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Alt 27.09.2025, 15:57   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Der wunde Punkt

Ich schaue nicht mehr durch das Fenster, dessen Scheiben trüb geworden sind und selbst durch emsiges Putzen und bei noch so strahlendem Sonnenschein ihren einstigen Glanz nicht zurückzugewinnen vermögen. Zwecklos, sie durch neue ersetzen zu wollen, denn kein Glaser der Welt wäre imstande, sie in ihrer ursprünglichen Qualität aufzutreiben und sie maßgerecht zu schneiden. Denn das Fenster meiner Seele ist ein Unikat.

Ich schaue nicht mehr hinaus, denn ich sähe die Landschaft einer vergangenen Zeit, die sich allmählich mit einem grauen Schleier überzogen und schließlich in Wehmut verloren hat. Eine Zeit, in der ich anfangs hoffte, Thomas wiederzusehen. Oder Andreas, der in Lisbeth, meine kleine Schwester verliebt war, noch viel zu viel Kind, um in Andreas' Werben mehr zu sehen als eine entzückende Neckerei. Wir waren jung, unschuldig und naiv.

Den Kiesweg, der zum Haus führt und auf den ich blicken würde, sähe ich noch aus dem blinden Fester hinaus, hat mit den Jahren Moos bedeckt und Unkraut überwuchert. Auf diesem Weg waren Andreas und Thomas gekommen, um Lisbeth und mich zu sehen, manchmal zusammen, manchmal allein. Aber dann schnitt ihnen der Krieg alle gewohnten Lebenspfade ab, hart wie der Schnitt eines Chirurgen, aber ohne die Gnade einer Betäubung. Von Stunde an lag ihre Zukunftsplanung in den Händen militärischer Strategen, in deren Berechnungen Fleisch und Blut nur noch Investitionen waren, die Kriegsanleihen glichen: Ihr Wert hing von Sieg und Niederlage ab. Im Volksmund nannte man sie "Kanonenfutter". In den meisten Fällen starben sie, meistens Jünglinge, an der Front, und die Käufer der Kriegsanleihen sahen ihrem Geld hinterher.

Wenn der Postbote zum Haus kam, musste er sein Fahrrad, das mit dem Kies vorher spielend fertig geworden war, durch den Wildwuchs schieben, weil anders kein Durchkommen war. Früher gerne gesehen, fürchtete man sein Erscheinen als den aus der Unterwelt entsandten Raben einer Todesgottheit. Denn die Umschläge, die der Postbote brachte, waren nicht mehr nur weiß oder braun, sondern immer öfter grau. Jeder wusste, was es bedeutete wenn ein grauer Umschlag dabei war. Jeder hoffte – und glaubte auch -, der Kelch ginge an ihm vorüber. Aber wenn sich doch der graue Umschlag zeigte, schlug der Blitz des Entsetzens ein.

Der erste Impuls war die Weigerung, den Umschlag zu öffnen. Aber er glühte wie frische, noch nicht erkaltete Asche in der Hand, und wer die Wahrheit wissen wollte, musste ihn öffnen. Wasser auf die Glut! Die Finger werden merkwürdig ruhig beim Öffnen des Umschlags. Man weiß, was in der Nachricht steht: “Gefallen für Volk und Vaterland … stolz … ein Held“. Die Sätze schwimmen davon, ohne sich wirklich zu bewegen. Sie bleiben da, ändern sich nicht. Tropfen fallen auf Buchstaben, die der Flut stoisch wie Zinnsoldaten standhalten. Nein, die Worte ändern sich nicht. Eigentlich weiß man es, aber erst, wenn die Gewissheit sich in Übereinkunft mit der Realität befindet, wenn die Hoffnung in sich zusammengesunken ist, fliegt das Seelengerüst wie eine gesprengte Brücke in die Luft.

Thomas war tot. Das war real und gewiss. Nie wieder, dass er den Kiesweg zum Haus kommt, um mit mir zu scherzen, mir seine Liebe ins Ohr zu säuseln und von seinen Träumen zu sprechen, in die er mich hineinholte und dabei vor Leidenschaft glühte.

Und Andreas?

Wir haben nie wieder von ihm gehört. Auch er wird nie mehr den Kiesweg zu unserem Haus gehen.

Lisbeth und ich haben „vernünftig“ geheiratet. Wir sind weder glücklich noch unglücklich. Wir haben gute, verantwortungsvolle Männer und wundervolle Kinder. Wir lieben unsere Männer, manchmal auch nicht, dann wieder mehr. Kein Grund zur Klage. Das ganz normale Auf und Ab im Alltag und im Geschlechterkampf.

Aber es ist nicht das, wovon wir geträumt haben.

Wir werden nie erfahren, ob es, hätten Thomas und Andreas nicht so jung sterben müssen, eine wundervolle Sache mit uns geworden wäre. Und das ist der wunde Punkt, der bleibt.

26.09.2025
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
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