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Internationale Gedichte Sämtliche nicht-deutschsprachige Gedichte.

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Alt 15.08.2024, 14:42   #1
männlich Epilog
 
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Standard leda and the swan

Deutsche Nachdichtung nach William Butler Yeats - hier zuerst sein Original:

A sudden blow: the great wings beating still
Above the staggering girl, her thighs caressed
By the dark webs, her nape caught in his bill,
He holds her helpless breast upon his breast.

How can those terrified vague fingers push
The feathered glory from her loosening thighs?
And how can body, laid in that white rush,
But feel the strange heart beating where it lies?

A shudder in the loins engenders there
The broken wall, the burning roof and tower
And Agamemnon dead.
Being so caught up,
So mastered by the brute blood of the air,
Did she put on his knowledge with his power
Before the indifferent beak could let her drop?

Nachdichtung:

leda und der schwan

ein jäher stoß. der großen flügel schlag
des mädchens bebend bein sacht zu umschmeicheln
und widerstand sanft auszustelln vermag
der rausch weiß die bedenken fortzustreicheln

verängstigt irren ihre finger ab
sich in die flanke federns ruhm zu führen
kann sie doch seines herzschlags stärke knapp
jenseitig ihres eignen busens spüren

doch ob sie in des akts erregung ahnte
welches geschlecht er sie begründen hieß
als der zerstörung brand er in sie stieß

und agamemnons tod - ob das so angebahnte
ihr als gewalt wie auch als wissen schwante
eh achtlos sie der schnabel fahren ließ?
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Alt 15.08.2024, 17:50   #2
männlich Faber
 
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Dear Epilogue,

truly sublime!

Eine Übertragung in andere Sprachen, ohne dass ein Text leidet, ist vermutlich schwierig. Dir ist es gut gelungen. Zur Form kann ich nicht viel sagen, weil ich keine Ahnung von Sonetten habe. Mit der Wortwahl hast du aber den Charakter des Originals gut eingefangen. Als Zugabe hast du noch ein Wortspiel im vorletzten Vers eingebaut.

LG
Faber
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Alt 15.08.2024, 19:00   #3
männlich Epilog
 
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Standard Lieber Faber

herzlichen Dank,

vor allem auch, weil Du das Sprachspiel im vorletzten Vers erkannt und nicht als zu albern empfunden hast.

Einen schönen Abend wünscht Dir

Epilog
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Alt 28.10.2024, 21:59   #4
männlich Flocke
 
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Standard Gedichte. Wie wichtig ist der Kontext

Hallo Epilog
und auch ein Hallo an die, die sich nicht von der Länge meines Beitrages abschrecken ließen!
ich habe den Text endlich fertig geschrieben.
Grüße Flocke


Gedicht und Kontext

Als ich mich entschloss, zunächst das Gedicht „Leda und der Schwan“ von William Butler Yeats zu betrachten und danach die poetische Nachdichtung von "Epilog", wurde mir schnell bewusst, dass ich mehr über Leda und ihre „Verführung“, über die Götterwelt und über das Leben in der Antike in Erfahrung bringen musste, um einen Zugang zu diesem Text (und über die Nachdichtung von Epilog zu finden). So geläufig waren mir diese Welten nicht (oder nicht mehr). Ich kannte nur einige „Anekdoten“ über das Wirken der griechischen Götter. Und diese Erinnerungen waren oft unvollständig, manchmal auch falsch. Ein Betrachter würde dieses Gedicht ohne ein Wissen von ihren diversen Kontexten nur als eine weitere beliebige Darstellung eines seltsamen und extremen Sexualverkehrs interpretieren können. Ohne Kontext würde ich nichts über die Hintergründe und die Tiefenbedeutung der Affäre von Zeus und Leda und auch nichts von Belang über die Welt der Antike, über deren Götterwelt und ihrer mythischen Weltsicht erfahren.

