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Alt 16.07.2025, 08:26   #1
männlich RolandK
 
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Standard Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

„Gerechtigkeit" ist ein komplexer Begriff, der sich auf die faire und angemessene Behandlung von Menschen bezieht, oft unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und Umstände.

Ich bin Max.
Max reicht für den Namen. Für die Geschichte. Für die Schuld.

Ich bin Anwalt.
Oder… ich war es.

Irgendwo zwischen den Paragrafen, den Aktenstapeln, dem blauen Leuchtstift, dem schwitzigen Gerichtssaal… da ist etwas zerbrochen.

Ich habe einen Mann verteidigt.
Meinen Klienten.
Und ich wusste, er war schuldig.
Ein Mädchen. Sechzehn. Zerrissen. Erwürgt. Weggeworfen wie ein altes Spielzeug.

Ich habe den Verfahrensfehler gefunden, ja.
Eine lächerliche Formalie.
Das Gesetz sagt: unschuldig.
Mein Kopf sagt: schuldig.
Mein Magen sagt: schuldig.
Alles in mir schreit: schuldig.

Aber ich habe das Spiel mitgespielt.
Weil es mein Beruf war.
Weil ich geglaubt habe, das Recht müsse immer stärker sein als der Mensch.

Jetzt irre ich nachts durch Straßen, die nur aus Schatten bestehen.

Ich folge ihm.
Ich kenne seine Kneipen.
Seine Zigarettenmarke.
Die Art, wie er den Müll runterbringt.
Sein Grinsen, wenn er glaubt, niemand sieht ihn.

In meinem Auto liegt alles bereit.
Der Hammer.
Die Kabelbinder.
Die Müllsäcke.
Der Benzinkanister.

Ich weiß nicht, ob ich danach noch Anwalt bin.
Oder nur noch ein Mann, der sich selbst richtet.

Mein Gewissen?
Das sitzt irgendwo hinten auf dem Rücksitz, schnallt sich an, zittert und sagt: „Vielleicht kannst du noch umdrehen.“

Aber ich weiß:
Es gibt kein Umdrehen mehr.

Nicht heute Nacht.
Nicht für mich. Nicht für das geschändete Mädchen.

Da ist er.
Rote Jacke.
Schief aufgesetzte Kappe.
Immer dieselben Turnschuhe.

Er läuft, als würde er tanzen.
Als hätte er das Leben gefressen, als würde er es zerkauen und wieder ausspucken.
Als gäbe es keine Spuren, keine Augen, keine Gerechtigkeit.

Ich bleibe zehn Meter hinter ihm.
Immer zehn.
Zehn Schritte. Zehn Sekunden.

Ich habe das trainiert.
Monatelang.
Er biegt ab.
Zurück in diese kleine Gasse.

Die mit dem zerbrochenen Schaufenster.
In dem Schaufenster, in dem ich mich selbst gesehen habe, das erste Mal, als ich ihm gefolgt bin. Zersplittert, mit ruhelosem Blick. Ein Mörder oder Richter?

Ich wusste sofort: Ich werde ihn nicht nur beobachten. Ich werde ihn richten.

Ich halte das Auto an und ziehe den Schlüssel ab. Steige aus dem Auto und atme tief die kühle Nachtluft ein. Auf der Pirsch, ein Jäger.

Du dachtest, das Gericht ist deine Bühne.
Du dachtest, du kannst mit dem Gesetz tanzen, wie du mit ihr getanzt hast, bevor du sie gebrochen hast.
Heute tanzen wir. Und ich glaube, es wird dir nicht gefallen.

Ich ziehe mir die schwarze Kapuze tiefer ins Gesicht. Seine Schritte hallen auf dem nassen Asphalt. Die Gasse ist menschenleer. Immer um diese Zeit. Der Hammer liegt schwer in meiner verschwitzten Hand. Er bleibt stehen und zündet sich eine Zigarette an.

Ich wusste schon immer, rauchen gefährdet ihre Gesundheit, in seinem Fall, seine Gesundheit.

Ich höre mein Herz wie ein Vorschlaghammer.
Er ist nah.

So nah, dass ich sein Parfum riechen kann — billig, süßlich, widerlich.

Ich hebe den Hammer
Jetzt.
Oder nie.

Ein, zwei Schläge auf den Hinterkopf und er fällt blutüberströmt zu Boden.

Ich drehe ihn um und schaue in seine Augen. Im flackernden Licht der Straßenlaterne, sehe ich ein erstaunen in seinen Augen und entsetzen. Einmal noch mit dem Hammer.

Er ist still.
Ganz still.
Ich höre nur noch mich.
Mein Herz.
Meine Gedanken.
Ich dachte, es würde sich besser anfühlen.

Wie ein Sieg.
Wie Gerechtigkeit.

Aber es fühlt sich an wie… ein Loch.
Ein schwarzes Loch, das mich verschluckt.

Ich fühle den Puls. Kein Puls.
Du siehst mich nicht mehr an.

Kein Grinsen.
Keine Arroganz.
Nichts.

War das jetzt… richtig?
Habe ich das Recht gehabt?

Oder…
Bin ich jetzt wie du?

Ich werde dich entsorgen, auf der Müllhalde. Dort wo du hin gehörst. Auf die Müllhalde der Menschheit.

Und vielleicht werde ich noch mehr an Gerechtigkeit walten lassen.

Aber ich bin nicht wie du.
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.07.2025, 18:37   #2
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.374


Ein knallhartes Thema, Roland. Ich wäre als Strafverteidigerin mit Sicherheit in einem Konflikt, müsste ich einen Täter vertreten, dessen Schuld feststeht.

Das wäre kein Beruf für mich. Lieber Seelöwen im Zoo mit Heringen füttern, als mich mit in die Tiefen eines Straftäters zu senken.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.07.2025, 14:02   #3
männlich RolandK
 
Benutzerbild von RolandK
 
Dabei seit: 01/2025
Ort: Wien 1050
Beiträge: 228


Hallo Ilka,

ich weiß es ist ein knallhartes Thema und ich habe schon einen 2. Teil in eine andere Richtung. Ich hoffe ich kann den Charakter Max noch etwas klarer herausheben.

War im Spital und konnte deswegen nicht gleich antworten.

Danke für die Rückmeldung und

Servus

Roland
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
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