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| Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw. |
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#1 |
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Der Geschichtenerzähler
Vor gar nicht allzu langer Zeit lebte in einem steinigen Haus am Ufer eines smaragdgrünen Sees ein alter Mann. Er dämmerte vor sich hin, wo Spinnweben das feste Eichenholz, aus dem die meisten Möbel gefertigt worden waren, langsam in Beschlag nahmen und wo der feine Staub sich Schicht für Schicht auf den gläsernen Tisch gesetzt hatte, an dem er meist seine Zeit verbrachte, Zeitung las oder von seiner hölzernen Pfeife rauchte. Und als er sie sich wieder anzündete, der Tabak zu glühen begann und Rauch sich breitete in dem dunklen Raum mit Ausblick zum See, dachte er an seinen Sohn, der zu Besuch kommen wollte nach fast einem Jahr Stillschweigen. Sein Verhältnis zu ihm schien zerrissen zu sein, seit er sich von der Mutter nach einigen Querelen getrennt hatte. Er war ihr zu eigen geworden. Was sie einst so an ihm geliebt hatte, dieses etwas sture, störrische, war ihr irgendwann zu viel. Vielleicht hatte er es damit übertrieben im Laufe der Zeit, vielleicht hatte sie sich auch nur geändert. Er wusste es selbst nicht. Jedenfalls war die Ehe nach zweiundvierzig Jahren in die Brüche gegangen und er zog sich daraufhin in dieses kleine Haus am See zurück, wo er weitestgehend alleine seinen Lebensabend verbrachte. So saß er in seinem knarzenden Schaukelstuhl, lauschte dem knisternden Tabak und wartete, bis sein Sohn an die verriegelte Tür klopfen würde, die an einen kleinen Zwischenraum anschloss. Nach etwas mehr als einer halben Stunde hörte er ein pochendes Geräusch. Der alte Mann erhob sich, in eine braune Kutte gehüllt, etwas zitternd von seinem Stuhl und lief so schnell, wie seine alten Beine ihn noch tragen konnten, zu der Türe, wo er die Klinke bediente und langsam öffnete. Es war tatsächlich sein Sohn, der ihn mittlerweile um einen Kopf überragte und mit einer Miene, die mehr Ernst als Freude ausstrahlte, ein kurzes ,,Hallo'' hervorbrachte. Der Alte nickte und bat ihn, einzutreten, was dieser nach kurzer Stille auch tat. Das Aus in der Ehe war ein Teil des angespannten Verhältnisses von Vater und Sohn, doch es schien noch ein andres Schwert zu geben, das ihre Beziehung zerschnitt. ,,Was machst du den ganzen, lieben Tag hier?'' fragte der Sohn mit einem leicht verbitterten Unterton. Nachdem sich beide an den gläsernen Tisch gesetzt hatten, antwortete der Alte: ,,Ich lasse mir mein Leben durch den Kopf gehen, Torben. Es ist viel passiert, da wird einem nicht langweilig, wenn man daran denkt. Ab und zu angel ich nebenbei. Ein paar ordentliche Karpfen hat der See zu bieten.'' Torben, sein Sohn, hielt kurz inne und antwortete dann in einem verdrossenen Flüsterton: ,,Ja ja, dir ist so viel passiert, wie du immer sagst, so viel, aber könntest du bitte einmal die Wahrheit sagen und keine Märchengeschichten erfinden. Ich bin kein kleiner Junge mehr. Der alte Mann gab zu verstehen: ,,Das sind keine Märchen, von denen ich dir erzählt habe, mein Sohn. Wie oft soll ich das noch sagen. Ich kann dir nochmal von meinem Freund berichten, wenn du willst. Das ist wirklich alles so passiert. Ich lüge nicht.'' Der Sohn schnaufte verärgert und erklärte: ,,Ich will nur einmal