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#1 |
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Kapitel 10: Zwei Stränge, eine Richtung
Der Morgen begann mit dem tiefen Horn des Versorgungsschiffes. Einmal im Monat brachte es Reis, Salz, Medikamente, Ersatzteile für die Maschinen – das, was die Insel nicht selbst herstellen konnte. Für die Gefangenen war es ein besonderer Tag: ein Hauch von Außenwelt, ein Moment, in dem Gerüchte und Geschichten über das Festland auf die Insel schwappten. Diesmal jedoch waren die Gesichter der Matrosen ernst, als sie die Kisten entluden. Einer von ihnen sprach leise mit Wächterin Mira, doch die Gefangenen hörten jedes Wort: „In den USA kaufen die Leute wie verrückt Konserven und Wasser. Die Regale sind leer. Es heißt, die Regierung sagt: Jeder soll sich auf den Krieg vorbereiten.“ Ein anderer fügte hinzu: „Der Präsident hat China offen gedroht. Und Nordkorea redet schon wieder von Raketen. Alles schwankt. Die Welt wird verrückt.“ Ein unruhiges Murmeln ging durch die Reihen der Gefangenen. Selbst die älteren Insassen, die sonst schweigend schufteten, hoben die Köpfe. Die Nachricht war wie ein Schlag: Wenn draußen die Welt in den Krieg taumelte, was würde dann mit ihnen geschehen? Rafes Strang – Das Dorf der Ausgestoßenen Während im Wohnhaus diese Gerüchte die Runde machten, saß Rafe Ortega bei den Ausgestoßenen am Feuer. Er hatte sich Karol Drenk angeschlossen, der ihn den „Älteren“ vorstellte – jenen, die das Dorf in seiner brutalen Ordnung regierten. „Ihr habt nichts mehr zu verlieren“, sagte Rafe mit seinem charmanten Grinsen. „Aber ich habe Kontakte im Wohnhaus. Wenn wir Handel treiben – Essen, Kleidung, Informationen gegen das, was ihr habt – dann können wir beide gewinnen. Und wenn die Welt draußen wirklich zerbricht… dann sollten wir vorbereitet sein.“ Die Ausgestoßenen hörten zu, misstrauisch, doch das Feuer seiner Worte funkelte in einigen Augen. Besonders ein alter Mann, halbblind, der leise von einem vergrabenen Funkgerät sprach, das vor Jahren ins Dorf geschmuggelt worden war. Vielleicht kaputt. Vielleicht nicht. Jonas’ Strang – Die Funkstation Zur gleichen Zeit bewegte sich Jonas im Wohnhaus vorsichtiger denn je. Er hatte herausgefunden, dass es im Direktorenhaus einen abgeriegelten Raum gab, von dem aus die Funkverbindung zum Festland gehalten wurde. Stromkabel, die nicht ins Wohnhaus führten. Antennen, die nachts rot blinkten. Er sprach leise mit Lina: „Wenn ich dort reinkomme, nur für ein paar Minuten… ich könnte eine Botschaft senden. Die Welt muss wissen, dass wir hier sind. Vielleicht schicken sie Hilfe, bevor alles zusammenbricht.“ Lina schüttelte den Kopf. „Oder du gibst ihnen genau den Grund, uns alle fallen zu lassen. Wenn die Welt im Krieg ist, wird niemand Gefangene retten.“ Doch Jonas ließ nicht locker. In seinen Augen glomm ein Feuer, das nicht erlöschen wollte. Die Stränge verflechten sich Noch wusste Jonas nichts von Rafes Abmachungen im Dorf. Noch wusste Rafe nichts von Jonas’ Plänen mit dem Funkgerät. Doch beide sprachen von demselben Ziel: Einfluss, Macht, vielleicht sogar Flucht. Und während auf der Insel die Routine weiterlief – Pferde wieherten, Holz wurde geschlagen, Gemüse geerntet – spannte sich unter der Oberfläche ein unsichtbares Netz. Die Welt draußen schwankte. China, Amerika, Nordkorea. Ein Krieg, der die Erde verschlingen konnte. Und auf dieser