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Literatur und Autoren Literatur allgemein sowie Rezensionen von Büchern, Stücken und Autoren.

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Alt 11.07.2022, 12:58   #1849
weiblich DieSilbermöwe
 
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Ich habe gerade „Am Ende des Schweigens" von Charlotte Link ausgelesen. Ihr Schreibstil fasziniert mich, ich könnte fast drauf wetten, dass ich jedes Buch von ihr spannend und schnell zu lesen finde, trotz (oder wegen?) der relativ einfachen Sprache.
Zum Inhalt: Jessica, eine Tierärztin, hat Alexander, einen geschiedenen Mann mit pubertierender Tochter geheiratet und alle drei verbringen ihren Urlaub zusammen mit Alexanders zwei besten Freunden, deren Ehepartnern und den Töchtern von einem der Ehepaare. Als Jessica eines Morgens vom Laufen zurück kommt, findet sie ihren Mann und vier andere Personen ermordet vor. Die Auflösung ist alles andere als vorhersehbar, und ich kam tatsächlich nicht drauf bis zum Schluss, wer der Täter ist und tippte mehrmals falsch.
Zwar sind auch die Psychogramme, in denen Charlotte Link praktischerweise gleich selbst die Protagonisten Tagebuch schreiben lässt, ziemlich einfach. Allzu ernst aus psychologischer Sicht darf man das nicht nehmen, aber: Das Buch ist extrem spannend und flott geschrieben, obwohl auktorial erzählt (was sehr oft langweilig wird). Ich kann es empfehlen.
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Alt 20.07.2022, 08:59   #1850
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Die Mandelbaumgasse“ von der noch jungen Dorit Rabinyan ist mal was anderes, und bleibt für mich ein unvergleichliches Unikat. Genre? Da tropft Blut aus den kreischenden Seiten und Gerüche werden lesbar. Wer dem Schicksal zweier Frauen in völlig unvertrauter Umgebung folgen möchte, ist hier richtig. Ein starke bildreiche Sprache führt uns in ein Ghetto mit orientalischen Düften und fremden Geräuschen, dennoch bleibt ein Nachhall und Nachgeschmack, der allen Menschen gemeinsam ist.

Bin gespannt, ob es hier jemand gelesen hat.
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Alt 23.07.2022, 10:00   #1851
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Michel Eltchaninoff: "In Putins Kopf - Logik und Willkür eines Autokraten". Gotta 2016/2022

Das Buch war vergriffen, wurde jetzt aber aus aktuellem Anlass wieder aufgelegt. Es befasst sich hauptsächlich mit den ideologischen Quellen für Putins Denken.

Wer es nicht lesen will, kann auch hier ein Gespräch mit dem Autor zum Thema anschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=ASXAkkHTIG0
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Alt 02.08.2022, 19:46   #1852
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Standard Aber wo ist das Leben

"Aber wo ist das Leben" von Paul Nizon.

Bin eher zufällig, in der Stadtbücherei, über diesen Autor gestolpert und gerade total fasziniert von seiner 'bildhaften' Sprache, von seiner lebendigen -und gleichzeitig so kunst- und gefühlvollen Ausdrucksweise.

Wie er seine Kindheit, das Fußfassen im Berufsleben und seine 'Mensch/Schriftsteller-Werdung' auf Reisen beschreibt ... Wunderbar.

Aber richtig abgeholt hat er mich mit dem Kapitel über "Van Gogh".
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Alt 03.08.2022, 04:22   #1853
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von PetScha Beitrag anzeigen
Wie er seine Kindheit, das Fußfassen im Berufsleben und seine 'Mensch/Schriftsteller-Werdung' auf Reisen beschreibt ... Wunderbar.

Aber richtig abgeholt hat er mich mit dem Kapitel über "Van Gogh".
Das klingt hochinteressant. Danke für den Tipp.

Ach ja, van Gogh. Das war der erste Maler, mit dem ich mit in meiner Jugend befasste. Eine tragische Figur.
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Alt 15.08.2022, 06:45   #1854
weiblich Ilka-Maria
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Robert Pfaller: "Erwachsenensprache - Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur". Fischer, Frankfurt, 2017 (3. Aufl. 2018)

Der österreichische Philosoph Pfaller behandelt den politischen Einfluss des Neoliberalismus auf den Einsatz von Sprache zum Zwecke einer zunehmenden Infantilisierung, Gängelung und Einengung der Bevölkerung, was nicht zur Gleichheit, sondern zur Entsolidarisierung der Gesellschaft führt.

