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Alt 26.08.2025, 13:06   #1
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Standard Heidenangst 2, Der Gläubige

Heidenangst – Wien 2045

Prolog: Die neue Stadt

Wien, im Jahr 2045.
Die Scharia herrscht.

Es begann mit Fahnen und Gesetzen, mit Stimmen, die immer lauter wurden. Manche widersprachen, leise, vorsichtig. Doch nach ein paar Jahren schwieg der Widerstand. Was blieb, war Gehorsam.

Die Stadt sieht nicht mehr aus wie die Stadt meiner Jugend.
Die Kirchen tragen Halbmonde. Der Stephansdom heißt jetzt Große Moschee. Die Glocken schweigen. Stattdessen ruft der Lautsprecher, fünfmal am Tag, lauter als der Wind.

Auf den Straßen siehst du die Strafen. Männer ohne Hände, Frauen mit leeren Blicken, Steine auf dem Pflaster, noch rot gefärbt vom letzten Urteil. Es ist nicht mehr verborgen, nicht mehr heimlich.

Die Härte ist offen, gewollt, ein Schauspiel der Macht.
Die Wächter nennen es Reinheit.

Ich nenne es Furcht.

Ich bin Muslim. Aber nicht ihr Muslim.
Mein Name ist Asik.

Ich glaube an Gott.

Aber nicht an ihr Gesetz.

Die Wächter nennen mich Heuchler.
Meine Nachbarn nennen mich Feind.
Und ich sitze dazwischen, unsichtbar, ohne Ort, ohne Vertrauen.

Denn hier, in dieser Stadt, ist ein Muslim, der nicht schreit, genauso verdächtig wie ein Heide, der nicht kniet.

Sie sagen, die Stadt sei rein.
Doch ich sehe nur Blut.

Und manchmal frage ich mich:
Bin ich überhaupt noch jemand?
Oder nur der Schatten zweier Ängste?

Kapitel 1 – Das Gebet

Der Lautsprecher krächzte, bevor die Stimme kam.
„Erscheinen ist Pflicht. Das Abendgebet beginnt in fünf Minuten.“

Ich stand am Fenster, aber ich ging nicht hinaus.

Die Straße füllte sich mit Gestalten. Männer mit gesenktem Blick. Frauen im gleichen Tuch, jede Bewegung gleich, jede Stimme verschluckt.
Und zwischen ihnen: die Wächter.

Ihre Augen waren schärfer als jedes Messer.

Ich blieb zurück.
Ich betete. Aber ich tat es leise, ohne Lautsprecher, ohne Regeln, nur in meinem Zimmer.

Und ich wusste, dass selbst das eine Schuld war.

Drei Minuten später klopfte es.
Nicht laut.
Aber ich wusste sofort, wer es war.

Ich öffnete.
Zwei Wächter standen da, jung, hungrig, ihre Blicke härter als ihre Stimmen.
„Warum warst du nicht unten?“

Ich schwieg.

„Wir haben deinen Namen auf der Liste. Du warst nicht da.“

Ich hob meine Hände. „Ich habe gebetet. Hier. In meiner Wohnung. Gott braucht kein Publikum.“

Sie lachten nicht.

Einer trat näher, so nah, dass ich seinen Atem roch.

„Sag so etwas nicht noch einmal. Gott ist groß – aber er sieht dich nur, wenn wir es sagen.“

Dann gingen sie.
So still, wie sie gekommen waren.

Ich schloss die Tür.
Aber in mir blieb das Beben.

Kapitel 2 – Die Blicke

Am Morgen roch die Stadt nach Staub.
Nicht nach Regen, nicht nach Brot. Nur nach Staub.

Ich ging hinaus, langsam, mit den Schritten eines Mannes, der nicht auffallen wollte.

Die Straßen waren voller Stimmen, aber keiner sprach wirklich. Es waren Worte, die nichts bedeuteten. Gebetsformeln, Befehle, Phrasen, die jeder wiederholte, ohne sie zu fühlen.

