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| Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte. |
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#1 |
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Dabei seit: 07/2015
Ort: Zwischen den Ostseewellen ertrunken
Alter: 43
Beiträge: 5.552
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In einer abgestandenen Hafenbar, wo das schummrige Licht auf alte Holzimitate fiel und die Luft nach Mief und Alkohol roch, saßen zwei alte Seebären an einem Tisch nahe der Toilette. Der eine, ein stämmiger Baumstamm, graublättrig mit tiefen Rindenfalten und einem Bart, der wild zu allen Seiten wucherte, hieß Gunnar. Neben ihm saß Fox, ein drahtiger, wettergegerbter Fuchs mit durchdringenden Augen, der immer ein wenig abgedrifftet in die Ferne glotzte.
"Dein Nebel, Fox", brummte Gunnar und schwenkte seinen Dartpfeil. "Wieso schwärmst du mir immer von diesen ollen, dichten Nebelschwaden, die über dem Wasser rumgeistern und alle Sicht verschlucken. Du magst den Klüver wohl lieber als den klaren Himmel?" Fox rotzte neben den Tisch und nahm einen großen Hieb, bevor er Rülpste. "Weißt du, Gunnar, in so einem Nebel, da… da ist die Welt anders. Da kannst du nicht sagen, was real ist und was nicht. Ich hab’ schon so einiges gesehen in diesen Nebeln, Dinge, die einen das Fürchten lehren." Gunnar zog die Augenbrauen hoch und schoss den Pfeil direkt ins Bull: "Fox, du spinnst dir doch wieder Seemannsgarn zusammen. Aber wenn’s dich bei Laune hält..erzähl ruhig aus der Märchenwelt." Fox setzte seinen Kelch ab und lehnte sich vor, um genauer Zielen zu können. "Nix da! Letztes Jahr hatte ich mich im Wald verlaufen, irgendwo tief da drinnen zwischen den Sträuchern, überall hing dieser verfluchte Nebel. Ich hab versucht, mich an irgendwelchen bekannten Umgebungsmustern zu orientieren, aber irgendwie war’s, als würde ich den Wald vor lauter Nebel nicht sehn. Dann… da waren irgendwelche Typen in Filzklamotten." "FILZ?" fragte Gunnar skeptisch und kratzte sich an der Rinde. "Ja, voll so Filzkutten. Haben mich daraus gegrüßt, als wären wir alte Bekannte. Bin näher ran. Mit jedem Schritt, waren sie immer mehr verschwunden. Einfach weg! Hab mich gefühlt, als hätt ich Fliegenpilz gefuttert." Fox schoss den Pfeil 3 mal in die 3. Gunnar lachte, ein tiefer, kehliger Laut, der durch die Kneipe hallte. "Geister in Filzkutte, klar doch! Und was is passiert, alter Kanalie?" Fox grinste schief und tippte auf den abgewetzten Rucksack zu seinen Füßen. "Bin einfach weiter, bis ich an einen alten Rummel kam. Völlig verlassen, ein paar verrostete Karussells, Zelte, die im Wind flatterten. Da lag lauter Zeug rum, Holzreste, Bretter, alles voll verwittert. Und zwischen dem Holz fand ich so… Runenstücke." Jetzt war Gunnar still. "Runenstücke? So richtige Runen?" "Ja, eine von denen hat mich gleich vom Hocker gehaun," Fox brabbelte was unverständliches während er ein kleines, glatt geschliffenes Stück Holz aus seinem Rucksack zog und es Gunnar zeigte. Auf der einen Seite war eine Rune eingeritzt – die Form eines Viereck, das auf einer Kante steht, das Zeichen Ing, die Rune der Fruchtbarkeit und der neuen Anfänge. „Sag mal, Fox,“ begann Gunnar leise, „weißt du eigentlich, wo du dich da herumgetrieben hast?“ Fox schüttelte den Kopf, ein wenig unsicher, und nahm einen tiefen Schluck und sah zu wie Gunnar die nächsten Punkte abräumte: „Irgendwo im Nebelwald drinnen, hab mich total verwirrt verirrt. Warum fragst du das?“ „Das war kein gewöhnlicher Wald, mein Freund,“ erwiderte Gunnar ernst. „Du warst am Thüster Berg, im alten Tuisto-Wald.“ Fox runzelte die Ohren. Aber Gunnar ließ sich nicht beirren. „Der Name 'Thüste' stammt von Tuisto, dem uralten Gott, von dem die Germanen glaubten, er sei der Anfang von allem. Ein Wesen, das in sich die Gegensätze vereint – Mann und Frau, Tag und Nacht. Ein Zwitterwesen, das aus der Erde geboren wurde und von dem die Völker und die Menschen ihren Ursprung ableiten.