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Alt 23.07.2022, 22:52   #1
weiblich Romy Krug
 
Dabei seit: 07/2022
Ort: Düsseldorf
Beiträge: 5


Standard Shotgun Jane

Meine Geschichte beginnt zu einer Zeit, in der alles möglich schien. Es war das Jahr 1868 und ich war auf dem Weg nach Kalifornien. Ich, mein Mann und meine beiden Söhne George und Lucas. Damals habe ich, nein, eigentlich haben wir beide es gedacht, die ganze Welt stünde uns offen und wir müssten einfach nur zugreifen. An den Tod oder an Verlust hatte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns auch nur den geringsten Gedanken verschwendet. Heute erscheint es mir naiv, doch zu jener Zeit war ich jung. Ich war die Tochter von einfachen Leuten und lebte weit abgelegen irgendwo mitten in Wyoming. Mein ganzes Leben habe ich mein Geld mit Nähen verbracht, bis ich geheiratet habe und mich, ziemlich spät, dem California Trail anschloss.


Die Sonne brennt heiß auf die etwa einhundert Männer und Frauen herab, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg gen Westen gemacht haben. Die großen Planwagen kommen nur langsam vorwärts und vor den Reisenden liegt nichts als die Weiten der einsamen Prärie. Jack P.C. Thompson nimmt einen Schluck Wasser und fragt seine Frau Mary, ob sie auch etwas haben wolle. Die beiden Söhne George und Lucas sitzen hinten und stellen sich vor, sie wären zwei Indianer, die es geschafft hätten, sich in den Planwagen zu schleichen. George schnellt mit einem Kriegsschrei vor und lässt seinen Vater vor Schreck herumfahren.
„Setzt euch wieder hin“, sagt dieser mit lauter Stimme und richtet seinen Blick wieder geradeaus. Mary sieht nach hinten und wiederholt die Worte ihres Mannes. George setzt sich schmollend zu seinem Bruder und die beiden starren auf den kleinen Tisch und die Stühle, die sich im Inneren des Wagens befinden.
Im Wagen vor ihnen ertönt ein Banjo. Mary kennt das Lied, das der Banjospieler spielt und singt leise mit.
„Als Lisa mir ihre Kleider gebracht hat, haben wir das immer gesungen, erinnerst du dich?“, fragt sie. Jack nickt und meint, als sie sich diesen Treck anschlossen, habe er geglaubt, dass seine Ohren nun endlich Ruhe hätten. Mary sieht in die Steppe hinaus.
„Entschuldige, aber wenn man so lange unterwegs ist, ist man irgendwann mit den Nerven am Ende“, sagt Jack und trinkt noch einen Schluck Wasser. Dann verfallen sie in ein Schweigen, das bis zum frühen Abend andauert.
„Ich glaube, wir halten an“, sagt Jack irgendwann. Nach und nach kommen die Wagen zum Stehen und Jack nimmt sein Gewehr. Dann steigt er ab.
„Worauf wartest du, Schatz?“, fragt er seine Frau und läuft um den Planwagen herum. Er fordert seine beiden Söhne auf, ihm ein paar Stühle nach draußen zu reichen und stellt sie neben dem Wagen ab.
„Mama, werden wir reich sein, wenn wir in Kalifornien sind?“, fragt George. Mary wühlt ihm durchs Haar und lächelt ihren Sohn an.
„Wahrscheinlich nicht sofort, aber irgendwann vielleicht“, sagt sie. Jack sagt, er werde nach etwas Essbarem Ausschau halten und reitet davon. Mary ruft ihm nach, er solle vorsichtig sein. Sie hat immer Angst, wenn er alleine losreitet und sie nicht weiß, wann er wieder zurückkommt. George hat sich in der Zwischenzeit mit seinem Bruder auf Entdeckungsreise begeben und die beiden schleichen zwischen den Planwagen umher. Mary kann sie lachen und reden hören. Irgendwo fängt ein Hund an zu bellen und woanders ist klapperndes Geschirr zu hören. Dann ertönt erneut das Lied, dass sie zuvor gehört hatte. Mary singt wieder leise mit, während sie das Geschirr, das sie von zu Hause mitgebracht haben, auf den Tisch stellt.
Vom Planwagen ist Gelächter zu hören und ein Mann kommt zum Vorschein. Er geht auf die Rückseite des Planwagens und entnimmt dem Gerümpel eine Geige, die schon etwas ramponiert aussieht. Dann mischt sich der Klang des Instrumentes in das Lied. Nun spielt das Banjo mit der Geige. Irgendwann wird ein anderes Lied angestimmt. Es ist rhythmischer und schneller als das erste.
„Peng, peng!“, Mary fährt herum. Hinter ihr stehen George und Lucas und halten eine Fingerpistole auf sie gerichtet. „Her mit dem Geld!“
„Ich möchte nicht, dass ihr hier zwischen den ganzen Leuten herumlauft. Noch hat sich niemand beschwert, aber wir müssen ja auch nicht darauf warten, dass es jemand tut“, erwidert Mary.
„Aber …“
„Kein, aber. Ich weiß, ihr langweilt euch. Wenn ihr wollt, könnt ihr hier ein wenig spielen, aber ich möchte nicht, dass ihr zwischen den Leuten herumspringt“, sagt Mary. George setzt sich auf einen Stuhl und verschränkt die Arme vor der Brust.

Am Abend bereiten sie das Kaninchen zu, dass Jack in der Prärie geschossen hat und reden. Sie unterhalten sich über Kalifornien und die Möglichkeiten, die sich ihnen dort bieten.
„Ich habe gehört, morgen werden wir nach Fort John kommen, da decken wir uns mit dem Nötigsten ein“, sagt Jack auf einmal. Dann entschuldigt er sich. Er geht zu der anderen Seite des Planwagen, in der Hand sein Gewehr, und guckt hinaus in die Prärie. Als er neben sich eine Zigarette aufleuchten sieht, bemerkt er, dass er nicht der Einzige ist, der dort steht und Wache hält.
„Kann ich auch eine haben?“, fragt Jack und geht auf den Mann zu. Der Fremde wirft ihm den Tabak zu und Jack dreht sich eine Zigarette. Er zieht den Rauch tief in die Lungen ein, dann atmet er aus.
„Johnny Lopez“, sagt der Fremde und trinkt einen Schluck Whiskey.
„Johnny?“, sagt Jack überrascht. Lopez hält ihm die Flasche hin und Jack nimmt sie entgegen.
„Hast du mich nicht erkannt?“, fragt Lopez. Jack sieht ihn kurz an und trinkt einen Schluck aus der Flasche.
„Im ersten Moment nicht“, erwidert er. Johnny Lopez nimmt den Whiskey wieder an sich.
„Es ist ruhig hier“, wechselt Jack das Thema.
„Zu ruhig, ich traue der Stille nicht. Hier können sich überall Wilde verstecken“, entgegnet Johnny Lopez. Ein paar Wagen vor ihnen fängt der Hund wieder zu bellen an und Jack spannt sein Gewehr.
„Ich sagte doch, der Stille ist nicht zu trauen“, zischt Lopez und zieht seinen Colt.
„Harvey, aus!“, hören sie einen Mann sagen und ein paar Sekunden später kehrt wieder Ruhe ein. Johnny Lopez steckt seinen Revolver weg und Jack entspannt den Hahn seiner Waffe.
Während der letzten Minuten ist die Temperatur abgekühlt und Jack holt seine Jacke. Auch Johnny fröstelt leicht und trinkt einen Schluck aus seiner Flasche.
„Das hält warm“, sagt er und hält sie Jack hin. Dieser trinkt ebenfalls einen Schluck und gibt sie zurück.
Im Hintergrund hört Jack seine Frau rufen und entschuldigt sich.
„Wo bleibst du denn?“, fragt Mary leise und Jack setzt sich zu ihr.
„Wo sind die Kinder?“, fragt er.
„Sie schlafen“, erwidert Mary und gähnt.
„Ich war da hinten. Hab Wache gehalten“, sagt Jack. Dann legen auch sie sich schlafen.