Insel, mitten im Pazifik, begannen Männer und Frauen zu spüren, dass ihre Ketten vielleicht schwächer waren, als es der Direktor glauben machen wollte. Kapitel 11: Die Schiffbrüchigen Es war eine stürmische Nacht, als der Donner über die Berge rollte und die Brandung mit Gewalt gegen die Klippen donnerte. Am nächsten Morgen meldeten die Wächter vom Küstenposten etwas Ungewöhnliches: Wrackteile eines Schiffes trieben im Wasser. Bald darauf wurden sie entdeckt – Überlebende eines Passagierschiffs, das von einem U-Boot torpediert worden war. Männer, Frauen, Kinder, kaum mehr als ein Dutzend, zerschunden und halb verhungert, an den Strand gespült. Ihre Kleider waren zerfetzt, manche von Blut getränkt, ihre Augen leer. Als die Gefangenen halfen, sie an Land zu tragen, erzählten die Schiffbrüchigen, was geschehen war: „Es kam aus dem Nichts. Ein Schatten im Wasser. Dann der Knall. Explosion. Panik. Wir hatten keine Chance… es war ein U-Boot, wir schwören es.“ Ein Murmeln ging durch die Gefangenen. Ein U-Boot. Krieg im Pazifik. Der Konflikt, der in den Nachrichten angekündigt worden war, hatte sie nun direkt erreicht. Die Reaktion im Wohnhaus Im großen Saal herrschte Aufregung. Jonas Keller sah die Schiffbrüchigen an wie ein Zeichen: „Seht ihr? Die Welt draußen brennt. Sie kommt zu uns. Wir dürfen nicht länger warten. Wir müssen handeln, jetzt.“ Rafe Ortega dagegen grinste kalt. „Oder wir nutzen die Angst. Wenn draußen Krieg herrscht, wird das Versorgungsschiff vielleicht irgendwann nicht mehr kommen. Dann sind wir allein. Wer dann Macht hat, wird König.“ Die Schiffbrüchigen wurden in einem Seitenflügel des Wohnhauses untergebracht, mit Nahrung und Decken versorgt. Doch sie waren Fremde – keine Gefangenen, keine Wächter, sondern Überlebende. Manche Gefangene sahen in ihnen Verbündete. Andere nur eine zusätzliche Last. Hartmanns Sorge Im Direktorenhaus stand Hartmann am Fenster, während Elena die Schiffbrüchigen beobachtete. „Es war nur eine Frage der Zeit“, murmelte er. „Der Krieg ist da. Er ist nicht mehr draußen, er ist hier.“ Elena legte die Hand auf seinen Arm. „Dann wird der Tag kommen, Aurelian. Der Tag, an dem wir den Bunker brauchen.“ Hartmanns Blick war hart. „Die Gefangenen dürfen davon nie erfahren. Wenn sie wissen, dass wir einen Ort haben, an dem wir überleben können… dann zerreißen sie uns.“ Er schwieg, dann fügte er hinzu: „Aber die Überlebenden… sie könnten mehr wissen, als sie sagen. Ich will herausfinden, was genau geschehen ist, bevor wir entscheiden, was mit ihnen geschieht.“ Die ersten Risse In der Nacht trafen sich Jonas, Rafe und Lina erneut. Diesmal schien die Luft elektrisch geladen. Jonas: „Wenn ein U-Boot hier draußen Schiffe versenkt, dann wird bald niemand mehr kommen. Kein Schiff. Kein Proviant. Wir müssen die Funkstation nutzen – jetzt.“ Rafe: „Oder wir gehen den anderen Weg. Mit den Ausgestoßenen. Die Überlebenden sind schwach, aber ihre Geschichte wird Unruhe stiften. Wir können sie als Vorwand nehmen, die Regeln infrage zu stellen.“ Lina: „Ihr versteht nicht. Das hier ist nur der Anfang. Der Direktor weiß mehr, als er sagt. Er wirkt… vorbereitet. Vielleicht hat er etwas, das wir nicht kennen.