wissen, wer du wirklich bist, Vater, nur einmal. Das was du von dir gibst, sind Geschichten. Schöne Geschichten, aber eben nicht die Wahrheit.'' Als hätte eine dunkle Faust in die Seele des Alten gegriffen, schaute er daraufhin mit traurigem Blick in die Augen seines Sohnes und sagte: ''Ich werde dir von meinem Leben erzählen, du bist da, also werde ich erzählen.'' ,,Bis ich zwanzig Jahre alt war, lebte ich in einem kleinen Dorf südlich des Mains, wo Jeder Jeden kannte und man die Zeit mit dem Bestellen von Feldern und dem Pflücken von Äpfeln und Pflaumen verbrachte. Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag, wo die Sonne am Himmel glühte und die Welt hell und bunt erschien. Auf einmal kam ein junger Bauer angerannt und schrie entsetzt, er habe in der Höhle etwas abseits seines Hofes entdeckt, etwas Großes, Gigantisches. Ein Riese, der dort untergekommen sein soll und sich wahrscheinlich von saftigem Fleisch der Dorfbewohner ernähren wolle. Eine Hüne mit einem Knüppel bewaffnet auf der Suche nach seinem nächsten Opfer. So wurde das Dorf zusammengetrommelt und über das Vorgehen beraten. Entsetzen war in den Gesichtern zu lesen und die Angst setzte sich in die Herzen, selbst der Hartgesottensten. Es sollte ein Dorfbewohner hingeschickt werden, der den Riesen auskundschaftet und eventuell mehr Klarheit über den ungebetenen Menschenfressergast bringt. Ich war aufgeregt, sehr aufgeregt, doch war ich es, der sich für diese Aufgabe meldete. Ich wollte wissen, was vor sich geht, ich wollte wissen, was die Bestie am Leben hält. Also schritt ich los, über einige Schneisen und Pfade, bis hin zu der steinigen Höhle am Rande des Dorfes, wo sonst Fledermäuse hausten, was Manchem nicht geheuer war. Dort sah ich ihn, den Riesen, wie er da saß, auf einem Felsen am Höhleneingang und melancholisch vor sich hinschaute. Meine gesunde Angst machte mehr und mehr der Neugierde Platz und so trat ich aus den Sträuchern hervor und nickte dem Riesen zu. Seine Segelohren erinnerten mich irgendwie an das Elefantenkind Dumbo, doch mit seiner langen Hakennase hätte er jeden Bewohner einzeln aufspießen können. Er erhob sich und bewegte sich auf mich zu. Die Erde bebte und ein paar Birnen fielen von den zitternden Ästen des nahen Baumes. Schweiß tropfte von meiner Stirne. Vielleicht hatte ich die Situation doch falsch eingeschätzt und der Riese würde mich in absehbarer Zeit gegen den Boden schmettern und mit seinen zehn Fingern zerquetschen. Gleich würde mich meine Naivität bestrafen. Doch der Hüne blieb plötzlich stehen und presste ein grummeliges ,,Hallo'' aus seinen Lippen. Ich antwortete ihm höflich und er reichte mir langsam seine Hand, die so groß war wie mein ganzer Oberkörper. Schweiß brach aus mir heraus, doch ich blieb ruhig und erwiderte ihm den Handschlag. Das war der Beginn einer intensiven Freundschaft. Der Riese, Bogdan geheißen, hatte mich nicht hängen lassen. Er erzählte mir von seiner Reise durch die Welt, dass er wie ein Getriebener durch die Regionen zieht, weil er sich nirgendwo zu Hause fühlt. Ein Aussätziger, der sein Glück in der Weite sucht. Daraufhin fragte er mich, ob ich ihn begleiten wolle auf seinen Weg zu einem geeigneten Ort. Ich willigte, ohne groß zu überlegen, ein und wir zogen los. So kam es zu den Anfängen des Abenteuers meines von wundersamen Dingen erfüllten Lebens. Das Tränenmeer, das