Ich trug kein Abzeichen.
Nur mein Gesicht.
Und mein Gesicht reichte aus, damit sie mich ansahen.

Die Alten auf den Bänken sahen mich an, als wäre ich ein Verräter.
Die Jungen mit den grünen Schals sahen mich an, als wäre ich ein Feigling.

Ich war beides nicht.
Aber in dieser Stadt entscheidet nicht, was du bist.
Es entscheidet, was sie in dir sehen.

Am Markt standen zwei Wagen. Gemüse, trocken, fast verfault. Daneben Fleisch, aber nur für jene mit Marken.

Ich hatte keine Marke.
Der Wächter an der Ecke sah mich.
Er war jung, kaum älter als zwanzig. Seine Augen waren kalt wie Glas.
„Du warst gestern nicht beim Gebet.“
Seine Stimme war leise, aber alle hörten sie.

Die Köpfe drehten sich.
Ich spürte, wie die Blicke schwerer wurden als Steine.
Ich antwortete: „Ich habe gebetet. Hier in meinem Herzen.“

Er lächelte nicht.
„Herzen zählen nicht. Listen zählen.“

Er drehte sich weg, als hätte er schon genug gesagt.

Aber die Blicke blieben.

Von den Nachbarn. Von Fremden. Von Kindern.
Ich ging nach Hause.
Ohne Brot. Ohne Marke.
Und mit den Blicken im Rücken.

Es ist nicht Gott, vor dem ich Angst habe.
Es sind die Menschen, die in seinem Namen reden.

Kapitel 3 – Der Imam

Ich traf ihn auf dem Weg zurück.
Eine kleine Moschee, unscheinbar, halb verfallen, die Fenster mit Staub blind.
Niemand ging hinein. Niemand wagte es.

Nur ich.

Drinnen war es kühl.

Kein Lautsprecher, keine Kameras. Nur ein Mann, der den Boden fegte.

Er war alt, sein Bart weiß, seine Augen voller Müdigkeit.

„Du kommst spät“, sagte er leise.

Seine Stimme war kein Befehl. Sie war wie ein Atemzug.
Ich setzte mich.

Er stellte den Besen weg, kniete sich neben mich.
„Du warst nicht beim Gebet gestern. Sie haben nach dir gefragt.“
„Ich habe gebetet“, antwortete ich. „Aber nicht mit ihnen.“

Er nickte. Langsam. Bedächtig.

„Dann hast du es richtig gemacht.“
Ich sah ihn an. „Sie nennen uns Heuchler.“
Er lächelte bitter. „Weißt du, was das Wort im Koran bedeutet? Ein Heuchler ist, wer vorgibt zu glauben, aber lügt. Sag mir, lügst du, wenn du betest?“

Ich schwieg.

Er legte seine Hand auf meine Schulter.

„Der Glaube gehört nicht den Wächtern. Er gehört nicht den Parteien. Er gehört nicht einmal den Lautsprechern. Der Glaube ist still. Und genau das macht ihnen Angst.“

Ich spürte, wie meine Kehle eng wurde.
„Sie beobachten mich“, flüsterte ich.
„Dann beobachte zurück.“
„Wie meinst du das?“

Er zog ein kleines Buch aus seiner Tasche. Abgenutzt, mit Eselsohren. Kein Koran, kein Gesetzbuch.

Gedichte.
Rumi, Hafis, alte Verse, die von Liebe sprachen, nicht von Regeln.

„Wenn sie dir den Glauben nehmen wollen“, sagte er, „dann musst du dich an die Worte erinnern. Worte sind gefährlicher als Waffen.“

In diesem Moment hörte ich draußen Schritte.
Die Schatten der Wächter fielen durch die Türspalte.
Der Imam sah mich an, und in seinen Augen war weder Angst noch Zorn.
Nur Ruhe.