Sie erreichen Fort John am Morgen des dritten Tages. Zwei Soldaten, die am Eingang Wache schieben, kontrollieren jeden, der hinein und wieder hinausfährt. Hinter dem Eingang liegt ein großer Platz, auf dem Soldaten auf – und abmarschieren und die Siedler mit dem Nötigsten versorgen. Als Jack und seine Familie den Eingang passieren, sieht Mary eine kleine Gruppe Männer, die ihr nicht geheuer ist. Sie spricht ihren Mann darauf an, doch dieser winkt ab.
„Das ist nur eine Gruppe, liebes“, sagt er. Als Jack auf den Platz fährt, hält er an. Er läuft zu einem der Soldaten und unterhält sich mit ihm, während Mary ebenfalls absteigt. Die beiden Kinder freuen sich darüber, dass sie endlich anhalten und laufen über den Platz. Mary sieht erneut zu der Gruppe rüber. Ein Mann stößt dazu und kurz darauf ein weiterer. Die Art und Weise, wie sie zusammenstehen, gefällt Mary nicht. Ihr ist, als hätten sie etwas zu verbergen, oder als würde jeden Moment etwas passieren.
Irgendwo lacht jemand laut auf und reißt Mary aus ihren Gedanken. Sie zuckt zusammen und sieht in die Richtung, aus der das Lachen gekommen ist. Dann fällt ein Schuss. Und kurz darauf noch einer. Ein paar Leute fangen zu schreien an. Soldaten laufen in Richtung der Schüsse. Mary sieht sich erschrocken um, sie sieht in die Richtung, in der noch eben die Männergruppe gestanden hatte. Sie sind weg. Dann hört sie jemanden schreien.
„Aus dem Weg!“, ruft jemand anderes. „Ist ein Arzt hier!?“, Dann fällt erneut ein Schuss, diesmal aus einer anderen Richtung. Menschen rennen aufgeregt durcheinander und Mary sieht mehrere Männer, die sich über etwas oder über jemanden herzumachen scheinen. Als die Männer schließlich flüchten, erkennt Mary, dass das ihr Mann ist, der da am Boden liegt. Panisch rennt sie zu ihm hin und rüttelt ihn.
„Jack!“, ruft sie. Doch er rührt sich nicht. Ein paar Soldaten, die auf Mary aufmerksam geworden sind, kommen ebenfalls angelaufen.
„Jack!“, ruft sie erneut und rüttelt ihn wieder. Und in diesen Moment bemerkt sie die beiden toten Kinder, die keine drei Meter von Jack entfernt liegen und läuft zu ihnen hin. Dann wird ihr schummerig, sie sieht auf ihre Kinder hinab, sie hört einen Schrei, sie hört Leute rufen, sie hört eine Stimme an ihrem Ohr und dann wird sie weggetragen.
„Nein“, sagt sie benommen. „Nein.“ Sie rudert mit den Armen, dann ist alles dunkel.

Sie spürt etwas Feuchtes auf der Stirn, doch sie kann nicht sagen, woher es kommt. Jemand redet auf sie ein.
„Ma’am?“
Doch Mary braucht ein wenig, um zu reagieren. Sie öffnet die Augen. Vor ihr sitzt ein junger Mann mit Bartstoppeln und haut ihr auf die Wange. Es ist der Mann aus den Zeitungen. Mary hatte sein Gesicht schon ein paarmal auf den Titelblättern gesehen.
„Geht es wieder?“, fragt er.
„Wer sind Sie?“, fragt Mary.
„Bill“, entgegnet der Mann. Mary liegt einfach nur da, unfähig irgendetwas zu empfinden. Eine Träne läuft ihr über das Gesicht und der Fremde wischt sie ihr weg. In diesen Moment bemerkt Mary, dass er nicht alleine ist.
„Ich will zu meiner Familie“, sagt Mary, noch immer unter Schock.
„Komm jetzt, Bill“, sagt einer der anderen Männer und tritt neben ihn. Dann entschuldigt sich der junge Mann und steht auf. Mary bleibt noch eine ganze Weile liegen. Sie sieht die Sonne, die heiß und erbarmungslos herab scheint, sie hört die Leute, die über den Platz laufen, sie hört Pferde wiehern und sie hört, wie Reiter im Galopp davonreiten. Mary schließt die Augen und beginnt zu weinen. Irgendwann steht sie auf und geht zu einem der Soldaten. Sie erkundigt sich, wo ihre Familie aufgebahrt wird und wird in eine der Baracken geführt. Der Soldat nimmt seine Mütze ab und entfernt sich ein paar Schritte. Als Mary ihn ansieht, sagt dieser, dass er vor der Tür warte und lässt sie alleine. Mary geht zu der Bahre von Lucas und streichelt ihm übers Gesicht. Dann geht sie zu Georg und streichelt auch ihm übers Gesicht. Als sie zu ihrem Mann geht, beugt sie sich über ihn, um seine Lippen zu küssen, doch sie schafft es nicht. Sie bricht in Tränen aus und ergreift stattdessen seine Hand und nimmt den Ehering an sich. Dann blickt sie noch einmal auf ihre Kinder hinab und verlässt die Militärbaracke.
Sie läuft den ganzen Tag durch das Fort und bleibt schließlich vor ihrem Planwagen stehen, der am Rand des großen Platzes steht. Sie setzt sich hinein und bleibt stundenlang im Wagen, bis sie von einem Mann gerufen wird.
„Ma’am?“
Mary kommt aus dem Wagen geklettert.
„Ja?“
„Können ich und mein Begleiter Ihnen den Tisch abkaufen? Ich gebe Ihnen zwanzig Dollar“, sagt der Mann und hält ihr einen Dollarschein hin. Mary nimmt ihn wortlos entgegen und tritt zur Seite, damit die beiden Männer den Tisch aus dem Wagen tragen können. Von da an versucht Mary, ihre gesamten Habseligkeiten an Siedler, Soldaten und Männer, die zu Pferd unterwegs sind, zu verkaufen.
„Ma’am, Sie wissen, dass Sie nicht bleiben können“, ruft ihr einer der Soldaten zu. Doch Mary achtet nicht auf ihn. Ihr liegt nichts mehr daran, weiterzureisen.
„Ma’am.“
Mary sieht ihn an. Der Soldat kommt auf sie zu.
„Wer war es?“, fragt Mary. „Wer hat meinen Mann getötet?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnet der Soldat. Mary läuft eine Träne übers Gesicht und sie sieht zu Boden. Dann fängt sie erneut zu weinen an. Der Soldat seufzt.
„Johnny Lopez und seine Leute. Sie sind gebürtige Mexikaner und leben von Überfällen und Bankraub. Ihr Mann hatte sehr viel Geld bei sich. Ich habe es gesehen, als er an mir vorbeiging“, sagt er.
„Ich habe ihm noch gesagt: ‚Nimm nicht so viel Geld mit‘, er sagte nur, er wisse, was er tue. Jetzt ist er …“ Mary kann das letzte Wort nicht aussprechen. Der Soldat drückt ihr die Schulter und entfernt sich.
In den nächsten Tagen ist Mary sehr oft bei ihrer toten Familie. Sie weiß nicht, wo sie ihre Familie beerdigen möchte. Mary überlegt, mit ihnen nach Kalifornien zu reisen, doch sie ist sich nicht sicher, wie sie die Körper an die Westküste bringen soll. Einer der Soldaten legt ihr nahe, sie im Fort zu beerdigen, doch Mary sagt, sie werde ihre Familie dort beerdigen, wo sie sie jeden Tag besuchen könne und sie könne ja nicht ewig hierbleiben. Am Ende überredet man sie dazu, ihre Lieben doch im Fort zu bestatten. Und eine Woche später findet sich eine Familie, die bereit ist, sie mitzunehmen. Doch Mary lehnt ab.
Sie bleibt noch ein paar Tage im Fort, bis einer der Soldaten sie auffordert, dieses zu verlassen.



