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| Theorie und Dichterlatein Ratschläge und theoretisches Wissen rund um das Schreiben. |
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Forumsleitung
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Woher Ideen nehmen, um etwas aufs Papier zu bringen? Übt euch in Techniken. Es gibt verschiedene. Eine davon will ich hier vorstellen.
Schreibt eine Reihe von Wörtern ohne inneren Zusammenhang auf, Wörter, die euch rein zufällig in den Kopf kommen. In meinem Fall waren es folgende Wörter: Liebe – Sterne – Bett – Schule – Kakau – Sandmännchen – Meerschweinchen - Schnuller – Tante Vanessa Sie waren wirklich aus der Luft gegriffen, und erst als sie mich anstarrten machte ich mir Gedanken, was ich mit ihnen anfangen könnte. Dabei kamen folgende Beispiele aus unterschiedlichen Perspektiven heraus: Ein Neunjähriger: Keine Ahnung, was die Typen in den Boxershorts am Grill und die Weibsen in ihren Sommerfetzen über die Liebe faseln, während sie mit leeren Tellern dastehen und auf ihre Steaks und Würstchen warten. Tante Vanessa meint hämisch, ihre Schwester Carola umarme die Männer mit den Beinen statt mit den Armen. Manche grinsen dazu dämlich, andere machen eine missbilligende Schnute, als suckelten sie an einem Schnuller. Sie saufen Bier aus einem Mini-Fass aus Plastik, das nach echtem Holz aussehen soll. Für mich gibt es Kakau, aber sobald die ersten Sterne am Himmel funkeln, muss ich rein, das Meerschweinchen füttern und nach dem Gute-Nacht des Fernseh-Sandmännchens die Zähne putzen. Ab ins Bett und Augen zu! Sich fit schlafen für die Schule am nächsten Tag. Eine Zwanzigjährige: Ich lag im Bett und wollte schlafen, aber das Sandmännchen schien mich vergessen zu haben. Es ließ mich mit meiner Liebe, die mich aufrüttelte, allein. Also stand ich auf, machte mir in der Küche einen Becher Kakau und setzte mich damit auf die Bank im Garten. Die Sterne über mir gaben mir ein Gefühl der Vertrautheit, wie ich es in der Kindheit empfand, als Tante Vanessa mich im Kinderwagen vor sich herschob und hundert Mal den Schnuller vom Gehweg aufhob, den ich spielerisch ausspuckte und mich daran ergötzte, wie sie sich nach ihm bückte, ihn mit dem Taschentuch sauber wischte und ihn mir immer wieder in den Mund steckte. Die Süße des Kakaus beruhigte mich, wie früher in der Schule, wenn ich ihn in der Pause trank, bevor wir eine Arbeit in einem Fach schreiben sollten, das meiner Natur zuwiderlief – Mathematik, Physik, Chemie … Meine Welt war weder abstrakt noch eine Formel oder ein Labor. Sie war der Garten, meine Familie, mein Meerschweinchen Sokrates, und dann du, der mich Nachts nicht mehr schlafen ließ. Eine Achtzigjährige: Die Liebe und die Sterne … ach ja, wie oft hatten wir sie besungen und nach ihnen getanzt. Bis zum Umfallen auf dem Bretterboden. Keiner von uns wollte ins Bett, geschweige denn, darin sterben. Das Sandmännchen wurde bei uns arbeitslos, es sollte sich seine Schlafmützen woanders suchen. Wir tranken auch keinen Kakau wie zu Hause, sondern zünftig ein Maß Bier nach dem anderen. Auch wenn wir am nächsten Morgen in die Schule mussten, in der Tante Vanessa meine Rektorin war. Wenn ich nicht gut auf den Beinen war, schob ich mein Meerschweinchen vor: Es gehe ihm schlecht, ich müsse dringend mit ihm zum Tierarzt. Es mache so verrückte Schnuller-Geräusche, wie ein suckelnder Säugling. Tante Vanessa drückte immer ein Auge zu, wenn man gute Noten nachweisen konnte. Das konnte ich. Und die Liebe? Tja, irgendwann musste ich mich entscheiden. |
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