„Geh jetzt“, flüsterte er. „Wenn sie mich holen, darfst du nicht hier sein.“

Ich wollte widersprechen.
Aber ich sah seine Augen und wusste, dass er längst entschieden hatte.

Ich ging.
Die Tür fiel leise hinter mir ins Schloss.
Und als ich die Straße hinunterging, hörte ich Stimmen, hart und kalt.

Dann einen Schrei.

Dann Stille.

Kapitel 4 – Die Worte

Das Buch lag auf meinem Tisch.

Die Seiten rochen nach Staub und Händen.

Ich schlug es auf.
Die Worte waren fremd und nah zugleich.

„Wo die Angst wohnt, da fehlt die Liebe.“

Ich las sie wieder und wieder, bis sie in mir hingen wie ein Herzschlag.
Am nächsten Tag traf ich Frau Müller im Treppenhaus.
Ihre Augen waren leer, ihre Hände zitterten, sie trug den Eimer wie ein Stein.
Ich hielt das Buch an meine Brust, als wolle ich es verbergen.

Doch dann, als wir nebeneinander standen, sagte ich leise, kaum hörbar:
„Manchmal wächst eine Blume auch im Schatten.“

Sie sah mich an. Ein kurzer Blick.
Dann nickte sie, und für einen Moment war in ihren Augen etwas, das ich vergessen hatte: Wärme.

Ich begann, die Verse weiterzugeben. Nicht als Buch, nicht als Schrift, nur als Worte.

Ein Satz hier, ein Satz dort.

Im Flüsterton. Im Vorbeigehen.

Einmal zu einem alten Mann am Markt:
„Auch in der Wüste gibt es Wasser.“

Einmal zu einem Kind, das mich misstrauisch ansah:
„Gott hört auch das Lachen.“

Manche reagierten nicht.
Manche wandten sich ab.
Aber ein paar hielten den Blick.
Ein paar verstanden.

Ich wusste, es war gefährlich.

Ein falsches Ohr, ein falsches Wort – und sie hätten mich.

Doch in mir war etwas erwacht, das stärker war als Angst.
Die Wächter hatten den Imam geholt.

Aber nicht seine Stimme.

Und jede Nacht, wenn ich allein in meiner Wohnung saß, sprach ich die Verse leise in die Dunkelheit.

Nicht für Gott.
Nicht für mich.

Sondern damit die Welt nicht vergisst, dass es noch andere Worte gibt.

Kapitel 5 – Die Katakomben

Die Große Moschee thront über der Stadt wie ein schwarzer Zahn.
Der Turm, einst voller Glocken, trägt jetzt Lautsprecher, die selbst den Himmel zerschneiden.

Doch unter den steinernen Bögen, unter dem Teppich, liegen die Katakomben.
Kalt. Dunkel. Still.

Dort treffen wir uns.

Nicht viele. Fünf, manchmal sechs. Alte Männer, gebrochene Frauen, ein paar Jugendliche, die noch nicht gelernt haben zu schweigen.

Wir sitzen zwischen den Gräbern, zwischen Knochen, die niemand mehr kennt.
Und dort, wo einst Priester gebetet haben, sprechen wir flüsternd Verse, die nicht auf den Listen stehen.

Heute ist auch Aylin da. Fünfzehn, mit Augen, die mehr Fragen stellen, als sie darf.
Sie hält sich dicht an mich, als fürchte sie, die Dunkelheit würde sie verschlingen.

„Sag die Worte“, bittet sie.

Ich öffne das Buch, das der Imam mir hinterlassen hat. Kein Gesetzbuch, kein Befehl. Nur Gedichte, uralte Verse, die von Liebe sprechen und von Hoffnung.
Ich lese:

„Wo die Angst wohnt, wächst auch der Mut.“

Unsere Stimmen hallen kaum. Doch in den Gesichtern sehe ich etwas aufleuchten.
Für einen Moment sind wir keine Heiden, keine Heuchler, keine Verräter.

Wir sind Menschen.

