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Alt 19.08.2024, 17:12   #1
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Standard Wie man Menschen an ihrer Sprache erkennt

Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Eigentümlichkeiten, manche oft schon im zarten Alter, die sich hartnäckig halten, bis man den Löffel abgibt. Viele dieser Gewohnheiten, die Menschen oft unbewusst pflegen, werden von der Umwelt als schlecht oder nervig wahrgenommen, weshalb man sie auch Untugenden oder Unsitten nennt. Sie äußern sich aber nicht nur im Tun, wie zum Beispiel in regelmäßigem Nasebohren, Nägelkauen, Ohrläppchenzupfen oder Haareschnicken, sondern auch im Verbalen.

Es war keine Erfindung Karl Mays, seine Romanfiguren mit verbalen Mustern auszustatten, die sie charakterisierten und dadurch einmalig machten. Wenn der Nebensatz ertönte, "… wenn ich mich nicht irre", wusste jeder Leser, aus wessen Stimmröhre er kam. Und wenn ein Dialog gereimt war, konnte nur Gunstick Uncle dahinterstecken.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Sprachstil, unabhängig davon, wie elaboriert sein Sprachschatz ist. Um einen Sprecher unverwechselbar zu machen, genügen ihm einige wenige Begriffe oder Redensarten, mit denen er seine Aussagen regelmäßig abschließt und bekräftig.

Eine ehemalige Freundin von mir, Gott sei der Seele der längst Verstorbenen selig, pflegte allen Unliebsamkeiten des Lebens, die nicht gravierend, sondern allenfalls vorübergehend unbequem waren, das Adjektiv "lila-blassblau" hinzuzufügen. Mit ihrem Tod – sie fing mit zwölf Jahren an zu rauchen und starb in ihren frühen Fünfzigern an Lungenkrebs – war es mit "lila-blassblau" nicht vorbei. Ihr Sohn pflegte das Erbe seiner Mutter in seinem alltäglichen Sprachgebrauch weiter, und auch er rauchte täglich seine Ration an Zigaretten, so dass er gute Chancen hat, ebenfalls frühzeitig an den Wirkungen des lila-blassblauen Qualms zu sterben.

Meine Mutter kam sich überzeugend darin vor, die Argumente für meine Erziehung zur Funktionstüchtigkeit gebetsmühlenartig mit den Worten zu untermauern: "Ist doch logisch!" Leider war es für mich meistens nicht logisch, weshalb man jeden Tag Staub wischen musste, wenn das Ergebnis einmal pro Woche genauso gut ausfiel. Oder weshalb es wichtig sein sollte, Unterhosen zu bügeln, die kein Mensch außer man selbst zu sehen bekam. Aber eine Hausfrau in den fünfziger Jahren wischte eben täglich Staub und bügelte jede Woche Unterhosen, um sich als tüchtig und ihres nährenden Gattens wert zu erweisen. Außerdem herrschte bei meiner Mutter das preußische Gesetz, vor den Vergnügungen des Lebens habe man zuerst seine Pflichten zu erledigen. Was dazu führte, dass sie nach getaner Arbeit für Vergnügungen immer zu groggy war und sich auf die Couch legen musste. Logisch!

Witziger war mein Vater. Von ihm lernte ich das Wort "Dezifit". Es hörte sich wie die neue Marke eines Klebstoffs an. Ich korrigierte ihn einige Male: "Es heißt 'Defizit', Papa." Aber bald gab ich auf. Das 'Dezifit' war so fest in seinem Gehirn verschraubt und hatte soviel Rost angesetzt, dass keine Kraft zwischen Himmel und Erde sie zu lösen vermocht hätte.