Aus dem Klappentext:
"Überall wird im öffentlichen Diskurs heute auf Befindlichkeiten Rücksicht genommen: Es wird vor Gefahren wie 'expliziter Sprache' gewarnt, Schreibweisen mit Binnen-I empfohlen, dritte Klotüren installiert. Robert Pfaller fragt sich in seinem neuen Buch, wie es gekommen ist, dass wir nicht mehr als Erwachsene angesprochen, sondern von der Politik wie Kinder behandelt werden wollen."

Pfaller berichtet zu Anfang des Buches von einem persönlichen Erlebnis auf einer längeren Reise. Gezeigt wurde im Flugzeug der Film "Liebe" (Trintignant, Riva, Huppert), nicht gerade kurzweilige Unterhaltung. Zu Pfallers Erstaunen kam im Vorspann ein Hinweis darauf, der Film enthalte Erwachsenensprache und könne möglicherweise Gefühle verletzen. Ihm war nicht klar, weshalb ein Erwachsener nicht die Reife besitzten sollte, selbst zu entscheiden, wieviel an Belastung er auszuhalten vermag.

Als ich das las, kam mir zu Bewusstsein, dass mir derartige Warnungen in der letzten Zeit auch regelmäßig bei Filmen präsentiert worden sind, die auf ARTE gezeigt wurden. Zuletzt bei einer Reihe von Carlos-Saura-Werken - auch nicht gerade ein Filmemacher einfacher Themen. Letzten Endes konnte ich jedoch keine Szenen ausmachen, deren "schockierende" Inhalte ich nicht schon hundertfach in anderen Filmen gesehen hatte.

Zu recht fragt Pfaller, weshalb es bei zu kriischen Filmszenen, die für sehr Jungen leute unverständlich und belastbar sein könnten, nicht einfach wie früher heißt: Freigegeben ab 18 Jahren.

Diese Erfahrung auf dem Flieger ist jedoch nur der Einstieg in Pfallers Buch. Sein Hauptanliegen ist, den Leser für den Mechanismus sensibel zu machen, wie Erwachsene in der Rolle unmündiger Kinder gehalten werden sollen.
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Alt 20.08.2022, 11:04   #1855
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Sally Rooney - „Schöne Welt, wo bist du„

Sally Rooney bezeichnet in den Gesellschaftskritiker, die Millennials als „Zivilisationszusammenbruch“. Das Buch ist mit Gewissheit kein Salat und leicht verdaulich.
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Alt 29.08.2022, 15:41   #1856
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Ich habe mich des neuesten Buchs von Ferdinand von Schirach angenommen - eher ein Büchlein von ca. 170 Seiten: "Nachmittage". Kein Roman, sondern eine Sammlung kurzer und etwas längerer Erzählungen. Wieder einmal bin ich beeindruckt, wie einfach und ungekünstelt man mit Sprache umgehen kann, ein Stil, der meinem Geschmack entgegenkommt. Wenn Schirach über einen Protagonisten schreibt, was er alles gelernt, gearbeitet und an Freizeit verbracht hat, und dann damit endet, er habe auf diese Weise "zwölf Jahre in vollkommenem Stillstand überlebt", ist das einfach grandios. Denn so banal sieht der Lebenslauf eines Menschen tatsächlich aus.

Bei Schirach fällt auf, dass er lakonisch schreibt und oft sein Lieblingswort "unangenehm" einfließen lässt. Er gebraucht es auch oft in Interviews. Für ihn scheint es nichts Superlatives zu geben, nichts Hassenswertes, Abscheuliches, Grässliches ... nur Erfahrungen, die entweder angenehm, neutral oder unangenehm sind.

Interessant ist seine These, Romane zu schreiben gehöre nicht mehr in unsere Zeit, denn niemand wolle sich mehr durch hunderte von Seiten arbeiten. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Verlage in Fluten von Romanmanuskripten ersaufen und auf ihren Internetseiten darum bitten, von Einsendungen abzusehen. Und nicht nur mit Romanen werden die Lektoren erschlagen, sondern auch mit Biografien, nicht selten von Leuten, die sich für prominent und wichtig halten, aber noch keine dreißig Jahre alt sind.

Vielleicht hat Schirach recht. Obwohl die Weisheit, die er vertritt, alt ist: In der Kürze liegt die Würze.
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Alt 13.09.2022, 07:33   #1857
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Standard Charaktere für Geschichten entwickeln

K.M. Weiland: "Creating Charakter Arcs", PenForASword Publishing, 2016.

