![]() |
|
|
|||||||
| Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte. |
![]() |
|
|
Themen-Optionen | Thema durchsuchen |
|
|
#1 |
|
Die staubige Schlange
(erzählt von Layla, 11 Jahre alt) Die Sonne hängt jeden Tag wie ein rostiger Nagel über uns. Sie brennt, bis man glaubt, dass sogar die Luft zu Staub zerfällt. Ich halte Tariks Hand fest, viel zu fest, ich weiß. Er ist erst sechs. Manchmal wimmert er und versucht, sich loszumachen, aber ich lasse ihn nicht los. Wenn ich loslasse, habe ich Angst, dass er verschwindet. Wir stehen in der Schlange. Sie windet sich durch den Sand, Menschen wie Schatten, die nur noch aus Knochen bestehen. Alle warten auf eine Handvoll Essen. Manchmal glaube ich, dass es gar nicht um Essen geht, sondern nur darum, zu überleben, bis der Abend kommt. Bevor die Fremden kamen, war unser Land schon wie ein Gefängnis. Man durfte nichts sagen, nirgendwo hingehen. Aber seit die Soldaten alles übernommen haben, ist selbst der Himmel hinter Stacheldraht. Jeden zweiten Tag geben sie Rationen aus. Wenn der Lastwagen kommt, starren alle wie Tiere auf Wasser und Essen. Manchmal schießen sie einfach, wenn jemand zu schnell rennt. Manchmal stirbt jemand. „Layla, hab ich heute Pech?“ flüstert Tarik. Seine Stimme ist so leise, dass ich sie fast nicht höre. „Nein“, sage ich. „Heute sind wir schnell. Heute kriegen wir etwas.“ Ich versuche zu lächeln, aber meine Lippen sind rissig und trocken. Ein Schrei reißt plötzlich alles auseinander. Jemand fällt. Dann knallt ein Schuss, so laut, dass mir die Ohren brennen. Alle drängen, schubsen, stolpern. Ich reiße Tarik zu Boden, presse ihn unter mich, bis wir den Staub in Mund und Nase schmecken. Als es wieder still wird, stehen wir auf. Ich kann nicht weinen, nicht hier. Wir kriechen vorwärts, Schritt für Schritt. Es ist kein Hunger mehr, der uns antreibt. Nur noch dieser Wille, nicht zu sterben. Endlich sind wir vorn. Der Soldat schaut mich nicht mal an. Er wirft mir eine kleine Tüte zu, so leicht, dass ich sie fast nicht spüre. Aber für mich ist sie schwer, schwer wie Hoffnung. Ich nehme Tariks Hand wieder und wir laufen zurück. Er sagt nichts mehr, er drückt nur meine Finger. Ich drücke zurück. Draußen warten Staub, Hitze und Angst. Aber heute haben wir etwas zu essen. Heute sind wir noch da. Das Tagebuch von Layla Tag 1 Ich habe einen Stift gefunden. Und Papier, das der Wind vor unser Zelt getragen hat. Vielleicht schreibe ich auf, was wir sehen, damit ich nicht vergesse, dass wir einmal mehr waren als Hunger und Staub. Heute war Essensausgabe. Ich hielt Tariks Hand so fest, dass meine Finger rote Spuren auf seiner Haut hinterlassen haben. Wir bekamen ein kleines Päckchen Mehl und ein paar Datteln. Auf dem Rückweg kamen Männer. Sie nannten sich Befreier. Sie sagten, sie brauchen Kraft, und nahmen uns fast alles weg. Tarik weinte, ich nicht. Ich darf nicht weinen. Tag 3 Manchmal wünschte ich, wir könnten uns unsichtbar machen. Heute mussten wir wieder das Camp verlassen. Wir packten die Zelte, zogen weiter, bis wir einen neuen Ort fanden. Die Städte sind Ruinen, die Dörfer verbrannt. Wenn wir Glück haben, schlafen wir in Häusern ohne Dächer. Tag 5 Tarik fragt mich: „Layla, warum sind die Leute so böse?“ Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil Angst größer ist als das Herz. Vielleicht, weil Hunger den Menschen zu einem Tier macht. Heute fiel ein Schuss in die Menge. Ich habe nur seine kleine Hand gespürt und bin gerannt. Manchmal denke ich: Eines Tages wird er nicht mehr aufstehen. Tag 8 Ich versuche, mich an Zuhause zu erinnern. Ich weiß noch, wie unsere Küche roch: nach Brot und Minze. Aber das Bild wird blasser, als würde es im Wind davonfliegen. Tag 12 Heute gab es ein Stück Brot. Wir haben es geteilt. Danach hat Tarik gelächelt. Sein Lächeln ist das Einzige, was mich noch daran erinnert, dass wir leben. Tag 15 Ich erinnere mich an den Anfang. Unser Land griff an. Die