“ Ein kalter Wind wehte durch die offenen Fenster, und in der Ferne heulte ein Hund. Jeder von ihnen wusste: Die Ankunft der Schiffbrüchigen hatte alles verändert. Die Welt draußen war nicht mehr nur eine Nachrichtensendung. Sie war hier. Und sie würde die Insel zerreißen. Kapitel 12: Zerfall der Welt & Risse auf der Insel Die Schiffbrüchigen waren erst seit wenigen Tagen auf der Insel, doch schon hatten sie alles verändert. Nach den Mahlzeiten, bei der Feldarbeit, selbst abends in den Schlafsälen hingen die Gefangenen an ihren Worten. Einer der Überlebenden, ein älterer Mann mit verbranntem Gesicht, sprach mit brüchiger Stimme: „Europa… Europa gibt es nicht mehr. Die NATO ist zusammengebrochen. Russland hält die Armeen im Osten beschäftigt, und die Staaten dort sind gefallen wie Dominosteine. Die USA steht allein da.“ Ein Schock ging durch die Menge. Selbst die härtesten unter den Gefangenen schwiegen. Wenn Europa gefallen war, wenn die NATO nicht mehr existierte, dann gab es keine Garantie mehr für Schutz, keine feste Ordnung, keine Allianz, die ein Gegengewicht bildete. Jonas Keller sprang auf, seine Augen brannten. „Versteht ihr? Es gibt niemanden mehr, der uns retten kann. Wir sind auf uns selbst gestellt. Das Einzige, was uns bleibt, ist zu handeln, bevor Hartmann uns alle mit in den Abgrund reißt.“ Einige nickten, andere sahen verstohlen zu den Wächtern. Konflikte im Wohnhaus Die Nachricht spaltete die Gemeinschaft. Die einen wollten sich enger an die Regeln halten, überzeugt, dass nur Ordnung sie retten konnte. Die anderen, angeführt von Jonas und Rafe, flüsterten von Rebellion, Funkkontakt, vom Dorf der Ausgestoßenen – von einem eigenen Weg. Am dritten Abend nach der Offenbarung kam es im Speisesaal zum offenen Streit. Ein alter Gefangener schlug mit der Faust auf den Tisch: „Wir sind hier, weil wir Fehler gemacht haben. Glaubt ihr wirklich, dass draußen jemand zuhört, wenn ihr ins Funkgerät brüllt? Draußen kämpfen sie ums Überleben!“ Jonas schrie zurück: „Genau deshalb müssen wir uns vorbereiten! Wollt ihr warten, bis die Schiffe nicht mehr kommen, bis wir hier verrecken?“ Rafe lachte leise. „Oder bis Hartmann in seinem schönen Haus verschwindet und uns zurücklässt. Glaubt ihr wirklich, er wird mit uns im gleichen Boot sinken?“ Ein Raunen ging durch den Saal. Alle spürten: Da war ein Geheimnis, das sie nicht kannten. Im Direktorenhaus Währenddessen saßen Hartmann und Elena in der Dunkelheit ihres Büros. Das Funkgerät knisterte, brachte nur Bruchstücke aus einer Welt, die zerfiel. Hartmann presste die Lippen zusammen. „Es geht schneller, als ich dachte,“ sagte er. „Wenn Amerika fällt, wird niemand mehr Schiffe schicken. Dann sind wir allein.“ Elena nickte langsam. „Dann bleibt nur der Bunker. Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn sie auch nur ahnen, dass er existiert, haben wir einen Aufstand.“ Sie legte ihre Hand auf seine. „Wir müssen uns vorbereiten. Nicht auf Wochen. Auf Tage.“ Hartmann schwieg. Aber in seinem Blick lag etwas, das gefährlicher war als alle Gefangenen zusammen: die Angst, dass er die Kontrolle verlieren könnte. Die Eskalation Noch in derselben Nacht traf sich Jonas heimlich mit einigen anderen, darunter Lina, zögernd, und zwei der Schiffbrüchigen, die mehr wussten, als sie sagten. „Wenn Europa gefallen ist,“ flüsterte Jonas, „dann gibt es kein Zurück. Wir müssen raus. Oder wir müssen dieses System stürzen, bevor Hartmann uns opfert.