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#1 |
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Sieben Rosen
Aus Gutem wird Böses, aus Bösem wird Gutes. Das Schicksal hält die Waage. Prolog – Herr Leopold Herr Leopold sitzt wieder einmal in seinem Stammlokal und sinniert über die Ungerechtigkeiten in der Welt. Seit er in Pension ist – früher war er selbstständig – sind die Besuche im Stammlokal ein fester Bestandteil seines Tagesablaufs. Die Stimmung ist schon etwas feucht, obwohl es erst früher Nachmittag ist, und die Kollegen am Stammtisch feuern sie weiter an. Ein Blumenhändler mit Rosen in der Hand betritt das Lokal. „Wenn du ein bisschen Freude in die trostlose, ungerechte Welt bringen willst, dann kauf ein paar Rosen und verteile sie auf der Straße“, meint Herr Rosenstolz, der früher Blumenhändler war, lachend. „Ihr macht euch über mich lustig“, sagt Herr Leopold künstlich verärgert, „aber ihr werdet staunen: Genau das mache ich jetzt. Ich kaufe ein paar Rosen – nein, ich kaufe sieben Rosen – und werde damit wildfremde Menschen beschenken.“ – „Und damit ist die Welt dann besser, wenn du ein paar Rosen verschenkst? Noch dazu Rosen, die eh nur einen Tag halten“, prustet Herr Rosenstolz, während Herr Leopold dem Verkäufer sieben Rosen mit hängenden Köpfen abkauft. Die anderen am Stammtisch stimmen in das Lachen ein. „Na, schlechter ist sie dann auch nicht, oder?“, fragt Herr Leopold verärgert. Dann steht er auf und geht mit den Rosen in der Hand auf die Straße vor dem Lokal. „Das schaue ich mir an“, sagt Herr Huber, der die ganze Zeit grinsend zugehört hat. Alle anderen gehen mit auf die Straße. Eine halbe Stunde steht Herr Leopold schon auf der Straße und bietet unterschiedlichen Menschen seine Rosen als Geschenk an. Keiner der Passanten will eine haben. Im Gegenteil: Einige beschimpfen ihn sogar. Die Stammrunde schaut sich das noch eine Zeit lang an, lacht zwischendurch, wenn wieder eine Abfuhr erteilt wird, doch dann wird es ihnen zu langweilig und sie werden immer weniger, bis Herr Leopold allein mit seinen sieben Rosen auf der Straße steht. Verärgert und auch ein bisschen deprimiert macht er sich auf den Weg nach Hause. Die Straßen und Gassen sind jetzt menschenleer. Es ist schon dunkel und die Laternen leuchten ihm den Weg. In einer Seitengasse sieht er im zweiten Stock ein offenes Fenster. Er hat seinen Plan noch immer nicht aufgegeben. Er nimmt eine Rose aus seinem Strauß. „Dann zwinge ich euch zu eurem Glück“, wispert er verärgert und wirft sie durch das offene Fenster. Die Rose landet im Schlafzimmer neben dem Doppelbett. Die erste Rose Die Familie Krammer – falls der Begriff Familie überhaupt noch verwendet werden kann – lebt so recht und schlecht von Monat zu Monat. Seit Susanne Krammer ihren Job als Kassiererin in einer Supermarktkette verloren hat, geht es mit den Finanzen steil bergab. Ihr Mann Karl arbeitet als Lkw-Fahrer und ist oft tagelang unterwegs, was seiner früher sportlichen Figur nicht gutgetan hat. Schlechte Ernährung und langes Sitzen im Lkw haben ihn zum Couchpotato gemacht. Auch seine Haarpracht hat sich verringert; ein Ansatz von Glatze ist erkennbar. Unzufrieden mit dem Leben, ist er meist aggressiv und aufbrausend. Susanne ist mit 38 Jahren noch immer sehr attraktiv, obwohl sie sich zunehmend gehen lässt. Erste weiße Haare und einige Sorgenfalten machen sie für manche Männer sogar noch interessanter – und das ist das Problem. Wenn sie einmal zusammen ausgehen – was in letzter Zeit seltener der Fall ist, aufgrund der finanziellen Lage und Karls Job –, entstehen immer öfter Eifersuchtsszenen. Es reicht oft nur ein falscher Blick, ein Lächeln zu einem Kellner, und Karl rastet aus. Einmal ging er so weit, dass er Susanne mit der Faust voll ins Gesicht schlug. Einige Tage konnte sie das Haus nicht verlassen; das blaue Auge war für jeden sichtbar. Karl entschuldigte sich, bettelte, sie solle ihm vergeben. Er meinte, sie müsse doch verstehen, wenn er eifersüchtig sei – es zeige nur, dass er sie immer noch wahnsinnig liebe. Eine Zeit lang bemühte er sich, war freundlich, brachte Blumen und kleine Geschenke von seinen Fahrten mit. Doch der nächste Vorfall ließ nicht lange auf sich warten. Ein Telefonanruf, ein simples „Entschuldigung, falsch verbunden“, und er rastet wieder aus: „Wer war das? Du hast sicher einen Freund, du Schlampe! Was machst du, während ich unterwegs bin? Ich glaube, du triffst dich heimlich!