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#1 |
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Forumsleitung
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Auf den ersten Blick war Nina weder schön noch schlank. Sie trug eine Hornbrille mit runden Gläsern und war ungeschminkt. Bekleidet war sie mit einer verwaschenen Jeans, einem gelb-grauen Holzfällerhemd und ausgelatschten weißen Sportschuhen. Das dunkelbraune Haar hatte sie zu einem Dutt am Oberkopf zusammengebunden, was mich an die hässliche der beiden Kohlhiesel-Töchter aus dem gleichnamigen Film mit Lilo Pulver erinnerte. Unter den Menschen, die täglich meinen Weg kreuzten, wäre sie mir nicht aufgefallen, wenn sie mich nicht , nachdem wir aus demselben S-Bahnwaggon ausgestiegen waren, angesprochen hätte. „Entschulden Sie, welcher Ausgang ist der richtige zur Schillerstraße?“
Ihre Stimme schlug bei mir ein wie der Blitz nach einem schwülen Sommertag. Dunkel war sie, guttural, ein wenig hart und mit einem Sex-Appeal, der in meinen Lenden ein Erdbeben ins Rollen brachte. Nicht das maushaft piepsige Getue der Frauen, die sich den Männern als Schutzbefohlene anzudienen pflegen, sondern der Klang einer perfekt gegossenen, sich zu vollem Volumen aufschwingenden Glocke einer Kathedrale. „Süd-Ausgang“, antwortete ich und erntete einen verständnislosen Blick aus honiggoldenen Augen. Sie hatte keine Orientierung, war völlig verloren und hätte um den Preis ihres Lebens nicht gewusst, wo Süd und wo Nord war. „Ich kann Sie begleiten“, fügte ich schnell hinzu, „es ist auch meine Richtung.“ Wobei ich mir dämlich vorkam, denn erstens war es gelogen, und zweitens hatte ich keinen Schimmer, was mein Motiv war, mich von eine unattraktiven Kohlhiesel-Variante ins Schlepptau nehmen zu lassen. An ihrem flüchtigen, belustigten Lächeln erkannte ich, dass sie meine Lüge entlarvt hatte. Ich vermied ihren Blick und zeigte mit der ausgesteckten Hand auf den Ausgang. „Hier entlang.“ Schweigend lief sie neben mir her, während ich überlegte, wie ich sie zum Sprechen bringen könnte, denn ich wollte unbedingt wieder ihre Stimme hören. Bis zur Schillerstraße waren es nur acht Minuten, ich musste mir also dringend etwas einfallen lassen, bevor sie am Ziel war und Gelegenheit hatte, mich abzuschütteln. „Darf ich Sie zu einem Eis einladen?“ Sie nickte, sagte aber immer noch kein Wort. Wenig später saßen wir in der gekachelten und mit einer Klimaanlage gekühlten Eisdiele, die sich sinnigerweise „The Local Icehouse“ nannte. Ich bestellte ein gemischtes Eis, Nina Schokoladeneis mit einer Doppelportion Sahne. „Was führt Sie in die Schillerstraße?“, begann ich ein Gespräch, um sie zum Reden zu bringen. „Das ist eine ziemlich langweilige Gegend.“ Damit hatte ich Ninas Nerv getroffen. „Vielleicht für Sie. Aber dort wohnt meine Oma in einem uralten Haus, das ihr die Patentante vererbt hat. Als Kind war ich gerne bei Oma, denn sie las mir aus Märchen- und Abenteuerbüchern vor und kochte meine Lieblingsspeisen. Zuletzt habe ich sie gesehen, als ich elf Jahre alt war und meine Eltern sich entschlossen hatten, auszuwandern. Oma ist achtundneunzig geworden, und ich möchte sie noch einmal besuchen, bevor sie für immer geht.“ Sie schürfte mit dem Eislöffel eine dicke Schicht aus ihrem Eisberg. „Und eines kann ich Sie versichern: Meine Oma ist alles andere als langweilig. Die Briefe, die ich von ihr gesammelt habe, sind literarische Diamanten.“ „Was macht Sie so sicher „Mein Gespür. Ich bin unterwegs, um einen Verleger zu finden- Oma war nicht nur literarisch eine Koryphäe, sie fühlte auch dem Zeitgeist auf den Nerv. Ich halte solche Berichte für wichtig, denn sie lassen die jungen Leute verstehen, weshalb die Menschen früher so gelebt, gedacht und entschieden haben, wie sie es taten.“ Allmählich begann ich, Nina wie durch mittlerweile scharfgestellte Linsen anzusehen. Hinter der zu großen Brille mit den runden Gläsern verbarg sich ein hübsches Gesicht. Die Nase, auf deren Rücken das Gestell ritt, war kurz, schlank und gerade gewachsen. Ich stellte mir vor, wie sich der männerfaustdicke Dutt auf ihrem Kopf, von allen Gummibändern und Haarklemmen befreit, in wundervoller Freiheit auf ihren Schultern entfaltete und meine Hände süchtig danach wurden, Strähne für Strähne durch meine Finger gleiten zu lassen. Unbedingt wollte ich mit ihr im Gespräch bleiben. Da war mir längst klar geworden, dass mich ein Pfeil des übermütigen Amor getroffen hatte. Oder ein „coup de foudre“, wie es im Französischen heißt. „Wo ist Ihr Zuhause jetzt?