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Alt 20.10.2012, 09:28   #1
weiblich MuschelIch
 
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Standard Meine Freundin B.

Sie war

mittelgroß und hatte stets nur Jeans getragen. Jeans und lange weite MännerTshirts. Dazu oft einen weiten Mantel, der grau war und dennoch bunt
und leicht und mich an Fledermausflügel erinnerte. Er war schlampig und ungepflegt; ebenso wirkte meine Freundin. Wie ein Clochard und so, als schliefe sie in ihrem Mantel , als decke sie sich zu jede Nacht mit Fledermausflügeln in die bunte Fäden eingewebt waren.
Ihr Zimmer war für mich eine Offenbarung.
Selber aus einer zwanghaft ordentlichen Familie stammend, wo jeder Schuh, sobald man ihn ausgezogen hatte, wie von Zauberhand im richtigen Planquadrat konserviert wurde,
war ich begeistert von diesen Wohnumständen, die mich gleichzeitig enorm verunsicherten:
Sie wohnte über einer KFZ-Werkstatt.

Ihr Stiefvater war KFZ- Mechaniker und ihre Mutter Ärztin - auch das hatte enormes Verunsicherungspotential für mich als 16-jährige. Um diese Wohnung zu erreichen mußte man eine kleine Tür in einem riesigen Tor öffnen und quer durch die Werkstatt mäandern, vorbei an den dort befindlichen Ölkannen, Kanistern, Werkzeugen und Fahrzeugen auf Hebebühnen.

Wenn man diesen Slalom geschafft hatte, kam man zu einer bloßen, in ihrer puren Funktionalität entsetzlich häßlichen, Betontreppe, die in den ersten Stock führte. Da galt es irgendeine Art von Kluft zu überspringen, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann.
Dann war man endlich angekommen in einer großzügigen und ungewöhlichen Wohnung.
Das ungewöhnlichste war für mich das Zimmer von B. . Die Matraze lag auf dem Boden , direkt daneben gab es den Hamster im Käfig. Es gab hunderte von Schallplatten in einer Reihe am Boden aufgestapelt. Dort fand ich Edvard Grieg, dort gab es Beethoven, viele andere Klassiker, Tubular Bells von Mike Oldfield, den obligatorischen Bob Dylan, Keith Jarret und andere Jazzer - alles "Neuland" für mich.
Es gab hunderte von Büchern, unter anderem in englischer Sprache. Auch dies eine Offenbarung.

Im Wohnzimmer gab es ein Klavier und dort mußte mir B. immer "Für Elise" vorspielen.

Die Küche war voll von Reformwaren.
Als B. magersüchtig wurde, aß sie dort ihre Tagesration - etwa 1 Eßlöffel Hefeflocken, zwei mit Weizenkleie.

Dort wohnte sie. Sie war meine Freundin. Und wenn ich an sie denke, heute, fünfunddreißig Jahre später, dann sehe ich ihre großen Augen, die heller waren als andere und diese unablässigen Kaugummiblasen, die sie machte und platzen ließ. Genauso wie ihr helles Lachen, das sich gen Himmel schraubte und zerstieb... wie tausend Glöckchen.

Hätte ich damals alles gewußt, was ich heute weiß, ich hätte auf Dich aufgepaßt.....

Er war

ein Amerikaner. Ein häßlicher Mann mit Halbglatze und Brille und einer derer, um die ich heutzutage einen großen Bogen machen würde.
Damals war das anders.
Wir waren Schülerinnen an einem Gymnasium im Niederbayerischen.
Er war Psychologe an einem Bezirkskrankenhaus nahebei - ein Frischimport aus Amerika. Zufällig lebte ich eben in diesem Ort, wo er arbeitete. Zufällig war mein Vater dort Krankenpfleger.

Warum er an unsere Schule kam und was er uns, der gesamten Oberstufe, in seinem Vortrag erzählte, weiß ich nicht mehr genau. Es ist hinter einem Schleier verschwunden.
Es bewirkte allerdings, daß ab sofort zwei meiner Freundinnen meinten, ihn zu brauchen. Unter anderem B.

Sie ist seit sieben Jahren tot.

Er ist nach Amerika geflohen.
MuschelIch ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.10.2012, 11:05   #2
Ex-zonkeye
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*zerstob*

Wenn die Prota die magersüchtige Freundin vor 35 Jahren hatte und die erst vor sieben Jahren gestorben ist, muss sie jemand geheilt haben, denn sonst wäre sie ja nicht 28 Jahre weiter am Leben geblieben.

Es erschließt sich leider nicht, warum der hässliche Amerikaner fliehen musste. Müsste der Leser Insiderwissen aus einem Bezirkskrankenhaus haben, um den tieferen Sinn dieses Berichtes zu begreifen?

lg zonkeye
Ex-zonkeye ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.10.2012, 12:07   #3
weiblich MuschelIch
 
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Beiträge: 309


Nö, weder ist sie an Magersucht gestorben,
noch mußt Du Insiderwissen haben, zonkeye.

Diese Geschichte geht noch weiter - das hätte ich anmerken müssen.

Danke fürs vorläufige Gucken und zerstoben.

LG MuschelIch
MuschelIch ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.10.2012, 12:26   #4
Thing
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Beiträge: 34.996


Das "zerstob" ist inzwischen abgehandelt.

Liebe MuschelIch,


eine kraftvolle Erzählung. Jedes Wort an seinem richtigen Platz.
Im Wohnzimmer gab es ein Klavier und dort mußte mir B. immer "Für Elise" vorspielen.
hätte ich leicht verändert:
Im Wohnzimmer stand ein Klavier....