“ Zur gleichen Zeit verhandelte Rafe weiter mit den Ausgestoßenen im Dorf. Dort sprach man schon von Waffen, von Schmuggeln, von einem möglichen Angriff auf das Wohnhaus. Zwei Stränge – Rebellion und Unterwanderung – liefen aufeinander zu. Und die Insel, so groß wie ein Land, bebte unter einer Wahrheit, die keiner mehr leugnen konnte: Die Welt draußen existierte nicht mehr so, wie sie einmal war. Und hier, in diesem „Paradies“, begann das Chaos zu wachsen. Kapitel 13: Neue Wächter & die Frage nach dem Überleben Der Hof war erfüllt vom Klang der Glocke, als Direktor Hartmann an diesem Morgen die Gefangenen und Schiffbrüchigen versammeln ließ. Neben ihm standen Mira Solberg und Kain Becker, die Augen wachsam, die Gewehre im Anschlag. Doch diesmal trat nicht nur Hartmann hervor, sondern auch drei der Schiffbrüchigen – zwei Männer mittleren Alters, kräftig gebaut, und eine Frau mit scharfen Zügen, die im Gespräch erwähnt hatte, früher bei der Küstenwache gewesen zu sein. Hartmanns Stimme hallte über den Platz: „Die Welt draußen zerbricht. Wir haben es alle gehört: Europa ist gefallen, Amerika steht allein. Krieg tobt auf den Meeren. Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns stärken. Diese Insel ist unser Schutz, unser letzter Rückzugsort. Aber nur, wenn Ordnung herrscht.“ Er legte eine Pause ein und sah die Menge an. „Darum habe ich entschieden, neue Wächter zu ernennen – aus den Reihen der Schiffbrüchigen. Sie kennen den Krieg, sie kennen Disziplin. Sie werden helfen, diese Insel zu sichern.“ Gemurmel brach aus. Einige der Gefangenen reagierten mit blankem Zorn: Schiffbrüchige, die eben noch halb tot am Strand lagen, sollten jetzt bewaffnet durch die Reihen gehen? Andere sahen es pragmatisch: Wenn der Direktor die Fremden in sein System zog, dann war es vielleicht ein Beweis dafür, dass er das Überleben über alte Rollen stellte. Die Frau der Küstenwache trat vor, ihre Haltung war militärisch. „Wenn wir hierbleiben müssen, dann will ich nicht als Opfer enden. Diese Insel ist unser einziger sicherer Ort. Ich schwöre, sie zu verteidigen.“ Die Diskussion unter den Gefangenen Später, in den Schlafsälen und auf den Feldern, brachen die Gespräche los. Ein alter Gefangener sagte leise: „Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist das hier wirklich der einzige Ort, wo wir eine Chance haben.“ Jonas widersprach heftig: „Das ist genau das, was er will! Dass wir glauben, wir hätten keine Wahl. Aber wir haben eine – wir können selbst entscheiden, ob wir hier Gefangene oder Menschen sind.“ Rafe hingegen grinste nur: „Lasst ihn doch seine neuen Wächter haben. Jede Macht bringt neue Risse. Und Risse kann man nutzen.“ Lina schwieg wie immer, doch ihre Augen glitten zu den Schiffbrüchigen, die nun mit Waffen durch den Hof marschierten. Etwas daran machte sie unruhig – als spüre sie, dass sich das Gleichgewicht verschob. Im Direktorenhaus Elena Hartmann sah ihren Mann lange an, nachdem die Menge sich zerstreut hatte. „Du weißt, dass du damit Feuer ins Haus holst. Die Schiffbrüchigen sind keine Wächter. Sie haben ihre eigenen Ängste, ihre eigenen Loyalitäten.“ Hartmann nickte, sein Blick war hart. „Vielleicht. Aber sie sind die Einzigen, die verstehen, was draußen geschieht. Und wenn der Krieg uns erreicht, dann brauche ich Menschen, die kämpfen können. Diese Insel könnte die letzte Bastion sein – nicht nur für Gefangene, sondern für die Menschheit.“ Er schwieg, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Aber wenn sie je vom Bunker erfahren… dann bricht alles zusammen.