Über uns, in der Moschee, hallen die Rufe zum Gebet. Laut, befehlend.
Doch hier unten, zwischen Stein und Staub, gibt es ein anderes Gebet.
Ein leises.
Ein verbotenes.

Und während ich lese, weiß ich:
Die Strafen werden härter. Die Amputationen. Die Steinigungen.
Aber auch die Furcht, die sie säen, wächst in Hass.
Sie werden radikaler.

Und wir?
Wir werden leiser.

Doch manchmal genügt ein Flüstern, um die Dunkelheit zu durchbrechen.

Kapitel 6 – Der Verdacht

Die Katakomben rochen nach kaltem Stein, nach Schimmel und Erde.
Wir hatten die Kerze gelöscht, als wir die Schritte hörten.

Oben, in der Moschee.

Schwere Stiefel.

Ein rhythmisches Knallen, das durch die Gewölbe tropfte wie Wasser.
Wir hielten den Atem an.
Niemand sprach. Niemand bewegte sich.
Nur Aylin zitterte. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter.
Die Stimmen hallten.

Dann Stille.

Dann wieder Schritte.

Sie suchten. Noch nicht hier, aber nah.
Wir warteten, bis das Echo verklang.
Minuten, vielleicht Stunden.

Schließlich erhob sich Frau Müller. Ihre Hände zitterten, doch ihre Stimme war fest.

„Sie ahnen es. Wir können nicht mehr so weitermachen.“
„Und wenn wir aufhören?“, fragte der Junge vom Markt. „Dann haben sie gewonnen.“

Seine Stimme brach, aber er hatte recht.
Wir alle wussten es.
Ich schlug das Buch auf.
Die Seiten waren feucht von meiner Hand.

Ich las:
„Sie können dir die Hand nehmen, aber nicht die Stimme.“

Aylin wiederholte es flüsternd.
Noch einmal.
Noch einmal.
Bis die Worte in der Dunkelheit hingen wie ein stiller Schwur.
Wir wussten, dass wir entdeckt werden würden. Früher oder später.

Denn in dieser Stadt gibt es keine Heimlichkeiten.

Doch solange wir hier unten saßen, unter den Steinen der alten Kirche, gab es uns noch.

Und manchmal genügt das.

Kapitel 7 – Die Straße

Am Morgen stieg ich die Stufen hinauf, hinaus aus den Katakomben.

Die Sonne stand schon hoch, aber sie war blass, wie durch einen Schleier.

Die Stadt atmete nicht.
Sie gehorchte.

Auf dem Stephansplatz standen Menschen im Kreis.

In der Mitte kniete eine Frau. Ein Wächter las aus einem Zettel, die Stimme gleichgültig, mechanisch:
„Untreue. Urteil: Steinigung.“
Ich konnte nicht wegsehen.
Die Steine lagen schon bereit, sauber aufgeschichtet, als wären sie Teil des Rituals.

Frauen und Männer hoben sie auf, nicht aus Hass, sondern weil sie mussten.

Die Wächter beobachteten jeden Blick. Wer nicht warf, war selbst verdächtig.

Der erste Stein traf die Frau an der Schulter.
Sie fiel nicht.
Der zweite traf ihr Gesicht.
Dann kamen die anderen.
Ich hörte keinen Schrei.
Nur das dumpfe Schlagen von Stein auf Fleisch.
Und das Schweigen der Menge, schwerer als jedes Wort.

Als es vorbei war, trat ein Wächter vor.
Er hob die Hand, als wollte er ein Gebet sprechen.
„So reinigt sich die Stadt.“

Ich ging weiter.

Meine Beine waren schwer, mein Herz noch schwerer.
Auf dem Weg sah ich zwei Kinder, kaum zehn Jahre alt.
Sie lachten. Nicht über den Tod – sie lachten, weil sie gelernt hatten, dass das normal ist.