Ledas Schwängerung durch Zeus

Zeus, Chef der olympischen Götterfamilie, stieg bekanntermaßen gerne weiblichen besonderen Personen nach, die er attraktiv fand. In keinem Fall zeigte er sich als ein besonders feinfühliger Liebhaber. Häufig schuf er sich einen Avatar, in dessen Gestalt er seinen Angebeteten leichter näher rücken konnte. Er war auch nicht bekannt dafür, dass er sich je darum gekümmert hätte, ob die Liebesakte im gegenseitigen Einvernehmen vollzogen wurden oder aber ob sie mit Überredung, Einschmeichelungen oder Gewalt einher gingen. Zeus mühte sich, dass diese Affären geheim blieben und so die eifersüchtigste aller Göttinnen (Hera), mit der er verheiratet war, nichts von seinen Liebeleien mitbekam.
So warb er auch um Leda, der verheirateten Königin von Sparta. Sie war von seinem Werben nicht überzeugt, eher abgeneigt, ganz anders, wie er wohl gehofft hatte. Zeus wäre nicht Zeus, wenn er sich durch ihren Widerstand irritieren und von seinem Vorhaben hätte abbringen lassen. Also griff er, wie auch in anderen Fällen zur Trickkiste, verwandelte sich in einen überaus prächtigen Schwan, der unter dem raffinierten Vorwand unter Ledas Gewändern Schutz vor einem Adler zu suchen, sie dann schwängerte.
Das Gedicht „Leda and the Schwan“ von William Yeats nimmt natürlich Bezug auf diese bekannte Geschichte aus dem Mythos um die olympischen Götter.
Yeats beschreibt allerdings nur einen kurzen Moment aus dieser Geschichte, er konzentriert sich nur auf den Beischlaf, auf den Moment, als Zeus und Leda ein Zwillingspaar zeugten.


Leda und ihre Kinder (der Trojanische Krieg)


Bis auf den Inhalt dreier Zeilen (9 - 11), in denen Begriffe aufgezählt wurden, die auf eine Zerstörung von Gebäuden hinweisen, erfahren Leser und Leserinnen im Gedicht explizit rein gar nichts von den Umständen dieses Liebesaktes, seiner Folgen, noch von der antiken Welt, so wie sie damals war.
Ich gebe also noch ein paar weitere Informationen, die die Geschichte um Leda erläutern und sie in einen Kontext zur antiken Welt stellen.
Leda wird Monate später die Mutter zweier Kinder von Zeus werden (Sie heißen Helena und Pollux); sie wird auch am selben Tag zwei weitere Kinder, diesmal gezeugt von ihrem Ehemann Tyndarsos, dem König von Sparta, auf die Welt bringen (ihre Namen sind Klytaimestra und Castor). Denn auch zwischen ihrem Ehemann und ihr kam es am selben Tag wie mit Zeus zu einer Zeugung. Beide Zwillingspaare verbrachten ihre embryonales Stadium zusammen in einem Ei (!). Helena und Pollux, die Kinder Zeus’, waren unsterblich. Die Kinder von Tyndarsos waren es nicht.