Doch wo sollte ich hin? Ich beschloss, zu der Familie meines Mannes zu reisen. Die Reise war beschwerlich und lang. Ich hatte das Glück, dass ich früher oft geritten bin, deshalb spannte ich das Pferd vom Planwagen und ritt die Richtung wieder zurück, die ich mit meiner Familie gekommen war. Ich hatte das Glück ein ganzes Stück mitgenommen worden zu sein, doch ich war sehr oft alleine unterwegs. Das muss man sich mal vorstellen: Ich, die noch nirgendwo gegen bin, reite alleine durch die Prärie. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mein Ziel erreichte. Und dann kam der Schock: Ich wurde abgewiesen. Die Nachricht über Jacks Tod hatte bereits seine Familie erreicht und sie gaben mir die Schuld dafür. Ich war frustriert und enttäuscht. Ich hatte gedacht, sie würden mich freundlich empfangen, doch stattdessen sagte man mir, ich hätte dort nichts verloren. Als ich nach ein paar Tagen, an denen ich versuchte, die Gunst der Familie meines Mannes zu gewinnen, meine Sachen packte, kam der Stiefbruder meines Mannes zu mir. ‚Es tut mir leid‘ sagte er und ich sah, dass es ihm ernst war. Und dann frage er, was ich tun werde. Ich erwiderte, dass ich es nicht wisse und brach in Tränen aus. Doch dann erinnerte ich mich an die fünf Männer, denen ich kurz im Fort begegnete. Es waren Outlaws und sie waren mit Sicherheit gefährlich, doch ich hatte mit einen mal die Hoffnung, mit ihrer Hilfe die Männer zu finden, die für den Tod meiner Familie verantwortlich waren. ‚Alles in Ordnung?‘ riss mich der Stiefbruder, ich glaube, sein Name war Frank, aus meinen Gedanken. Ich sah ihn an und brauchte einen Moment, um meine Gedanken wieder auf das Geschehen zu richten.’ja’ antwortete ich. Am selben Abend reiste ich ab. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte oder wie genau ich sie finden würde. Ich wusste auch nicht, was ich zu ihnen sagen würde, falls ich sie tatsächlich finden sollte. Doch ich erinnerte mich daran, dass ich mit meinem Mann und meiner Familie zusammensaß und wir über Verbrecher redeten. Irgendwann sagte irgendeiner, wenn man Verbrecher jagen wolle, müsse man leben wie sie. Dieses Land würde voller böser Menschen und es gäbe sehr viele Möglichkeiten, wo sich diese Art von Leute herumtreiben würden. Man müsse dem Geld und dem Whiskey folgen. Daraufhin hatten alle gelacht. Doch zu diesem Zeitpunkt erschien mir diese nicht ganz ernst gemeinte Bemerkung ein hilfreicher Rat gewesen zu sein; ich hatte nur ein Problem: die Saloons. Ich wurde nicht hereingelassen und ich sah es auch nicht ein, mich wie ein Cowboy anzuziehen. War es das wirklich wert? Ich liebte meine Familie und mein Mann war alles, was ich kannte und was mir wirklich etwas bedeutete. Und meine Kinder? Sie waren der Grund, weshalb ich jeden Tag mit einem Lächeln aufstand. Ich musste versuchen, die Liebe, die ich für meine Familie empfand, mit der Scham, mit Cowboyklamotten einen Saloon zu betreten, irgendwie ins Gleichgewicht zu bringen. Ich ließ mich in die nächste Stadt bringen. Dort reservierte ich mir von meinem letzten Geld ein Zimmer im Hotel, das sich nicht weit vom Saloon und vom Büro des Sheriffs entfernt befand. Dort überlegte ich, wie es weitergehen sollte. In dieser Zeit weinte ich viel. Ich stand stundenlang am Fenster und versuchte mir einzureden, ich würde die Menschen unten auf der Straße beobachten. Ich dachte an Jack. Ich dachte an George und an Lucas. Ich sah sie auf der Bahre liegen und erneut kamen mir die Tränen. Irgendwann ging ich hinunter auf die Straße und fragte einen Mann, ob er vielleicht ein wenig Geld für Essen hätte. Ich erklärte ihm, ich hätte von meinem letzten Geld ein Hotelzimmer bezahlt. Der Mann gab mir fünf Dollar und ich ging in das Restaurant. An einem Tisch saß eine Familie. Freu, Mann und zwei Kinder. Ich setzte mich an einen Tisch neben sie und beobachtete die kleine Familie. Die Frau ist etwa in meine Alter gewesen. Der Mann war nur ein paar Jahre älter als mein eigener Mann. Sie aßen einen Teller mit einem Stück Fleisch, Kartoffeln und einen Salat. Die Kinder aßen etwas anderes. Sie unterhielten sich leise, ich konnte nichts verstehen, dennoch bildete ich mir ein, dass sie miteinander redeten, wie wir uns immer unterhielten. Er nannte sie seine "Prärieblume". Ich sah sie oft. Auf der Straße, als sie Hand in Hand durch die Gegend schlenderten. In Geschäften, in der Lebensmittelhandlung und immer wirkten sie, als gäbe es nichts, was ihr Glück stören könne. Als könnten sie jeder Widrigkeit es Lebens trotzen. So empfand ich es damals. Ich weiß nicht, ob sie mich jemals bemerkt haben. Ob sie sahen, wie ich sie beobachtete , doch ich wich ihnen nicht von der Seite. Sie verkörperten für mich das, was ich verloren hatte und was nicht wieder zurückkommen würde. Insgeheim hatte ich sie ‚Familie Luck‘. Misses Luck war immer elegant gekleidet. Sie trug ein Kleid und einen schönen, dezenten Hut. Mister Luck trug ebenfalls elegante Kleidung. Er kam mir vor wie ein Banker. Ich dachte darüber nach, ob Mister Luck seine Stellung wohl für dieses einfaches Leben angegeben hatte. Hatte er es seiner Frau zu liebe getan? Heute komme ich mir ein wenig albern vor, wenn ich daran zurückdenke und ich habe bis jetzt keiner Menschenseele jemals davon erzählt. Doch damals war es der einzige Gedanke, der mich davor bewahrte, nicht ganz in Kummer zu versinken. Irgendwann jedoch stand eine Kutsche vor dem Hotel, in denen die Lucks wohnten. Und am nächsten Tag waren sie weg. Stundenlang lief ich durch die Stadt und hielt Ausschau nach ihnen. Doch sie hatten die Stadt verlassen. Sie waren nur auf der Durchreise gewesen. Ich verfiel wieder in Kummer und Hoffnungslosigkeit. Ich wollte mich nur noch in einem Hotelzimmer verkriechen, welches ich nur noch durch Bettelei bezahlen konnte. Ich kann mit Stolz behaupten, dass ich mich nie prostituiert habe. Ich entschuldige mich für diese Ausdrucksform, doch es gab sehr viele Männer, die eine Gegenleistung verlangten und noch mehr, die mir kein Geld geben wollten. Doch es gab auch solche, die meine Situation verstanden. So oder so war ich dort, wo ich nicht sein wollte. Ich bettelte um Geld, ich beobachtete eine Familie, um mich besser zum fühlen und immer wieder begann ich zu weinen. Was machte es da noch für einen Unterschied, ob ich mich Männerkleidern den Saloon betrat? Ich versuchte es und ich war überrascht, dass ich es bis ins Innere schaffte. Natürlich flog meine Tarnung sehr schnell auf und ich wurde hinausgeworfen. Doch ich hatte genug Zeit, einen Blick ins Innere zu erhaschen und was ich sah, gefiel mir. Ich sagte mir, ich hätte nichts mehr zu verlieren und es stimmte auch irgendwie. Meine Familie war tot und ich konnte nicht mehr zurück. Alleine schon der Weg zurück zu der Familie meines Mannes ist ein Alptraum gewesen. Ich hätte zurück nach Texas gekonnt, doch ich hätte um nichts auf der Welt einen Weg auf mich genommen, der sicher genauso lang gewesen wäre. Also nahm ich meinen Mut zusammen und verließ die Stadt. Ohne Geld, ohne Nahrung und ohne irgendeine Ahnung, wo ich hin musste, ritt ich durch die Gegend. Dass ich hier sitzen und meine Memoiren niederschreiben kann, ist ein Wunder. Es gab Situationen im Leben, an denen ich dachte, dass ich schon längst hätte tot sein müssen.