“ Susanne versucht Antworten zu finden, für die es keine gibt. Dann zertrümmert er Geschirr, beschuldigt, verurteilt – und schlägt, bis sich Susannes Welt blutrot färbt und in einem wattigen Nichts endet. Wochen später ist der körperliche Schmerz verflogen, aber der seelische bleibt frisch und spürbar. Karl ist wieder mit dem Lkw unterwegs. Susanne packt ihre Koffer. Sie möchte am frühen Abend zu ihrer Freundin ziehen. „Dann zwinge ich euch zu eurem Glück“, wispert Herr Leopold, und wirft eine Rose durch das offene Fenster. Die Rose landet unbemerkt von Susanne neben dem Doppelbett, während sie Wäsche aus dem Schrank aufs Bett legt. Ein Schlüssel kratzt am Schloss – ein Geräusch, das Freude oder Angst verbreiten kann. „Karl! Er ist zu früh gekommen“, durchzuckt es Susanne. Angst durchströmt ihren Körper. Sie schiebt hastig die zwei Koffer unter das Bett. „Die Wäsche, wohin damit?“ Die Gedanken rasen. Sie stopft einen Berg davon zurück in den Kleiderschrank. „Susanne, wo bist du?“, tönt es verärgert aus dem Vorzimmer, während Karl die Schuhe auszieht. „Ich komme schon – ich bin im Schlafzimmer und schlichte die Wäsche ein!“ Hastig versucht sie, den Schrank zu schließen. „Was ist mit dem Essen? Ich bin hungrig! Ich bin zwar früher gekommen, aber das Essen sollte schon gekocht sein!“ Karl inspiziert die Küche, den geöffneten Kühlschrank. „Was macht die faule Kuh den ganzen Tag …“, murmelt er, dann stürmt er ins Schlafzimmer. „Was zum Teufel machst du da?“ Er sieht Susanne, wie sie die Wäsche in den Schrank stopft. „Ich habe dich was gefragt!“ – „Ich schlichte die Wäsche“, sagt Susanne, das Gesicht hochrot. „Das nennst du Schlichten? Das ist Stopfen, Reinwerfen – alles, nur nicht Schlichten!“, schreit Karl; die Halsschlagadern treten hervor. Susanne starrt darauf – pulsieren sie? Ein Schlag mit der flachen Hand reißt sie aus der Starre. „Schläfst du mit offenen Augen, du blöde Kuh? Mach mir jetzt was zu essen. Dalli, dalli!“ Benommen geht Susanne apathisch in die Küche. Karl, hochrot vor Zorn, sammelt die restliche Wäsche ein. Neben dem Bett liegt die rote Rose, lauernd wie ein Tier. „Susssssanne, was sollen die Koffer unter dem Bett?“, brüllt Karl. Er zieht sie hervor; ein Koffer ist unverschlossen, Slips, Unterwäsche, Strümpfe und Nachtwäsche ergießen sich wie eine bunte Lawine über das Bett. „Ich wusste es! Du hast einen Geliebten! Sogar die Reizwäsche …“ Susanne stellt mit zittrigen Händen einen Topf Wasser auf den Herd. „Ich muss kochen. Er ist nur hungrig, nur hungrig …“ Ihre Wange brennt, und sie weiß: Nichts wird wieder gut. Es läutet. Verärgert stürmt Karl zur Wohnungstür und reißt sie auf. „Was gibt’s?!“, schreit er die verdutzten Nachbarn, Herrn und Frau Berger, an. „Wir haben Schreie gehört und …“ – „Und was?! Es ist alles in Ordnung. Wir diskutieren halt etwas lauter. Was geht Sie das an? Kümmern Sie sich um Ihre Sachen!“ Er schlägt die Tür zu. „Ich glaube, wir sollten die Polizei verständigen“, sagt Frau Berger leise. „Eigentlich geht es uns nichts an“, meint Herr Berger. „Na super! Jetzt weiß es das ganze Haus, dass meine Freundin eine Schlampe ist!“ Karls Adern pulsieren wieder. Susanne registriert es nebenbei, als er mit verzerrtem Gesicht in die Küche stürmt. „Ich wollte nur zu meiner Freundin ziehen. Eine Auszeit nehmen“, sagt sie etwas fester. „Eine was wolltest du nehmen?“ Sein Gesicht ist nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. „Ich wollte eine Aus …“ Schläge prasseln auf ihr Gesicht. Ihre Lippen springen auf, Blut tropft. Der Kopf dröhnt. Wie aus Watte hört sie Karls Stimme: „Was wolltest du?“ – „Ich wollte nur …“ Wieder Schläge, diesmal in den Magen. Die Welt wird luftleer. Röchelnd füllen sich die Lungen. Sie kniet auf dem Boden. Karl zerrt sie an den Haaren ins Schlafzimmer. „Du räumst die Wäsche ein – schnell, Schlampe.“ Er schüttelt ein paar ausgerissene Haare ab. Wortlos, nur leise wimmernd, räumt Susanne ein. Das Wasser in der Küche kocht. „Ich muss die Nudeln ins Wasser geben …“ – „Geh, Schlampe, geh!“ Er versetzt ihr einen Tritt. Susanne gibt Öl, Salz und die Nudeln ins kochende Wasser. Ein Tropfen Blut fliegt in Zeitlupe hinein. Karl findet auf der anderen Bettseite die Rose, neben einem schwarzen Slip. Susanne schneidet Zwiebeln. Tränen rinnen – nicht nur wegen der Zwiebeln. „Jetzt ist es vorbei; in ein paar Wochen kräht kein Hahn mehr.“ – „Susanne“, sagt Karl leise. „Von wem ist die Rose?“ – „Welche Ro …“ Wieder Schmerz. „Diese Rose!“ Er hält sie vor ihr Gesicht. „Ich … ich weiß nicht.“ – „Von wem ist diese Rose? Ein Liebesbeweis?“ Karls Faust kracht in ihr Gesicht. „Karl, bitte“, stammelt sie. „Ich schwöre, ich habe keinen Freund. Vielleicht ist die Rose durchs Fenster gefallen.“ – „Durchs Fenster? Für wie blöd hältst du mich?“ Er lacht, schlägt wieder. „Sag es, du Schlampe!“ Er würgt sie. Die Rose liegt am Boden, die Blüten wie ein rotes Herz aufgefächert. „Mein Herz“, denkt Susanne, die Sinne schwinden. „Nein!