Wie verlief die weitere Familiengeschichte?
Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos, raubte Ledas Tochter Helena, mit deren Einverständnis. Sie war mit Menelaos verheiratet, dem König von Sparta. Der „Raub“ Helenas zog bekanntermaßen den blutigen Trojanischen Krieg nach sich. Motiviert und unterstützt wurde Paris bei diesem Raub von der Göttin Aphrodite, weil er ihr bei einen „Schönheitsbattle“, in dem sein Urteil gefordert war unter den drei Götinnen Aphrodite, Athene und Hera ihr den Titel zuerkannte.
Und diese Gewaltschiene setzte sich nach dem Ende des Trojanischen Krieges im Umfeld der Nachkommen von Leda weiter fort. Ledas zweite Tochter Klytaimnestra ermordete zusammen mit ihrem Liebhaber ihren Ehemann, Agamemnon und Kassandra, die er aus Sparta mitbrachte.
Ihr Sohn, „Orest“ vollzog daraufhin Blutrache an seiner Mutter und deren Liebhaber. Orest starb im hohen Alter von 90 Jahren, aber erst nach einigen Prüfungen und Schicksalsschlägen verließen ihn die Erynnen (Rachegötinnen; so eine Art personalisiertes schlechtes Gewissen).
Also:
Über mehrere Generationen hinweg waren die Nachfahren Ledas in blutige und brutale Beziehungsgflechte verwickelt: immer wieder Misstrauen, Hass, Verblendung, Lüge und Betrug! Und unbestreitbar entwickelte sich der Trojanische Krieg aus den Handlungen der Mitglieder dieser Familie!
Mit diesem Hintergrundwissen betrachte ich das Gedicht von Yeats und später auch die lyrische Übersetzung dieses Gedichtes in die deutsche Sprache von unserem Maestro di Pooesia Epilog.


Kurze Betrachtung der beiden Quartette (1. und 2. Strophe)


In der ersten Strophe erfahren wir Leser mit dem Blick auf das innere Erleben von Leda, wie sie von einem Donnerschlag von den schlagenden Flügeln des Schwans geschlagen und von den schwarzen Schwimmhäuten grob gestreichelt angefasst wurde, während Zeus sie an sich presste. Sein Schwanenschnabel hielt sie fest, sie war ihm gegenüber völlig hilflos.
In der zweiten Strophe werden zwei Fragen gestellt, die jeweils zwei Zeilen einnehmen. Beide Fragen bringen zum Ausdruck, dass Leda angesichts der sie bedrängenden Urgewalt, mit der sie konfrontiert wird, keine Möglichkeit verbleibt, sich gegen diese Vergewaltigung zu wehren. Wieder zeigt deutlich, dass sie dieser Situation völlig hilflos gegenübersteht.
Die erste dieser Fragen kann man nur als rhetorische Frage verstehen:
„how can …“ - „wie kann sie gegen diese Gewalt mit ihren zarten Fingern angehen?“ Selbstredend ist die Antwort, die sich mit der rhetorischen Frage öffnet, dass sie dagegen rein gar nichts tun kann.
Die zweite Frage präsentiert uns in den Zeilen 7 und 8 eine der ersten Frage sehr ähnlich syntaktische Struktur:
„And how can …“ - Ich würde wie folgt übersetzen (mit der Annahme, dass mit „body“ ihr Körper gemeint ist und nicht der von Zeus):
„wie kann sie sein Herz spüren?“ /„auf welche Weise kann sie die Fremdheit seines Herzens spüren, (wahrnehmen, in sich aufnehmen)?


Umschlagspunkt des Gedichtes „Leda und der Schwan“ von William B. Yeats

Nach den beiden ersten Strophen und nach der ersten Zeile der 3. Strophe findet sich der zentrale Abschnitt und der Höhepunkt dieses Gedichtes. Mit der 9. Zeile ändern sich radikal die Strukturen des Gedichts. Es findet ein Umschwung, ein Drehpunkt statt. Das Gedicht lässt den Orgasmus von Zeus geschehen und ändert in diesem Moment seine Betrachtungsweise. Dieser Wechsel ist zentral und es wär wichtig ihn zu verstehen.
Z 9 - „A shudder in the loins engenders there
------→ UMSCHLAGSPUNKT
Z 9 - The broken wall, the burning roof and tower
Z 10 - And Agamemnon dead.