An der Ecke saß eine Frau, den Ärmel ihres Kleides leer.
Die Hand fehlte.
Sie hielt den Stumpf verborgen, aber jeder konnte es sehen.

Niemand sprach sie an.
Niemand half ihr.

Ich kaufte ein Stück Brot am Markt.
Der Händler sah mich misstrauisch an, als wüsste er, dass meine Gedanken nicht rein waren.
Ich zahlte schweigend, senkte den Blick.

Auf dem Heimweg hörte ich die Lautsprecher:
„Das Gesetz ist Barmherzigkeit. Das Gesetz ist Reinheit. Das Gesetz ist Freiheit.“

Die Worte hallten durch die Straßen, dröhnten in meinen Ohren, bis sie fast glaubwürdig klangen.

Aber dann erinnerte ich mich an den Kreis, an die Katakomben, an Aylins Stimme.

Und ich wusste:
Das Gesetz ist nur Angst.
Und wir sind die Letzten, die sich daran erinnern.

Kapitel 8 – Die Entscheidung

Die Katakomben waren kälter als sonst.
Die Luft roch nach Kerzenwachs und Moder.
Wir saßen im Kreis, die Gesichter bleich im flackernden Licht.
Keiner sprach zuerst.
Wir alle hatten gesehen, was geschehen war.
Die Frau auf dem Platz.
Die Steine.
Die Kinder, die lachten.

Schließlich war es Frau Müller, die das Schweigen brach.
Ihre Stimme war rau, aber fest.

„Sie wollen, dass wir uns daran gewöhnen. An die Strafen. An das Blut. An die Angst. Aber wir dürfen es nicht. Wenn wir schweigen, ist es so, als hätten wir selbst geworfen.“

Der Junge vom Markt nickte.
„Wir können nicht ewig nur Verse flüstern. Worte sind stark. Aber sie reichen nicht. Irgendwann müssen wir mehr tun.“

„Mehr?“ fragte ich.
Meine Stimme war leiser, als ich wollte.
„Und was heißt das – mehr?“
Er sah mich an, die Augen dunkel, brennend.
„Vielleicht Flugblätter. Vielleicht Botschaften an die Wände. Etwas, das sie sehen. Etwas, das zeigt, dass sie nicht alles unter Kontrolle haben.“

Aylin legte die Hände auf das Buch.
„Aber wenn sie uns erwischen?“ flüsterte sie.
„Dann nehmen sie nicht nur uns. Sie nehmen die Worte. Und dann ist alles vorbei.“

Stille.

Nur das Tropfen von Wasser irgendwo im Gewölbe.

Ich sah sie an, dieses Mädchen, das zu jung war für diese Angst und doch stärker als wir alle.
Und ich wusste: Sie hatte recht.
Die Worte mussten bleiben.
Wenn nicht auf Papier, dann in Herzen.

„Wir gehen nicht an die Wände“, sagte ich schließlich. „Nicht jetzt. Noch nicht. Wir sind zu wenige. Aber wir pflanzen die Worte weiter. In Köpfe. In Stimmen. Wenn einer von uns fällt, müssen die anderen sie tragen.“

Die Gruppe nickte langsam, widerwillig, aber überzeugt.
Es war nicht der große Widerstand, nicht die Rebellion.

Es war nur ein Funken.

Doch manchmal genügt ein Funken.

Über uns, in der Moschee, begann der Ruf zum Abendgebet.
Laut, fordernd, unentrinnbar.

Wir hörten nicht hin.
Wir sprachen leise unsere eigenen Verse.
Und jeder von uns wusste:
Wir hatten eine Entscheidung getroffen.

Keine Waffen. Keine Steine.
Nur Worte.

Und wir würden sehen, ob sie stark genug waren.

Kapitel 9 – Die Verse

Das Buch, ich schlug es auf, dort, wo der Imam einen Faden eingelegt hatte.
Die Schrift war verblasst, aber die Worte glühten wie Feuer.

