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| Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw. |
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#1 |
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Ich saß auf der alten Bank unter dem Kirschbaum, wie jeden Nachmittag. Der Tee war noch warm, das Licht fiel golden durch die Blätter, und meine Tochter spielte vergnügt auf dem Rasen. Sie hatte heute eine Glaskugel dabei, eine dieser durchsichtigen, kühlen Kugeln, die im Sonnenlicht kleine Regenbögen auf das Gras warfen.
Sie hielt sie gegen das Licht, betrachtete sie von allen Seiten, murmelte irgendetwas vor sich hin. Dann, ganz plötzlich, ließ sie sie fallen. Die Kugel rollte sanft über den Rasen, blieb schließlich in einer Mulde neben dem Blumenbeet liegen. Meine Tochter bemerkte es kaum. Sie hatte bereits einen roten Gummiball entdeckt und war mit einem lauten Lachen zum nächsten Spiel übergegangen. Ich hätte es vergessen. Nur eine Glaskugel im Gras. Aber sie blieb dort liegen. Glitzernd. Still. Und dann, nach einer halben Stunde vielleicht, als der Wind auffrischte und ich fast eingenickt war, bewegte sich etwas am Rand des Beetes. Eine Maus. Klein, grau, mit vorsichtigen Bewegungen. Sie schnupperte an der Kugel, lief einmal darum herum, dann noch einmal. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, leise fasziniert. Und dann tat sie etwas Merkwürdiges: Sie stieß die Kugel an. Noch einmal. Und dann begann sie, mit seltsam gezielten Bewegungen, die Glaskugel Stück für Stück über das Gras zu rollen – direkt in das alte, kaum sichtbare Mäuseloch unter dem Lavendelbusch. „Na sowas“, murmelte ich. Mehr nicht. ________________________________________ Zunächst dachte ich, das wäre das Ende der kleinen Episode. Aber in den folgenden Tagen geschahen seltsame Dinge. Zuerst waren da die Geräusche. Leises Klacken in der Nacht, ein Summen, als hätte jemand ganz kleine Maschinen angeschmissen. Ich verließ nachts das Haus, stand barfuß auf dem nassen Gras, aber da war nichts zu sehen. Dann die Katze. Unsere Katze, Königin des Gartens, Jägerin, Herrscherin über alle Kleintiere – sie kam mit zerzaustem Fell nach Hause. Humpelnd. Und mit einer kleinen, fast komisch wirkenden Nuss auf dem Kopf. Eine Walnussschale, mit Riemen aus Grashalmen. Ich lachte noch. Aber es war ein nervöses Lachen. In der Nacht hörte ich fauchen, quietschen und klappern. Und als ich durch das Fenster sah, traute ich meinen Augen kaum: Kleine, leuchtende Punkte – Laternen? – bewegten sich im Gebüsch. Und dann... flogen aus dem Gartenhaus winzige Gegenstände durch die Luft. Eine Wäscheklammer. Ein rostiger Nagel. Irgendetwas blitzte in der Dunkelheit. Ich sah meine Katze fliehen. Fliehen! Vor Mäusen. ________________________________________ In den folgenden Tagen war ich oft draußen. Lauschte. Schaute. Und entdeckte immer mehr Hinweise. Der Gartenschuppen war durchwühlt – winzige Kratzspuren an der Tür. Eine Sicherung fehlte. Der alte, nicht mehr benutzte Rad Trafo – weg. Ich hatte ihn immer noch nicht entsorgt. Jetzt war er verschwunden. Dann hörte ich es: aus dem kleinen Bach hinter dem Garten kam ein Surren. Ich schlich mich durch das Gebüsch und traute meinen Augen kaum. Da war ein Miniatur-Wasserrad. Aus den Resten meines alten Modellbaus. Davor: ein winziger Generator, wahrscheinlich aus der Garage geplündert. Und darum herum – sie arbeiteten! Mäuse! Dutzende, vielleicht mehr. Sie trugen kleine Werkzeuge. Brillen. Manche hatten Rucksäcke. Und sie waren organisiert. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen. ________________________________________ Sie bauten weiter. Jeden Tag kamen neue Geräusche, neue Bewegungen in meinem Garten. Ich sah, wie sie ein System aus Drähten und Löffeln in die Luft spannten. Irgendeine Art Kommunikation. Und die Glaskugel – die war nun nicht mehr zu sehen. Ich vermute, sie war in ihrem unterirdischen Labor. Mittelpunkt und Geheimnis. Manchmal schienen sie mich zu bemerken. Ich war mir nicht sicher, aber ich hatte den Eindruck, dass zwei von ihnen auf dem Zaun standen und Notizen machten, als ich den Rasen mähte. ________________________________________ Dann kam der große Tag. Oder besser: der Abflug. Meine Tochter hatte eine Woche zuvor Geburtstag gehabt. Überall im Garten hingen noch die Überreste bunter Luftballons. Ich hatte sie nicht weggeräumt. Doch plötzlich, an einem windstillen Abend, stieg aus dem Bachdickicht ein Ballon nach dem anderen auf – befestigt an einem hölzernen Gestell. Und darin: Mäuse. Ein fliegendes Haus. Winzige Ruder. Eines davon mit einer selbstgebastelten Fahne. Ich erkannte meinen alten Einkaufszettel, darauf mit Pfotenabdrücken bemalt. Die Mäuse waren fort. Weg. Über den Waldrand hinweg, in einer seltsamen, feierlichen Stille. ________________________________________ Ich sitze heute wieder auf der Bank. Der Garten ist ruhig. Die Glaskugel ist nie wieder aufgetaucht. Meine Tochter spielt wieder mit ihrem Ball. Sie fragt manchmal nach den Mäusen. Ob sie wohl angekommen sind. Ob sie jetzt Städte bauen. Ich nicke dann. Denn was soll ich sagen? Ich war da. Ich habe es gesehen. Und manchmal, wenn der Wind aus Westen weht, höre ich es wieder: ein leises Summen, das Surren eines kleinen Generators. Und dann frage ich mich: Was war das für eine Glaskugel? Und: Warum hat meine Tochter sie so lange angestarrt? |
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