“ Die Stränge bewegen sich Jonas suchte fieberhaft nach einem Weg zur Funkstation. Für ihn war klar: Wenn die Welt draußen zerfällt, musste man jetzt Kontakt aufnehmen, nicht warten. Rafe dagegen vertiefte seine Bande ins Dorf der Ausgestoßenen. Mit den neuen Wächtern würde es schwieriger werden, doch er wusste: Je mehr Unruhe, desto leichter konnte man zuschlagen. Und über allem hing die Frage, die immer lauter wurde: War die Insel wirklich ein Gefängnis – oder das letzte Refugium der Menschheit? Kapitel 14: Blut und Bruchlinien — Die Eskalation Die Luft war am Morgen bleischwer, als hätte das Wetter schon die Anspannung gespürt. Auf den Feldern arbeiteten die Männer stiller als sonst; Blicke wanderten immer wieder zum Wohnhaus, zum Hafen, zu den Hügeln, wo die Windräder unbeirrt ihre Kreise zogen. Niemand wusste genau, wer den ersten Schlag führen würde — nur, dass er kommen würde. In jener Nacht liefen die Pläne simultan an. Jonas hatte die Schicht in der Werkstatt genutzt, um sich Zugang zum Hinterraum zu verschaffen, von dem er glaubte, dass dort die Leitungen und Kabel der Funkanlage zusammenliefen. Er war nicht allein; zwei der Schiffbrüchigen, die ihm heimlich vertrauten, schoben Holzstücke vor verschlossene Türen und harrten draußen aus. Lina hielt Wache, die Axt griffbereit, ihr Gesicht im Schein einer Taschenlampe hart wie Stein. Gleichzeitig scharrte Rafe im Dorf der Ausgestoßenen seine neuen Verbündeten zusammen. Karol Drenk und ein halbes Dutzend der Harten hatten sich aufgemacht, durch die Nacht zu schleichen; Ziel: die Ställe und der Hof, wo die neuen Schiffswächter und einige treue Gefangene ihren Posten hielten. Rafe hatte ihnen versprochen, dass, wenn sie rechtzeitig zuschlugen, sie nicht nur Vorräte, sondern auch Waffen kontrollieren könnten — und damit das Machtvakuum auf der Insel. Der erste Zusammenstoß passierte nicht dort, wo man ihn erwartet hätte, sondern am Rand des Speisesaals. Ein junger Schiffbrüchiger — frisch in Uniform und überfordert mit der neuen Macht — patrouillierte mit einem Gewehr, als eine Gruppe Gefangener, angeführt von einem hitzigen Anhänger Jonas’ und einem verkaterten alten Autor, lautstark forderte, die Versorgung gerecht zu verteilen. Worte flogen, dann landete eine Faust. Das Gewehr fiel. Ein Schuss löste sich — ein Schuss, der niemanden gezielt traf, aber genug, um Panik auszulösen. Die Nacht verwandelte sich in Chaos. Karol und seine Leute stürmten aus dem Gebüsch, brüllten wie Raubtiere, suchten die Wachen. Einige Schiffbrüchige feuerten zurück; andere, verunsichert, flohen in den Hof. Messer blitzten, stumpfe Holzknüppel knallten auf Schädel. Ein Gefangener sank zusammengesunken neben einem Pferch; Blut sickerte in das trocken getretene Gras. Ein Schrei, gedämpft, als eine Frau stürzte, ein weiteres Mal Blut — Hände, die vergeblich versuchten, eine klaffende Wunde zu stopfen. Jonas, der gerade die Sicherungen in der Funkstation manipulierte, hörte den ersten Schuss wie ein Echo. Im Flur vor ihm prallten Gestalten aufeinander. Er wollte hinausrennen, um seinen Leuten zu helfen — doch Lina packte ihn am Arm, zerrte ihn zurück. „Wenn du jetzt gehst“, flüsterte sie, „ist alles umsonst. Du hast nur eine Chance auf das Signal.