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Alt 27.07.2024, 18:01   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Paris 2024 - Futter für die Berufsempörer

Kaum ist die grandiose Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris gelaufen, treten die Berufsempörer und in ihren Gefühlen Verletzten auf den Plan. Ursache ist ein langer Tisch, der an einer Seite von einer Gruppe schillernder Figuren in unterschiedlichem Outfit (darunter ein Kind!) besetzt ist, in deren Mitte eine Matrone mit einem stilisierten Heiligenschein thront, die mit ihren Händen die Merkel-Raute formt (könnte aber auch als ein Herz gemeint sein). Die geistliche Welt wie auch die Presse und etliche Politiker in Europa bis nach Moskau sind düpiert ob dieser "Götteslästerung" und beschuldigen die Macher dieser Inszenierung der Hybris und der Respektlosigkeit gegenüber Gott und Kirche.

Angeblich ist der Tisch mit da Vincis Gemälde "Das letzte Abendmahl" assoziiert. War offen gesagt auch mein Gedanke, aber ich sah die Inszenierung als eine sehr weite Auslegung des Motivs, das wie alles, was an künstlerischer Darbietung gezeigt wurde, auf die Vielfalt der Menschen, ihr Recht auf freie Entfaltung, auf Einigung und Frieden abzielen sollte. Aber nein, in den Augen der Kritiker handelt sich um Blasphemie, abgesehen davon, dass man die Christen in der ganzen Welt lächerlich gemacht habe.

Mich erinnert dieses absurde Gedöns an die Reaktionen auf den religionskritischen Film "Viridiana" (1961). Im Gegensatz zu der Pariser Inszenierung war Luis Bunuels Mis en scène von dem "Abendmahl" (hier eine Speisung von Bettlern und sonstigen Außenseitern, die in ein Gelage ausartet), viel näher an da Vincis Gemälde dran. Zur linken und rechten Seite der zentralen Person sind jeweils sechs Personen angeordnet, die sehr ähnliche Positionen wie die Apostel in da Vincis Gemälde einnehmen. Das Fenster in der Mitte des Hintergrunds ist im Film eine Tür, die von Vorhängen und einer Schabracke umgeben ist. Die beiden anderen Fenster des Gemäldes sind bei Bunuel zwei Vitrinen. Sogar das Waffelmuster des Tischtuchs hat der Regisseur angedeutet. Bezeichnenderweise kräht bei dieser Filmszene ein Hahn in der Ferne.

Natürlich gab es - auch wegen anderer Szenen mit christlicher Symbolik - damals große Aufregung, und Teile des Films wurden vorübergehend zensiert. So las man im Osservatore Romano: „Die übliche zweideutige Zurschaustellung von Sexualität ist um einen ruchlosen kleinen Jahrmarkt der Gotteslästerungen erweitert worden – eine unerträgliche Aneinanderreihung von Blasphemien, die einfach nur ekelerregend sind.“

Im Vergleich zu Bunuels Werk ist die Pariser Aufführung meiner Meinung nach geradezu harmlos. Dort stehen nicht einmal Speis und Trank auf dem Tisch, es sitzen bzw. stehen dort viel mehr Personen herum als nur zwölf, und außerdem findet kein Gelage statt. Da die Szenerie im Freien angelegt ist, gibt es auch keine Fenster, und statt auf eine Wand mit Gemälden, wie in da Vincis Gemälde, sehe ich links im Hintergrund den wundervollen Eiffelturm.

Sollte etwa Neid im Spiel sein, dass den Franzosen eine Mega-Show gelungen ist, wie sie die Olympia-Welt bis dahin noch nicht gesehen hat? Muss man nach dem Haar in der Suppe suchen, um sie, die ihre Rollen tapfer im stundenlangen Regen durchgezogen haben, kleinzureden?

Wo waren denn die moralinsauren Beschützer der Christenheit, als die Kirchenvertreter sich als Täter von sexuellem Kindesmissbrauch herausstellten? Wo wurden sie zur Rechenschaft gezogen, anstatt sie klammheimlich an einen stillen Ort zu versetzen?

Für diejenigen, die es interessiert, füge ich diesem Kommentar eine Datei bei, anhand derer sie selber einen Vergleich zwischen da Vincis Bild, dem Szenenbild aus "Viridiana" und der Szene aus der Pariser Feier ziehen können.
Angehängte Dateien
Dateityp: pdf Tischszene aus VIRIDIANA v. L. Bunuel, 1961.pdf (1,18 MB, 4x aufgerufen)
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
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Alt 28.07.2024, 09:37   #2
weiblich DieSilbermöwe
 
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Beiträge: 7.254

Zitat:
Sollte etwa Neid im Spiel sein, dass den Franzosen eine Mega-Show gelungen ist, wie sie die Olympia-Welt bis dahin noch nicht gesehen hat?
Da stimme ich zu, ch war von dieser Show auch sehr beeindruckt.

Ob Neid im Spiel beim Gemecker war, weiß ich nicht, aber wie du schon schreibst: Die Berufsempörten hatten mal wieder etwas, über das sie sich empören konnten. Gehört halt zum Berufsbild .
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