![]() |
|
|
|||||||
| Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte. |
![]() |
|
|
Themen-Optionen | Thema durchsuchen |
|
|
#1 |
|
2084 Beta
Die Stadt war lautlos. Nur das Rauschen der Datenströme vibrierte im Hintergrund, wie das Atmen einer unsichtbaren Maschine. Niemand sprach mehr. Gedanken wurden in Symbole gegossen. Ein Haken für Zustimmung. Ein Tropfen für Bedauern. Ein kurzes Zucken im Auge – und die Linse projizierte ein genehmigtes Zeichen. Sprache war zu ungenau. Jonas arbeitete im Ministerium für Korrekturen. Dort glättete man die Vergangenheit. Eine falsche Prognose hatte es nie gegeben. Ein Scheitern war stets ein Erfolg. Archive glänzten makellos. Über jedem Schreibtisch schwebte der Satz: „Die Daten lügen nie.“ Jonas wusste: Sie logen unaufhörlich. Aber immer in dieselbe Richtung. Nach Feierabend kehrte er in seine Box zurück. Er öffnete ein Relikt: ein Notizbuch, ein Stift. Er schrieb ein einziges Wort hinein: Freiheit. Die Linse blinkte rot. Unbekannter Begriff. Bitte aktualisieren Sie Ihr Vokabular. Er schloss die Augen, bis das Signal verging. Am nächsten Tag sah er Lena. In der Kantine stand sie still. Dann blinzelte sie zweimal – ihre Linse erlosch. Einen Herzschlag lang blickten nackte Augen in den Raum. Jonas spürte ein Ziehen in der Brust. Sie trafen sich heimlich. Ohne Symbole. Sie sprachen von Gerüchen. Vom Sommerregen. Von Dingen, die gelöscht worden waren. Jede Silbe war ein Vergehen. Eines Abends schlug Jonas sein Buch auf. Auf der letzten Seite stand ein Satz, den er nie geschrieben hatte: „WIR SEHEN DICH.“ Schritte näherten sich. Schwer. Gleichmäßig. Jonas setzte den Stift an. Sein letztes Wort: Hoffnung. Dann schloss er das Buch. |
|
|
|
|