Er nennt sich Hamilton Smith. Der Mann, der am Tresen sitzt und Kaffee trinkt. Er hat seit zwei Tagen kein einziges Wort gesprochen und ist dürr. Sein Hut scheint nicht genau auf seinem Kopf zu sitzen und seine Kleider scheinen ihm irgendwie zu groß zu sein. Oder ist es nur Einbildung? Nein, ist es nicht. Mary beobachtet den Saloon nun schon seit einer Woche. Sie beobachtet die fünf Männer, die hier ein und aus gehen. Der eine ist der Mann mit den Bartstoppeln.
Mary hatte gehört, die Männer kämen aus Kentucky. Sie scheinen beliebt zu sein, doch es gibt Männer, denen es überhaupt nicht passt, dass sie hier sind. Einer hatte sie als „Mörderbande“ bezeichnet, ein weiterer sagte, sie sollten alle aufgehängt werden. Doch die fünf Männer stören sich nicht daran. Sie stehen am Tresen und trinken Whiskey. Einer von Ihnen, der Mann mit den Bartstoppeln, trinkt Rotwein.
Mary beobachtet die Männer und stört sich nicht an den Blicken, die man ihr gelegentlich zuwirft. Auf einmal stellt sich ein Mann vor sie. Er bestellt einen Whiskey und stellt ihn ihr vor die Nase. Mary sieht ihn an.
„Trink“, fordert er sie auf. Mary sieht zu dem kleinen Glas, das auf der Theke steht.
„Trink“, beharrt er auf seiner Forderung. Dann fügt er hinzu: „Nein, du trinkst nicht“. Er packt sie, zerrt sie in die Mitte des Raumes und reißt ihr den Hut vom Kopf. „Mister Hamilton Smith ist nämlich Misses Hamilton Smith!“, ruft er. Mary reißt sich los.
„Nein! Mein Name ist Mary Jane Thompson. Ich war mit meinem Mann, Jack, und meinen beiden Söhnen, George und Lucas, auf dem Weg nach Kalifornien. Sie wurden im Fort John erschossen“, sagt sie. Im Saloon wird es still.
„Diese Männer wissen es“, fährt Mary fort und deutet auf die fünf, die an der Theke stehen. Alle Blicke richten sich auf sie. Ein Saloonbesucher kommt auf Mary zu und schiebt sie in Richtung Flügeltür. Doch sie reißt sich erneut los. Mary schafft es dem Blick ihres Gegenübers ein paar Sekunden lang zu widerstehen, dann verlässt sie den Saloon.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Die Kirche liegt am anderen Ende der Stadt. Mary wusste nicht, wohin sie sonst gehen sollte. Jetzt sitzt sie im Beichtstuhl und hat wieder ihr Kleid an. Sie lauscht in die Stille hinein und atmet innerlich auf, als sie der Priester unterbricht.
„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit.“
„Amen“, sagt Mary.
„Welche Sünden hast du begangen?“, fragt der Priester.
„Ich wollte mich Verbrechern anschließen, Vater. Ich habe mich als Mann verkleidet und in den Saloon geschlichen“, hört sie sich sagen.
„Empfindest du immer noch so, mein Kind?“, fragt der Pfarrer.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich empfinde. Wissen Sie, seit meine Familie ermordet wurde, weiß ich gar nichts mehr“, entgegnet Mary.
„Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“, fragt der Priester.
„Nein“, erwidert Mary und nach dem Reuegebet verlässt sie die kleine Kirche wieder. Sie hatte gehofft, sie würde dadurch so etwas wie Erlösung finden. Doch das ist nicht der Fall, sie fühlt sich elend. Langsam geht Mary zu ihrem Pferd und reitet zum nächsten Lebensmittelladen. Sofort spürt sie die Blicke im Nacken und hört die Leute leise tuscheln. Mary nimmt sich, was sie braucht und bezahlt. Dann reitet sie zum Saloon. Sie sieht zur Flügeltür und wendet den Blick wieder ab, als sie dem eines Cowboys begegnet, der aus dem Saloon kommt.
„Die sind nicht mehr da“, sagt er. Mary steigt ab und geht auf ihn zu.
„Michael Fisher. Ich bin praktisch mit ihnen aufgewachsen“, sagt der Mann und nimmt seinen Hut ab. Dann lädt er Mary auf eine Tasse Kaffee ein und sagt, er werde ihr alles erzählen, was sie wissen wolle. Mary nimmt die Einladung nach einigem Zögern an und folgt ihm zu einem Haus, das sich gegenüber des Saloons befindet. Mary bindet ihr Pferd an und geht mit ihm hinauf.
„Ich bin eine ganze Weile mit ihnen geritten“, sagt er und entzündet die Feuerstelle. Dann setzt er sich auf das Sofa und bietet Mary an, sich zu ihm zu setzen.
„Wer sind diese Leute?“, fragt sie und setzt sich neben ihm. Der Mann rückt näher an sie heran.
„Outlaws“, erwidert er und legt eine Hand auf ihren Schenkel. Mary springt auf.
„Ich war verheiratet, Mister Fisher. Ich hatte einen sehr netten Mann.“ Der Mann auf dem Sofa sieht sie leicht erschrocken an. Dann fragt Mary: „Haben Sie mich nur hier herauf gelockt, um mich anzufassen?“
„Ich kannte sie wirklich. Und ich bin wirklich mit ihnen geritten“, sagt Michael Fisher und geht zu der Feuerstelle. Mary sieht zu dem Bärenfell an der Wand und der Feder, die auf dem großen Esstisch liegt. Nach einer halben Stunde kommt Michael Fisher mit dem Kaffee und stellt ihn auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Sie nimmt die Tasse, bleibt aber vor dem Sofa stehen.
„Und woher kennen Sie sie?“, fragt Mary als sich Fisher wieder hingesetzt hat. Der Mann trinkt einen Schluck und stellt die Tasse auf den Tisch zurück.
„Wir waren Nachbarskinder. Wir haben immer zusammen gespielt, ihre Eltern waren sehr nett“, sagt der Cowboy. Mary trinkt einen kleinen Schluck.
„Woher sind sie?“, fragt sie.
„Aus Kentucky. Damals fragten sie mich, ob ich mich ihnen anschließen wolle. Ich zögerte, denn schließlich hatte auch ich Eltern und Geschwister. Am Ende erklärte ich mich bereit, mit ihnen zu gehen“, erzählt Michael Fisher stolz.
Ihr Gespräch wird durch Schüsse beendet. Mary läuft zum Fenster und sucht nach der Ursache des Krawalls.
„Das sind bestimmt nur ein paar betrunkene Schwachköpfe“, sagt Michael Fisher. Mary sieht ihn an.
„Wissen Sie vielleicht, ob es hier ein Hotel gibt, oder so etwas?“ fragt sie.
„Haben Sie Geld?“
Mary zögert. Es fallen erneut Schüsse, dieses Mal sind Stimmen zu hören.
„Wusste ich es doch. Warum schlafen Sie nicht hier?“, fragt Fisher, und als er sieht, dass sie erneut zögert, schlägt er vor: „Ich schlafe hier auf dem Sofa. Wir werden uns nicht nahekommen, das verspreche ich Ihnen. Morgen gebe ich Ihnen ein wenig Geld und bringe Sie dann in die nächste Stadt. Aber ich kann vor Morgen Abend nicht weg hier.“ Mary sieht erneut aus dem Fenster.
„Ich muss nur noch etwas holen. Etwas sehr wichtiges“, sagt sie und läuft zu ihrem Pferd. Sie holt den Ehering aus der Satteltasche und geht zu dem Haus zurück. Drinnen macht sich Michael Fisher gerade ans Kochen. Er trägt noch immer seinem Hut und Mary fragt sich, ob dieser ihn wohl auch zum Schlafen trägt. Dann fällt ihr Blick erneut auf die Feder und das Bärenfell an der Wand. Sie spricht ihn darauf an.
„Ich habe mal eine ganze Weile mit Indianern gelebt. Das war ein Abschiedsgeschenk“, erwidert Fisher. Mary betrachtet das Bärenfell. Es ist ihr ein Rätsel, wie Fisher dort überlebt hatte.
„Es war sicher schwer, dort zu leben“, sagt Mary. Fisher kommt aus der Kochecke.
„Nein, ich denke, Sie haben eine ganz falsche Vorstellung von diesen Leuten. Sie sind nicht die Ungeheuer, als die man sie darstellt“, erwidert er und versucht Mary die indianische Kultur näherzubringen. Doch er gibt es bald auf. Diese Frau würde in dem Glauben sterben, die amerikanischen Ureinwohner wären ein gottloses Volk, ohne jedes Verständnis für moralische Werte.
An diesen Abend geht Mary früh zu Bett. Fisher hatte ihr gezeigt, wo das Schlafzimmer ist. Er selber hatte sich im Wohnzimmer einquartiert. Erst hat Mary Sorge, er könnte in das Schlafzimmer kommen, doch nach und nach entspannt sie sich und schläft irgendwann ein. Sie träumt vom Treck. Sie hört sich singen. Und sie hört die Schüsse im Fort John, als ihre Familie umkam. Dann wird sie irgendwann mitten in der Nacht wachgerüttelt.
„Alles in Ordnung?“, fragt jemand. Mary sieht sich verschlafen um.
„Was …?“
„Sie haben geweint“, sagt die Stimme. Mary wischt sich über die Augen und bemerkt, dass sie ganz feucht sind.
„Ja, mir geht es gut“, sagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Fisher sieht sie lange an.
„Sicher?“
„Ja, mir geht es gut“, wiederholt Mary. Und als sie wieder alleine im Zimmer liegt, kommen ihr erneut die Tränen.
Am nächsten Abend brechen sie auf. Fisher versucht von Mary zu erfahren, weshalb sie das Ganze auf sich nimmt. Mary antwortet, sie wäre lieber mit ihrer Familie auf dem Weg nach Kalifornien und erzählt ihm alles.
„Warum haben Sie es nicht trotzdem gemacht?“, fragt Fisher. Mary sieht ihm kurz an, dann konzentriert sie sich wieder aufs Reiten.
„Ich habe mir auch überlegt, für sie nach Kalifornien zu gehen. Ich habe sogar überlegt, die Leichen irgendwie dorthin zu bringen“ - Mary lächelt - „doch nichts von dem schien mir geeignet gewesen zu sein.“ Dann reiten sie einfach nur nebeneinander her. Abends macht Fisher ein Feuer und tagsüber reiten sie. Fisher hatte im Lebensmittelladen ein paar Besorgungen gemacht, die für drei Tage reichen sollten und das ist auch die Zeit, die sie brauchen, um in die nächste Stadt zu gelangen.
Dort angekommen, sehen sie gleich den Galgen, der auf der Hauptstraße steht. Mary reitet an Fisher vorbei. Dieser sagt ihr, es wäre besser zusammenzubleiben, da die Straße so voll ist. Vorsichtig nähern sie sich dem Ausleger und Mary fragt einen alten Mann, der fast keine Zähne mehr im Mund hat, wer dort hängen soll.
„Drei Burschen, sie haben eine Frau vergewaltigt und ermordet, ja, ja. Ich selber habe noch niemanden vergewaltigt und ermordet“, sagt der Alte und richtet seinen Blick wieder geradeaus. In diesem Moment wird es laut und die Menschen fangen zu buhen und zu pfeifen an. Dann werden drei Männer auf die Plattform geführt und ihnen wird der Strick um den Hals gelegt. Mary schließt die Augen.
„Richtet meiner Familie aus, dass ich sie sehr liebe! Und sagt ihr, es tut mir leid, dass ich sie enttäuscht habe“, hört Mary einen der Männer sagen.
„Ja klar! Öffnet doch endlich die Falltür!“ ruft jemand aus der Menge. Die beiden anderen beteuern ebenfalls, dass es ihnen leidtue, ihre Lieben enttäuscht zu haben; dann wird den drei Männern ein Sack über den Kopf gezogen und nach einem Gebet öffnet der Henker die Falltüren. Die Männer winden sich ein paar Minuten, dann ist alles vorbei. Mary öffnet die Augen, wendet aber sofort ihren Blick ab.
„Der Teufel ist ein gerechter Mann, er holt immer diejenigen, die es auch verdient haben! Und ich hole mir jetzt einen Drink!“ verkündet der Alte und läuft zum Saloon.
„Und ich verabschiede mich, Miss, äh, ich meinte Misses“, sagt Fisher.
„Ja, und danke, dass Sie mich begleitet haben“, entgegnet Mary und reicht ihm die Hand. Danach reitet Michael Fisher davon.
Als Mary sich in einem Hotel ein Zimmer nimmt, fragt sie den Mann an der Rezeption, ob es eine Möglichkeit gäbe, in die nächste Stadt zu kommen.
„Normalerweise halten hier immer Kutschen, um Gäste mitzunehmen oder um die Pferde zu tauschen“, sagt der Mann und händigt ihr den Schlüssel aus. Und tatsächlich: einen Tag später kommt eine Kutsche vorgefahren. Mary nimmt den Ehering ihres Mannes aus der Satteltasche und verkauft das Pferd an einen Pferdezüchter, der gerade in der Stadt ist, um einem Rancher ein paar Tiere abzukaufen. Dieser willigt ein, obwohl es nicht seine Art sei, Pferde auf der Straße zu kaufen, wie er sagt. Doch weil das Tier gesund, jung und stark ist, kauft er es ihr ab.