„Broken wall, burnng roof und tower“ verweisen auf eine gewalttätige, unruhige zukünftige Welt“. Mit gerafften Begriffen, Metaphern, die als Pars pro toto fungieren, verweist der Autor auf eine gewalttätige, zukünftige Welt. Die Begriffe stehen als Metaphern für die Zerstörung von Menschen geschaffener Kultur im Krieg. Sie sind „pars pro toto“ für deren Zerstörung, wie auch das Fehlen vollständiger Sätze eine Entsprechung zum Kriegschaos haben.
In der folgenden Zeile (Z 11) findet sich wieder ein elliptischer Satz. „And Agamemnon dead
So passt sich dieser Satz, in dem das Hilfsverb fehlt, den vorhergehenden Begriffen an. Und weiterhin erfahren wir eine wichtige Zeitangabe-
Dass der Name Agamemnon genannt wird, legt nahe, dass Zerstörung und die kriegerische Auseinandersetzung, die auf den beiden Zeilen zuvor einen Ausdruck gefunden haben, erst 20 oder 30 Jahre nach dieser Vergewaltigung im Trojanischen Krieg stattfinden werden.
Agamemnon war der Bruder von Menelaos, dessen Frau Helena (Tochter von Leda und Zues) zusammen mit Paris nach Troja flüchtete. Agamemnon war auch der Anführer ihrer griechischen Verfolger. Ich erinnere noch mal an Klytaimnestra (Tochter von Leda und Zyndarsos). Wie erwähnt, hatte sie nach dem trojanischen Krieg zusammen mit ihrem Geliebten Aigisthos Agamemnon im Bad erstochen. Der Beischlaf von Leda und Zeus und die Taten von Klytaimnestra und Helena umschließen sozusagen den Trojanischen Krieg.


Die letzten Zeilen

„A shudder in the loins engenders the“
Ich würde diese Aussagen in schlechtem Deutsch wie folgt übersetzen:
„Ein Schaudern in den Lenden macht es möglich, dass dort folgende Situaton eintritt“ oder
„Ein Schaudern … führte dazu, dass sich dort bei ihr etwas entwickelt.“
“Being so caught up,“
Dagegen kann sie sich nicht wehren, sie ist so gefangen in diesem Erleben!
„So mastered by the brute blood by the air?“
Sie wurde beherrscht von brutalem Blut/ von der brachialen Kraft des Blutes in der Luft. Hier ein Verweis auf die animalische Kraft des Schwans
Did she put on his kowledge with his power“
Hat sie sein Wissen/ seine Kenntnisse mit seiner Kraft auf sich genommen, angezogen, sich zu eigen gemacht, sie trägt diese gewalttätige Welt der olympischen Götter in sich und wird sie weiterreichen an ihre Nachfahren.
Sie leidet nicht nur, sie trägt möglicherweise auch dieses Leid weiter,
„before the indifferent beak cold let her drop“