mich im Alltagstrott des Dorflebens manchmal umgab, verdampfte auf einmal und rauschende Flüsse begannen in meinem Innern zu fließen. Wir wanderten durch Täler, erklommen Hügel und Berge, atmeten die Luft der Blüten und Gräser uns war jeder Schmetterling wie ein Symbol für unendliche Freiheit und der Anblick jedes Käfers ließ uns an eine perfekte Symbiose mit der Natur glauben. Ich war glücklich wie nie zuvor. Selbst der hämmernde Hagel schien mir ein Geschenk zu sein, eingepackt in eisige Tropfen. Bis wir eine Entdeckung machten, die uns zum Einschreiten zwang. Als wir am Rand einer Kleinstadt übernachteten, westlich der Donau, und es dunkel wurde, schien es als ob der Mond zu weinen begann. Es fing an, stark zu regnen und die Wolken schluckten langsam jedes Licht vom Himmelszelt, nur die Straßenlaternen, etwas von uns entfernt, leuchteten noch und gaben ein wenig Orientierung. Da erblickten wir ein paar dunkle Gestalten, die wie Geister durch die Straßen huschten. Sie stiegen in die Häuser ein, verschwanden für ein paar Minuten, kamen wieder hervor und schlichen in das nächste Haus. Wir dachten zuerst an eine Räuberbande, die ihr Unwesen trieb, aber als sie schier leblose Körper aus den Wohnungen zerrten wurde uns Angst und Bang. Schwarze Bestien, die aus ihren Käfigen gelassen wurden, schienen unter uns zu sein. Eine Kreatur in meinem Innern spielte am Klavier eine Melodie des Schreckens. Sie haute in die Tasten und schlug mir ein komisches Vibrieren ins Hirn. Wir mussten was tun. Wir mussten diesem ominösen Treiben ein Ende setzen. Also bewaffneten wir uns mit Knüppeln und Steinen und stellten uns hinter die Tür, in die die Gestalten gerade verschwunden waren. Wir rieben uns nervös den Rücken an der Wand und zitterten, als wären wir in dem Moment vom Blitz getroffen worden. Da, ein Geräusch. Ein seltsames Flüstern war zu hören. Komische Töne, die die Gestalten von sich gaben. Plötzlich erschienen sie mit noch einem bewegungslosen Leib. Wir prügelten auf sie ein. Blut tropfte. Doch kein rotes, sondern grünes Blut. Wir erstarrten. Wie ein Springbrunnen gefüllt mit flüssigem Gras, schoss der Lebenssaft aus den Gestalten heraus. Doch wer waren sie? Was waren sie? Sie waren hinüber. Mir war es kalt, als hätte mich jemand im größten Schneesturm inmitten der Area51 ausgesetzt. Ein entsetzliches Pfeifen des Windes grub sich durch die Gassen. Wir fühlten den Puls des Menschen. Er lebte noch. Wir verbrachten die Nacht bei den seltsamen Leichen. Uns machte Angst, dass die Gestalten wieder zu atmen beginnen und erneut ihr Unwesen treiben würden. Doch dem war nicht so. Die Wesen waren tot. Sie kamen tags darauf in den Obduktionsraum. Die Forscher schüttelten Bogdan und mir die Hände. Sie schreckten erst vor dem Riesen zurück, aber als ich ihnen klar machte, dass er mitgeholfen hatte, das seltsame Treiben der Gestalten zu stoppen, waren sie ihm wohlgesonnener und er wurde in den Kreis der ''Guten'' mit aufgenommen. Es wurden Schlüsse gezogen, was es mit den Grünblutgestalten auf sich haben könnte. Wie wir später, nach Recherchen, erfuhren, könnten es Wesen von fremden Planeten gewesen sein, die den Menschen ein Gift spritzten, das sie dabei hatten, um sie so problemlos auf ihr entferntes Land zu entführen und sie zu gefügigen Arbeitskräften zu machen. Als ich das hörte, zog es mir die Kehle zu. Doch nicht mit