In der Kutsche fährt ein Mann mit, der eine Zeitung dabei hat. Mary fragt ihn, was denn drin stehe, mehr aus Neugier als aus echtem Interesse. Als er ihr die Zeitung reichen will, bittet sie ihn, ihr daraus vorzulesen.
„‚Schießerei in Cheyenne - Spektakuläre Flucht der Clarence-Bande. Vor zwei Tagen lieferten sich die Gebrüder Clarence eine wilde Schießerei mit dem Gesetz. Laut Aussage des diensthabenden Sheriffs sollen dabei zwei der Brüder schwer verletzt worden sein, nichtsdestoweniger sei ihnen die Flucht aus der Stadt gelungen und sollen in Richtung Norden unterwegs sein.
Die Bande, die das ganze Land nun schon seit geraumer Zeit in Atem hält, soll es bis in die nächste Stadt geschafft haben. Andere berichten, dass sie sich irgendwo in der Prärie versteckt halten. Es dürfte sich jedoch lohnen, zur Ergreifung der Flüchtigen beizutragen: Die Behörden haben ein Kopfgeld von eintausend Dollar pro Mann ausgesetzt’. Mehr steht hier nicht.“ Der Mann legt die Zeitung beiseite.
„Schrecklich“, sagt ein anderer und entfacht ein lebhaftes Gespräch. Mary hält sich zurück. Nur ab und zu wird sie gefragt, was sie von dem Ganzen halte, woraufhin sie immer antwortet, sie habe sich nie gegen Recht und Gesetz gestellt.
Mary fragt sich, was sie den Männern sagen würde, wenn sie ihnen begegnen sollte.
„Die Zeiten sind unsicherer geworden“, reißt sie ein Mann aus ihren Gedanken.
„Aber, aber, meine Herren. Die Zeit ist schon immer so gewesen und diese Bande ist ja nicht die einzige hier im Umkreis“, meldet sich eine Frau zu Wort. Mary sieht sie an. Der Mann neben ihr, der offenbar ihr Ehemann ist, holt einen Flachmann heraus und trinkt einen Schluck. Dann bietet er ihn seinem Gegenüber an. Als dieser ihn Mary hinhält, lehnt sie höflich ab. Die Männer lachen und der Flachmann wandert zu dem Mann, der Mary gegenübersitzt.
„Wohin fahren wir?“, fragt Mary nach einer Weile. Einer der Männer runzelt die Stirn.
„Nach Islay“, sagt ein anderer.
„Vielleicht bekommen wir ja die Gelegenheit, die Belohnung einzukassieren“, grinst ein weiterer.
„Wieso?“, Mary horcht auf.
„Weil wir in die richtige Richtung fahren“, antwortet er und nimmt den Flachmann entgegen.
Während der gesamten Fahrt ist der Himmel bewölkt und einer der Männer mutmaßt, dass es bald Regen geben würde, und damit sollte er recht behalten. Die ersten Tropfen fallen am Nachmittag. Am Abend regnet es stärker und als die Nacht über sie hereinbricht, sind sie froh, dass sie nicht draußen im freien Schlafen müssen. Der nächste Tag verläuft ebenso ereignislos wie der Erste. Man redet und verteilt die letzten Schlucke aus dem Flachmann.

Als die Kutsche an diesen Nachmittag in die Stadt gefahren kommt und vor dem Hotel hält, erkennt Mary sofort den Mann aus Fort John. Er trägt ein dunkelgraues Hemd, einen großen Sombrero und scheint sich in der Zwischenzeit rasiert zu haben. Um die Hüften hat er einen Patronengurt geschnallt. Der Mann unterhält sich gerade mit zwei weiteren Männern.
Mary steigt aus und entfernt sich vom Trubel der Reisenden. Sie überquert die Straße, ohne den Mann mit dem Sombrero aus den Augen zu lassen. Wie hatte er noch einmal geheißen? Bill? Ja. Das war sein Name. Der Mann unterbricht sein Gespräch und sieht sie an. Mary wendet den Blick ab und läuft mit raschen Schritten auf die andere Straßenseite. Der Mann mit dem Sombrero, Bill, verabschiedet sich von den beiden anderen Männern und geht in Richtung Saloon. Noch einmal kreuzen sich ihre Blicke, dann fragt er:
„Kennen wir uns nicht?“, Mary weicht einen Schritt zurück und sieht an dem Mann mit dem Sombrero vorbei. Dann verschwindet er im Saloon.
„Die Schießerei im Fort John. Sie haben mir geholfen“, ruft Mary nach einer Weile und glaubt, der Mann könne sie nicht mehr hören, doch dann erscheint er mit einer Flasche Rotwein an der Flügeltür.
„Was tun Sie hier, Ma’m?“, fragt er. Mary sieht sich um. Einige der Leute scheinen sie zu beobachten. Auch der Mann mit dem Sombrero sieht auf die Straße hinaus. In diesen Moment kommen Leute, die in den Saloon wollen. Der Mann macht ihnen Platz und tritt zu Mary auf die Straße.
„Ich war mit meiner Familie unterwegs nach Kalifornien. Wir haben im Fort haltgemacht, um uns Proviant für die weite Reise zu beschaffen. Doch dann kam die Schießerei, mein Mann hatte sehr viel Geld bei sich gehabt … dann war da diese Schießerei. Mein Mann und … Mein Mann und meine beiden Kinder wurden erschossen.“
Mary beginnt zu weinen und sie zeigt ihm den Ehering, den sie während der gesamten Kutschfahrt in der Hand gehalten hatte. Der Mann mit dem Sombrero trinkt einen Schluck aus der Flasche.
„Was genau wollen Sie von mir? Oder von uns?“, fragt er. Mary atmet tief durch. Doch sie bringt keinen einzigen Ton zustande. Der Mann wiederholt seine Frage und da nimmt Mary all ihren Mut zusammen.
„Ich möchte mit ihm genau das tun, was er meinem Mann und meinen Kindern angetan hat“, sagt sie. Der Mann sieht sie fragend an, doch Mary bewahrt auf ihrer Aussage. Dann fragt sie den Mann mit dem Sombrero, wie es sich aus dem Mund einer Frau anhört.
„Mutig“, sagt er nur. „Doch wir waren Ihnen nicht helfen können Ma’am.“ Mary sieht ihn einfach nur an. Sie weiß nicht, was sie denken soll und hofft, er würde ihr nicht anmerken, wie traurig sie über seine Worte ist.
„Ma’am, ich …“ beginnt ihr Gegenüber. Doch Mary nickt nur. Vielleicht ist sie froh darüber, dass er nicht auf ihren Wunsch eingeht und sagt, sie wolle ihn nicht länger aufhalten. Dann macht auf dem Absatz kehrt.