Ich las.
Leise, damit es nur die Katakomben hörten:
„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ (Rumi)

Die Stille danach war tiefer als jede Predigt.
Ich sah, wie Aylin die Worte mit den Lippen wiederholte.
„Jenseits von richtig und falsch …“
Sie schrieb sie sich ins Gedächtnis, als wären sie ihre eigenen.

Am nächsten Tag hörte ich dieselben Worte wieder.
Nicht in den Katakomben.
Auf dem Markt.

Eine Frau murmelte sie beim Brotstand.
Ein alter Mann nickte und ergänzte:
„Selbst wenn die ganze Welt zerbricht – die Blume des Herzens wächst weiter.“ (Hafis)

Die Wächter standen in der Nähe, aber sie verstanden nicht.
Für sie waren es nur Sätze, harmlos, belanglos.

Doch in den Gesichtern der Menschen sah ich, dass es mehr war.
Die Verse wanderten. Von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr.
Ein paar Tage später tauchte an einer Mauer neben dem Fluss eine Schrift auf, hastig mit Kreide gekritzelt:

„Auch wenn du hundert Male fällst, steh auf und geh weiter.“ (Rumi)

Die Wächter wischten es weg.

Am nächsten Tag stand es wieder da.

Und wieder.

Sie konnten die Worte nicht fassen.
Denn Worte sind wie Wasser.
Je mehr du sie schlagen willst, desto mehr verteilen sie sich.

In den Katakomben erzählten wir uns, was wir gehört hatten.
Ein Vers hier, ein Satz dort.
Wir wussten nicht, wer sie hinausgetragen hatte.
Vielleicht einer von uns.
Vielleicht schon jemand, den wir gar nicht kannten.

Und plötzlich begriff ich:
Die Verse gehörten uns nicht mehr.
Sie waren frei.

Und genau das machte sie so gefährlich.

Kapitel 10 – Die Welle

Es begann mit einem Satz an einer Wand.
Am nächsten Tag waren es drei.
Eine Woche später standen sie in den Gassen, auf Türen, sogar auf den Bänken am Fluss.

„Die Wunden sind der Ort, wo das Licht in dich eintritt.“ (Rumi)
„Selbst wenn der Wein verboten ist – das Herz bleibt durstig.“ (Hafis)
„Lass die Angst, und du bist frei.“ (Rumi)

Die Wächter rieben die Worte weg.
Doch in der Nacht tauchten sie wieder auf.
Und am Morgen flüsterten die Menschen sie wie Gebete.
Auf dem Markt hörte ich eine alte Frau, die ihrem Enkel die Hand hielt.

Sie sagte leise:
„Kind, merk dir: Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort …“

Ihre Stimme brach, doch in den Augen des Jungen glühte ein Funke.
Ich sah Männer mit leeren Ärmeln, Frauen mit verschleierten Gesichtern, Kinder mit steinernen Blicken – und plötzlich hörte ich sie murmeln.

Nicht laut.
Nicht trotzig.
Nur Worte, kaum hörbar, wie Atemzüge:
„Die Blume wächst im Schatten …“
„Das Herz vergisst nicht …“
„Gott hört auch das Lachen …“

Es war, als würde die Stadt ein zweites, unsichtbares Leben bekommen.
Ein Leben, das nicht in den Listen stand.
Ein Leben, das zwischen den Zähnen hervorkroch, zwischen den Mauern hallte, in der Nacht wie ein heimliches Lied schwebte.

Aylin hörte es zuerst.
„Sie sagen die Verse ohne uns“, flüsterte sie in den Katakomben. „Sie haben sie schon, auch ohne das Buch.“
Ihre Augen glänzten.
„Dann können sie uns nicht mehr aufhalten.“
Ich nickte, aber in meinem Inneren wusste ich:
Genau das werden sie versuchen.

Je lauter die Poesie, desto schärfer die Klingen der Wächter.

Und trotzdem – für einen Augenblick wagte ich es zu hoffen.

Vielleicht war Wien nicht mehr nur die Stadt der Angst.