uns. Nicht mit Bogdan und nicht mit mir. Wir haben Leben gerettet.'' ,,Willst du mich veräppeln?'' rief Torben entgeistert. ,,Das ist niemals passiert, spar dir den Quatsch''' ,,Klar, war es so, Torben. Man muss nur in der Welt herumreisen, dann passieren einem die schrägsten Sachen'', entgegnete der alte Mann energisch. ''Ich muss weiter erzählen, pass auf: ,,Wir brachen unsre Zelte wieder ab, wanderten über Steinstrände, grüßten die Ameisen, nutzten längst vergessene Trampelpfade, kämpften uns durch Sträucher und Büsche, bis wir an einen Wald herankamen. Nebel umgab die Äste und alles war in neonblaues Licht getaucht. Ab und zu hörte man das Zucken eines Vogels und das Treiben andrer Tiere. Das, was man vom Himmel sah war dunkel und wirkte irgendwie bedrohlich. Plötzlich sah Bogdan ein Haus. Ein kleines, beschauliches Steinhaus, einsam und verlassen zwischen den säuselnden Bäumen. Wir schritten darauf zu und klopften an die Türe. Nach kurzem, nervösen Warten, machte eine Frau auf. Eine alte, bucklige Frau mit Warze auf der Nase und Augenklappe im Gesicht. ,,Tretet herein'' sagte die Stimme geheimnisvoll krächzend und wir taten was uns gesagt. ,,Setzt euch'' schallte es und das eine Auge blitzte seltsam auf, als wäre ein Asteroid gerade in der Pupille aufgeschlagen. Im Kamin neben uns peitschten die Flammenzungen einen bedrohlichen Rhythmus und die Augen in den Bildern an der Wand starrten uns vernichtend an. In der Kammer dampfte ein brausender Eisenkessel. Als ich sie fragte, ob da was Essbares drin sei, nickte sie mit einer undefinierbaren Ruhe und sagte: ,,Was für den Magen.'' Uns war beiden unwohl, doch lechzten wir nach ein bisschen Nahrung und obwohl wir Unheil ahnten, zog uns eine nicht zu beschreibende Kraft zu diesem Kessel hin. Sie schüttete die Suppe in zwei Schüsseln, gab etwas von einem weinroten Konzentrat mit dazu und reichte uns das Gebräu mit Löffeln zum Verzehr. Wir schauten uns gegenseitig leicht unsicher an und nippten dann doch von der wässrigen Mischung. Nach ein paar Prisen wurde mir plötzlich schwummrig, ich sah Bogdan nur noch verschwommen und kippte dann nach links weg Richtung Boden. Als ich wieder zu mir kam, wähnte ich Bogdan und mich eingesperrt hinter Gittern in einem verborgenen Schacht des Hauses. Mein Herz pochte rasend wie ein überdrehender Motor und mein Hirn begann den Nebel hinter der Stirn wieder zur Seite zu schieben. Da kam die Hexe angeschlichen und sprach in feierlichem Ton: ,,Euch brat ich im Ofen, ihr Fremdlinge, ihr werdet schon sehen, was euch eure Neugier bringt.'' Bogdan, der sich stets gebückt in dem Haus fortbewegen musste, schüttelte daraufhin an den Gitterstäben und schrie erbost, so wie ich ihn vorher nicht gekannt: ,,Du wirst uns nicht kriegen, du alte Hexe!'' Da gab die Frau das teuflischste Lachen von sich, das ich in meinem Leben gehört, als hätte Satan selbst sie im Inneren gekitzelt und sie erwiderte: ,,Ich hab euch ja schon'' und verließ die Kammer wieder Richtung Küchenbereich. Daraufhin atmete Bogdan dreimal tief ein und aus, nahm seine ganze Kraft zusammen und verbog die Stäbe langsam und mit zitternden Muskeln, so dass ein Loch in dem Käfig entstand. Wir kletterten leise heraus, schauten uns hektisch um, so als wäre noch ein anderes Ungeheuer in den vier Wänden, öffneten leise die Tür der Kammer und schlugen die klapprige Hexe zu