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Alt 15.09.2025, 08:10   #1
männlich Twiddyfix
 
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Standard Der alte Geigenbauer aus Tirol

Menschen, die mit ihrer Heimat verwurzelt sind, haben auch ein besonderes Heimatgefühl entwickelt.
Der alte Justus Elbinger hatte bereits sechsundsiebzig Jahre auf dem Buckel, trotzdem schafft er es noch, einmal in der Woche bis zur Baumgrenze empor zu Steigen.
Hier findet er noch so manches gute, alte Wurzelholz für seine Instrumente.
Seine Geigen waren berühmt und es kamen immer wieder, zahlungskräftige Virtuosen aus aller Welt, nur um eine der schönsten Geigen zu bestellen.
Die Fertigstellung konnte schon einmal mehr als acht Monate dauern.

Das Besondere an seinen Geigen, so betont es Justus immer wieder, ist die Liebe zum Holz, sein Holz lebt, es Atmet und es spricht zu ihm.

Pastor Hubertus Ingelmann, trägt den Herrgott auf der Zunge, Justus trägt ihn im Herzen.

Das macht einen gewaltigen Unterschied, so Justus.

Wieder einmal ist er auf den Weg zum Holz, die Sonne meint es gut, obwohl er bereits sehr früh den Weg antrat, merkt er, heute wird es besonders heiß.
Endlich ist er angelangt, hier liegt ein umgestürzter Baum, der Stamm bietet einen guten Rastplatz.
Justus öffnet seinen Rucksack und nimmt ein Stück harte Wurst und ein Stück Speck, dazu nimmt er noch ein Stück Brot, sowie eine Flasche mit???
Ja, das lass ich mir gefallen, sein Blick schweift weit ins Land der Berge.
Er hat plötzlich Tränen in den Augen, seine Bergwelt, seine Heimat, sein ganzer Stolz.
Hier, wo er so manches gute Wurzelholz gefunden hat, schlägt sein Herz plötzlich schneller, tief atmet er diese würzige Bergluft ein.

Nachdem er es sich hat gut gehen lassen, beginnt er, einen schmalen Pfad zu begehen, dabei achtet er auf alles was alt und knorrig ist.

Die alte Eibe hatte er schon lange im Blick, den letzten Sturm aber hatte sie nicht mehr standhalten können, sie liegt jetzt, etwas schräg unter ihm.
Aber das Besondere war, der Wurzelstock.
Starke Wurzeln, die sicherlich ein gutes Klangholz hergaben.
Da eine Geige nicht aus einem Holzstück gearbeitet wird, sondern aus mehreren Teilen besteht, gab diese Wurzel schon einiges her.
Die mitgebrachte kleine Axt, sowie der Spaten, erleichterten seine Arbeit.
Nach einer guten Stunde war die Arbeit getan.
Justus verstaute alles in den Rucksack, nahm noch einen kräftigen Schluck und begann mit dem Abstieg.

Ja doch, er merkt schon, dass er nicht mehr der Jüngste war, aber solange es noch geht…

Endlich wieder daheim.
Das mitgebrachte Holz musste noch ein paar Wochen trocknen.
Nachdem er es ausgebreitet und mit Steinen beschwert hat, begann er, sich einen guten Kaffee zu kochen, na, den hatte er sich wohlverdient.

Da er noch Holz hatte, welches er noch bearbeiten musste, kam bei ihm keine Langeweile auf.

In seiner Werkstatt lagerten bereits ein paar seiner kostbarsten Stücke.
Ab und zu, nahm er eines von ihnen in die Hand, strich mit den Händen über das Holz und lauschte dem vermeintlichem Klang nach.
Durch aufwändige Schnitzarbeiten, wurden manche Instrumente bedeutend teurer.

Wenn ein Kunde sein Geschäft betrat, empfing ihm ein Duft von Holz, Terpentin und Lacken, die dem Holz seine Eigenart hervorheben ließ.
Es war ein angenehmer Duft.

Justus liebte seine Kinder, wie er die Geigen nannte.

In den Wintermonaten war er ständig in seiner Werkstatt, in dieser Jahreszeit arbeitete er besonders gern.
Wenn dann das Holzfeuer im Kamin knisterte, ein Duft von Bratapfel durchs Haus zog und gebacken wurde, ward es ihm ganz heimisch.
Er dachte manchmal an seine Kindheit, an die Jugendzeit, ja, er hatte auch einmal eine Familie gehabt, aber alles ist vorbei, einfach vorbei.

