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Alt 09.01.2026, 06:57   #1
männlich Gedichtefan
 
Dabei seit: 01/2026
Ort: zur Zeit Zürich, Schweiz
Alter: 56
Beiträge: 12

Standard Ballade vom Schachspieler

Es ist Winter im Dorfe
und das Wasser erstarrt.
Eine eisige Flora
an den Fenstern verharrt.

Drinnen tänzelt ein Schatten,
das Kaminlicht ihn zeigt.
Dessen Ursprung, ein Spieler,
sitzt am Schachbrett und schweigt.

Mit versteinerter Miene
und im Blick fokussiert,
er mit zittrigen Händen
die Figuren platziert.

Die Partie seines Lebens
hat die Ehre als Preis.
Heute wird sichs entscheiden.
Er fängt an, er hat Weiss.

Die Eröffnung belegt es:
Nur ein Sieg ists, der zählt.
Der riskanteste Auftakt
wurd bewusst drum gewählt.

Es vergehn nur Minuten
bis sein erster Turm fällt.
Ist ein Teil seines Planes,
der dies Opfer enthält.

Auch der Angriff des Läufers
ist geschickt inszeniert.
Er ruft ’Schach’ wie im Wahne,
doch der Gegner pariert.

Wählt die schwierigste Lösung,
stellt das Pferd in den Weg.
Kam geschwind von der Seite,
kam eins gerade, eins schräg.

Doch der Spieler droht weiter,
hat die Kräfte vereint
für den Kampf um die Stelle,
die am schwächsten erscheint.

Er erstarkt Zug um Zuge.
»Ich gewinn!«, ruft er aus.
Nur der Gegner ist listig
und grad jetzt stellt sichs raus.

Er greift an, kennt kein Mitleid,
treibt den Spieler zurück,
zielt aufs feindliche Bollwerk
und zersprengts Stück für Stück.

Nach dem vierzigsten Zuge
ist das Brett blutig rot,
bringt des Spielers Figuren
nur Verderben und Tod.

Selbst die kleinste Bewegung
wird nun streng kontrolliert,
jeder Schritt, der geblieben,
in Verlust überführt.

Keine Macht heilt die Wunden,
keine Finte mehr nützt.
Seine weisse Herzdame
ihn als Letzte noch stützt.

Er begreift seinen Fehler
und bereut ihn so sehr.
Er ersehnt sich das Ende,
will das Matt, sonst nichts mehr.

Doch es gibt keine Gnade,
keinen Dolch, der ihn rammt;
der einst furchtlose Spieler
ist zum Leiden verdammt.

Er zerreisst sich im Kampfe,
weil der Gegner ihn hetzt.
Kann das End nun erahnen,
heftig spürt er es jetzt.

Das Ergebnis entmutigt
und war nie so gedacht.
Was der Spieler nicht wollte,
zieht er nun in Betracht.

Wütend packt er das Schachbrett,
wirfts ins Feuer hinein,
samt der schwarzen Figuren,
die sein Lohn sollten sein.

Doch die weissen, die bleiben.
Er sie gründlich poliert,
dann, befreit von dem Blute,
ins Regal einsortiert.

Hebt mit wässigen Augen
seine Dame empor.
Küsst zum Abschied die Liebste,
die er schändlich verlor.

Sie war Rückhalt für Stunden,
wie sichs grausam erwies,
und die tiefste der Narben,
die der Kampf hinterliess.

Die Erkenntnis ist bitter,
aus dem Haus sie ihn trägt;
dieses tragische Ende
ihn so schmerzlich bewegt.

Er bei beissender Kälte
sich dem Spotte entzieht.
So kein Einzger im Dorfe
ihn dort jemals mehr sieht.
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