Brei, ehe sie womöglich noch einen Zauberspruch hätte sagen können. Dann eilten wir in Richtung Ausgang, überquerten das glucksende Bächlein nebenan und verließen so schnell wie möglich wieder diesen Wald, bevor die Nacht erneut anbrach. Als wir durchs trockene Festland schritten und nach Wasser und Brot lechzten in der Hitze des jungen Augusts, trafen wir auf einen Landstreicher. Er hatte schwarzes, schulterlanges Haar und glücklicherweise auch einen Kanister mit lauwarmer Flüssigkeit, an der wir uns ergötzen durften. Er erzählte uns, dass die Pfade nach Osten nicht sicher seien, da sich dort dunkle Drachen aufhielten, die auf der Suche nach einem kleinen Kobold seien. Dieser habe einen Dolch, der in den Feuern der Zwergenminen geschmiedet worden sei, mit Runen eingraviert, um die Geheimnisse der Erde zu entschlüsseln. Der Landstreicher wolle ihn auch finden, um ihn vor den schwarzen Mächten zu beschützen. Wir folgten ihm über die trockenen Wiesen, in denen uns Bienen Lieder der Vergänglichkeit summten, um uns die Gefahr, die damit verbunden war, in den Kopf zu hämmern. Doch wir wollten Abenteuer erleben und so gingen wir mit dem Landstreicher mit, um den Kobold zu finden. Nachdem wir die Hügel Richtung Süden überquert hatten, fanden wir den Kobold in einer Tropfsteinhöhle vor, zusammengekauert auf dem steinernen Boden sitzend. Es war eine etwas seltsame Gestalt. Einen Kobold hatte ich nie zuvor gesehen. Als er uns erblickte, zuckte er zusammen und erhob sich zwischen den Stalagmiten ruckartig nach oben. ,,Was wollt ihr?'', fragte er misstrauisch. ,,Wir wollen dich vor Gefahren schützen.'' entgegnete der Landstreicher, der ein scharfes Schwert mit sich führte. Aus dem Gesicht des Kobolds sprach eine entsetzliche Qual, als hätte er stundenlang in einem Meer aus spitzen Gegenständen gebadet, die ihm die Haut zerfetzten, als er in ihm versuchte zu schwimmen.,,'Nehmt ihr den Dolch.'' sagte er entgeistert und hielt ihn dem Landstreicher hin. Dieser schaute ihn gierig an mit großen Augen, so groß wie der volle Mond am Himmelszelt und steckte ihn in seine Tasche. ''Na gut, ich werde ihn zum Zauberer Haladron bringen, vielleicht weiß er damit was anzufangen und kann das Geheimnis lüften, das sich dahinter verbirgt.'' ,,Endlich bin ich von der Last dieses gegossenen Hexenwerks befreit'' entgegnete der Kobold taumelnd. Daraufhin trennten sich unsre Wege wieder. Wir haben den Landstreicher niemals mehr gesehen. Aber es scheint sich zum Guten gewandelt zu haben, denn wenn die Dunkelheit an die Macht gekommen wäre, könnten wir das immer noch bei uns spüren. '' ,,Und das soll ich dir glauben?'' rief Torben fassungslos. ,,Es war so wie ich es sage, mein Sohn, du brauchst nur einen Hauch von Fantasie, dann setzt sich alles im Kopf zusammen.'' meinte der Alte. ,,So das reicht. Ich gehe wieder. Dann kannst du dir deine Märchen selbst zuflüstern.'' entgegnete Torben. ,,Halt!'', ließ der Alte aufhorchen ,,noch eine Sache muss ich erzählen, dann kannst du wieder gehen.'' ,,Hast du einen Kaffee?'', fragte Torben. ,,Ich mache einen.'', gab der Alte zurück und so erzählte er seine letzte Geschichte. ,,Wir gingen unsren Weg nach Süden weiter und so trafen wir nach einiger Zeit des Ausharrens und Überwasserhaltens auf einen Zirkus. Wir sahen Clowns, Dompteure, wilde Tiere, Seiltänzer, Akrobaten, Jongleure und den angeblich