Im großen Ganzen gleichen sich Weilands Ausführungen den Inhalten der meisten Bücher über den Aufbau von Plots und der klassischen Heldenreise mit ihren 12 bis 13 Stationen sowie der Entwicklung ihrer Figuren anhand von Protagonist, Antagonist und Contagonist und der weiteren Archetypen.

Weilands Buch unterscheidet sich dennoch in einigen Punkten. Er konzentriert sich nicht nur auf den Protagonisten, der am Ende der Story die Feuerprobe bestanden hat und geläutert aus ihr hervorgeht, sondern räumt auch einen großen Teil dem Helden ein, der bereits entwickelt ist und die "Wahrheit" kennt. Im Gegensatz zu ersterem muss er nicht sich selbst ändern, sondern er ändert seine Umwelt, so dass sich die anderen Figuren weiterentwickeln. Dieses Thema wird in den meisten anderen Büchern nur nebenbei erwähnt.

Ebenso widmet Weiland ein gesondertes Kapitel dem Protagonisten, der sich zum Negativen entwickeln kann. Das ist nicht damit zu verwechseln, dass sich der Held einer Story für andere Menschen opfert, um sie zu retten. Vielmehr steht der tragische "Held" im Mittelpunkt, der aufgrund eines Irrtums und Festhalten an diesem Irrtum am Ende schlechter dasteht als am Anfang der Story.

In all diesen Kategorien geht Weiland auf die drei klassischen Akte der Story und die drei Plot Points (Wendepunkte) gesondert ein. Jedem Kapitel ist eine Liste angeschlossen, in der die wichtigsten Punkte des Kapitels in Form von Fragen zusammengefasst sind, an denen sich der Autor bei der Entwicklung seiner Figuren orientieren kann.

Insgesamt bietet das Buch nicht viel Neues, ist aber übersichtlich gegliedert und - schon wegen der Kürze der Kapitel - ein gute Ergänzung zu umfangreicheren Werken wie z.B. Voglers Klassiger "The Writer's Journey".
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Alt 13.09.2022, 09:28   #1858
weiblich Yellow
 
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Zitat:
Zitat von petrucci Beitrag anzeigen
Sally Rooney - „Schöne Welt, wo bist du„

Sally Rooney bezeichnet in den Gesellschaftskritiker, die Millennials als „Zivilisationszusammenbruch“. Das Buch ist mit Gewissheit kein Salat und leicht verdaulich.
Ich hab mich da leider etwas gelangweilt durchgequält. Die Serie zu ihrem ersten Buch Normal People hingegen war ein absolutes Highlight.
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Alt 20.09.2022, 18:32   #1859
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Wolfgang Lohmeyer: "Die Hexe", area Verlag, Erftstadt, 2004.

Es handelt sich um den ersten Roman einer Trilogie ("Der Hexenwanwalt", "Das Kölner Tribunal"), dessen Handlung die Zeit des Dreißigjährigen Krieges umspannt. Im Mittelpunkt steht die Postmeisterin Katharina Henot, deren Konkurrent danach trachtet, sie aus dem Feld zu schlagen, um das Monopol auf das Postrecht an sich zu reißen. Sie gerät in ein Netz aus Intrigen und sieht sich alsbald der Hexerei angeklagt. Philipp, ein Jesuitenzögling, der in Katharina verliebt ist, setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um sie zu retten.

In dem Roman treten historische Figuren auf wie z.B. Kurfürst Ferdinand von Bayern und der Geistliche Spee, letzterer als "Hexenanwalt" bekannt.

Autor Lohmeyer erweist sich als fleißiger Rechercheur und detailverliebter Schreiber. Die Lebensweisen der Menschen der frühen Neuzeit, ihre Gewohnheiten, Sitten, Gebräuche, Denkarten - alles beschreibt er bis aufs Körnchen und bedient sich dabei vieler Wörter, deren Bedeutung ich manchmal nachschlagen musste, weil sie nicht mehr geläufig sind. Historisch interessierte Leser mag das begeistern, Leser, die sich mehr auf das Vorankommen der Handlung konzentrieren, könnte es zu viel werden. Vor allem deshalb, weil eine Unzahl von Personen auftritt. Ein Personenregister wäre hilfreich gewesen.

Der Roman wurde vor grauen Zeiten für das Fernsehen verfilmt, das könnte in den 80er Jahren gewesen sein. Ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern. Meine Ausgabe der Trilogie wurde 2004 in der Tschechischen Republik aufgelegt. Der Film (ca. 2 Std.) ist auf DVD unter "Die Hexe von Köln" zu bekommen.
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