“ Sie stößt zu: Das Messer, das sie die ganze Zeit in der Hand hatte, fährt in Karls Brust. Ein böses Knirschen. Sein Gesicht wechselt von Erstaunen zu Entsetzen. Er stolpert zurück, greift nach dem Messer, fällt wie ein gefällter Baum, knallt mit dem Kopf auf die Fliesen. „Warum … warum hast du das getan? – Ich liebe dich doch“, röchelt er. Dann Stille. Susanne hebt die Rose auf, legt sie auf Karls Brust. „Frei. Endlich frei“, flüstert sie und verständigt die Polizei. Herr Leopold „Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben …“ Zufrieden summt Herr Leopold Marlene Dietrichs Lied mit eigenem Text. Vor wenigen Minuten war ihm ein Meisterwurf gelungen: Die erste Rose war wie eine Billardkugel über die Bande – in dem Fall das Fenster – in die Wohnung gefallen. Ein ungutes Gefühl steigt in ihm auf. Gänsehaut. Er sieht ein weiteres offenes Fenster, diesmal im Erdgeschoss. Fast zu leicht, denkt er. Er wirft die nächste Rose hinein. Die zweite Rose Oberschwester Irene – alle nennen sie im Krankenhaus nur Schwester Irene – sucht hektisch nach ihren Wohnungsschlüsseln. Sie blickt sich ängstlich um. „Jetzt bin ich ungeschützt, schwach, verletzlich. Beeil dich.“ Mit gierigen Fingern kramt sie in der Handtasche. Ein kalter Gegenstand: der Pfefferspray. In der einen Hand den Spray, mit der anderen sucht sie weiter. „Ah, da sind die verdamm— … sprich nicht so.“ Sie schiebt die Brille wieder den Nasenrücken hinauf, sperrt beide Schlösser auf, legt die Türkette vor. „Geschafft. Zu Hause!“ Herzschlag normalisiert. Schuhe aus, Schlüssel auf den Küchentisch, Hausschuhe an. „Dusche, dann Bett, ein paar Seiten lesen.“ Irene vor 20 Jahren Seit sie mit 19 von den Eltern weggezogen ist, lebt sie in dieser Einzimmerwohnung mit kleiner Küche, Bad und Wohnschlafzimmer. Gerade mit der Krankenpflegeschule fertig, war sie eine empathische, junge, freundliche Frau. Die Arbeit erfüllte sie. Robert, ein älterer Mann, machte ihr Avancen. Er kam als Pharmareferent oft ins Krankenhaus, saß in der Teeküche, war charmant, zuvorkommend. Alle Schwestern fanden ihn toll. Nur Irene hielt Abstand. Trotzdem die flüchtigen Berührungen, die sie nicht mochte. Eine Kollegin sagte: „Was soll so ein stattlicher Mann wie Robert schon von dir wollen? Schau dich doch an.“ Nach der Arbeit sitzt Irene in einem Lokal. Robert tritt ein, setzt sich ungefragt zu ihr. „So ein Zufall! Was trinkst du?“ – „Peachtree. Erfrischend an so heißen Tagen.“ Robert nimmt ohne zu fragen einen Schluck. „Erinnert mich an Italien: Sommer, Sonne, blaues Meer, heiße Mädchen – junge heiße Mädchen. Du verstehst mich, oder?“ Er schnalzt mit der Zunge. „Du siehst heute besonders hübsch aus.“ Irene wird unwohl. „Herr Hofer, ich werde gehen. Es hat mich gefreut. Ich habe noch Wege.“ – „Kein Problem. Wir waren ja beim Du – Robert. Eine Bitte: Wenn du schon stehst, bestell mir bei der Kellnerin ein Bier.“ Irene fügt sich – dann schmeckt ihr Cocktail plötzlich bitter. Schwindel. Sie setzt sich. Blackout. Fetzen von Stimmen: „Taxi … ich weiß, wo du wohnst … ich helfe dir … weg mit dem Slip …“ Schmerz im Unterleib, Stöhnen, Dunkelheit. Traumloser Schlaf. Aufwachen: Kopfschmerzen, der Körper eine einzige Wunde, blutiger Bettlaken. Dusche. Den Geruch von abgestandenem Parfum und Schweiß abwaschen. Kein Mensch wird mir glauben, denkt sie. Zwei Wochen Krankenstand, dann kündigt sie. Schwester Irene wird misstrauisch, kühl, abweisend. Sie verabscheut Männer – nicht alle, aber die mit dem Bauchgefühl „Achtung“. Irene Nach einer Spätschicht auf der Intensivstation will sie den Krankenhausgeruch loswerden. „Dusche, abtrocknen, Bett.“ Sie kramt nach frischer Unterwäsche, einem altmodischen Nachtgewand. Aus dem Augenwinkel: Rot. „Was ist das? Eine Rose auf meinem Bett? Die Tür war doch versperrt! Wer war hier?“ Hektisch durchsucht sie die Wohnung. Das Fenster steht offen. Keine Spuren. Wütend schreit sie hinaus: „Ihr verfluchten Stalker! Ich wehre mich!“ Von der Straße: „Verrückte! Halt dein Maul und geh schlafen!“ Irene schließt das Fenster, stellt die Rose in ein Glas. „Du erinnerst mich: Ich wehre mich.“ Drei Monate später. Intensivstation, 4. Stock. Neuzugang nach Operation: Aortenaneurysma, Prothese eingesetzt. Irene liest das Krankenblatt, schließt Überwachungsgeräte an – und ist mit dem Patienten allein. „Schauen wir den Namen an. Magister Robert Hofer …“ Ihr wird eiskalt. Sie setzt sich mit Tränen in den Augen. Seitlich am Bett mustert sie sein vom Leben gezeichnetes Gesicht. „Deine guten Zeiten sind wohl vorbei, mein Lieber.“ Magister Robert Hofer Er träumt schlecht: Frauen lachen, zerren am OP-Hemd, „Deine guten Zeiten sind vorbei!“ Schweißgebadet fährt er hoch. Eine Schwester sitzt neben dem Bett. „Guten Morgen, Herr Hofer. Sie haben es geschafft. Ich bin Schwester Irene, der Frühdienst kommt gleich.“ – „Etwas zu trinken?“ – Sie reicht ihm die Flasche. „Danke, Sie sind ein Engel.“ Er tätschelt ihre Hand. „Sagen Sie Robert zu mir.