannte sich an. Dann stieß sie ein kehliges, schmerzliches Geräusch aus, das irgendwo zwischen Schluchzen und Knurren lag. Sie legte ihre Stirn fester an seine, ihre Finger krallten sich in seinen Rücken. „Du… Mensch… du Narr…“, murmelte sie, ihr Atem bebte. „Du zerstörst mich… du zerstörst, was ich bin…“ „Vielleicht… bauen wir uns gegenseitig neu…“, flüsterte Elias. ________________________________________ Die letzte Prüfung Plötzlich durchbrach ein gellender Schrei die Stille. Eine Horde Nachtfresser kam über die Ebene — sehnige, spinnenartige Bestien, mit schimmernden Rückenschildern und glühenden Mandibeln. Elias versuchte aufzustehen, sackte wieder zusammen. Shira riss ihn hoch, warf ihn über ihre Schulter. „Lauf!“, keuchte sie. „Du kannst mich nicht tragen!“, stieß Elias hervor. „Ruhe!“, fauchte sie. Sie rannten. Shira stolperte, fiel, zog ihn mit sich. Die Nachtfresser waren jetzt so nah, dass Elias ihren fauligen Atem roch. Er zog sein Glasmesser, rammte es dem ersten Nachtfresser in den Kopf. Schwarze Flüssigkeit spritzte, brannte an seinem Arm. Shira sprang auf einen zweiten, biss ihm die Kehle auf, ihre Augen wild, voller rohem Überlebenswillen. Der dritte Nachtfresser warf Shira zu Boden, drückte ihre Schulter in den Staub. Sie schrie, ihre Krallen rutschten an dem Panzer ab. Elias sprang auf den Rücken des Monsters, stach immer wieder, bis sein Arm versagte. Der Nachtfresser sackte zusammen. Blut, Rauch, Schrei. Am Ende lagen sie nebeneinander, keuchend, blutüberströmt. Shira starrte ihn an, ihre Pupillen flimmerten, ihre Brust bebte. „Du… hast mich gerettet…“, hauchte sie. „Du mich…“, antwortete Elias. Shira stürzte sich plötzlich auf ihn, ihre Lippen trafen seine. Zuerst wild, fordernd, fast wie ein Biss. Dann langsamer, zögernder. Er erwiderte den Kuss, legte seine Hand in ihren Nacken, zog sie fester an sich. Sie löste sich, ihre Stirn an seiner. „Wir sind Narren…“, flüsterte sie, ihr Atem bebte. „Wir sollten Feinde sein…“ „Vielleicht sind wir das…“, hauchte Elias. „Aber jetzt… sind wir nur noch wir.“ ________________________________________ Die Nacht danach In dieser Nacht schliefen sie das erste Mal ohne Messer zwischen sich. Shira lag auf seiner Brust, ihr Fell warm, ihr Atem ruhig. Elias’ Finger glitten durch ihr zerzaustes Haar, während er in den dunklen Himmel starrte. Für einen Moment spürten sie keine Narben, keine alten Befehlsketten, keine Rache. Nur die Wärme eines anderen Herzens. ________________________________________ Ende Teil 6 ________________________________________ Sternenkinder Kapitel 9: Das letzte Feuer Der Morgen kam wie ein bleierner Fluch. Schwache, fahlgelbe Strahlen krochen über den Boden, ließen den Staub in der Luft glitzern wie tödliche Kristallsplitter. Shira saß reglos am Rand einer Klippe. Ihre Augen blickten ins Nichts, während die Winde an ihrem Fell zerrten. Elias hockte hinter ihr, sein gebrochener Arm notdürftig geschient, sein Gesicht zerkratzt, von Schorf überzogen. Sie hatten die Nacht überlebt. Sie hatten einander überlebt. Doch nun lastete eine fremde, unheimliche Ruhe auf ihnen. Plötzlich flackerte die Luft vor ihnen, als würde jemand ein Tuch im Wind zerreißen. Das Licht erschien. Es war keine Stimme. Kein Gesicht. Nur ein pulsierender Riss in der Wirklichkeit, aus dem eine unendliche Kälte sickerte. „Ihr habt gekämpft, gehasst, gejagt. Ihr habt gerettet, geteilt… geliebt.“ Shira zuckte. Ihre Krallen gruben sich in den Felsen. „Doch am Ende gilt die uralte Regel: Nur eine Seele darf das Schicksal tragen. Nur eine darf überleben. Nur eine darf das Feuer weitertragen.“ Shira starrte in die Leere. Ihr Brustkorb bebte, während ihre Schultern zuckten. „Nein…“, hauchte sie. „Nicht jetzt… nicht mehr…“ Elias trat vor, stellte sich schützend vor sie, obwohl sein Körper kaum noch standhielt. „Wir… wir haben uns entschieden…“, keuchte er. „Wir beide… oder niemand.“ Das Licht flackerte. „Ihr verweigert die Wahl? Ihr wählt Untergang für alle?“ Shira schrie auf, sprang vor, packte Elias an den Schultern. „Töte mich!“, fauchte sie. „Wenn du stirbst, stirbt dein Volk. Wenn ich sterbe, lebt deins… Tu es! Erfülle deine Pflicht!“ Elias starrte sie an. Tränen liefen über sein Gesicht, rannen in seine Wunden. „Ich… ich kann nicht…“, flüsterte er. „Ich kann dich nicht töten.“ Shira zitterte. Ihre Augen glühten vor Schmerz. „Dann tu ich es!