[B]
Die symbolische Bedeutung des Sexualaktes

William Butler Yeats hat in seinem Gedicht „Leda und der Schwan“, das sich auf die griechische Mythologie bezieht, nicht nur eine poetische Form eines erzwungenen Beischlafs gestaltet,
Es geht keineswegs nur um Sex, es geht um viel Tieferes. Offensichtlich öffnet die Art und Weise, wie Yeats das Gedicht strukturiert und im zweiten Teil den Leser mit dem Schrecken des Trojanischen Krieges konfrontiert, ein Fenster.
Durch das Fenster sehend können wir eine Idee davon bekommen, was eigentlich mit mythisch gemeint sein könnte und wie sich das Verhältnis von Göttern und Menschen in Griechenland darstellt. Genauer: wir sehen solche Dinge durch das Yeats Fenster, also 2500 Jahre später.
Zeus lagert nicht nur seinen Samen in Ledas Gebärmutter und zeugt Helena und Pollux. Er macht weit mehr. Als der höchste der Götter ist er auch ein Handelnder, ein Tätiger, der die Gesetze der griechischen Welt nutzt, sie bei Bedarf ändert oder sie gar erschafft. Zeus prägt die Welt, so wie sie ihm gefällt.
Die von den Göttern bestimmte griechische Welt imöchte ich als ein Feld beschreiben, das alle Dinge und Geschehnisse in einer spezifischen Ordnung umfasst. Kein Ereignis steht für sich und einzeln. Alles, was getan wird, hat sowohl in synchroner als auch in diachronischer Sicht Einflüsse. Dieses Feld der Antike zeigt sich uns nicht als glückliche, friedliche Welt. Der Olymp, auf dem die Götter leben, ist kein friedlicher Ort, die Götter bekämpfen, sich, betrügen sich, sind gewalttätig und jähzornig, aber verbünden sich auch, unterstützen sich, lieben sich. Mit den Menschen gehen sie oft, rücksichtslos, verletzend und unempathisch vor. Un die Menschen erleben die Welt ebenso wie ihre Vorbilder und ihre Gestalter, die olympischen Götter
Ich denke, dass Zeus in diesem Akt Leda nicht nur im biologischen Sinne schwängert, sondern sie auch auf symbolische Weise Leda mit der Lebensweise, der Gedankenwelt, vertraut macht. Die Götter leben in einer Art Feld, in dem sie und alle Menschen miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind. Sie trägt nicht nur Zeus’ Samen in sich, sondern sie ist jetzt Teil dieser antiken Welt. Dementsprechend muss sie auch mit Kräften umgehen, die nicht immer positive Auswirkungen haben erleben lassen: Krieg, Missgunst, Hass, Entführung, Mord. Auch diese Gefühle leben Sie sind Bestandteile des antiken Lebens, das alle Menschen dieser Zeit umfasst.


Epilogs Nachdichtung von dem Gedicht: „Leda und der Schwan“

Neine Englischkenntnisse sind eher unzureichend.
Um so mehr bin ich von Epilog Arbeit fasziniert, der hier ein bekanntes Gedicht von Yeats „Leda und der Schwan“ in Deutsch „nachdichtete“. Gerade der Versuch, eine fremde Sprache (?) dann auch noch in eine Sonettform zu übersetzen, ist mutig; Ich habe großen Respekt vor Epikurs Leistung.
Interessant finde ich, dass im Ergebnis sein Sonett in einer ganz anderen Weise die Begegnung von Zeus und Leda beschreibt, als ich es tat. Und das, obwohl wir uns beide auf denselben Text beziehen.
Für mich stand ziemlich schnell fest, dass Zeus hier die Grenze zu einer Vergewaltigung überschritten hatte und ich setzte voraus, dass Leda in ihrer Begnung keinerlei Gefallen oder gar Spaß gefunden haben kann. In diesem Sinne habe ich meine Übersetzungen geschärft.
Epilog öffnet sich in seiner Übersetzung und lässt anklingen, dass Leda doch auch ambivalente Empfindungen in Bezug auf das sexuell motivierte Drängen Zeus empfanden haben könnte.

Zwei Beispiele:
(1)
„A sudden blow.great wings beating still
Above the staggering girl, her thighs caressed“

wird von Epikur übersetzt - oder exakter formuliert - wird von Epikur in ein ähnliches Spannuungsfeld von Worten entlassen und eingebunden:
„der großen flügel schlag
des mädchens bebend bein sacht zu umschmeicheln“
ich hätte (mit Wörterbüchern und nachgucken) eher übersetzt:
„ein plötzlicher Donner (überfuhr sie), große Flügel schlugen auf sie,
das strauchelnde Mädchen ein, dabei strichen sie über ihre Schenkel!“!
(2)
Und gleich ein zweites Beispiel:
Das Orginal: „How can those terrified vague fingers push
The feathered glory from her loosening thighs?“

Epilogs Übersetzung:
verängstigt irren ihre finger ab
sich in die flanke federns ruhm zu führen“
mein nicht poeserte Übersetzung:
„Wie können diese ängstlichen, vagen Finger
Die gefiederte Pracht von ihren sich lockernden Schenkeln weg drücken?“
Ich habe meine Übersetzungssequenz hier noch etwas pointierter formuliert, als ich es in meiner Analyse in Wirklichkeit tat. Ich wollte die Andersartigkeit betonen und zeigen, dass beide Varianten ihre Berechtigung haben.
Vielleicht sollte man - und ich werde das jetzt auch nicht in Angriff nehmen - keine Beweisprüfung ob der exakteren Aufnahme anstreben.