stärksten Mann der Welt. Wir waren begeistert. Und der Zirkusdirektor war auch begeistert. Er war begeistert von Bogdan. Eine solche Statur hatte er zuvor nie gesehen. Er wollte ihn in sein Ensemble einfügen, ihm ein zu Hause geben, ihm eine Bühne geben für seine Außergewöhnlichkeit. Und Bogdan schien angetan zu sein. Er hob ''den stärksten Mann der Welt'' hoch und ließ ihn wie ein Kind aussehen, der in den Armen seiner Mutter zappelt. Der Zirkusdirektor machte große Augen. Er war hin und weg. Und ich war hin und weg von etwas Anderem. Von ´deiner Mutter, die ich im Publikum erkannte. Sie war die schönste Frau, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ihre großen, blauen Augen trafen auf meine und ihre rötlichen Haare wehten verführerisch im Wind des Zirkusgebläses. Mein Herz begann zu beben wie ein Vulkan, der kurz davor war, Feuer zu speien. Ich musste mit ihr reden. Ich musste sie kennenlernen. Und so nahm ich allen Mut zusammen und sprach sie nach der Vorführung an. Sie lächelte süß wie reife Kirschen im Warm des Julimonats und sagte, dass sie sehr angetan war von dem was sie gerade gesehen. Ich stimmte ihr zu und fragte sie, wo ich sie finden würde, wenn sie wieder aus dem Zirkuszelt verschwand. Daraufhin schrieb sie mir ihre Adresse auf einen kleinen Zettel und verließ, schön wie die Sonne selbst, die Manege. Bogdan blieb beim Zirkus. Er hatte gefunden, wonach er gesucht. Er empfand die Umgebung als idealen Standpunkt für seine Talente. Ich dachte nur noch an die Frau. Als hätte sich ein Stern aus der Ferne in meine Brust gesetzt, hatte ich nur noch Sinn für die Schönheit des Lichts, das mich erfüllte. Die Schönheit deiner Mutter. Ich tauchte den Füller ins Tintenfass und schrieb ihr an ihre Adresse einen Brief, in dem ich ihr mein Empfinden gestand und nach einem Treffen fragte. Sie solle den Brief an den Zirkus schicken, mit dem ich mitziehen würde, damit mich ihre Antwort erreichen könne. Sie schrieb zurück und so bist du letztendlich entstanden, mein Sohn.'' ,,Naja'', nahm es Torben widerwillig zur Kenntnis. ,,Ich werde jetzt gehen'', murmelte er, erhob sich aus dem knackenden Stuhl, schritt zur Tür und verließ das Haus. Der alte Mann zündete sich etwas hektisch erneut die Pfeife an und versuchte den Tabak möglichst zu genießen. Es war wieder still und er streckte die Beine aus und schaute aus dem Fenster. Ein paar Monate später verstarb er. Einsam und verlassen, nach einem Leben mit Höhen und Tiefen. Die Nachricht versetzte dem Sohn einen Schlag, einen härteren als ihm lieb war, als würde Bogdan mit seinem Knüppel auf ihn einschlagen. Die Beerdigung musste geplant werden. Er sollte auf dem Hauptfriedhof der kleinen Stadt beigesetzt werden. Torbens Mutter hatte Bäche in den Augen, als der Sarg Richtung Grab getragen wurde. Die endgültige Trennung fiel ihr sehr schwer, sie hatte ihn lange Zeit geliebt so wie er sie. Doch es kamen auch Gäste, zu denen keiner Kontakt hatte außer der Alte. In schwarz gekleidet stach ein großer Mann heraus, der offensichtlich Segelohren und eine riesige Hakennase hatte, ein älterer Herr mit pechschwarzen Haaren, eine Gruppe Rentner, die, wie sich herausstellte, einst Forscher waren und Torben schien es, als ob sich eine bucklige Frau hinter dem Gebüsch versteckte. Torben wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte doch alles gestimmt, was sein Vater ihm erzählt hatte? Oder zumindest teilweise? ,,Mit einem Hauch von Fantasie fügt sich alles im Kopf zusammen'', hatte er gesagt. Als würden wehmütige Stürme in ihm brausen, schaute er zu seiner Mutter, die offensichtlich Ähnliches empfand. Torbens Herz blutete rote Meere, in denen gerade nichts lebte außer Schmerz und etwas Ärger über sich selbst. Der Geschichtenerzähler war tot, doch seine Geschichten sind geblieben. |