“ Rafe hatte das Losbrechen der Gewalt bewusst initiiert; als er aber sah, wie nahe das Blut an Unschuldige kam, flackerte für einen Moment Unsicherheit über sein Gesicht. Dann überwog der Ehrgeiz: Das Lager drohte zu zerreißen, und in einem zerbrochenen Lager herrschen die Stärkeren. Hartmann reagierte schnell und eiskalt. Er hatte nicht nur Kameras und Patrouillen, sondern Männer, die er jederzeit mobilisieren konnte. Die neuen Schiffswächter, unruhig, aber jetzt an Uniform und Gewehr gewöhnt, bildeten mit Kain Becker und einigen loyalen Gefangenen eine schlagkräftige Front. Hartmann stand im Tor zum Hof, die Stimme wie Stahl: „Gewalt wird hier nicht geduldet. Ruhe jetzt — oder ich breche euch!“ Seine Order war klar: Niederknüppeln, einkesseln, verhaften. Becker, der nie sentimental war, führte einen Stoßtrupp und riss Rafe von den Füßen, während Mira Solberg, schneller als die meisten dachten, zwei Schützen mit gezielter Präzision außer Gefecht setzte. Hartmann selbst war unbarmherzig: er ließ keine Gerichtsfeier abwarten. Wer festgenommen wurde, sollte sofort gerichtet werden. Der Widerstand, roh und lokal, brach innerhalb weniger Stunden zusammen — nicht weil die Idee schlecht war, sondern weil die Fraktionierten zu unvorbereitet und schlecht koordiniert waren. Einige der Ausgestoßenen flohen in den Wald; andere wurden gefangen und am Morgen in Ketten gelegt. Im Getümmel hatte Jonas immerhin einen Funkspruch losgeschickt — drei dürre Worte, mehr Hoffnung als Nachricht. Ob jemand antwortete, wusste er nicht. Das Gerät überhitzte, fiel aus. Sein Gesicht war blutverschmiert, als Lina ihn herauszog: ein Splitter hatte seine Schulter aufgerissen. Das erste Blut floss, und es floss kreuz und quer: Gefangene gegen Schiffbrüchige, Ausgestoßene gegen Wächter, Brüder gegen Brüder. Es gab Tote — keine Massaker, aber zu viele Gesichter, die keinem mehr ein Lied singen würden — und viele Verwundete. Der Speisesaal, der sonst Eintopf und Brot sah, war nun ein Feldlazarett: Decken, improvisierte Verbände, Schreie, die in den Flur rollten. Hartmann nutzte die Gelegenheit, seine Autorität endgültig zu zementieren. Er hielt keine langen Reden; er zeigte Resultate. Einige der Anführer des Aufstands — darunter Karol und zwei der härtesten Ausgestoßenen — wurden festgemacht, vorgeführt und öffentlich gebrandmarkt, als Warnung für alle. Wer sich erhob, würde gebrochen. Doch der Sieg des Direktors war teuer. Der Hof roch nach Blut, die Felder waren ausgeblutet von Arbeitskräften, und die Schichtarbeit brach zusammen. Vertrauen war verbrannt. Die Schiffbrüchigen, die nun die Reihen der Wächter verstärkten, blickten anders: nicht als Retter, sondern als neue Herren, misstrauisch, misstraut. Und Hartmann? Er saß in seinem Büro, die Hände bebend, während Elena ihm leise sagte: „Du hast das System gerettet, aber nicht die Menschen. Manche Narben heilen nicht.“ Er wusste, dass er, selbst wenn er den Widerstand gebrochen hatte, nicht die Wurzeln der Revolte ausgerissen hatte. Jonas war nicht tot. Rafe war gefangen, aber noch lebendig. Lina war verwundet, aber noch gefährlich — und irgendwo in den Hügeln verschwanden Augen, die nun wussten, dass Hartmann ein Bunker, ein Geheimnis, und eine Entscheidung über Leben und Tod bei sich trug. Die Insel hatte ihr Blut getrunken. Sie roch jetzt anders — nach Eisen, nach Angst. Und tief unter der Erde, im Beton des Atombunkers, wartete etwas, das nur Hartmann und Elena kannten: eine mögliche Rettung — für wen auch immer sie auswählten, (Fortsetzung folgt) |
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