Viel wichtiger ist mir der Hinweis, dass es Epilog unmöglich ist, in seiner Nachdichtung eine exakte Übersetzung, sozusagen ein 1:1 Modell herstellen zu können. Wir alle können nur (nur?) Variationen erschaffen, eine Annäherung an das Orginal. Der Grund dafür ist naturgegeben. Es it ein ontologisches schwarzes Loch, dass uns an der vollkommenen Identität hindert. Aber es ist keine fehlende Intelligenz oder ein intellektuelles Unvermögen.



Exkurs 1

Es gibt eine Grenze zwischen zwei Sprachen. Jede Sprache ist für sich und bildet mit den Sprechenden ein Feld, in denen einzelne Begrife durch ihre Bezüge zu den übrigen Begriffen dieses Feldes ihre Bedeutung beziehen. Ein in Englisch gesprochene Wort z. B „I“ klingt anders als das deutsche „Ich“. Es fühlt sich z.B. leichter an, hat ein leicht anderes Assoziationsfeld usw.
Und auch wenn wir uns zu zweit am Schulhof treffen würden und auch beide Platt sprechen könnten, wir mithin also scheinbar die gleiche Sprache sprächen, könnte der Satz „Mathe ist ein Arschloch!“ bei jedem Hörer jeweils anders klingen, weil wir ein jeweils anderes individuelles Assoziationsfeld belegt haben und der Satz jeweils eine andere „Schwere“ auf sich geladen hätte. „Mathe ist ein Arschloch!“ kann grinsend und sarkastisch ausgekleidet sein; er könnte aber auch pausenlos vor sich hin gemurmelt werden, um die Angst vor der nächsten Matheklassenarbeit erträglich zu halten.
Angesichts der sprachlichen Grenze, finde ich es um so erstaunlicher, wie oft wir doch das Gefühl haben, dass wir völlig von anderen verstanden werden. Z.B. wenn wir getröstet werden bzw. wenn wir andere selber bis in die Tiefe ihrer Seele hinein, zum Seelengrund hin verstehen können!




Exkurs 2


Ich war erstaunt, als ich las, dass Yeats mit diesem Gedicht eine Allegorie schaffen wollte, in dem er in der Unterdrückung des irischen Volkes eine Analogie in der Schilderung der geschundenen Leda, ihrer Ohnmacht, aber auch ihrer Kraft finden sollte.
Aus diesem Blickwinkel heraus entsprach das englische Königreich dem obersten Gott Zeus. Mit den ersten Worten „A sudden blow“ findet das schnelle und brutale Zugreifen Englands auf Irland im englisch – irirschen Krieg einen metaphorischen Ausdruck, wie auch diese Metapher gleichzeitg an die gewaltige Machtfülle erinnerte, über die Zeus, Gott des Donners, verfügte.
Mit Mühe kann ich den Allegoriegedanken in dem Gedicht entdecken. Yeat selbst hatte ja diese Interpretation vorgestellt. Aber trotz der Autortät Yeats als Autor favorisiere ich eine andere Sicht auf dieses Gedicht. Sovile ich weiß, hat Yeats mit den Jahren immer mehr Abstand von dieser Interpretation genommen.
https://modernistreviewcouk-wordpres...e&_x_tr_pto=sc