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#2 |
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Forumsleitung
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Sorry, Travis, aber der Geschichte kann ich nichts abgewinnen. Sie ist stilistisch verheerend, es wimmelt darin an Klischees, und die Syntax ist an vielen Stellen chaotisch, so dass der Leser oft nicht weiß, von wem der Charaktere die Rede ist oder worin die Verbindung einer Aussage im Satz mit einer anderen Aussage im selben Satz besteht. Auch gibt es ein Problem mit der Perspektive. Wenn die Geschichte mit dem alten Vater beginnt, sollte sie auch mit ihm enden; andernfalls sollte sie von Anfang an aus der Perspektive des Sohns erzählt werden, denn mit ihm endet sie. Ein "pochendes Geräusch" ist kein Geräusch, sondern ein "Pochen", "Bäche in den Augen" klingt nicht wie eine tolle Metapher, sondern lächerlich, und bei einem Vergleich wie "Torbens Herz blutete rote Meere ..." kann ich nur raten: Don't overdo ist! Es genügt völlig, wenn Torbens Herz blutet.
Auch sind "Segelohren" nur im Volksmund "Segelohren" (und nie wohlmeinend), ansonsten sind es stark abstehende Ohren. Den Dumbo kann man sich als Vergleich sparen, denn Elefanten haben aus guten Gründen nun einmal große, lappige Ohren. Füllwörter sind in der Alltagssprache sozialer Kitt und machen die Kommunikation freundlicher. In literarischen Texten haben die meisten von ihnen nichts zu suchen. Wenn aus dem Text etwas werden soll, wird dir die Überarbeitung nicht erspart bleiben. LG Ilka |
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#3 |
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Du hast recht. Ich habe das schon vor einiger Zeit geschrieben und beim erneuten Lesen sind mir auch einige Sachen, die du ansprichst, aufgefallen. Ich habe es so mal ins Forum gestellt, um zu überprüfen wie es auf Andere wirkt.
Ich denke es sind in dem Text gute Ansätze da, der Anfang gefällt mir persönlich, aber Manches wirkt dann doch zu gewollt und nicht richtig gemacht. Danke für dein feedback. Freundliche Grüße, Travis Beamer |
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#4 |
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Forumsleitung
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Gern geschehen. Mein Tipp: Schreibe dir ein kurzes Exposé, das in kurzen Sätzen die Handlung schildert (aus welcher Perspektive!). Das verhindert, dass du überflüssige Nebenhandlungen in deine Kurzgeschichte bringst. Es ist umgekehrt besser, nämlich beim Verfassen der Geschichte Einzelheiten zu ergänzen, falls notwendig.
Exposés sind generell im Präsens geschrieben und enthalten keine Dialoge. Die Form beachten: Für Kurzgeschichten gelten Einheit der Zeit, Einheit des Ortes und Einheit der Handlung, und es sollten möglichst nicht mehr als drei Charaktere darin vorkommen. Gutes Gelingen! Ilka |
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