Als Mary zu dem Hutladen geht, denkt sie noch immer über ihr Gespräch mit dem Mann nach. Sie betritt den Laden und fragt den Verkäufer, ob dieser eine Hutschnur habe. Sie möchte den Ring als Kette um den Hals tragen. Der Verkäufer händigt ihr eine braune Schnur aus und fragt, ob ihr diese gefalle.
„Wenn Sie möchten, suche ich Ihnen eine schönere. Es lässt sich bestimmt noch etwas finden“, sagt er. Doch Mary lehnt dankend ab und bezahlt. Plötzlich wird es unruhig. Mary hört Menschen, die aufgeregt durcheinander rufen.
„Lassen Sie uns durch!“ hört sie einen Mann sagen. Die Stimme ist so gedämpft, dass sie sie kaum verstehen kann. Mary tritt auf die Straße hinaus.
„Und das Leben der Familie Johnson gefährden? Nein, meine Herren. Solange ich Sheriff dieser Stadt bin, werde ich auch dafür sorgen, dass jeder Bürger sicher ist“, erläutert der Sheriff. Die Männer, die sich zu einem Mob zusammengefunden haben, beginnen aufgeregt durcheinander zu rufen und der Sheriff hat Mühe, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Mary geht an ihnen vorbei und sieht fünf Pferde vor einem Haus stehen. Und dann sieht sie den Mann mit dem großen Sombrero auf das Haus zulaufen. Die Männer hinter ihr fangen an zu rufen, er und seine Bande könnten froh sein, dass sie einen Feigling als Sheriff hätten. Der Mann sieht kurz zu der kleinen Gruppe rüber und erneut begegnet er Marys Blick. Doch dieses Mal bleibt er unbeeindruckt und ohne einen weiteren Blick auf das Geschehen zu werfen, verschwindet er im Haus. Die Hilfssheriffs versuchen derweil, die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten.
„Wir werden sie uns holen“, ruft ein weiterer Mann.
„Dass du das wirst, das weiß ich, Carl. Jeder weiß um deine Geldsorgen“, kontert einer der Hilfssheriffs. Der Mann greift nach seinen Colt, scheint es sich dann aber anders zu überlegen.
„Wenn dann wenigstens etwas Gutes bei rumkäme, lasse ich mir so etwas sehr gerne unterstellen“, sagt er und drängt sich nach vorne. Inzwischen haben sich zahlreiche Schaulustige versammelt, um die Männer aus dem Mob anzufeuern. Langsam spitzt sich die Lage zu und es fallen Schüsse.
„Jetzt oder nie!“ ruft jemand.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ ruft jemand anderes. Mary läuft zu den Schaulustigen, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie befürchtet, die Männer könnten in jeden Moment auf die Straße stürmen. Derweil haben sich weitere Männer dem Mob angeschlossen und versuchen, an dem Sheriff und seinen Leuten vorbeizukommen. Dann stürmt jemand mit gezücktem Revolver auf das Haus zu. Plötzlich bleibt er abrupt stehen als einer der Männer aus der Bande das Haus verlässt. Er hat eine weitere Person bei sich und hält ihr seinen Revolver an den Kopf.
„Ihr wollt uns holen!? Dann versucht es!“, ruft er. Sofort wird es still. „Ich werde jetzt wieder hineingehen! Wenn ich auch nur einen Laut höre, gibt’s hier Tote!“ fährt er fort und geht langsam wieder ins Haus zurück.
„Eines Tages werden wir euch kriegen, ihr Bastarde“, sagt ein Mann neben Mary. Der Sheriff wendet sich an die Schaulustigen und fordert sie auf, nach Hause zu gehen. Langsam löst die Menge sich auf und Mary zieht sich in das Restaurant der Stadt zurück. Es ist eine einfache Konstruktion, die aus einem Holzgerüst und einem Dach aus irgendeinem Tierfell besteht. Hier überlegt sie zum ersten Mal, ob es richtig gewesen ist, hierher zukommen. Sie sieht zu dem Ring, den sie nun als Kette um ihren Hals trägt und denkt an das, was eben auf der Hauptstraße passiert ist. Dann reißt sie der Kellner aus ihren Gedanken.

Jeff nimmt seinen Bruder Bill zur Seite und geht mit ihm in eines der oberen Zimmer. Bill schaut nervös zur Tür.
„Jim weiß, was er tut“, meint Jeff. Bill setzt sich auf das Bett und beginnt, mit einer Patrone zu spielen, die er aus seinem Gürtel genommen hat.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst es gut sein lassen!“ ruft Bill. „Wir hatten in den beiden Taschen mehr als genug Geld!“ Jeff rauft sich die Haare. Er geht zum Fenster hin und läuft dann zur Tür. Dann schlägt er mit seiner Faust dagegen. Nach dem fünften Schlag fällt Bill ihm in den Arm.
„Du hattest recht! Ja, du hast recht gehabt. Wir hätten verschwinden sollen. Bill, du behältst die Kleine im Auge. Wenn etwas passiert, egal was. Wenn uns irgendjemand Ärger macht … legst du sie um“, sagt Jeff. Bill sieht seinen Bruder an. Doch Jeff meint es ernst. Mit einem letzten Blick auf seinen Bruder verlässt Bill das Zimmer und geht in den Wohnbereich zurück.
Seit ein paar Tagen haben die Clarence sich im Haus des Arztehepaares Johnson verschanzt. Sie haben sie gezwungen, ihre Brüder und Mitstreiter, Parker und Dexter, zu verarzten. Jetzt liegen die beiden in einem Zimmer und ringen noch immer mit ihrem Leben. Die drei Kinder der Johnsons, Peter, Jackson und Alice, sitzen auf Stühlen und werden von Jim in Schach gehalten. Gladys und Laramie, das Ehepaar, werden gerade von Jeff aufgefordert, noch einmal nach den Verwundeten zu sehen. Die beiden liegen im Bett und sehen aus, als würden sie keinen Tag mehr schaffen. Doch Laramie versichert Jeff, der seinen Revolver auf die beiden gerichtet hält, er habe die Wunden so gut es geht versorgt. Jeff lässt die beiden aus dem Zimmer gehen und legt den Lappen, der neben dem Bett liegt, auf Parkers Stirn. Sie ist schweißnass und er regt sich schwach.
„Du wirst mir ja am Leben bleiben“, flüstert Jeff. Parkers Gesicht ist kreidebleich und Jeff sieht, dass er Schmerzen hat. Dann wendet er sich Dexter zu. Ihn hat es nicht ganz so schlimm erwischt wie Parker, dennoch ist auch er nicht ansprechbar. Jeff ergreift seine Hand und hält sie kurz. Dann erhebt er sich.
„Verrate es ja keinem. Ich bin immer noch derselbe Mistkerl von Bruder wie früher“, lächelt er und verlässt das Zimmer. Draußen wird er von Bill abgepasst, der ihn fragt, wie es den beiden gehe.
„Nicht besser, aber auch nicht schlechter“, antwortet Jeff und geht in das Wohnzimmer. Dort fragt Jackson gerade, ob er eine Flasche Whiskey holen darf. Jim sieht zu seinem Bruder.
„Wende deinen Blick niemals zu lange vom Geschehen ab“, entgegnet Jeff. Dann sagt er an Jackson gewandt: „Drei Minuten.“ Der junge Mann verschwindet in der kleinen Kochstelle, die an das Wohnzimmer grenzt und kommt mit einer Whiskeyflasche und drei Gläsern wieder heraus. Er schenkt sich ein Glas ein und stellt die Flasche in die Mitte des kleinen Holztisches. Auf einmal meldet sich Laramie zu Wort. Er ist der diplomatischste in der Familie und hat das Talent, in jeder Situation die Ruhe zu bewahren.
„Darf ich etwas vorschlagen? Sie wollen Hilfe von uns. Wir werden Ihnen entgegenkommen, wenn Sie uns auch ein wenig entgegenkommen, daher wäre mein Vorschlag, Sie hören auf, mit den Waffen da vor unserer Nase herumzufuchteln und wir versorgen Ihre Brüder“, sagt er. Jeff macht einen Schritt auf ihn zu, doch Jim hält seinen Bruder zurück.
„Jeff, wir sind zu dritt. Wie wollen wir das denn machen?“, Jeff denkt darüber nach. Dann sagt er:
„Ich lasse euch nicht aus den Augen, Jim hält sich für den Notfall bereit und weicht mir nicht von der Seite. Und Bill kümmert sich um den Rest. Wenn, hier mal was erledigt werden muss oder wenn ihr Hilfe braucht.“
Von da an übernimmt Jeff die Überwachung der Familie Johnson, während Bill sich um Parker und Dexter kümmert und einkaufen geht. Dieses Mal allerdings möchte er sich etwas Besonderes gönnen. Er geht zu Billys Gun and rifle Store, der sich ein paar Häuser neben dem Lebensmittelgeschäft befindet, um sich einen Derringer .41 Cat zu besorgen. Er fühlt sich sicherer, wenn er eine Waffe als Reserve bei sich trägt, die er in seiner Jacke versteckt tragen kann. Der Verkäufer begrüßt ihn freundlich und fragt sogar, wie es seinen beiden Brüdern gehe, die man mehr tot als lebendig hergebracht hatte.
„Man kann noch nichts sagen, aber sie leben noch“, antwortet Bill. Dann fragt er nach dem Derringer. Der Verkäufer verschwindet kurz in einer Ecke und kommt wenig später mit der Taschenpistole wieder.
„Hier ist das gute Stück“, sagt er freudestrahlend und übergibt Bill die Waffe.
„Was macht das?“, fragt dieser, doch der Verkäufer winkt ab.
„Ach, nehmen Sie sie einfach mit. Wissen Sie, die Leute hier möchten Sie am liebsten alle gleich hier erledigen, aber solange Sie diese Leute da drinnen gefangen halten, wagt es niemand, einem von Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen“, sagt der Waffenladenbesitzer. Bill lächelt höflich und verlässt den Laden. Dann klopft er an die Tür der Johnsons.
„Bill?“, fragt Jeff.
„Ja, ich bin es“, erwidert Bill und Jeff öffnet ihn. Drinnen zeigt Bill, was er gekauft hat und erzählt seinem Bruder von dem euphorischen Ladenbesitzer. Jeff lächelt kopfschüttelnd und sie gehen ins Wohnzimmer.
„Und Sie glauben, Sie können hier so einfach weg, wenn Ihre beiden Brüder wieder auf den Beinen sind?“, fragt Laramie und schenkt sich ein Glas aus der Flasche ein, die inzwischen fast leer ist. Jeff, der ebenfalls ein Glas Whiskey in der Hand hält, trinkt einen Schluck.
„Nein, wir werden einen von euch mitnehmen“, sagt er und fährt sich durch das Haar. Bill entfernt sich von der Gruppe und geht in das Zimmer, in dem Parker und Dexter liegen. Parker gibt gerade einen stöhnenden Laut von sich und Bill geht zu ihm.
„Wie geht es dir?“, fragt er. Parker versucht, etwas zu sagen, gibt es aber bald auf. Nach ein paar Minuten setzt er zu einem neuen Versuch an.
„Nicht … schlecht“, flüstert er. Bill kann ihm kaum verstehen und muss sich ganz nah zu Parker heran beugen. Dann flüstert Parker: „Dex?“
„Ihn hat es nicht so schwer erwischt“, antwortet Bill und setzt sich zu Dexter. Der lächelt schwach.
„Wie … läuft es bei … eu…“
„Ja. Wir haben alles im Griff“, sagt Bill leise. Dann füllt er die Schalen, die neben beiden Betten stehen, mit frischen Wasser nach.