Die Kunst aber, aus einem Stück Holz eine Kostbarkeit zu Erschaffen, war ihm einfach so “in den Schoss geflogen”.
Holz und ein Schnitzmesser, dazu seine außerordentliche Begabung,
waren seine kostbarsten Dinge, aber mehr brauchte er auch nicht.
Der alte Justus lebt nun nicht mehr, aber seine Instrumente spielen sich in aller Welt, in die Herzen der Menschen.
Die schönsten Melodien verkümmern zu einem -Nichts-, wenn es dazu nicht die meisterlichen Instrumente gab, die den Melodien eine Brücke, in die Herzen der Menschen bauen konnten.
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Alt 15.09.2025, 10:49   #2
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Guten Morgen, Twiddy,

Heimatliebe und Geigenbau sind beides spannende Themen, aber für eine Geschichte sollte man sich entscheiden, worauf man den Schwerpunkt legen will. Deine Geschichte springt zwischen beiden Themen hin und her und streift sie nur oberflächlich.

Wurzelholz hat nichts mit Baumwurzeln zu tun. Es stammt von den krankhaften Auswüchsen, den Knollen, die sich an Baumstämmen bilden und eine besondere Maserung aufweisen. Wurzelholz wird vorwiegend zur Herstellung von Möbeln verwendet.

Gleichwohl hat mich deine Geschichte neugierig darauf gemacht, wie man Geigen baut und weshalb eine gute Geige sehr teuer ist. Tatsächlich habe ich im Internet einen Film dazu gefunden. Meine Güte, wie viele Präzisionsarbeiten dafür notwendig sind! Das war so unterhaltsam, dass ich mir den Film bis zum Ende angesehen habe. Eins ist mir dabei aber klar geworden: Der Geigenbauer wird kaum in der Lage sein, die gesamte Geige ohne die Mitwirkung von Assistenten herzustellen.

Falls dich der Film interessiert, findest du ihn hier:
https://www.youtube.com/watch?v=4KhD4_Z_gzE

Es lohnt sich, ihn anzusehen.

Besten Gruß,
Ilka
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Alt 15.09.2025, 11:55   #3
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Hallo Ilka,

Ich habe mir soeben den Film angesehen, hätte vorher nicht gedacht, das es so viele Arbeitschritte bedarf.
Das ist reine Handwerkskunst.
Was hatte man früher, vor ein paar hundert Jahren für Werkzeuge benutzt?
Heute bekommt man Präzisionswerkzeuge im Fachhandel.
Dieser Film war sehr aufschlussreich. Danke dafür.

Kein Wunder, dass eine Geige ein teures Vergnügen ist.

Aber die Geigenbauer vor dreihundert Jahren haben ihr Handwerk noch allein ausgeübt, ihre Werkzeuge waren eher plump und primitiv, aber trotzdem zauberten ihre Hände richtige Kunstwerke.

liebe Grüße von mir...Güntr
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Alt 15.09.2025, 12:45   #4
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Twiddyfix Beitrag anzeigen
Kein Wunder, dass eine Geige ein teures Vergnügen ist.
Kommt darauf an, wer sie kauft und für welchen Anspruch. In der Doku wird gesagt, die gezeigte Geige koste ca. 15.000 Euro. Dort scheinen aber vorwiegend die Großmeister zu bestellen, die in großen Sinfonieorchestern feste und gutbezahlte Stellen haben.

Beim Musik-André in Offenbach bekommt man Geigen für den "Hausgebrauch" für 400 bis 3.500 Euro. Man kann sie dort aber auch mieten.

Zitat:
Aber die Geigenbauer vor dreihundert Jahren haben ihr Handwerk noch allein ausgeübt, ihre Werkzeuge waren eher plump und primitiv, aber trotzdem zauberten ihre Hände richtige Kunstwerke.
Aus welcher Quelle hast du das? Meines Wissens bildeten die Geigenbauer seit der Neuzeit Nachfolger aus, und da die Geige, wie wir sie heute kennen, damals noch in der Entwicklung war, experimentierten sie mit allem Möglichen herum. Mit Sicherheit entwickelten sie dabei auch immer mehr hilfreiches Werkzeug.

Bei Amati und Stradivari z.B. traten die Söhne in das Familienunternehmen ein. Daraus erwuchsen richtige Traditionsunternehmen.
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Alt 16.09.2025, 08:22   #5
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Hallo Ilka,

danke für Deine Hinweise.

lieben Gruß vom Günter
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