“ Ich hielt meine Sätze kurz, denn ich wollte Nina reden lassen, um mich an ihrer Stimme so lang wie möglich zu laben. „In Moskau. Meine Eltern waren überzeugte Kommunisten und sahen in Russland das Gelobte Land. Daran hat sich nichts geändert, sie glauben ungebrochen daran.“ Sie löffelte den Rest ihres Schokoladeneises aus dem Glasbecher. „Aber in mir regten sich Zweifel. Ich bin nicht nur wegen Oma hier, sondern um mich umzusehen. Wo ich vielleicht meine Zelte aufschlagen kann. Back to the roots, oder wie immer Sie es nennen wollen.“ „Deutsch scheint keine Hürde für Sie zu sein.“ „Die Sprache meines Elternhauses. Draußen sprachen wir Russisch, innen Deutsch. Vaters Bibliothek strotzte vor deutscher Literatur. Schiller, Goethe, Heine, die Manns.“ Sie sprudelte über. „Und dann die Philosophen, vor allem Schopenhauer.“ Diese junge Frau war bis zum Kragen ihres gelb-grau karierten Holzfällerhemdes angefüllt mit Kultur. „Darf ich ‚du‘ zu Ihnen sagen“, traute ich mich zu fragen. „Kein Problem“, antwortete sie. „Wie heißt du?“ „Mitch. Eigentlich Michael. Aber meine Freunde nennen mich Mitch. Und du?“ „Nina.“ Von unserer ersten Begegnung an wusste ich, dass ich ohne Nina nicht mehr sein konnte. Nicht glasklar wie beim Blick durch eine Fensterscheibe in eine von Lug und Trug durchzogene Welt, sondern wie aus einem instinktgesteuerten und traditionsgetragenen Tiefenbewusstsein heraus, verankert in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Unter Milliarden der Zufall einer Begegnung, und Bingo … Ninas Stimme ist mein Sucht. Sie hilft mir, mich spirituell bis auf den Boden des Meeres gleiten zu lassen, wo es keinen Kummer, keine Konflikte und keine depressiven Stimmungen gibt. Nah unter der Oberfläche tobt der Krieg, gibt es kein Entkommen, kann die Walmutter ihr Kalb nicht vor dem räuberischen Orca retten, greifen Haie Badegäste an und fügen Medusen den Schwimmern Verbrennungen zu. Aber ganz tief auf dem Grund löst sich alles auf. Dort gibt es nur Sand, Muscheln, versteckte Meerestiere, Frieden und Stille. Man muss nur tief genug tauchen. Wir verabredeten uns zu einem Stadtbummel am übernächsten Tag. Ich kannte mich gut in der Geschichte meiner Stadt aus und versprach Nina, ihr alle historischen Sehenswürdigkeiten zu zeigen und ihr darüber spannende Geschichten zu erzählen. Als es soweit war, nutzte ich die Gelegenheit, sie an die Hand zu nehmen, und sie ließ es zu. Auf der Parkbank, die wir zwischendurch aufsuchten, um ein wenig auszuruhen, küsste ich sie auf die Wange, und auch das ließ sie zu. „Du bist verrückt!“, schrie mich meine innere Stimme an, als sie meine geheimen Absichten entlarvte. „Ihr kennt euch doch kaum! Du hast alle Zeit der Welt, also warte ab, bis du dir absolut sicher bist, ehe du dich unglücklich machst.“ „An welchem Punkt ist man sich einer Sache absolut sicher?“, schrie ich zurück. Da verstummte meine innere Stimme. Der Spiegel, vor dem ich während dieser Auseinandersetzung stand, lächelte mir zurück. Es gibt Brücken, über die man gehen muss, auch wenn man das andere Ufer nicht kennt. Nur so entdeckt man eine neue Welt. Nach nicht mehr als vier Wochen unseres Kennenlernens stellte ich Nina einen Antrag, und sie hatte genug Vertrauen in mich, ihn anzunehmen. Das gab mir nicht nur das Gefühl, mich einer Verantwortung gestellt zu haben, sondern auch, ein wertvoller Mensch zu sein, der sich Liebe nicht verdienen muss, sondern der sich ihr öffnet wie einem Fremden, dem man Gastfreundschaft gewährt und der zu einem getreuen Gefährten werden könnte. Seit zwanzig Jahren sind Nina und ich verheiratet. Sie hat sich verändert, und oft habe ich mich gefragt, was ihr Ansporn war. Ich schließe daraus, dass sie glücklich ist und deshalb ihre Haare offen trägt, sich sorgfältiger kleidet und Sport treibt. Sie hat abgenommen. Und einen Sinn für Modeschmuck entwickelt, vor allem für Ohrgehänge. Nie haben wir uns die kritischen Fragen gestellt, ob die andere Hälfte dich, mich noch liebt oder ob du und ich glücklich sind. Wer hätte mit den Antworten etwas anfangen können? Sie wären bequem oder gelogen gewesen und hätten todsicher eine Gegenfrage vom Bogen geschossen: „Na klar lieb ich dich noch. Ich bin ja noch bei dir. Was ist dein Problem?“ In die Nähe, uns solche Fragen stellen zu müssen und derart lieblose und scheinheilige Antworten zu ernten, sind Nina und ich nie gekommen. Für mich ist sie die schönste und beste Frau auf Erden. Der Teufel darf mich auf dem Grill rösten, sollte ich ihr jemals untreu werden. Und niemals werde ich sie mit der Frage demütigen, ob sie mich noch liebt. Ich spüre, dass sie mich liebt, und deshalb werde ich ihr nie die Zweifelsfrage stellen. |
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