Erwachsenen jubelten, als wäre Krieg ein Fest. Ich hatte nur dieses schwere Gefühl im Bauch. Und jetzt – jetzt bezahlen wir den Preis. Tag 19 Erst kamen die Bomben. Dann die Soldaten. Sie sagen, sie bringen Ordnung. Alles, was ich sehe, ist Staub. Tag 21 Die, die sich Befreier nennen, verstecken sich zwischen den Menschen, die unschuldig sind. Sie benutzen sie wie Schilde. Und wenn die anderen schießen, sterben die Falschen. Immer sterben die Falschen. Und die Befreier? Sie schreien, sie schlagen, sie nehmen unser Essen. Sie sind nicht besser. Tag 26 Wer leidet? Die Bevölkerung, sagt mein Onkel. Er meint: wir. Niemand fragt uns, auf welcher Seite wir stehen. Wir sind nur Steine, die von beiden Seiten getreten werden. Tag 30 Manchmal wache ich auf und weiß nicht, ob ich träume oder wach bin. Alles ist gleich: Staub, Hunger, Angst. Manchmal wünsche ich mir einen einzigen Tag, an dem niemand schreit. Tag 33 Heute sind wir wieder weitergezogen. Ich trage Tarik auf dem Rücken, wenn er nicht mehr kann. Unsere Zelte sind wie Vögel: immer im Aufbruch, immer auf der Flucht. Tag 36 Die Nacht in der meine Eltern starben, werde ich nie vergessen. Seit dieser Nacht bin ich kein Kind mehr. Die Bomben kamen wie Feuer vom Himmel. Der Himmel war rot und schwarz, das Dach unseres Hauses stürzte ein. Mama und Papa waren darin. Ich fand ihre Hände nicht mehr. Ich nahm Tarik und seitdem renne ich. Nicht nur mit den Füßen, auch in meinem Kopf. Tag 40 Tarik fragt manchmal nach Mama. Er sagt, er erinnert sich an ihren Duft. Ich nicht mehr. Ihr Gesicht verschwimmt, wie eine Kreidezeichnung im Regen. Das macht mir Angst. Ich darf nicht weinen. Ich muss stark sein. Tag 44 Alles, was zählt, ist, dass Tarik lebt. Dass er nicht verhungert. Für ihn würde ich alles tun. Auch stehlen. Auch lügen. Vielleicht ist das falsch. Aber es ist das Einzige, was ich noch weiß. Tag 47 Vielleicht, vielleicht gibt es Hoffnung. Heute hörte ich ein Radio. Eine kleine Kiste mit Stimmen, die weit weg klangen. Sie sagten: Verhandlungen. Sie sagten: Die Welt will nicht länger zuschauen. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Aber allein diese Worte haben in mir ein kleines Licht angezündet. Tag 50 Seitdem träume ich von einem Tag, an dem Tarik wieder lachen kann, ohne Angst. Von einem Himmel ohne Stacheldraht. Tag 53 Hoffnung tut weh. Sie ist wie ein Splitter im Herzen. Aber ich kann nicht aufhören, mir heimlich Geschichten zu erzählen von einem Morgen ohne Hunger. Tag 60 Wieder spricht das Radio. Die Stimmen sagen, dass die Waffen bald schweigen. Tarik malt Häuser in den Sand und flüstert: „Vielleicht wohnen wir wieder in einem.“ Tag 67 Heute war es still. Keine Schüsse, kein Befehl zu packen. Nur der Wind. Die Stille war so fremd, dass sie in meinen Ohren wehtat. Vielleicht reden sie wirklich, statt zu schießen. Tag 75 Heute habe ich etwas gehört, das ich fast vergessen hatte: Kinderlachen. Ein Junge schenkte Tarik einen Ball aus Lumpen. Für einen Augenblick war der Krieg weg, als hätte ihn jemand ausradiert. Etwas in mir ist aufgewacht. Tag 90 Man sagt, wir dürfen bald in eine Stadt ziehen. Nicht in unsere – die gibt es nicht mehr. Aber in eine Stadt mit Häusern. Und vielleicht mit einer Schule. Ich habe Angst, dass es nur Worte sind. Aber ich glaube daran. Man muss an etwas glauben, wenn man sonst nichts hat. Tag 100 Heute kam die Nachricht: Die Waffen schweigen. Die Soldaten ziehen ab. Vielleicht nur für eine Weile, aber für uns ist selbst eine Weile ein Wunder. Heute schlafen wir, ohne die Bündel zu packen. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. Neben mir atmet Tarik ruhig. Sein Gesicht ist weich, wie in den Tagen, bevor alles begann. Ich schreibe das auf, weil es das Schönste ist, was ich im Moment kenne. Vielleicht gibt es morgen ein kleines Stück Leben. Vielleicht, ich muss weinen, vielleicht, beginnt Frieden damit, dass man zum ersten Mal wieder wagt, zu träumen. |
|
|
|
|