“ Irene läuft zur Toilette und übergibt sich. Irene Zwei Tage frei. Ein Entschluss. Friseur, Maniküre, neue Brille oder Kontaktlinsen. Außerdem braucht sie zwei AAA-Mikrobatterien. Die Rose – seltsamerweise noch immer nicht verblüht – bekommt frisches Wasser. „Vielleicht kaufe ich mir auch neue Kleider.“ Drei Tage später. Nachtdienst. Sie betritt Hofer’s Einzelzimmer. Die Kollegin hatte gewarnt: Er begrapscht alles Weibliche. „Guten Abend, Herr Hofer, Entschuldigung – Robert. Keine Schmerzen? Keine Alpträume? Ich glaube, Sie kommen bald auf die Normalstation. Eine Woche, vielleicht anderthalb – ohne Komplikationen – und dann nach Hause. Gute Aussichten, oder?“ Robert: „Ich habe jetzt schon eine schöne Aussicht. Irgendetwas ist bei dir anders. Neue Frisur. Geschminkt. Gibt’s einen Verehrer? Wie heißt du?“ – „Irene.“ – „Irene ist ein schöner Name. Aus dem Griechischen: Frieden. Ich habe meinen gefunden – und du?“ – „Noch nicht ganz, aber ich bin auf dem Weg.“ Robert: „Ja, die alten Zeiten. Italien, Sonne, Sand, Meer und junge Mädchen.“ – Irene: „Heiße junge Mädchen, oder?“ Robert wird unruhig. Irene setzt sich seitlich ans Bett: „Unter uns, Robert: Wie viele Frauen hast du vergewaltigt? Wie viele ins Unglück gestürzt? Warum Gewalt, wenn’s ein Nein gab? Du bist ein pathologischer Narzisst.“ Robert: „Schön gesprochen, liebe Irene. Ich weiß wieder, wer du bist. Bevor wir weitersprechen, schalte dein Smartphone aus – oder gib es mir. Seit ‚heiße junge Mädchen‘ hat’s klick gemacht. Typisch Frau.“ Wortlos legt sie das Handy aufs Nachtkästchen. Robert: „Also, unter uns: Du bist die kleine Göre, die mir damals das Bier bestellt hat. Ein wenig Liquid Ecstasy in deinen Drink – und der Abend war gelaufen. Du warst nicht die Einzige. Als Pharmareferent kommt man leicht an Stoff. Ich habe dich nach Hause gebracht, ausgezogen, ins Bett gelegt. Du hast ‚Nein, bitte nicht‘ gewimmert – daran erinnerst du dich wohl nicht mehr. Ich war überrascht: Jungfrau. Deine Defloration hast du dir anders vorgestellt, oder?“ Ein breites Grinsen. „Ja, ich habe dich vergewaltigt. Zufrieden?“ Irene nimmt ihr Smartphone, steht auf, geht zur Tür. – Robert: „Und es hat mir Spaß gemacht.“ – Irene: „Herr Magister Robert Hofer, ich werde Anzeige erstatten – und ich habe einen Zeugen.“ – „Wer soll das sein?“ – „Sie.“ Sie holt ein altes Diktiergerät aus der Seitentasche. Herr Mag. Robert Hofer „Heute werde ich entlassen. Hoffentlich arbeitet diese Irene nicht auf der Normalstation. Eine Blume hat sie mir zuletzt noch geschenkt – eine Rose. Was soll das? Ich muss sofort weg, bevor die Polizei kommt. Aufzug, Erdgeschoss, unauffällig raus, Taxi, Pass, ab ins Flugzeug. Nur noch über die Straße bei der Busstation vorbei …“ Er wirft die Rose in den Mistkübel und sticht sich an einer Dorne. Lutscht am Daumen, setzt über die Straße – und wird von einem Bus erfasst. Ein Knacken. Ein junges Mädchen in Rock kniet sich zu ihm: „Kann ich Ihnen helfen? Rettung ist unterwegs. Zum Glück ist das Krankenhaus in der Nähe.“ Sein letzter Gedanke: „Dich hätte ich auch gerne ge— …“ Irene Irene ist auf dem Weg zur Spätschicht. Vom Tumult an der Busstation bekommt sie nichts mit. Sie fühlt sich heute besonders leicht, kann nicht sagen, warum. Für mich ist dieser Mensch gestorben. Ich will ihn nie wieder sehen. Herr Leopold Es ist spät. Herr Leopold will zur U-Bahn. Er kommt sich etwas lächerlich vor mit den verbleibenden fünf Rosen – wie ein Rosenkavalier. In der menschenleeren Gasse hallen seine Schritte. In der Station warten Nachtschwärmer. Er bietet wieder Rosen an – müde, glasige Blicke. Am Anfang des Bahnsteigs, dort, wo der Zug noch mit Tempo einfährt, sitzt eine junge Frau, zusammengesunken, auf einer Bank. „Der schenke ich eine Rose. Und wenn ich ihr ein Märchen auftischen muss“, murmelt er und geht entschlossen hin. Die dritte Rose „Hallo, du sitzt hier so einsam – ich darf doch du sagen? Mein Name ist Leopold, die meisten sagen Leo. Darf ich mich zu dir setzen?“ Die Frau reagiert nicht. Ein Luftzug kündigt den Zug an. Die Frau steht auf, geht zur Bahnsteigkante und überschreitet die gelbe Linie. „Vorsicht, Fräulein, das könnte schlecht ausgehen!“, ruft Leopold. Die junge Frau dreht sich ruhig um: „Ich gehe doch nur nach Hause.“ Das Rumpeln wird lauter. Leopold begreift, springt vor, zieht sie zurück, drückt sie auf die Bank. Der Zug rauscht ein, stoppt, Türen auf, Türen zu, der Zug fährt ab. Stille. Leopold sitzt mit der jungen Frau allein in der Station. „Wie heißt du? Was kann so arg sein, dass du dein junges Leben wegwerfen willst? Liebeskummer? Geldsorgen?“ – „Ich heiße Sophia – alle sagen Sofie. Wenn es nur Geld oder Liebe wäre, würde ich Gott danken. Ich habe Krebs, Stadium IV, Metastasen, unheilbar. Also, alter Mann, lass mich in Ruhe. Ich will niemandem zur Last fallen, nicht dahinvegetieren. Was rät der weise, alte Mann der Unwissenden?