“ Fox starrte ihn an, jetzt interessiert. Gunnar nahm einen Schluck, lehnte sich zurück und fuhr fort: „Der Römer Tacitus hat in seinem Buch Germanica über Tuisto geschrieben. Er sagte, Tuisto sei ein Doppelwesen, der erste aller Götter, und sein Sohn Mannus war der Ursprung aller Menschen. Von Mannus stammten drei Söhne ab – Ing, Irmin und Istvo. Sie sind die Urväter der drei germanischen Stämme: der Ingaevonen, Irmionen und Istaevonen.“ Fox legte die Hand an seinen Rucksack, um sich zu vergewissern, dass er die Rune eingesteckt hat. „Ing war doch die Rune die du gefunden hast?“ fragte Gunnar nachdenklich. „Das ist kein Zufall. Ing ist der Erbe der Fruchtbarkeit und des Neuanfangs. Die Ingaevonen waren sein Volk. Dieser Wald ist altes Land, Fox, ein Ort, wo die Spuren dieser uralten Mächte noch lebendig sind. Die alten Cherusker waren vielleicht die Ingaevonen, denn die haben dort den Tuisto verehrt, auf dem Thüster Berg.“ Gunnar nahm einen Schluck aus seinem Krug, schmunzelte und sah Fox an, den er gerade haushoch besiegte: „Du weißt ja,“ begann er, „die Sprache verändert sich im Laufe der Jahrhunderte. Wörter und Namen passen sich an, oft auf eine Art, dass wir kaum noch ihre Wurzeln erkennen. Mit Tuisto ist das eine interessante Sache.“ Fox glotzte ihn an, gespannt darauf, wie es weiterging. Gunnar setzte sich gerade hin und hob einen Dartpfeil, wie ein alter Gelehrter: „Der Name Tuisto, den die alten Germanen benutzten, könnte ursprünglich vom Wort twi abstammen, das ‚zwei‘ oder ‚doppelt‘ bedeutet. Er ist schließlich ein Zwitterwesen, eine Gestalt, die das männliche und weibliche Prinzip vereint. Nun, der Name hat sich im Laufe der Zeit gewandelt – wurde zu Thuisco, Teuto, und auch Theuth. Daraus entstand später der Begriff Teutonen, ein alter Name für germanische Völker.“ Fox hörte aufmerksam zu, doch Gunnar hatte noch mehr zu sagen. „Aber das ist noch nicht alles. Der Einfluss des Namens ging weiter, bis zu unserem heutigen Begriff ‚Deutsch‘. Tuisto und die abgeleiteten Formen Teuto und Theuth stehen für das ‚Volk‘, den ‚Stamm‘, also das, was die Menschen miteinander verband. So wurde aus dem alten Wortstamm schließlich ‚deutsch‘ – die Bezeichnung für die Sprache und das Volk.“ Fox rieb sich die Schnauze, fasziniert davon, dass das moderne Wort „deutsch“ von einem uralten Gott und dem Ursprung der Menschen abstammte. „Schon verrückt,“ sagte er nachdenklich, „dass das, was uns heute so selbstverständlich ist, aus den Mythen und Geschichten von damals hervorgegangen ist.“ Gunnar nickte zustimmend. „Ja, Fox. Die alten Geschichten sind oft viel mehr als nur Mythen. Sie tragen den Geist und das Wissen der Vorfahren in sich, und manchmal – wenn der Nebel sich lichtet – erinnern sie uns daran, woher wir eigentlich kommen.“ |
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#2 |
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... das ist doch mal eine stimmige Geschichte mit Wissensvermittlung.
Es gibt so einige Worte, die sich nur durch Lautverschiebungen usw. erklären lassen. Trotzdem kommt man ohne tiefes Wissen nicht allzu weit. Gefällt mir. dT |
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#3 |
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Dabei seit: 07/2015
Ort: Zwischen den Ostseewellen ertrunken
Alter: 43
Beiträge: 5.552
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Ja, ähnlich wie die Worte ist auch alles andere einer Ideenevolution geschuldet. Jedes Ereignis ist das Ergebnis vieler Ereignisse zuvor. Wir folgen einem "Ahnenpfad", auch den derer die um die Welt gereist sind um hier anzukommen oder umgekehrt. Im Grunde ist die Genderkultur also eine Rückkehr, nur mit anderen Parametern.
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