Die erste Gelegenheit für Mary, diesen Leuten näherzukommen, bietet sich drei Tage später, als zwei von ihnen in die nächste Stadt wollen, um Medikamente zu holen, die die Johnsons nicht mehr vorrätig haben. Nur schüchtern nimmt sie Bills Angebot an, obgleich sie mit jeder Faser ihres Körpers danach verlangt. Jeff ist dagegen. Er meint, sie könne ihnen die gesamte Stadt auf den Hals hetzen, wenn sie wollte und besteht deshalb darauf, Mary die ganze Zeit über, während seine beiden Brüder weg sind, selber zu überwachen.
„Du bleibst bei ihnen, komme, was wolle“, sagt Jeff und führt Mary in das Zimmer von Parker und Dexter. Der Zustand der beiden ist unverändert und Mary setzt sich an Parkers Bett. Sie möchte Jeff fragen, wer das sei, doch dieser ist schon weg. Deshalb versucht sie, Parker direkt zu fragen.
„Lassen Sie sich ruhig Zeit“, sagt sie und wartet geduldig darauf, dass der Mann in der Lage ist zu antworten. Nach einer kleinen Ewigkeit sagt er schließlich:
„Parker. Sie?“, Mary sieht die Schale mit dem Lappen auf dem Nachttisch liegen und befeuchtet ihm die Stirn. Dann gibt sie ihn davon zu trinken.
„Ich heiße Mary. Ihr Bruder sagte, ich solle während der Zeit, in der er alleine ist, auf Sie beide aufpassen.“ Der Mann im Bett lächelt schwach. Dann erschlafft sein Körper vor Erschöpfung. Mary schiebt vorsichtig die Bettdecke beiseite. Der Körper des Mannes ist mit einem großen Verband versehen, und Mary sieht weitere Verbände an seinem Körper.
„Nicht“, stöhnt der Mann. Mary lässt von ihm ab.
„Tut mir leid“, sagt sie hastig und befeuchtet ihm erneut die Stirn. „Haben Sie schon gegessen?“
„Nein“, flüstert er nach einer Weile. Mary ruft Jeff zu sich. Dieser erscheint Augenblicke später an der Tür. Da diese nicht zu ist, kann er sie vom angrenzendem Wohnzimmer aus gut hören.
„Sie haben Hunger“, sagt Mary. Jeff nickt und kurz darauf hört Mary ihn fragen, ob jemand etwas zu Essen machen kann.
„Ich mach schon“, sagt eine Frauenstimme. Parker zieht Mary zu sich.
„Was machen … Sie … hier?“, fragt er und verzieht vor Schmerzen das Gesicht. Mary erzählt ihm ihre Geschichte. Auf einmal hört sie Jeff rufen. Schüchtern kommt sie aus dem Zimmer.
„Ja?“, sagt sie und geht zu Jeff, der neben der kleinen Kochstelle steht, um beide Zimmer im Auge zu haben. Der drückt Mary seinen Colt in die Hand.
„Du kannst ihn jetzt gegen mich wenden. Du kannst sogar die Leute hier herausholen, wenn du willst, aber ich muss mal und ich kann’s nicht mehr halten und du bist uns bis hier hergefolgt, also: Du nimmst den Colt und passt auf, dass hier niemand aus der Reihe tanzt. Mary, Bill und Jim sind noch da, solltest du …“
„Werde ich nicht“, unterbricht sie ihn. Jeff dreht sich demonstrativ um und verlässt langsam, aber sehr angespannt das Wohnzimmer. Mary atmet tief durch. Laramie sieht sie hoffnungsvoll an.
„Sie haben doch nichts damit zu tun“, sagt er. Mary berührt den Ring um ihren Hals und schluckt. Sie spürt den Schweiß, der sich unter ihren Achseln bildet. Und sie hört ihren Herzschlag. Mary versucht, sich darauf zu konzentrieren. Sie versucht, ruhig zu atmen.
„Sie haben nichts damit zu tun“, wiederholt Laramie und geht langsam auf sie zu.
„Bleiben Sie stehen“, flüstert Mary und denkt an Jack, ihren Ehemann. Als Laramie nicht hören will, richtet sie die Waffe auf ihn.
„Bleiben Sie stehen“, wiederholt sie ein wenig lauter. Abrupt bleibt Laramie stehen und sieht sie ungläubig an. In diesen Augenblick kommt Jeff wieder und Mary drückt ihm den Revolver in die Hand.
„Fragen Sie mich ja nie wieder nach so etwas“, sagt sie und läuft an ihm vorbei. Jeff drängt Laramie auf das Sofa zurück und nimmt wieder seinen Platz neben der Kochstelle ein.

Am Abend zwingt Jeff die Familie Johnson in das obere Stockwerk. Er fordert Gladys auf, ihre Familie mit Propofol zu betäuben, das er aus dem Medizinschrank genommen hat. Dann sagt er Mary, sie solle Gladys betäuben. Nachdem dies geschehen ist, fesselt er sie mit einer Hand an das Bett und verriegelt die Zimmertüre. Dann wendet er sich Mary zu. Sie gehen in ein Nebenzimmer und als Jeff auch sie betäuben möchte, bittet sie ihm, ihr einen Augenblick zuzuhören. Jeff setzt sich auf eines der Betten, den Revolver noch immer in der Hand.
„Ich bitte Sie, mich anzuhören“, beginnt sie. Jeff bleibt geduldig sitzen und Mary nimmt sich einen Stuhl, der an einer Ecke am Fenster steht.
„Als Sie mir am Fort geholfen haben, als Bill mir geholfen hat und mir den Lappen auf die Stirn gelegt hat, da dachte ich, mein Leben wäre zu Ende. Ich verkaufte die Sachen und den Planwagen und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ihr Bruder hat Ihnen von seiner Begegnung hier mit mir erzählt?“
„Ja. Er erzählte mir auch, weshalb du hier bist“, erwidert Jeff. Dann fährt Mary fort:
„Unsere Begegnung im Saloon war nicht zufällig, ich wusste nicht, dass ich Sie dort treffen würde. Michael Fisher brachte mich dann in die nächste Stadt. Er sagte, Sie wären damals zusammen geritten“, Mary lächelt.
„Das stimmt. Wir waren Nachbarskinder“, entgegnet Jeff und steckt seine Waffe weg.
„Ich bin kein Feind“, sagt Mary. „Ich will den Mann kriegen, der meine Familie getötet hat. Alleine schaffe ich das nicht.“ Jeff denkt darüber nach, dann sagt er:
„Aber was wäre, wenn es einer von uns getan hätte? Dann wärst du wegen etwas anderem hier, stimmt’s?“, Mary schweigt. Dann legt sie sich in das Bett und deckt sich zu.
„Das hier brauche ich wohl nicht, aber ich würde trotzdem gerne auf Nummer sicher gehen“, sagt Jeff und holt das Propofol aus seiner Tasche. Mary verzieht keine Miene.
„Wenn Sie einen Beweis brauchen, dass ich Sie nicht hintergehe, tun Sie es“, sagt sie. Jeff befeuchtet ein Tuch und drückt es Mary an die Nase. Als sie schläft, nimmt er die letzte Fessel, doch er zögert. Dann fesselt er auch ihren Arm an den Bettpfosten.

