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| Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw. |
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Forumsleitung
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Dies ist keine Geschichte, sondern ein Bericht oder, genau gesagt, eine wahre Begebenheit, die sich am heutigen Vormittag ereignete.
Ich hatte vor, am frühen Nachmittag meine Mutter im Seniorenheim zu besuchen. Da dachte ich noch, nichts könne meine Planung über den Haufen werfen. Aber der Mensch denkt und … nein, nicht Gott, sondern ein anderer Mensch lenkt die Geschicke. Zeitiger als sonst, nach meiner ersten Tasse Kaffee, hatte ich meine Lektüre weggelegt, meine Morgentoilette erledigt und mich angezogen. Erst dann, es mochte 9:15 Uhr gewesen sein, rührte ich mir den zweiten Kaffee an und rief im Internet ein Video auf, das ich am Vortag seiner Länge wegen unterbrochen hatte und zu Ende schauen wollte. Bald merkte ich, dass ich zu warm angezogen war, denn ich begann zu schwitzen. „Kein Verlass auf die Wetterinformationen“, dachte ich, zog aber statt leichterer Kleidung vor, die Flügeltüren aufzumachen und frische Luft reinzulassen. Fenster habe ich in meinen Zimmern nicht, sondern außer dem großen Balkon im Wohnzimmer bei den anderen Zimmern kleine, dreieckige Austritte, in deren Mitte man nicht mehr als einen Stuhl hätte stellen können. Quasi geflieste Aussichtskörbe mit der Hauswand statt aufgeblähter Segel im hohen Rücken. So saß ich und fixierte den Bildschirm meines Laptops, als ich einen mächtigen Schlag vernahm, der sich anhörte, als hätte jemand eine Autohaube mit der Kraft eines Riesen zugedonnert. Kurz darauf Schreie, aber keine, die einwandfrei zuzuordnen waren. Zuerst hörte es sich an, als habe jemand eine Arbeit verrichten wollen, bei der etwas schief zu gehen schien, und die Schreie, denen Ächzen und Stöhnen folgten, ließen auf eine große Anstrengung schließen. Und doch: An der ganzen Orchestrierung stimmte etwas nicht. Waren es nicht zwei heftige Schläge? Und waren die Schreie, wenn auch nicht hysterisch oder angestrengt, schon gar nicht artikuliert, vielleicht doch ernst zu nehmen? Ich trat durch meine Balkontür und schaute umher, nach links und rechts. Da war nichts. Ich schaute nach unten. Und da lag ein Körper, reglos, kauernd, auf die Arme gestützt, die Beine leicht angewinkelt. Aber er hielt den Kopf hoch. Ich sah eine Blutlache, kaum größer, als hätte jemand den letzten Rest eines Milchbeutels vergossen, eine Verblutung war offensichtlich nicht zu befürchten. Ein junger Mann, der sich nicht mehr regte. „Was ist passiert?“, rief ich nach unten. Er drehte mir das Gesicht zu und sagte: „Ich bin gestürzt.“ „Ich rufe den Rettungswagen.“ Notruf 110, ein Polizist meldete sich. Fragte nach Einzelheiten, die ich nicht beantworten konnte. Wie gestürzt? Von wo? Braucht er einen Rettungseinsatz? Bei der letzten Frage sagte ich: „Ja.“ Er war auf einen steinharten Parkplatz gefallen, bewegte seinen Körper nicht und blutete. Bis dahin hatte kein Nachbar das Drama wahrgenommen. Ich ging zur Straße, um den Rettungskräften zu winken. Fünf Minuten nach meinem 110-Anruf waren sie da, und vier Sanitäter gingen an die Bergungsarbeit. Zehn Minuten später kam auch die Polizei, vier Mann, und eruierten den Hergang des Geschehens. Es galt, ein Verbrechen oder den Verdacht auf ein fahrlässiges Verschulden auszuschließen. Und allmählich ergaben die Mosaiksteine ein Bild. Der junge Mann, einer der beiden Söhne des Ehepaars, das über mir wohnte, hatte sich ausgesperrt. Die Lösung seines Problems sah er darin, aus dem Seitenfenster des Treppenhauses – es war wie ein Erker gebaut und hatte außer den Frontfenstern zwei schmälere Seitenfenster – den Sims seines Badezimmerfensters zu erreichen und sich von dort auf den kleinen Dreieckbalkon zu schwingen, dessen rechte Flügeltür offenstand. Wenn ich mir diese Szenerie von unten anschaue, wird mir bereits schwindelig. Was für ein Irrsinn! Was für eine maßlose Selbstüberschätzung! Die Höhe, aus der dieser Junge gefallen ist, maß circa fünfeinhalb Meter. Er hatte ein Schutzschwein, das unendlich viele vierblättrige Kleeblätter gefressen habe musste. Nicht nur, dass er lebte, sondern er konnte auch seine Beine bewegen: kein Verdacht auf Querschnittslähmung. Mit seinem Hals schien auch alles in Ordnung zu sein, sonst hätte er nicht, als ich ihn vom Balkon aus ansprach, zu mir hoch schauen können. Trotzdem hatten ihm die Sanitäter vorsorglich eine Halskrause angelegt. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dieser Junge könnte aus dem zweiten Stock gestürzt sein. Nicht, nachdem er noch schreien konnte, ansprechbar war und sich auf seine Arme stützen konnte. Aber das ist nebensächlich. Niemand außer mir, weil ich zufällig die Balkontür geöffnet hatte, bekam die Schreie mit. Die Rentnerin im Parterre war beim Staubsaugen gewesen. Die meisten Mitbewohner waren auf Arbeit. Der ganz normale Alltag. Den Besuch bei meiner Mutter habe ich auf morgen vertagt. Ich bin noch zu aufgewühlt, meine Gedanken in einen Kerker zu sperren und mich konzentriert ans Steuer meines Autos zu setzen. Lieber auf Nummer sicher gehen. Soweit wie möglich. 04.09.2025 |
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