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| Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte. |
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#1 |
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Nein, der „Alte…..“ ist heute nicht dran - vielleicht ein anderes Mal - aber…
…über meinen Onkel dieses Namens möchte ich berichten. Er arbeitete als Oberkellner in Königsberg und in der Mittagspause führte sein Weg durch unsere Straße. Wir Geschwister passten ihn manchmal ab, da er uns immer fünfzig Pfennige für ein Eis schenkte. Vor über siebzehn Jahren ging unsere letzte Busreise nach Griechenland. Es fiel mir ein Mitreisender auf, der meinem Onkel sehr ähnlich sah. Als ich den Mann darauf ansprach und auch dass…, zückte er spontan sein Portemonnaie und legte mir ein Fünfcentstück in die Hand. Natürlich wehrte ich ab, aber seine Frau meinte: machen Sie doch ruhig den Spaß mit. Meine Ziererei nützte nichts. Nach Kriegsende landete Onkel Fritz in Traunstein / Oberbayern und er erfuhr erst vier Jahre später, dass seine Frau Hertha - Schwester meiner Mutter - und deren erst zweiundzwanzigjährige Tochter Helga in Königsberg umgekommen waren. Wir hätten sicher nie von dem Schicksal der Beiden erfahren, wenn nicht Ulla, Helgas Freundin, uns hätte ausfindig machen können. Mit ihrer Adoptivmutter wurde sie vier Jahre nach Ende des Krieges in Königsberg ausgewiesen und sie landeten in Sachsen. Unsere Familie lebte seinerzeit in Thüringen. Onkel Fritz unterstützte Oma, seine Schwiegermutter, finanziell bis zu ihrem Tod neunzehnhundertachtundvierzig, da sie eine sehr kleine Rente bezog. Sie erfuhr also nie, was mit ihrer zweiten Tochter und Enkelin Helga geschehen war. Die Ungewissheit war sicher unerträglich. Anfang der sechziger Jahre besuchte ich für ein paar Tage eine Schulfreundin in München. Zu dem Zeitpunkt war mir nicht aufgefallen, dass Onkel Fritz auf meine letzte Weihnachtspost gar nicht reagiert hatte. Meist wurden nur kurze Grüße zu Festlichkeiten ausgetauscht. Von München aus kündigte ich per Karte meinen Besuch an und freute mich schon auf das erste Wiedersehen mit meinem Onkel nach zwanzig Jahren. Auf mein Klingeln reagierte niemand. Ich wusste, dass er viele Jahre als Untermieter bei der Witwe H. wohnte. Wandte mich dann an eine Nachbarin, die mir zumindest berichten konnte, dass mein Onkel bereits vor einigen Monaten verstorben war. Auch mein zweites Klingeln am Nachmittag wurde ignoriert. Gegenüber befand sich ein Gasthaus. Einige Männer saßen an ihrem Stammtisch und baten mich dazu. Somit erfuhr ich unter anderem, dass der Hund von Frau H. noch Tage nach dem Begräbnis meines Onkels immer zu dem Grab gelaufen wäre und herumgewühlt hätte. Die Männer lobten ihn sehr, er wäre ein feiner Kerl gewesen. Auch erzählten die Männer, dass vor etwa vier Wochen in demselben Zimmer, das mein Onkel bewohnt hatte, eine Frau, Mutter von drei Kindern, von einem wesentlich jüngeren Jugoslawen umgebracht wurde. Sie soll eine attraktive Frau gewesen sein, die als Kellnerin arbeitete und vermutlich war das Motiv Eifersucht. Danach konnte ich verstehen, warum Frau H. mich nicht empfangen wollte, obwohl sie sicher meine Karte und Ankunftszeit gelesen hatte. Vermutlich führten die Beiden eine „Onkelehe“ und das versuchte man sicher zu verbergen. Frau H. hätte zumindest die Verwandten benachrichtigen können, nachdem Onkel Fritz verstorben war. Wie schade, dass ich den feinen Kerl, meinen Onkel Fritz, nicht als Erwachsene bewusster kennenlernen und wahrnehmen durfte. Einige handgeschriebene Briefe von ihm besitze ich noch. Ich werde ihn immer in guter Erinnerung behalten. |
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