Exkurs 3

Als ich zu dem Mythos Leda und der Schwan googelte, war ich überrascht, wie viele Bilder und Statuen geschaffen worden sind, die diesen skurrilen Sexualakt darstellten. Über viele Jahrhunderte gab das Leda/Schwan Motiv Künstlern wohl die Möglichkeit, anregende Sexualität darzustellen. Nackte Frau und Schwan waren wohl in diesn Jahrhunderten im Gegensatz zu Bildern mit dem Thema „Nackte Frau“ – „Nackter Mann“ leichter zu realisieren.
Der griechische Bildhauer Timotheos schuf Skulpturen von Leda und dem Schwan schon um 400 v.Ch. Bei Ausgrabungen In Pompeji fand man in den Bordellen die Reste von Fresken, auf denen Leda und ein Schwan dargestellt wurden. Der griechische Mythos um Zeus als Schwan und Leda war im gesamten Mittelalter bekannt und während der italienischen Renaissance (15. /16. Jahrhundert sehr beliebt.
Und auch heute noch quilt das Google-Lager über von Bildern und Skulpturen zu Leda und der Schwan.
Wirklich interessant finde ich den folgenden Widerspruch.
Ist es doch Zeus im Ursprungsmythos, der diese Szene lenkt und mit seiner rohen Kraft beherrscht „the brute blood of the air“, so bekommt in den Bildern zum Thema immer mehr Leda die Oberhand, sie wurde sehr oft größer, vitaler, lustbetonter dargestellt, als sie es im griechischen Mythosl war. Zeus, bzw. der Schwan mussten sich mit Nebenrollen begnügen.
„The feathered glory“ wurde kleiner und harmlos.
Was ist denn da passiert?

Geändert von Flocke (29.10.2024 um 09:52 Uhr)
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Alt 29.10.2024, 09:30   #5
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Standard Lieber Flocke

vielen Dank für Deine (wieder mal) umfassende und tiefgreifende Analyse der mythologischen und psychologischen Hintergründe des Themas "Leda und der Schwan", die unglaublich viel zum Verständnis des gleichnamigen Gedichts von William Butler Yeats beitragen. Ich denke, dass nicht ausschließlich und in erster Linie ich, sondern alle interessierten Forenfreunde davon angesprochen werden sollen.

Ich selbst habe mich natürlich "in groben Zügen" über die Zusammenhänge der altgriechischen Götterwelt informiert, weil sonst zum Beispiel, wie Du ja auch schreibst, die Zeilen 9-11 des Gedichtes von Yeats gar nicht verständlich würden. Aber viele Details Deiner Recherchen waren mir auch nicht bekannt.

Auch die von Dir in "Exkurs 2" angesprochene Deutung, dass es um die Vergewaltigung und Vereinnahmung von Irland durch Großbritannien geht, ist mir in dieser Form überhaupt erstmals begegnet, wie ich zugeben muss. Dabei erscheint sie ja durch die "literaturpolitische" Positionierung von Yeats durchaus logisch und ist laut Deinen Quellen auch von diesem propagiert (und später wieder relativiert) worden.

Ich hoffe, Du hast Verständnis dafür, dass ich ansonsten nur einige Anmerkungen zum Schwerpunkthema des Gedichts wie auch des gesamten Themas mache, dem Verhältnis von Macht und sexualisierter Gewalt. Diese steht selbstverständlich im Mittelpunkt gerade der beiden Quartette, wie Du ja anhand verschiedener Formulierungen herausstellst. Ich finde aber wichtig festzuhalten, dass Yeats es nicht dabei belässt, sondern als zweiten Schwerpunkt namentlich in den Terzetten weitere Konsequenzen anspricht, die sich daraus ergeben könnten. Erhält Leda durch den Sexualakt und die Zeugung der Zwillinge nicht gleichfalls Zugriff auf die Göttermacht von Zeus, und verspürt sie nicht nur dessen unabwendbare Gewalt, sondern auch sein "unwiderstehliches" Wissen (gemäß der altbekannten Formulierung "Wissen ist Macht")? Und stellt diese für sie erreichbare Machtposition nicht eine möglicherweise erstrebenswerte Zielsetzung dar?

