Poetry.de - das Gedichte-Forum
Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Geschichten, Märchen und Legenden

Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 15.09.2025, 15:25   #1
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.279


Standard In der Jugendbücherei

Dominik Schütz stellte seinen Becher mit heißem Instant-Kaffee auf dem Schreibtisch ab, setzte sich auf seinen Bürostuhl und starrte missgelaunt auf den Stapel DIN-A-4-Hefte, die er am Vormittag in der Klasse eingesammelt hatte. Wie jedes Jahr nach den Sommerferien war das Aufsatzthema laut Lehrplan „Wie ich meine Ferien verbrachte“ gewesen, und nach fünfzehn Jahren im Schuldienst hatte er von den immer gleichen Geschichten die Nase gründlich voll: Besuch bei Oma auf dem Lande, Badeurlaub an der Nordsee, Besuche in Tierparks und botanischen Gärten oder Prospekte austragen zur Aufstockung des Taschengeldes. Wer auf die Pauke hauen wollte, schilderte seinen Urlaub mit den Eltern in der Toskana, in Spanien oder in der Türkei, aber selbst das war längst zum Abwinken.

„Die könnten sich bei der Unterrichtsplanung mal etwas Neues als Aufsatzthema ausdenken“, brummte Schütz vor sich hin und dachte schon jetzt mit Schaudern an den Eintrag im Lehrplan, der ihn nach Weihnachten erwarten würde: „Eine Weihnachtsüberraschung“, „Unterm Christbaum“, „Sind Weihnachtsgeschenke noch zeitgemäß?“. Etwas in diesem Tenor. Bla, bla, bla …

Schlechte Laune nahm Schütz die Korrekturarbeit jedoch nicht ab, also musste er selber ran. Er nahm einen kräftigen Schluck seines Kaffees und griff sich das oberste Heft vom Stapel. Tristan Müller, „Ein Tag in Bingen am Rhein“. Na ja, nicht sonderlich originell, an den Rhein machte Schütz regelmäßig Klassenfahrten mit den obligatorischen Burgbesichtigungen. Und viel mehr als eine Burg und der Mäuseturm war in Bingen auch nicht zu sehen; aber wenigstens fing seine Tortur nicht gleich mit dem Bauernhof oder der Nordsee an.

Nach dem sechsten Heft holte er sich eine zweite Tasse Instant-Kaffee. Sein nächster Kandidat war Thorsten Baumann, sein Problemschüler, der keinem Konflikt aus dem Weg ging, nur von Gnade wegen ab und zu die Hausaufgaben machte, während des Unterrichts das Schlafdefizit der Nacht ausglich und immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte. Da er aber nie zu weit ging und – weiß der Teufel, wie er das machte – hervorragende Noten schrieb, wusste Schütz nicht, wie er ihm beikommen sollte. Zumal Thorsten wegen dieser Nonchalance und seiner unleugbar hohen Intelligenz von seinen Mitschülern respektiert, wenn nicht gar bewundert wurde.

Sein Aufsatz trug den unverdächtigen Titel: „In der Jugendbücherei.“ Schütz begann zu lesen, und wie bei Thorstens Aufsätzen zuvor fand er einen stilsicheren, gut gegliederten Text, saubere Ausdrucksweisen und eine makellose Rechtschreibung vor. Obendrein war der Aufsatz ohne gestrichene Wörter oder sonstige Korrekturen durchgeschrieben. „Der Junge hat Talent“, dachte Schütz. Aber allmählich zogen sich seine Brauen zusammen und seine Stirn legte sich in Falten. Er las: „Der Roman zog mich immer mehr in sich hinein, die Charaktere faszinierten mich, und schnell begann ich mich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Am liebsten hätte ich das Buch sofort zu Ende gelesen, aber dafür war keine Zeit, weil ich einen Termin beim Zahnarzt hatte. Am nächsten Tag wiederkommen? Oder das Buch ausleihen? Beides wäre möglich gewesen – aber nein: Ich wollte das Buch besitzen und nie wieder hergeben. Also schob ich es auf meinem Rücken unter den Hosenbund, wo es niemand unter meiner Jacke sehen konnte, und verließ die Jugendbücherei …“

Schütz atmete tief durch. Thorsten hatte das Buch geklaut. Typisch für ihn, dass er freimütig darüber schrieb, obwohl er sich der Unrechtmäßigkeit seines Tuns bewusst sein musste. Literarisch war der Text eine glatte Eins, aber … „Über den Inhalt müssen wir reden“, schrieb Schütz unter die Note.

Zwei Tage später, nachdem er die korrigieren Aufsätze an die Schüler verteilt hatte, stellte er Thorsten in der Pause zur Rede. „Du wirst mir morgen das gestohlene Buch übergeben, ich bringe es für dich in die Jugendbücherei zurück. Vielleicht hat noch niemand gemerkt, dass es fehlt.“

„Danke, das Sie mich schützen wollen“, antwortete Thorsten schnippisch, „aber ich denke nicht daran. Ich will das Buch behalten.“

„Dann muss ich den Diebstahl melden. Name von Autor und Buchtitel habe ich mir notiert.“

Thorsten zuckte die Schultern. „Wenn Sie meinen.“

Am Nachmittag ging Schütz zur Jugendbücherei und bot der Bibliothekarin an, das gestohlene Buch zu ersetzen und damit die Sache abzuhaken. Sie runzelte die Stirn. „Uns ist nicht aufgefallen, dass etwas fehlt. Ich schau mal nach.“ Sie rief in der Datenbank die Registriernummer des Buchs auf und machte sich auf den Weg zu dem Regal, wo es stehen sollte. Schütz folgte ihr. Ein kurzer Blick ihres geschulten Auges, und schon griff sie das angeblich gestohlene Buch heraus. „Es steht hier, genau an seinem Platz.“ Sie lächelte. „Wissen Sie, ich habe bei Aufsätzen auch oft Geschichten erfunden, wenn ich nichts Besonderes zu berichten hatte.“

Schütz stand da wie ein begossener Pudel. Er hätte es wissen müssen! Zähneknirschend entschuldigte er sich für die Belästigung und eilte nach Hause.

Beim Betreten des Klassenraums am nächsten Morgen fiel sein erster Blick auf Thorsten, der ihm, statt tot vom Stuhl zu rutschen, breit entgegengrinste. „Du missratenes Früchtchen!“, zischte Schütz ihn an. „Warum hast du mir gestern nicht gesagt, dass die Geschichte mit dem geklauten Buch nur ausgedacht war?“ Thorsten machte einen Schmollmund. „Ooch, ich fand es einfach rührend, wie Sie sich vor mich gestellt haben, und da wollte ich Ihnen den Spaß nicht verderben.“

Schütz wäre vor Zorn beinahe an die Decke gegangen, aber er beherrschte sich, laut zu werden. „Du hast mich bis auf die Knochen blamiert, du … du … du …“

„Schwerenöter!“, half ihm Susanna über die Klippe, und die Klasse brach in Gelächter aus. Das von jeder Häme freie Lachen der Jugendlichen war so herzlich, dass Schütz seinen Zorn davonfliegen ließ und mit ihnen lachte. Worüber sollte er sich eigentlich beklagen? Er hatte einen Stapel langweiliger Aufsätze zu korrigieren gehabt und deshalb mit seinem Schicksal gehadert. Dann jedoch hatte ihm Thorsten einen wundervollen Aufsatz präsentiert, der ihm einige Tage Abkehr von der Routine brachte. Und damit war die wiedergekehrte gute Laune für den Rest der Woche gerettet.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für In der Jugendbücherei

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.

1998 © poetry.de