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Alt 23.08.2024, 15:11   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Wie Jonas

An Jonas gab es nichts auszusetzen. Er war einsachtzig groß, schlank und muskulös, denn er achtete auf mäßige und gesunde Ernährung und spielte in einer Handballmannschaft. Er hatte die schmale Taille und die breiten Schultern eines durchtrainierten Athleten. Sein Gesicht wies klassische Züge auf: breite Stirn, nicht zu eng stehende Augen, hohe Wangenknochen, gerade Nase, geschwungene Lippen, kräftiges Kinn. Sein Hals war breit und schien seinem Kopf, der mit einem Schopf brünetten Haars gesegnet war, einen sicheren Halt zu geben. Kurz: Jonas war das Bild eines attraktiven Mannes, der fest im Leben zu stehen und nicht schnell den Kopf zu verlieren schien.

Wäre da noch ein Thema: Was Sex betraf, erwies sich Jonas als ein "dem Hofe verantwortungsvoller Hahn". Er vernachlässigte keine der Hennen in seinem näheren Umfeld, also sagen wir, im Quadrat von fünf Kilometern, und beugte so jeglichen Eifersüchteleien vor. Wer hätte es ihm verdenken können, als Hahn im Korb für Fruchtbarkeit und viele Eier zu sorgen? Unser täglich Frühstücksei gebe uns heute …

An Jonas war alles perfekt. Solange er nackt war.

Angezogen war er ein Ausbund an Peinlichkeit. Sehen lassen konnte ich mich mit ihm, seit wir ein Paar wurden und Jonas wild entschlossen gewesen war, mich zu heiraten, in der Öffentlichkeit nicht mehr.

Ich bin weißgott kein Etikettenfetischist, wenn es um das Outfit zu bestimmten Gelegenheiten geht. Mir ist scheißegal, ob jemand in Satinhosen oder in Jeans in die Oper geht. Aber wenn Jonas sich anzieht, ist "scheißegal" milde ausgedrückt. Wenn ich bei meinen stinknormalen Freunden, die sich nach heutigen Maßstäben stinknormal anziehen, eingeladen bin, und wenn ich mich zu diesem Treff stinknormal angezogen habe, will ich nicht in Begleitung eines Menschen auftauchen, der von einem anderen Planeten zu stammen scheint.

Eine Jeans, die zwei Nummern zu groß ist, kann ich wegstecken, solange sie nicht von den Hüften rutscht. Es macht mir auch nichts aus, dass sie ausgewaschen ist und Risse enthält. Aber bei der grauen Jodeljacke mit grüner Einfassung und dem Abzeichen eines Bergsteiger- oder Edelweiß-Clubs bekommt meine Toleranz einen Knacks. Und vor dem Tirolerhut geht sie endgültig in die Knie. Wenn ich dazu die türkisfarbene Krawatte um ein rosa Hemd mit Stehkragen sehe, mache ich die Augen zu. Dann greife ich zum Telefon und sagte: "Wir kommen nicht. Jonas geht's nicht gut."

Die Freude, mich mit Bekannten zu treffen, ist geschmolzen. Die Lust auf Sex mit Jonas auch. Wenn ich ihm die Jodelklamotten vom Leib reiße und auf zerrissene Unterhemden treffe, macht das etwas mit dem Empfinden für Schönheit und Harmonie. "Warum lässt du die Unterhemden nicht nähen oder kaufst dir neue?" Antwort: "Wozu? Sie sind kaputt, aber sauber."

Jonas' Verhalten wäre verständlich, wäre er ein armer Mann, der jeden Cent zwischen zwei Fingern tanzen lassen muss, ehe er herausfindet, ob er sich einen Apfel kaufen kann oder noch eine Nacht hungrig verbringen muss. Ist er aber nicht. Er ist dank seines Elternhauses Millionär.

Wenn ich ihm Vorhaltungen wegen solcher Nachlässigkeiten mache, wendet er sich von mir ab
Vielleicht, denke ich, kann es einem Millionär scheißegal sein, ob jemand ihn peinlich oder "cool" findet.

Und hier stehe ich an dem Punkt, wo ich mich frage: "Wieso kann ich nicht wie Jonas sein?" Auch ohne Millionen Euro auf irgendwelchen Bankkonten.

23.08.2024
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Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
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