Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Kolumnen, Briefe und Tageseinträge

Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 27.08.2025, 18:32   #1
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.174

Standard Der Wurm im Schatten der Amsel

Ich will nie wieder zwanzig sein. Nie mehr so schafsköpfig und leicht über den Tisch zu ziehen wie damals. Nicht mehr die Maiglöckchen, die Sonnenblumen, die Kirschen tragenden Bäume und die glitzernden Weihnachtstannen sehen, im naiven Glauben verharrend, die Jahreszeiten kehrten in freundlicher Wiederholung immer wieder - wie der Gongschlag einer Uhr.

Ich will nicht mehr dreißig sein und so verrannt wie damals, als ich glaubte, die Probleme der Welt erkannt zu haben und zu wissen, wie man sie löst. Als ich in Reih und Glied marschierte, mit gestreckter Faust Parolen skandierte und glaubte, damit die Siebenschläfer der Gesellschaft zu wecken. Nie wieder will ich Energie daran vergeuden, die Lehre zu ziehen, dass ich nichts bin als ein Wurm, dem ständig der Schatten einer Amsel droht, die mich aus meinem Erdloch ziehen könnte.

Ich will nicht mehr vierzig sein, an Leib und Geist müde, ausgelaugt, verbraucht und verlustig aller Illusionen. Erst recht nicht fünfzig oder sechzig, wenn mir mein kleiner Teufel auf der Schulter klebt und Tag und Nacht ins Ohr raunt: „Was hast du mit dem Juwel gemacht, das dir gegeben war?“

Nichts, lautet meine Antwort.

Jetzt bin ich alt, steinalt und willig, das Juwel zurückzugeben, das zu tragen ich nie verstand. Ich stehe vor Gevatters Schippe, und es obliegt seiner Laune, wann er den Feger in die Hand nimmt und mir damit in den Rücken fährt.

Ich werde nicht in einem Kahn über ein Gewässer zu einem neuen Ufer gerudert werden, sondern wie ein abgenagter Knochen auf einer Müllkippe landen. Habe ich es anders verdient?
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.09.2025, 17:37   #2
männlich Perry
 
Benutzerbild von Perry
 
Dabei seit: 11/2006
Alter: 73
Beiträge: 3.952

Standard Hallo Ilka-Maria,

eine traurige Lebensbilanz, die das LI hier zieht.
Das Leben fragt nicht dannach wie es dem einzelnen geht, sondern danach wie es sich möglichst gut vermehren kann. Bleibt nur zu hoffen, dass der Lebensfunke irgendwie überspringt und weiterbrennt.
Gern mitgehadert aber auch gehofft.
LG
Perry
Perry ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.09.2025, 18:31   #3
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 33.174

Zitat:
Zitat von Perry Beitrag anzeigen
Das Leben fragt nicht dannach wie es dem einzelnen geht, sondern danach wie es sich möglichst gut vermehren kann.
Da sehe ich anders Perry. Der Mensch ist mehr als Trieb. Man sagt immer, Frauen würden als Gebärmaschinen angesehen, aber mit Männern geht man nicht anders um, wenn man sie auf Triebhaftigkeit, Vermehrung ihrer Gene und Arterhaltung reduziert. Man deklariert sie zu hormongesteurten Zuchthegsten, die nur daran denken, wie sie die nächste Stute besteigen können. Damit wird man den Männern, die ich für wunderbare Menschen halte, nicht gerecht. Auch Männer haben Gefühle und wollen geliebt werden. Sie wollen Bindung, Familie, Kinder und wissen, wohin sie gehören. Und sie wissen durchaus, ihr Triebe zu steuern. Dafür sind sie nämlich mit Verstand und Vernunft ausgestattet. Wie die meisten Menschen. Aber Verstand und Vernunft wird uns Menschen, Frauen wie Männern, einfach abgesprochen. Cui bono? Warum will uns der Staat auf der Stufe unmündiger Kinder halten?

Cui bono?

Einfach mal die Ohren zumachen für diesen ganzen ideologischen Scheiß, der einem tagtäglich um die Ohren geballert wird, und sein Leben danach leben, wie man es mit dem Menschen, den man liebt und mit dem man sich einig ist, für richtig hält.
__________________

Workshop "Kreatives Schreiben":
http://www.poetry.de/group.php?groupid=24
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.09.2025, 20:41   #4
männlich Perry
 
Benutzerbild von Perry
 
Dabei seit: 11/2006
Alter: 73
Beiträge: 3.952

Standard Hallo Ilka-Maria,

da stimme Ich Dir voll zu, aber mit "das Leben" meinte Ich die menschliche Evolution, die schert sich wenig bis gar nicht um den Einzelnen.
Wenn man nichts erwartet aber alles gibt, dann kann das Leben auch Erfüllung sein!
LG
Perry
Perry ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Der Wurm im Schatten der Amsel

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.

1998 © poetry.de