Du siehst schon, dass ich diese Deutungsansätze in Form rhetorischer Fragen formuliere - im Prinzip genauso, wie es Yeats (ab Strophe 2) in seinem Sonett macht. Das hast du ja auch schon kenntnisreich herausgearbeitet: Im zweiten Quartett heißt es "Wie könnte sie sich der Wucht und Gewalt seines gefiederten Ruhms erwehren?" (oder so ähnlich), wobei die unausgesprochene Antwort "Überhaupt nicht" bereits enthalten ist. Doch es folgt dann ja auch noch die ebenfalls rhetorische Frage, ob ihr zudem etwas vom Wissen ihres göttlichen Vergewaltigers schwante (ich habe mir erlaubt, dieses im Deutschen mögliche Sprachspiel aufzugreifen) - hier ist die unausgesprochene Antwort sicherlich weniger eindeutig, aber ich denke, es geht Yeats darum, sie überhaupt erst einmal zu stellen. Das hast Du weitgehend und sehr viel detaillierter schon in Deiner Analyse herausgearbeitet - von daher denke ich nicht, dass wir vollkommen gegensätzliche Interpretationen verfolgen, sondern bei der Deutung lediglich verschiedene Schwerpunkte setzen. Dies ist ein Umstand, denn die symbolistische Dichtung glücklicherweise möglich macht und den der irische Nobelpreisträger seinen Lesern mit diesem herausragenden Gedicht anbietet.

Vielen Dank nochmal und beste Grüße

Epilog
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Alt 31.10.2024, 20:07   #6
männlich Flocke
 
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Hallo,
vielleicht ist es ja einigen aufgefallen: mehrfach habe ich Epilog
unbedacht Epikur genannt. Ich denke nicht, dass Epilog sich
durch mein unbedachtes Schreiben gekränkt fühlt, war Epikur
(Er lebte um 400 v. Chr.) doch der coole Begründer und Leiter einer
Philosophischen Schule, die auch für Frauen und Sklaven offen stand.
Sein Ziel war das Erlangen der Atarexia, der inneren Seelenruhe.
Wenn man Epilogs Kommentare liest, spürt man einen
warmen Hauch aus dieser Quelle.

Gruß Flocke
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Alt 31.10.2024, 20:35   #7
männlich MonoTon
 
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Ich möchte die Gelegenheit nutzen und beiden mein Lob aussprechen.
Epilog für den tollen Text und Flocke für dieses Wahnsinns Referat.
Extrem viel Arbeit auf beiden Seiten. Sehr beeindruckend.

Lg Mono
MonoTon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.11.2024, 09:00   #8
männlich Epilog
 
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Standard Lieber Flocke, lieber Mono

danke für eure lobenden Worte.

@Flocke: Epikur ist mir auch durchaus sympathisch.

@Mono: Ich denke mal, Flocke hat sich hier um ein Vielfaches mehr Arbeit gemacht.

Einen schönen ersten Novembertag wünscht

Epilog
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Alt 01.11.2024, 10:09   #9
männlich MonoTon
 
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Zitat:
Ich denke mal, Flocke hat sich hier um ein Vielfaches mehr Arbeit gemacht.
Du siehst das wohlmöglich aus einer falschen Perspektive und machst deinen Text damit kleiner als er ist?
Gäbe der Text es nicht her, könnte Flocke gar nicht so viele valide Punkte anhand deines Gedichtes aufführen.
Es sind Merkmale die in deinem Text stecken, das heißt dass ihm viel zu verarbeiten gegeben wurde und vieles, auf dass er Wert gelegt hat, akribisch darauf ein zu gehen.
Auch wenn du es "nur" als Nachdichtung betitelst, so hast du dir ja dazu Gedanken gemacht und in deine Worte gefasst, um Inhalt und Grundtenor zu übertragen.
Selbst daran scheitern bereits viele, auch ohne die Form eines Sonettes.

Lg Mono
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