Vielleicht wurde es leise zur Stadt der Verse.

Kapitel 11 – Der Schlag

Sie kamen in der Nacht.

Schwere Stiefel auf den Stufen, Lichtkegel im Gewölbe.

Die Katakomben der Großen Moschee bebten, als die Türen aufbrachen.
„Aufstehen!“

Ihre Stimmen waren hart wie Eisen.
Wir hatten keine Zeit.

Sie rissen uns hoch, schlugen uns gegen die Wände, zerrten uns hinaus.

Das Buch fiel mir aus der Hand, glitt über den Boden.

Ich sah, wie Aylin es aufhob – bevor sie es ihr entrissen.

Wir wurden hinausgeführt, durch die Moschee, über den Platz.
Eine Menge wartete schon, wie immer.
Denn Strafe ist hier kein Geheimnis. Sie ist ein Schauspiel.

Ein Mann mit Turban las von der Liste:
„Anklage: Versammlung ohne Genehmigung.
Anklage: Besitz verbotener Schriften.
Anklage: Verbreitung von Unwahrheit.“

Seine Stimme war kalt.
„Urteil: Tod durch Steinigung.“

Die Menge schwieg.

Dann sah ich Aylin.
Ihre Augen brannten.

Und plötzlich wusste ich: Die Worte waren schon frei. Niemand konnte sie töten.

Ich trat vor, soweit die Ketten mich ließen.
Meine Stimme war brüchig, aber sie trug weit.

„Ihr wollt uns zum Schweigen bringen. Aber hört:
‚Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort – dort treffen wir uns.‘
(Rumi)
Und heute treffen wir uns hier.“

Die Wächter schrien, sie wollten mich niederdrücken.

Doch da hob jemand in der Menge einen Stein.

Nicht gegen mich.
Gegen sie.
Der erste Wächter fiel.
Dann der zweite.
Dann brach es los – ein Sturm aus Händen, ein Regen aus Steinen.
Die Menge hatte jahrelang geworfen, gezwungen, aus Angst.

Jetzt war es kein Zwang mehr.
Jetzt war es Rache.
Jetzt war es Befreiung.
Ich sah, wie die Wächter fielen.

Ihre grünen Schals färbten sich rot.
Ihre Stimmen verstummten unter dem Gewicht der Steine, die sie selbst hatten bereitgelegt.
Und in der Luft lag kein Gebet mehr.

Nur ein einziger Satz, geflüstert, gerufen, geschrien von hundert Kehlen:
„Die Wunden sind der Ort, wo das Licht in dich eintritt!“

Epilog – Wien, 2050

Die Stadt lebt.

Die Glocken des Stephansdoms läuten wieder.

Daneben rufen die Muezzin, und niemand fürchtet den Klang.

Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempel – Türen offen, Stimmen frei.

Fünf Jahre dauerte der Kampf, fünf Jahre aus Angst, Mut, Verrat und Hoffnung.

Am Ende fiel die Herrschaft der Wächter.

Nicht nur durch Waffen, sondern durch Worte.
Durch Menschen, die sich erinnerten, dass Worte stärker sind als Steine.

Aylin lebt.
Sie unterrichtet Kinder – Christen, Muslime, andere.
Sie lehrt sie die Verse, die uns damals retteten:
„Selbst wenn du hundert Male fällst, steh auf und geh weiter.“ (Rumi)

Ich bin alt.
Ich habe überlebt.
Und wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich keine amputierten Hände mehr.

Ich sehe Menschen, die einander die Hände reichen.

Wien ist wieder eine Stadt.

Nicht aus Angst.
Nicht aus Gehorsam.
Sondern aus Stimmen, die frei sind.

Und manchmal, wenn der Wind über den Stephansplatz zieht, glaube ich, die Steine immer noch rollen zu hören.

Aber es sind keine Steine mehr des Hasses.

Es sind Steine, auf denen wir neu gebaut haben.
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