Nach "Glöckchen" hätte ich einen Schluß gesetzt, das Nachfolgende als neue Erzählung präsentiert.

Ich bin sehr beeindruckt!
So etwas hätte ich von Dir nicht erwartet.
Du hast großes erzählerisches Talent!


Lieben Gruß
von
Thing
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Alt 20.10.2012, 13:13   #5
Ex-zonkeye
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Beiträge: 504


Vielleicht kannst du mit diesen Vorschlägen, die dem Stil dienten, etwas anfangen?

Zitat:
Sie war

mittelgroß und hatte stets nur Jeans getragen. Jeans und lange weite MännerTshirts. Dazu oft einen weiten Mantel, der grau war und dennoch bunt
und leicht und mich an Fledermausflügel erinnerte. Er (war) sah schlampig und ungepflegt aus(; ebenso wirkte) wie meine Freundin. (Wie ein Clochard und so, als) Als schliefe sie in ihrem Mantel wie ein Clochard, als decke sie sich (zu) jede Nacht mit Fledermausflügeln zu, in die bunte Fäden eingewebt waren.
Ihr Zimmer war für mich eine Offenbarung.
Selber aus einer zwanghaft ordentlichen Familie stammend, wo jeder Schuh, sobald man ihn ausgezogen hatte, wie von Zauberhand im richtigen Planquadrat konserviert wurde,
war ich begeistert von diesen Wohnumständen, die mich gleichzeitig enorm verunsicherten:
Sie wohnte über einer KFZ-Werkstatt.

Ihr Stiefvater war KFZ- Mechaniker und ihre Mutter Ärztin - auch das (hatte enormes Verunsicherungspotential für) irritierte mich (als 16-jährige) Sechzehnjährige. Um diese Wohnung zu erreichen, mußte man eine kleine Tür in einem riesigen Tor öffnen und quer durch die Werkstatt mäandern, vorbei an den dort befindlichen Ölkannen, Kanistern, Werkzeugen und den Fahrzeugen auf Hebebühnen.

Wenn man diesen Slalom geschafft hatte, kam man zu einer (bloßen,) in ihrer puren Funktionalität entsetzlich häßlichen, Betontreppe, die in den ersten Stock führte. Da galt es noch irgendeine Art von Kluft zu überspringen, an die ich mich jetzt nicht mehr genau erinnern kann.
Dann war man endlich angekommen in einer großzügigen und ungewöhlichen Wohnung.
Das ungewöhnlichste war für mich das Zimmer von B. . Die Matraze lag auf dem Boden , direkt daneben gab es den Hamster im Käfig. Es (gab) waren Hunderte von Schallplatten (in einer Reihe) am Boden aufgestapelt. Dort fand ich Edvard Grieg, dort gab es Beethoven, viele andere Klassiker, Tubular Bells von Mike Oldfield, den obligatorischen Bob Dylan, Keith Jarret und andere Jazzer - alles "Neuland" für mich.
Und es gab hunderte von Büchern, unter anderem in englischer Sprache. Auch dies eine Offenbarung.

Im Wohnzimmer (gab es) stand ein Klavier. (und dort) Darauf mußte mir B. immer "Für Elise" vorspielen.

Die Küche war voll von Reformwaren.
Als B. magersüchtig wurde, aß sie dort ihre Tagesration - etwa 1 Eßlöffel Hefeflocken, zwei mit Weizenkleie.

(Dort wohnte sie. unnötiger, falscher Bezug!) Sie war meine Freundin. (Und) Wenn ich an sie denke, heute, fünfunddreißig Jahre später, dann sehe ich ihre großen Augen, die heller waren als andere, und diese unablässigen Kaugummiblasen, die sie machte und platzen ließ. (Genauso wie falscher Bezug!) Und ich höre ihr helles Lachen, das sich gen Himmel schraubte und (zerstieb...) zerstob wie tausend Glöckchen.

Hätte ich damals alles gewußt, was ich heute weiß, ich hätte auf Dich aufgepasst ...

Er war

ein Amerikaner. Ein hässlicher Mann mit Halbglatze und Brille und einer derer, um die ich heutzutage einen großen Bogen machen würde.
Damals war das anders.
Wir waren Schülerinnen an einem Gymnasium im Niederbayerischen.
Er war Psychologe (an einem) am Bezirkskrankenhaus nahebei (- ein Frischimport aus Amerika), gerade aus den USA gekommen. (Zufällig lebte ich eben in diesem Ort, wo er arbeitete. Zufällig war) Mein Vater war (dort) Krankenpfleger in dem Bezirkskrankenhaus.

Warum (er falscher Bezug!) dieser Psychologe an unsere Schule kam und was er uns, der gesamten Oberstufe, in seinem Vortrag erzählte, weiß ich nicht mehr genau. Es ist wie hinter einem Schleier verschwunden.
Es bewirkte allerdings, daß ab sofort zwei meiner Freundinnen meinten, ihn zu brauchen. Unter anderem B.

Nun ist sie seit sieben Jahren tot und er ist nach Amerika geflohen.
lg zonkeye
Ex-zonkeye ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.10.2012, 13:21   #6
weiblich MuschelIch
 
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Beiträge: 309


Lieber Romolus, Danke für Dein Lob.

Lieber Zonkeye auch Dir Dankeschön für Deine Mühe so genau zu sichten.

Die Veränderungen / Verbesserungen übernehme ich großteils.

LG MuschelIch
MuschelIch ist offline   Mit Zitat antworten
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