“ „Schau, ich habe eine Rose für dich. Sie lässt, wie du, den Kopf hängen. Rosen haben Phasen: Sie wachsen, verblühen – können aber wieder gedeihen. Das ist die Rose der Hoffnung. Nimm sie, schneide den Stiel an, gib Zucker ins Wasser, und wenn sie Wurzeln bekommt, pflanze sie ein. Wenn die Rose lebt, wirst auch du leben.“ Der nächste Zug kommt. Herr Leopold steigt ein, grinsend. Sofie bleibt mit der Rose zurück. Sophia (Epilog) „Komm, meine Kleine, du bist alt genug für eine Geschichte. Eine sehr wichtige. Ich habe sie auch deiner Mutter erzählt.“ Claudia kuschelt sich zu ihrer Großmutter. „Soll Thomas auch hören?“ – „Nein, dein Bruder kennt sie schon; er glaubt nicht daran. Also: Deine Oma war als junge Frau schwer krank und wusste nicht weiter. An einem Abend, als es ganz schlimm war, schenkte mir ein alter Mann, Leopold, eine Rose. Er sagte, es sei die Rose der Hoffnung. Ich pflegte sie – am Anfang sogar mit Weihwasser aus der Kirche. Ich war jeden Tag beten. Die Rose erholte sich – und ich mit ihr. Den Rosenstrauch vor dem Haus kennst du. Er stammt aus dieser kleinen, kranken Rose. Wenn ich einmal nicht mehr da bin – nicht weinen, Claudia, jeder muss gehen –, dann müsst ihr eine Rose retten. Der Strauch wird verdorren, aber eine bleibt. Deine Mutter und du müsst diese Rose pflegen, damit sie wieder erblüht – für eure Gesundheit und euer Glück.“ Claudia Jahre später. Winter. Der Rosenstrauch ist verdorrt. Nur eine Rose lässt kraftlos den Kopf hängen. In der Nacht zuvor ist die Großmutter friedlich eingeschlafen. Claudia holt mit Tränen in den Augen die Gartenschere – und tut, was die Großmutter ihr geraten hat. Die vierte Rose Herr Leopold „Wieder eine Rose weniger. Es geht doch.“ Er setzt sich in die U-Bahn. Verliebte Pärchen, Betrunkene, Lachende, Schlafende. Ein junger Mann fällt auf, gerade weil er nicht auffällt: hager, bleich, den Blick auf einen Punkt am Boden fixiert, die Augen tränennass. „So arg wird’s schon nicht sein – es ist ja niemand gestorben. Hier, eine Rose. Schenk sie deiner Freundin, Verlobten oder Frau. Alles wird gut; ihr bleibt zusammen.“ Leopold legt die Rose auf den freien Sitz neben den jungen Mann. Der nimmt sie, steht auf, sagt „Danke“ und steigt an der nächsten Station aus. Ein Tag zuvor – Psychologin Mag. Stefanie Rohrer Es klopft. „Kommen Sie herein!“ – „Sie sind Herr Richard Kraus?“ – „Ja.“ – „Setzen Sie sich. Sie wissen, warum Sie hier sind?“ – „Ja, ich wurde vorgeladen.“ – „Ihren Ausweis bitte.“ Sie prüft die Daten. „Gut. Erzählen Sie mir, was sich im September vorigen Jahres zugetragen hat – und wie Sie sich dabei fühlen.“ Richard Stille. Das Ticken der Wanduhr. „Ich bin gelernter Fotokaufmann und Fotograf. Gegen 20 Uhr war die Arbeit erledigt. Ich habe Daniela angerufen. Treffpunkt im 1. Bezirk, Lokal Brezelgewölbe. Mein Auto stand Am Hof. Es war Regen angesagt, und die Öffis fahren unter der Woche nicht die ganze Nacht. Der Beichtstuhl – eine Nische im Untergeschoss – war für uns reserviert. Kerzen, leise klassische Musik. Ich zündete die Kerze an und wartete.“ Eine Träne. – „Taschentuch? Lassen Sie sich Zeit.“ – „Als sie die Treppe herunterkam, habe ich ihr gewunken und ihr aus dem Mantel geholfen. Schwarzes Kleid, Stöckelschuhe, kurze blonde Haare, ihr Lächeln. Ich dachte nur: eine Wahnsinnsfrau. Ein Blumenverkäufer kam ins Lokal; ich kaufte eine Rose, schenkte sie ihr – und handelte spontan.“ September, voriges Jahr „Daniela, willst du meine Frau werden? Wollen wir uns verloben?“ – Daniela lacht: „Sei nicht dumm – heute?“ – „Ja, jetzt. Ich knie mich hin, ganz klassisch.“ – „Bitte nicht knien, ich sage auch so ja.“ Ein Kuss. „Ich liebe dich. Wir gehören zusammen. Und wo sind die Ringe?“ – „Hier: aus dem Silberpapier der Zigarettenschachtel. Reiche mir deine rechte Hand, Frau Kraus. Richtige Ringe kaufe ich noch.“ – „Der schönste Ring – ein Unikat.“ – „Sekt zum Anstoßen?“ – „Nein. Mir reicht mein Cola. Dann fahren wir zu dir“, sagt sie verschmitzt. Mag. Stefanie Rohrer „Sie wollten zu Ihnen nach Hause fahren. Was geschah dann?“ Richard „Es regnete. In einer Unterführung wurde ich von einem Auto abgedrängt, ich verriss den Wagen, fuhr auf den begrünten Mittelstreifen, das Auto drehte sich, krachte in den Pfeiler. An den Rest erinnere ich mich nicht. Man musste mich aus dem Wagen schneiden. Ich hatte einen alten VW-Käfer, wir waren nicht angegurtet. Meine Schuld – hätte ich ihr nur gesagt, sie soll sich anschnallen …“ Tränen. „Ich hatte innere Verletzungen; das Lenkrad hielt mich zurück. Daniela traf es voll: Sie wurde durch die Scheibe auf den Pfeiler geschleudert. In der Intensivstation erfuhr ich, dass sie mit dem Tod ringt. Vier Tage später ist sie gestorben.