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Alt 17.07.2025, 18:44   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Angekommen

Die Puzzle-Stücke fielen ineinander. Jedes Teil fand nach langem Suchen seinen Partner, der sich ihm perfekt verband und das tiefe Gefühl spüren ließ, angekommen zu sein. Zu Hause. So wie ich nach langen Berufsjahren. Ich war fünfundsechzig Jahre alt und nach mehr als vierzig Jahren des Weckerstellens, Frühaufstehens und Dienens auf dem Weg nach Hause, wo ich zwar nicht mehr jung und schön, sondern ausgetrocknet und faltig war. Na, wenn schon? Mein Leben war gelebt, mein Rentenbescheid zufriedenstellend und die Zukunft, die vor mir lag, rosig. Ab sofort schlafen bis in die Puppen, keine S-Bahn-Verspätungen mehr, kein Tippen endlos langer Verträge … Nichts als Muse für nichts tun. Blauer kann der Himmel nicht werden.

Ich hatte noch vier Wochen Resturlaub, was im Klartext hieß: An Ultimo November war für mich Schluss. Der Dezember war Abfeiern, und die Rente würde ab Januar laufen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war das Aufgebot, das an meinem letzten Arbeitstag antrat, um mich zu verabschieden. Mit Geschenken.

Die gesamte Mannschaft baute sich vor mir auf und sah mich aus Kuhaugen an, so dass ich mich genötigt fühlte, von meinem Bürostuhl aufzustehen und ein paar Worte zu sagen, die ich mir spontan einfallen lassen musste und die wahrscheinlich saukomisch waren. Aus meiner Not heraus, auf dieses Szenario nicht vorbereitet gewesen zu sein, begann ich zu erzählen, wie es damals war, als ich mit knapp sechzehn Jahren von meinen Eltern in eine Lehre gesteckt wurde, die sie für wertvoll hielten. Damals, als die deutsche Sprache noch nicht gender-verseucht war, hieß mein angestrebter Beruf, oder besser: der mir auferlegte Beruf „Bürokaufmann“.

Bis zur Prüfung und dem Kaufmannsgehilfenbrief ließ ich zweieinhalb Jahre der Unterwerfung, Demütigung und Ausbeutung über mich ergehen. Als Lehrmädchen war ich ein Stück Dreck, gerade mal gut genug, meinem vorgesetzten Buchhalter, einem kurzgewachsenen dicken Männlein, die täglich bestellte warme Flasche Milch aus der Kantine zu holen. Bis ich ihm eines Tages an den Kopf warf, er möge sie sich selber holen, denn seine Beine seien wenig älter als meine. Ich solle von meinem hohen Ross runterkommen, schnappte er zurück, aber von da an holte er seine Milch selbst ab. Alles an ihm erinnerte mich an den Roman „Der Untertan“ von einem der Mann-Brüder. Wenn der Firmenboss anrief, stand diese Buchhalterkarikatur auf und nickte gehorsam jedes dessen Worte ab. Was für eine lächerliche Figur!

Ich hasste meinen Beruf, aber meine Eltern behielten recht. Er hat mich gut durchs Leben getragen. Mit etwas Profanem wie Tippen auf der Schreibmaschine kann man Geld verdienen. Noch ein oder zwei Fremdsprachen draufgepackt, und man ist auf der sicheren Seite. Kein Studium kann damit wetteifern. Mit Hegels Idealismus hätte ich meinen Sohn und mich nicht ernähren können. Aber mit Zehn-Finger-blind, und mit Englisch und Französisch locker vom Hocker.

Was ich meinen Kollegen sagen konnte, als sie mich in den Ruhestand verabschiedeten, war: „Alles gut gelaufen. Nicht gerade ein erfülltes Leben, aber gut durchgekommen.“

Dann, im wohlverdienten Ruhestand, setzte ich mich an meinen Computer und schrieb meinen ersten Roman. Ich war angekommen.
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