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| Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte. |
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#1 |
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Forumsleitung
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Sicher haben die meisten Poetrianer diese angeblich aus Afrika stammende Spruchweisheit schon einmal gehört. Und vielleicht hat dabei jeder das gleiche wie ich gedacht, nämlich dass der Spruch die kollektivistische Denkart und Lebensweise innerhalb afrikanischer Stämme auf den Punkt bringt, in denen sich alle Menschen für ihre Gemeinschaft verantwortlich fühlen. Aber auch, dass die Erziehung eines Kindes nicht nur Freude, sondern auch Mühe und Geduld verlangt und in Kleinfamilien, wie sie in individualistisch und kapitalistisch geprägten Ländern vorherrschen, Mütter und Väter schnell überfordert.
Deshalb mag diese Lebensweise, in der das Gemeinschaftsleben vorbildlich zu funktionieren scheint, einen Vorbildcharakter für uns haben. Wie wunderbar, wenn jedes Kind viele, viele Mütter und Väter hat; und wie wunderbar für die Mütter und Väter, wenn ihr Kind in jeder Hütte des Dorfes zu Hause ist! Nun habe ich in einem Buch eine Passage gelesen, die den Spruch für mich aus einer völlig anderen Perspektive betrachten lässt. In dieser Passage wird Bezug genommen auf die Erforschung des afrikanischen Stammes der Lele. Sie stammt aus dem Kapitel über Blutschuld (was nichts mit Blutfehde zu tun hat). Die Forscherin war Mary Douglas. Bei den Lele ist es Sitte, für den Tod eines Menschen einen Schuldigen verantwortlich zu machen, egal, wodurch dieser Mensch gestorben ist. Ein Lele ist sich also dessen bewusst, jederzeit als der Schuldige ausgemacht zu werden und für den Toten eine Gegenleistung, eine Blutschuld erbringen zu müssen. In der Regel ist das die Übergabe einer Frau, sei es eine Tochter, einer sonstigen Verwandten oder eines noch zu gebärenden Kindes. Eine Frau, die damit nicht einverstanden war, konnte in das Dorf des Feindes fliehen und um Aufnahme bitten, die ihr immer gewährt wurde. Sie wurde zur "Dorf-Ehefrau". Und jetzt wird es interessant, denn es heißt weiter: Diese gemeinsame Frau war die "Dorf-Ehefrau", und ihre Stellung war mehr als angesehen. Sie wurde wie eine Prinzessin behandelt, musste nicht säen und Unkraut jäten, weder Holz sammeln noch Wasser holen, nicht einmal kochen.* David Graeber, "Schulden", Klett-Cotta 2022, S. 149 f. Man muss also die ganze Geschichte hinter dieser afrikanischen "Spruchweisheit" sehen, um dessen Dimension zu erfassen. |
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#2 |
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... interessanter Hintergrund, den ich einfach mal so hinnehme.
Die Lele dürften eine Ethnie der Bantu sein. Kann die Lele jetzt nicht örtlich zuordnen oder zahlenmäßig schätzen. Weiß auch nicht, woher genau das Sprichwort kommt. Im Cortex dürfte sich aber diese Geschichte mit dem Sprichwort verbinden, da mein restliches Wissen nicht ausreicht, es zu verhindern. So entstehen Konnotationen. beaux rêves |
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#3 | |
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Forumsleitung
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Zitat:
Von den Bantus steht im Zusammenhang mit den Lele nichts in dem Buch, ihre unmittelbaren Nachbarn waren die Kuba und Bushong. Danke für dein Interesse. LG Ilka |
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#4 |
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Den Spruch finde ich auch außerhalb der geschilderten Zusammenhänge interessant und bedenkenswert. Für mich hat er eine Art universale Gültigkeit.
"Forschungen" über afrikanische und andere exotische und historische Gesellschaften sollte man mit Vorsicht genießen, sie waren in der Geschichte zu oft voller sprachlicher und anderer Mißverständnisse und letztendlich unüberprüfbar. |
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