“ „Herr Kraus, ich verstehe: Sie machen sich Vorwürfe. Aber es war ein Unfall. Zwei Notoperationen haben Sie überlebt; Ihre Chance lag unter zehn Prozent. Sie müssen wieder ins Leben finden: arbeiten, Kontakte pflegen. Sie sind jung. Die Zeit heilt nicht alles, aber vieles. Unser Termin ist um – bitte den nächsten nicht vergessen.“ Sie reicht ihm die Hand. Richard Mit der Rose in der Hand verlässt er die U-Bahnstation. Ziellos wandert er. Ein grüner Pfeil „Friedhof“ weist den Weg. Er klettert über die Mauer. Nach kurzer Suche findet er ihr Grab. Er setzt sich ans Fußende des frischen Hügels und spricht: „Daniela Schwarz, 2006–2025. In jungen Jahren von uns genommen – von uns, von mir. Es tut mir leid. Deine Eltern wollten mich nicht sehen: Ich sei ein Mörder. Wenn ich könnte, würde ich für dich sterben, die Zeit zurückdrehen. Ich will nicht in Selbstmitleid versinken – das wäre dir gegenüber unfair. Ich habe dir eine Rose mitgebracht – erinnerst du dich?“ Er legt sie auf den Hügel. „Und den Verlobungsring.“ Er streicht über das Stück Silberpapier. „Ich bin so froh, bei dir zu sein. Ich lege mich zu dir – vielleicht kann ich endlich wieder schlafen.“ Die ersten Besucher finden eine leblose Gestalt auf dem Grabhügel, eine Rose in der Hand. Der Verstorbene scheint zu lächeln. Die fünfte Rose Herr Leopold Mit drei Rosen in der Hand steigt er am Karlsplatz aus. Der Hunger treibt ihn zum Würstelstand. „Bevor ich heimgehe, noch eine Bratwurst. Die habe ich mir verdient. Vorteil eines Pensionisten: ausschlafen.“ Er bestellt. Neben ihm ein junger Mann. „Hier gibt’s die beste Bratwurst von Wien. Nach dem Opernball stehen hier die Promis. Süßer Senf, Bauernbrot. Und warum sind Sie so spät allein unterwegs?“ Thomas „Ich muss mich wieder ans Nachtleben gewöhnen. War in einer längeren Beziehung; wir haben uns auseinandergelebt. C’est la vie. Keine Kinder – ich wollte immer welche. Sie meinte, der Beruf gehe vor, vielleicht später, wenn alles im Trockenen ist. Aber wann ist schon alles im Trockenen? Oder? Keiner kann die Zukunft planen. Man wird älter, fängt an zu grübeln. Familie, Haus, Garten – Klischees. Übrigens: Warum haben Sie drei Rosen? Für wen sind die?“ Leopold verdrückt den letzten Bissen. „Ich verschenke die Rosen – schon den ganzen Tag, eigentlich die ganze Nacht. Von sieben sind drei übrig. Eine möchte ich Ihnen geben. Schenken Sie sie weiter; sie soll Glück bringen. Hier.“ Er macht sich auf den Weg. „Aber wem soll ich sie schenken?“ Eva „Mir kannst du sie schenken. Sorry, ich habe euer Gespräch mitgehört. Ich stand auf der Seite des Standes und habe ein Gläschen Sekt getrunken.“ Sie lächelt Thomas an. „Servus, Thomas. Erkennst du mich nicht? Habe ich mich so verändert in den letzten sechs Jahren?“ Thomas starrt. „Eva, meine erste große Liebe!“ Er umarmt sie – mit der Rose in der Hand. Die Rose scheint aufzublühen. Thomas „Wo warst du? Wir waren glücklich. Wir durften in der großen Wohnung deiner Oma wohnen, studierten zusammen – und plötzlich warst du weg. Deine Oma Fritzi sagte nur, du hättest ein Problem und seist zurück nach Salzburg. Keine Handynummer, kein Facebook – ich konnte dich nicht erreichen.“ Eva „Beruhige dich. Das Gläschen Sekt trinke ich, weil ich feiere, wieder in Wien zu sein. Fritzi zieht zu meinen Eltern nach Salzburg; sie braucht mehr Betreuung und übergibt mir die Wohnung. Natürlich wollte ich mich melden, aber ich wollte mich nicht in eine Beziehung drängen. Der Umzug hat Zeit gekostet; ich bin seit einem Monat hier.“ „Und was war dein großes Problem? Warum das abrupte Ende?“ „Erinnerst du dich an den Abend mit Kerzen, Rotwein und Essen? Du und Fritzi habt Wein getrunken; ich hatte Orangensaft. Wir diskutierten über Familie, Kinder. Du sagtest lautstark: Erst müsse man etwas erreichen, jetzt sei es zu früh; die Zukunft sei unsicher; man müsse planen, bevor man sich Kinder ‚anschafft‘. Ich wollte immer Kinder – wenigstens eines. Eine Familie mit allem Drum und Dran, mit Problemen und Freuden, mit Liebe, Sorgen, Zusammenhalt. Du nicht.“ Thomas blickt glasig. „Es tut mir leid. Ich habe das Ziel aus den Augen verloren.“ Eva küsst ihn. Er erwidert den Kuss. „Wenn du willst, kannst du bei mir übernachten. Du kennst die Wohnung. Und morgen stelle ich dir mein damaliges ‚Problem‘ vor: Es ist dein Sohn. Er ist fünf und heißt wie du: Thomas.“ Die Rose glüht. Die sechste Rose Herr Leopold Er ist müde, will nur noch heim. In einem Hausflur lehnt ein Mann an der Wand und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Der Anzug ist beschmutzt, Speichel tropft. Er fixiert Leopold mit geröteten Augen. „Was schaust du so, alter Mann, Moruk?“ Leopold lächelt und wirft eine Rose vor seine Füße. „Bring dein Leben unter Kontrolle – nimm die Rose als Symbol.“ Dann geht er weiter. „Fick dich, Alter! Verpiss dich! Sonst schlag ich dir die Fresse ein, ich schwöre!