“, schrie sie, zog ein Messer, riss es hoch. Doch ihre Hand blieb in der Luft stehen. Ihre Krallen bebten. Elias griff ihre Hand, schloss seine Finger um ihre. „Bitte… nicht…“, hauchte er. „Nicht so.“ Ihre Stirnen stießen aneinander. Ihre Tränen mischten sich, brannten auf der Haut. „Wir waren geschaffen, um zu töten…“, flüsterte Shira. „Aber jetzt… kann ich nicht mehr.“ „Und genau das… ist der Sieg…“, keuchte Elias. „Nicht über dich… sondern über das, was wir waren.“ ________________________________________ Das letzte Feuer Das Licht pulsierte heller, so grell, dass der Boden zu glühen begann. Risse zogen sich durch den Stein, Rauch stieg auf. „Ihr wählt den gemeinsamen Tod? Ihr wählt, dass beide Völker sterben?“ Shira legte ihre Hand an Elias’ Gesicht. Ihre Krallen fuhren sanft über seine Wange, ein letztes Mal. „Ich hätte nie geglaubt… dass ich einen Menschen so berühren könnte…“ Elias küsste ihre Stirn. „Ich hätte nie gedacht… dass ich für eine Katze sterben würde…“ Sie lachten. Keuchend. Gebrochen. Aber echt. Dann, ohne ein weiteres Wort, umschlangen sie sich. Die Erde bebte. Das Licht explodierte in einem gleißenden Strahl, der Himmel zerbrach in schimmernde Fragmente. Doch sie ließen sich nicht los. Zusammen… oder gar nicht. ________________________________________ Die letzte Vision Im letzten Moment spürten sie keine Hitze mehr, keinen Schmerz. Nur ein seltsames, warmes Pulsieren, als ob ihre Herzen zusammen ein letztes Mal schlugen. Shira flüsterte in der Dunkelheit, irgendwo zwischen Traum und Ewigkeit: „Wenn es ein Morgen gibt… möchte ich ihn mit dir sehen…“ Elias antwortete, seine Stimme nur noch ein Hauch: „Vielleicht… irgendwo… unter einem richtigen Himmel…“ Dann: Stille. ________________________________________ Ende Teil 7 ________________________________________ Sternenkinder Epilog: Sternenerben Jahrzehnte vergingen. Der Planet, der sie verschlungen hatte, lag nun verlassen im All, umkreist von giftigen Nebelringen, die in den Sternen glitzerten wie zerrissene Wunden. Kein Schiff wagte sich je dorthin, denn Legenden erzählten von Flüchen, von endlosem Leid. Doch irgendwann — in einer Ära, die schon fast keine Kriege mehr kannte — fanden Forscher der Menschen und der Katzenmenschen den vergessenen Ort. Sie landeten in leichten Schwebekapseln, stiegen aus und wagten sich durch die erstarrten Aschestürme. In einer Senke, dort wo die beiden letzten Krieger gestorben waren, ragte eine kristalline Statue. Zwei Gestalten, eng umschlungen, ihre Stirnen aneinander gelehnt. Die Oberfläche war übersät mit feinen Linien, wie Narben. Doch inmitten all dieser Risse schimmerte ein sanftes Licht. Die Forscher traten näher. Einer der Menschen streckte die Hand aus, berührte die kalte Oberfläche. „Was… ist das?“, flüsterte er. Eine Katzenfrau und ein Mann. Die Wissenschaftlerin, las die Inschrift, die in den Sockel geritzt war: „Aus Hass geboren. Durch Blut gereinigt. In Liebe vereint.“ Sie senkte den Kopf, ihre Klauen bebten. „Sie… haben sich entschieden…“, murmelte sie. „Nicht für Sieg. Nicht für Tod. Sondern füreinander.“ Ein älterer Mensch trat zu ihr, nickte. „Vielleicht… sollten wir endlich tun, was sie begonnen haben.“ ________________________________________ Die neue Ära Nach der Rückkehr verbreitete sich die Geschichte wie ein Funke im Dunkel. Auf beiden Heimatwelten erzählte man von Elias und Shira. Erst als schockierende Legende, dann als Mahnung, schließlich als Hoffnung. Tempel wurden gebaut, nicht als Orte des Gebets, sondern als Erinnerungsstätten. Menschen und Katzenmenschen begannen, zusammen zu siedeln, zu forschen, Kunst und Musik zu teilen. Die ersten gemeinsamen Kinder — Hybriden mit menschlichen Augen und dem Anmut der Katzenmenschen — wurden geboren. Man nannte sie STERNENKINDER. Sie wuchsen mit Liedern auf, in denen Shiras Mut und Elias’ Herz besungen wurden. ________________________________________ Das Vermächtnis An fernen Abenden, wenn die Doppelsonnen untergingen, erzählten Alte den Jungen: „Vor langer Zeit gab es zwei Seelen, so voller Hass, dass sie das Universum entzünden wollten. Aber sie fanden etwas Stärkeres. Etwas, das selbst den Tod überdauern konnte.“ In ihren Herzen leuchtete noch immer der Funke dieses letzten Feuers. Nicht Krieg. Nicht Rache. Sondern ein letztes, unzerbrechliches Band. ________________________________________ Ende |
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