Den langjährige Moderator unseres lokalen Fußballfanradios erkannte man nicht nur an seiner geschulten, flüssig vortragenden Stimme, sondern an seiner Begeisterung. Grundsätzlich war er auf Tore unserer Mannschaft "heiß wie Frittenfett", und wenn ein Spieler an einer vermeintlich hundertprozentigen Torchance scheiterte, war "Donnerschlag!" angesagt. Den Namen der Hörerin Chiara, die oft Kommentare per E-Mail an ihn schickte, sprach er in ignoranter Regelmäßigkeit "Tschiara" anstatt "Kjara" aus, was mir in den Ohren wehtat und Gefühle des Bedauerns für das Mädchen in mir auslöste. Doch seit er aus Altersgründen den Job am Radio aufgegeben hat, fehlen mir seine Sprüche, auch wenn sie nie sonderlich originell gewesen waren. Der Mann hatte eben ein mitreißendes Temperament, was man von der Schlaftablette, die jetzt die Berichterstattung macht, selbst bei größtem Wohlwollen nicht behaupten kann.

Nicht zu vergessen: mein Ex-Mann. Wenn jemand noch zu jung war, um seine Lebenserfahrungen zu teilen, pflegte er zu sagen: "Da warst du noch in Abrahams Wurstkessel." Und wenn sich jemand über ihn aufregte, tat er das mit der Mahnung ab: "In der Ruhe liegt die Kraft."

Meine Großmutter, eine gebürtige Bayerin, pflegte bei allzu weiten Blicken meiner Eltern in die Zukunft in ihrem geübtesten Hessisch zu antworten: "Ach, ich aal Christsche!" Was bedeuten sollte, dass derartig ferne Zukunftsplanungen für sie nicht mehr relevant waren.

Dann gibt es noch die "Stotterer", jene Zeitgenossen mit der üblen Angewohnheit, in jedem Satz mindestens zwei Wörter oder Silben doppelt auszusprechen, zum Beispiel: "Gehen Sie davon … davon aus, dass in diesem … diesem Fall Ver… Verluste eintreten könnten." Oder: "Was können Sie … Sie dazu sagen, wie von … von Ihrer Warte aus gesehen, das heutige … heutige Spiel verlaufen wird." Diese sprechkünstlerische Spezialität beherrschten einer meine ehemaligen Bosse wie auch ein Sportjournalist meiner Lokalzeitung.

Auch der Zeitgeist äußert sich in typischen Begriffen und Redewendungen, die "viral gehen": "Am Ende des Tages" (bisher "schlussendlich") ist man nicht der gleichen Meinung wie sein Gesprächspartner, sondern man "ist bei ihm", vorausgesetzt, "er ist nicht falsch abgebogen". Man streut auch keine Gerüchte mehr, sondern "Verschwörungstheorien", und Erklärungen sind jetzt "Narrative". Beim Fernsehsender schaltet niemand mehr zu seinem Auslandskorrespondenten um, sondern man "hat eine Schalte zu …". Ob ich den Begriff "Stromer" für ein Elektroauto witzig finden kann, ist mir noch nicht klar, denn aus sprachhistorischen Gründen ist er für mich nicht dazu angetan, Vertrauen zu vermitteln, stand er nämlich bisher für Streuner, Strolche und Penner. Noch fragwürdiger ist die Wortschöpfung "Klimakleber". Ich weiß, dass man mit Porzellankleber zerbrochenes Geschirr, mit Kunststoffkleber Kunststoffe, mit Papierkleber Papier und Pappe, mit Tapetenleim Tapeten und mit Holzleim Holz zusammenkleben kann. Aber mit welchem Kleber man das Klima zusammenkleben kann – und vor allem, wozu? -, ist mir immer noch ein Rätsel. Aber das liegt wahrscheinlich an meiner mangelhaften Vorstellungskraft, denn Sekunden kann man ja auch nicht zusammenkleben - es sei denn symbolisch, indem man flüssigen Klebstoff in eine Sanduhr tropfen lässt.

Vielleicht schaffe ich es, mich irgendwann zu entscheiden, ob ich dieses neuzeitliche Elaborat mit einem der beiden Lieblingswörter des Moderators Markus Lanz bewerten kann, nämlich "herrlich!" oder "Wahnsinn!" Oder vielleicht doch lieber mit seiner Lieblingsfrage: "Wann ist da was verrutscht?"

19.08.2024
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