“ Der Rest versickert im Gemurmel. Fünf Jahre später In der Klasse ist es laut. Alles durcheinander, Gegenstände fliegen, einige starren aufs Handy. Die Tür geht auf, die Lehrerin schiebt einen Rollstuhlfahrer herein. Es wird still. „Setzt euch, bitte. Das ist Ali, er war früher Schüler an dieser Schule. Er hat eine Geschichte.“ „Wen interessiert der Moruk? Ich hab keinen Bock“, mault Murat, stößt den Sessel weg. Ali „Ist das euer Klassenclown? Wie heißt du?“ – „Geht dich nichts an, lan.“ – Ein anderer: „Er heißt Murat.“ „Du bist also der große Checker. Der, dem man nichts vormachen kann. Geh oder bleib – mir egal. Aber halt dein freches Maul, wenn du bleibst.“ Spannung. Murat setzt sich demonstrativ auf den Tisch. Die Lehrerin beobachtet ihn. „Ich bin zweite Generation türkischer Gastarbeiter. Meine Eltern kamen, um zu arbeiten – sie blieben, passten sich an, schätzten die Vorteile dieses Landes. Ich leider nicht, denn ich war wie er.“ Ali zeigt auf Murat. „Arrogant, aggressiv, respektlos, stolz – worauf, weiß ich nicht. Schule geschwänzt – gehört dazu, wenn man ‚cool‘ sein will. Park, Alkohol, erste Drogen, Schule geschmissen, kein Abschluss. Was glaubt ihr, wie geht’s weiter?“ Sabine hebt die Hand. „Du hast keinen Job bekommen.“ – Ali lacht gepresst. „Falsch. Ich wollte keinen. Eltern mussten mich unterstützen; ich lag auf der faulen Haut: tagsüber zocken, abends in den Club – mit dem Geld, das du von deinen Eltern ‚borgst‘.“ „Wallah, schönes Leben“, meint Murat, der inzwischen wieder sitzt. „Ja, wenn man’s so sieht. Merke dir: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Spätestens, wenn deine Eltern satt haben, dich durchzufüttern. Wenn Drohungen nichts mehr bringen. Das letzte Tröpfchen war, als ich auf meine Mutter losging. Rausgeflogen. Keine Wohnung, kein Geld. Ein ‚Freund‘ ließ mich bei ihm wohnen – ein versifftes Loch. Seine Freundin glotzte leer. Dauerstoned. Dafür sollte ich ‚etwas beitragen‘. So begann meine Dealer-Karriere. Abends Clubs, ich vertickte Ware. Vom ersten ‚Gehalt‘ kaufte ich mir einen Anzug. Das Geschäft lief. Stammclub, eigener Tisch, Getränke frei, der Besitzer beteiligt. Ein Job – ohne Versicherung, ohne Urlaub, mit ständigem Risiko Knast. Zahlte ein Kunde nicht – weil auf Pump –, holte ich mir das Geld. Manchen prügelte ich die Scheiße aus dem Leib. Am nächsten Tag kamen sie wieder und wollten den nächsten Schuss. Eine absurde, verkommene Welt. Was Mädchen anboten, um Stoff zu kriegen, erzähle ich hier nicht. Schlägereien standen an der Tagesordnung. Mal wegen einer Frau, mal wegen ‚Respekt‘. Hunderttausend sinnlose Gründe. Manchmal kassierst du, manchmal der andere. Das Nachtleben gaukelt Glamour vor – dahinter ist es dreckig. Ich trank zu viel, konsumierte meine eigene Ware, versank. Kein Abend ohne Alk und Drogen. In diesem Zustand lehnte ich eines Abends vollgedröhnt im Hausflur. Ein alter Mann rief mir zu, ich soll mein Leben unter Kontrolle bringen – und warf mir eine Rose vor die Füße. Ich wollte ihn erwürgen. Was sollte der Scheiß? Warum schenkst du mir eine Rose, du Vollidiot? Ich bin doch nicht schwul.“ Die Klasse hängt an seinen Lippen. „Ich schleppte mich – die Rose hatte ich aus irgendeinem Grund aufgehoben – in den ersten Stock. Das Ganglicht ging aus. Als ich es wieder einschaltete, stand ein Junkie vor mir, einer meiner Stammkunden. Schweißnass, eingefallene Augen, der hagere Körper zitterte. Er krümmte sich vor Schmerzen. ‚Ali, bitte sei nicht böse. Ich brauch einen Schuss.‘ Sein fauliger Geruch stieg mir in die Nase. Ein menschliches Wrack. Ein Monster, das ich kreiert hatte. Gute Arbeit, Ali.“ Stille. „Ich war kein guter Mensch.“ Eine Träne. Trotzig wischt er sie weg. „Kurz: Der Typ jammerte, ich fragte, ob er Geld hat. Er schwor bei seiner Mutter, er zahle zurück. Ich kannte seine Geschichte: angeblich Drogen seit dem Unfalltod der Mutter. Meine Geduld war am Ende. Ich verpasste ihm einen Tritt – in meinem Zustand schwierig. Er rappelte sich, packte meine angekotzte Jacke, bettelte weiter, er sei auf cold turkey. Normal hätte ich ihm eine reingehauen, und gut. Aber so drängte er mich zurück – bis zur Stufenkante. Ich schrie: ‚Du bekommst nichts! Hast du verstanden?‘ – ‚Fick dich!‘ Er stieß mich die Treppe hinunter. Beim Aufprall knackste es. Offener Bruch. Komischerweise keine Schmerzen. Der Junkie durchsuchte mich, schnappte die restlichen Drogen, das Bargeld – und flüchtete. Die Rose lag neben mir in einer Blutlache. Sie war das Letzte, was ich sah, bevor ich ohnmächtig wurde.