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Alt 16.10.2025, 05:30   #1
männlich RolandK
 
Benutzerbild von RolandK
 
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Alter: 62
Beiträge: 211


Standard Du siehst, was zu tun ist

Du siehst, was zu tun ist
(eine Ehe in Arbeit und Staub)

„Du hast noch nie die Fenster geputzt“, sagt meine Frau.

Ich sage: „Du hast noch nie die Dusche repariert.“

Sie steht mitten im Wohnzimmer, die Hände in die Hüften gestemmt, wie ein General kurz vor der Frühjahrsputz-Offensive.

„Immer muss ich alles machen. Immer ich! Ich habe den Tisch abgeräumt, das Geschirr gewaschen, die Wäsche aufgehängt, den Mist rausgetragen, die Pflanzen gegossen—“

Ich nicke und sage: „Ich habe auch den Tisch abgeräumt. Ich habe sogar das Geschirr in den Geschirrspüler getan und wieder rausgenommen. Ich habe die Wäsche gewaschen, aufgehängt, wieder reingeholt, gefaltet, gestapelt – sogar nach Farbe sortiert!“

„Und warum steht der Wäschestapel dann immer noch auf dem Sofa?“

„Weil ich ihn noch in die Kästen tun wollte – ich warte nur, bis die Wäsche seelisch bereit ist.“

Sie schaut mich an, als wäre ich eine Fehlproduktion im Werk des Lebens.
„Du tust nie was im Haushalt!“

Ich zähle weiter: „Ich habe den Mist rausgetragen, die Batterien im Rauchmelder gewechselt, den Kühlschrank abgetaut, das WLAN neu gestartet, den Saugroboter programmiert, die Glühbirnen gewechselt, die Kaffeemaschine entkalkt—“

„Aber du siehst nie, was wirklich zu tun ist!“

„Was denn?“ frage ich. „Sag’s mir.“

Sie atmet tief ein, wie jemand, der eine heilige Wahrheit verkünden will.
„Man muss sehen, was zu tun ist! Es steht nicht auf einem Zettel. Man sieht es einfach.“

Ich sehe:
– Einen Tisch.
– Einen Saugroboter, der stoisch seine Kreise zieht.
– Eine Zimmerpflanze, die aussieht wie meine Hoffnung: leicht welk, aber noch da.
– Und meine Frau, die das Chaos sieht, das ich offenbar nicht sehe.

Ich schlage vor: „Schreib mir einfach alles auf. Punkt für Punkt. Ich arbeite es ab. Ich brauch nur klare Aufgaben und ein Ende.“

Sie schüttelt den Kopf. „Das ist genau das Problem! Du willst immer eine Liste. Aber das Leben ist keine Liste. Es ist ein Dauerzustand von Aufgabenbereitschaft!“

Ich sage: „Ich habe extra einen Saugroboter gekauft, damit ich nicht mehr saugen muss!“

„Der macht doch alles falsch!“ ruft sie. „Der fährt nie in die Ecken!“

„Er versucht es wenigstens“, sage ich.

Sie ignoriert mich. „Die Fenster sind dreckig, der Duschkopf tropft, das Backrohr ist voller Krusten, die Pflanzen brauchen Dünger, die Küchenschublade klemmt, und irgendjemand muss endlich die Sockenschublade ordnen!“

„Wir haben eine Sockenschublade?“ frage ich.

Sie sieht mich an, als hätte ich die Heilige Dreifaltigkeit der Hausarbeit beleidigt.

Ich sage nichts mehr. Ich gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank, und schaue eine Minute lang hinein.

Vielleicht sehe ich ja irgendwann, was zu tun ist.

Der Saugroboter fährt gegen meine Ferse, piepst beleidigt und dreht ab. Ich beneide ihn.

Er arbeitet blind – und ist glücklich dabei.
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.10.2025, 08:41   #2
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Weimar
Alter: 39
Beiträge: 5.185


Lieber Roland,

diese Szene, so schön aus dem Leben gegriffen, gefällt mir sehr.

Zwei Weltanschauungen, die im Streit um Haushaltserledigungen kollidieren, hast du beide mit viel Witz auf's Korn genommen. Besonders lachen musste ich an der Stelle:

Zitat:
„Der fährt nie in die Ecken!“

„Er versucht es wenigstens“, sage ich.

Gut geschrieben! Gerne gelesen.

Liebe Grüße
Schmuddi
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.10.2025, 10:28   #3
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.167


Deine Texte werden immer besser, Roland. Inhaltlich und erzählerisch ist an der Geschichte nichts auszusetzen. Aber hier ein paar Tipps zum Formatieren:

Bei Dialogen, die offen bleiben, setzt man am Ende drei Pünktchen, keinen Bindestrich. In einem belletristischen Text würde ich keine Aufzählungen in Form von Listen mit Anfangsstrichen schreiben. Hier kannst du getrost mit Punkten trennen (wahlweise mit Semikola).

Bei Sinngehalten, die zusammengehören, ist kein Absatz zu setzen (siehe die letzten beiden Zeilen).

Mit Ausrufezeichen sparsam umgehen, d.h., sie nur dort setzen, wo es unbedingt nötig ist. "Der fährt nie in die Ecken" bleibt ein Vorwurf bzw. eine Klage, auch wenn kein Ausrufezeichen steht, ein Drama sollte man daraus besser nicht machen.

Bei Dialogen sind Absätze nicht immer nötig. Ich füge dir einen Anhang mit den Regeln der Absatzbildung bei Dialogen bei, denn darüber findet sich kaum etwas in einem Lehrbuch. Das Papier stammt von meinem Tutor, der selber Schriftsteller ist, man kann ihm also vertrauen.

Besten Gruß
Ilka
Angehängte Dateien
Dateityp: pdf Absätze beim Dialog.pdf (94,9 KB, 2x aufgerufen)
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.10.2025, 14:09   #4
männlich RolandK
 
Benutzerbild von RolandK
 
Dabei seit: 01/2025
Ort: Wien 1050
Alter: 62
Beiträge: 211


An Schmuddi und Ilka,

danke für die positiven Rückmeldungen. Freue mich sehr darüber.

Ilka ich habe mir die Datei runtergeladen. Ist sicher ein gutes Hilfsmittel.



Servus aus Wien

Roland
RolandK ist offline   Mit Zitat antworten
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