“ „Oh mein Gott“, sagt Susanne entsetzt. – „Gott hat damit nichts zu tun. Ich will euch klar machen: Mitleid habe ich nicht verdient. Die Monster, die ich schuf, werde ich nicht los. In meinen Träumen verfolgen sie mich – gut so, damit ich nicht vergesse. Wie ging es weiter? Intensivstation, langer Spitalsaufenthalt, Reha. Bein operiert, Wirbelsäule gestaucht. Seitdem sitze ich im Rollstuhl. Aber: Ich musste mein Leben ändern. Das erste Mal war ich abhängig von anderen. Plötzlich wollte ich lernen – Ausbildung zum Sozialarbeiter. Vom Saulus zum Paulus. Ich will Jugendliche vor Drogen warnen – darum bin ich hier. Schaffe ich es, eine*n von euch vom falschen Weg abzubringen …“ Er fixiert Murat. „… dann war es das wert. Seht ihr den Anstecker? Eine blühende Rose – Symbol für ein neues Leben.“ Sabine hebt die Hand. „Eine Frage: Wirst du irgendwann wieder gehen können?“ – „Eğer Tanrı isterse – wenn Gott will.“ Die letzte Rose Herr Leopold ist endlich an seiner Haustür angekommen; es hat zu regnen begonnen. In der einen Hand hält er den Schlüssel, in der anderen die letzte Rose. Seine Gedanken kreisen um den Tag und die Nacht, die ihn gezeichnet haben. Sechs Rosen hat er verschenkt. „Die letzte bleibt bei mir“, flüstert er. Mit müden Schritten steigt er die Treppen in den zweiten Stock hinauf. Er schließt auf und tritt ein. Die Tür fällt leise ins Schloss. Leopold stellt die Rose in ein Glas Wasser, das noch vom Morgen auf dem Küchentisch steht. Das Wasser ist lauwarm. Er betrachtet die Blume einen Moment lang, wie man ein altes Foto betrachtet: mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Müdigkeit. Dann geht er langsam durch die kleine Wohnung. Jeder Schritt knarrt im alten Dielenboden. Er legt den Mantel ab, hängt ihn sorgfältig an den Haken. Im Wohnzimmer setzt er sich in den Sessel am Fenster. Obwohl er müde ist, kann er noch nicht schlafen. Draußen mischt sich das fahle Morgenlicht mit dem der Straßenlaternen im nassen Asphalt. Ein Auto fährt vorbei. Dann wieder Stille. Er lehnt den Kopf zurück. Die Uhr tickt. Seine Augenlider werden schwer. Er denkt an die Gesichter dieses Tages: an die kranke junge Frau in der U-Bahnstation; den Jungen in der U-Bahn mit dem traurigen Blick; den Herrn beim Würstelstand; den Mann im Hausflur – und an die Rose, die nun irgendwo auf kalten Fliesen liegt. Vielleicht getreten. Vielleicht aufgehoben. Sechs Rosen, die siebte für ihn selbst. Leopold schließt die Augen. Im Schlaf wird die Welt weich. Die Konturen verwischen wie Tinte im Wasser. Leopold steht in einem weiten Raum ohne Wände. Der Boden ist schwarzer Marmor. Über ihm hängt ein Himmel aus Glas – voller Risse, aber nicht zerbrochen. Dahinter: Nacht. Sterne. Leuchtende Punkte wie Gedanken, die nie zu Ende gedacht wurden. Vor ihm ein langer Tisch. Sieben Rosen liegen darauf, jede einzeln, im gleichen Abstand. Sie schweben leicht über der Oberfläche, als würden sie sich weigern, ganz anzukommen. Ein Mann tritt heran – kein Betrunkener, niemand Bestimmtes. Ein Gesicht ohne Alter. „Du hast die Rosen verschenkt, ohne zu fragen, ob sie jemand will“, sagt der Mann. Leopold nickt. „Es war ein Spiel. Eine Wette.“ – „Warum behältst du die letzte?“ Leopold sieht auf die siebte Rose. Sie ist nicht wie die anderen. Ihre Blätter sind aus Papier, beschrieben mit Worten, die er nicht lesen kann. Vielleicht war sie nie für ihn bestimmt. „Weil sie keiner wollte – und ich das Gefühl hatte, sie gehört zu mir“, sagt Leopold. „Als Belohnung.“ Der Mann legt den Kopf schief und zeigt auf den Himmel. Leopold blickt in den Splitterhimmel. Ein Stern fällt. Es ist eine Erinnerung – eine Stimme, die längst verstummt ist. „Hannelore, meine geliebte Frau, ich höre dich.“ Der Boden vibriert. „Hast du mich gerufen? Mein Gott, ich sehe dich – du bist wunderschön.“ Seine Hände strecken sich der Lichtgestalt entgegen. Er lächelt. Eine Träne rinnt über seine Wange. Das Licht der Morgendämmerung dringt durch das Fenster. Seine Hand liegt auf der Armlehne des Sessels. Die Rose im Glas hat sich leicht geöffnet. |
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#2 | |
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Forumsleitung
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Lieber Roland,
ich habe mir nur den Beginn der Geschichte nochmal angeschaut, denn ich kenne sie ja schon. Mir scheint, dass du dich mit der "Kunst des Schreibens" näher befasst hast, denn gegenüber deiner Anfangszeit im Forum stelle ich eine starke Verbesserung fest. Klug ist, die Geschichte ihrer Länge wegen in Kapitel zu unterteilen und diese mit Überschriften zu versehen. Das gibt den Leser, die nicht alles am Stück lesen wollen, einen Anhaltspunkt, ab wo er das nächste Mal weiterlesen muss. Zwei Anmerkungen, die du vielleicht in deinen nächsten Texten berücksichtigen möchtest: Zitat:
Passt das Verb "zetern"? Nirgends wird mitgeteilt, mit wem der Protagonist zetert. Hier wäre eigentlich Dialog notwendig. Oder hattest du eher "sinniert über ..." gemeint? Liebe Grüße, und weiter so! Ilka |
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