Als Jeff an diesen Morgen ins Zimmer kommt und Mary losbindet, ist diese ein wenig entrüstet darüber, dass er ihr offensichtlich noch viel weniger vertraut, als sie anfangs glaubte. Doch Jeff erklärt ihr, er habe seinen Brüdern immer gepredigt, niemanden zu vertrauen und er wäre kurz davor gewesen, sein eigenes Wort zu brechen. Dann folgt sie ihm hinunter und Jeff lässt Mary mit Parker und Dexter alleine. Ein wenig später kommt Familie Johnson die Treppe hinunter und Mary hört, wie sich jemand an der Kochstelle zu schaffen macht. Dann frühstücken sie. Jeff steht ein wenig abseits und trinkt eine Tasse Kaffee. Sein Blick ist aufmerksam und fokussiert, wie immer. In der Hand hält er seinen Revolver.
„Wie schaffen Sie es, immer so wach zu sein?“, fragt ihn Mary. Jeff lächelt kaum merklich.
„Das kommt daher, weil uns nie etwas anderes übrig geblieben ist“, erwidert er.
„Sie hätten sich für ein anderes Leben entscheiden können. Stattdessen wollten Sie lieber töten“, fährt ihn Laramie an. Jeff übergeht diese Bemerkung und trinkt einen Schluck Kaffee. Nach dem Frühstück versorgt Mary die beiden im Bett liegenden Brüder. Sie gibt ihnen Kaffee, wobei sie sie vorsichtig aufrecht hinsetzt und ihnen die Tasse an die Lippen hält. Mary bemerkt, dass die beiden nicht mehr so verschwitzt sind wie zu Anfang. Ihr fällt auch auf, dass sie nicht mehr so schwach sind wie noch vor einem Tag, obgleich sie noch immer einen ziemlich schlappen Eindruck machen und Schmerzen haben. Jeff erscheint an der Tür und fragt Mary, ob sie noch einmal bereit wäre, den Colt an sich zu nehmen.
„Ich will bei meinen Brüdern sein“, fügt er hinzu. Mary erhebt sich langsam und geht zu ihm. Jeff übergibt ihr seine Waffe und sie verlässt das Zimmer. Als Mary im Wohnzimmer ist, stellt sie sich, genau wie Jeff, vor den Johnsons. Dieses Mal ist sie mutiger.
„Können Sie überhaupt damit umgehen?“, fragt Laramie.
„Wollen Sie es ausprobieren?“
Diese Worte kommen schärfer aus ihrem Mund als sie dachte. Doch Mary hatte keine Angst dabei empfunden, sie auszusprechen.
„Schämen Sie sich“, sagt Laramie, doch Gladys stößt ihren Mann leicht in die Seite. In diesen Moment kommt Jeff aus dem Zimmer.
„Kann ich dich erlösen?“, fragt er. Mary läuft zu ihm und stößt ihn vor die Brust, dieser taumelt ein paar Schritte zurück, doch Mary stößt ihn erneut vor die Brust. Dann nimmt Jeff ihr die Waffe ab und richtet sie blitzschnell auf Laramie, der auf sie zugekommen ist.
„Zurück“, sagt er. Laramie weicht zurück und setzt sich wieder aufs Sofa. Mary öffnet die Haustür und verlässt fluchtartig das Haus der Familie Johnson. Aufgelöst läuft sie die Straße entlang und bleibt schließlich vor einem Schaufenster stehen. Sie sieht ihr Spiegelbild und Tränen laufen ihr übers Gesicht. Dann setzt sie sich vor das Johnson-Haus und bleibt sitzen, bis es Abend wird. Und irgendwann setzt Jeff sich neben sie.
„Du hast recht. Und du hast auch damit recht, dass du kein Feind bist. In Abilene stand ich genauso vor einem Gewissenskonflikt, na ja, es war viel mehr die Gewissheit, dass es für mich kein Zurück mehr geben kann“, sagt Jeff. Mary sieht ihn an. Dann fährt Jeff fort: „Wir waren nach Abilene gekommen, um dort zu rasten, wir wollten in die Rocky Mountains. Zu der Zeit hatten wir schon die ersten Überfälle begangen, es war also nur eine Frage der Zeit, bis es den ersten Toten gegeben hätte. Wir machten in einem Saloon halt und blieben bis zum späten Abend dort. Irgendwann musste ich vor die Tür, weil mir alles zu viel wurde und da habe ich einen jungen Mann gesehen, der seinen Sattel zurechtzurücken schien. Ich nahm meinen Colt und zielte auf ihn, nur so. Doch dann passierte etwas in mir, ich hatte den Impuls, abzudrücken. Ich wollte die Waffe wieder wegstecken, doch es war stärker als ich. Ich hatte schon einmal beobachtet, wie Männer auf Männer schossen und hab’s auch getan. Ich schoss und der Mann ging zu Boden. Die anderen kamen herausgestürmt und sahen mich mit der Waffe in der Hand, dann sahen sie den Toten vor dem Saloon.“ Mary sieht in die Nacht hinaus.
„Ich dachte, Sie kämen aus Kentucky“, sagt sie. Jeff sieht sie überrascht an. Dann fragt er:
„Hat Michael dir das erzählt?“
„Ja.“
„Wir wollten nach Texas, weil wir in den echten Wilden Westen wollten. So haben wir es uns immer ausgemalt. Du musst wissen, wir waren noch sehr jung als wir los sind. Damals dachte keiner von uns daran, Banküberfälle zu machen“, entgegnet Jeff. Mary sieht ihn an.
„Aber?“
„Wir haben auf Ranches gearbeitet, als Cowboys und wir haben sogar versucht, unseren eigenen Saloon zu führen“, lacht Jeff. Dann wird er ernst. „Doch wir wussten auch nicht, wie man einen Saloon führt. Was machen junge Männer also, die nichts wissen und Geld zum Leben brauchen? Sie arbeiten bei irgendeinem Farmer und kaufen von dem Geld einen Revolver“, sagt Jeff.
„Wieso reiten Sie nicht mehr mit Fisher?“, fragt Mary auf einmal. Jeff sieht sie das erste Mal seit ihrem Gespräch an.
„Als diese Sache mit Abilene passierte, wollte er nichts mehr mit uns zu tun haben. Er sagte, er sei alles, aber kein Mörder. Seit unserer Begegnung mit dir im Saloon haben wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen“, erwidert Jeff. Dann sagt er: „Wie hat er geklungen, als er dir erzählt hat, dass er uns kennt?“
„Er hat es nicht ohne Stolz erzählt“, entgegnet Mary. Jeff lacht.
„Die berühmten Outlaws möchte jeder kennen“, sagt er und erhebt sich. Er fragt Mary, ob sie mit hereinkommen möchte. Sie sagt zu und trinkt zum ersten Mal in ihrem Leben Whiskey.

Mary wacht im Wohnzimmer auf. Sie liegt auf dem Sofa und hält eine Whiskeyflasche umklammert.
„Hier“, sagt Jeff und stellt ihr eine Tasse mit Kaffee auf den Tisch. Mary dreht sich zu ihm um und stellt die Flasche auf den Tisch. Auf ihm stehen zwei Gläser und eine noch fast volle Whiskeyflasche.
„Oh, was war denn hier los?“, fragt sie. Jeff lächelt und setzt sich auf den Sessel neben den Tisch.
„Ja, du wirst bestimmt ein guter Outlaw“, lacht er. Mary vergräbt ihr Gesicht in den Händen.
„Hören Sie bloß auf“, sagt sie.
„‚Shotgun Jane, der Schrecken der Prärie‘“, zieht Jeff sie auf und Mary hält sich die Ohren zu. Dann springt sie auf.
„Die Toilette“, sagt sie. Jeff führt sie hin und Mary übergibt sich. Dann lässt sie sich von Jeff wieder ins Wohnzimmer führen.
„Jane gefällt mir“, grinst Jeff. Mary wirft ihm einen finsteren Blick zu.
„Ich war betrunken“, sagt sie. Jeff hebt die Hände.
„Schon gut, schon gut“, sagt er. Dann fängt er wieder zu grinsen an. Mary setzt sich auf das Sofa und trinkt einen Schluck Kaffee. Dann lacht auch sie. Nach einer halben Stunde fühlt sie sich besser und geht zu Parker und Dexter. Jeff räumt auf und holt die Johnsons aus dem oberen Stockwerk.
„Man konnte Sie beide bis oben hören“, beschwert Laramie sich.
„Sehr oft wird so etwas nicht vorkommen“, hört Mary Jeff sagen.
„War das die Frau da, die ich gehört habe?“, fragt Peter verblüfft. Jeff geht nicht darauf ein, sondern sagt ihnen lediglich, sie sollen ins Wohnzimmer gehen. Bei der ersten Gelegenheit bedankt Mary sich bei ihm.
„Keine Ursache, Jane“, lächelt Jeff. Mary gibt es auf, sich darüber zu ärgern und gewöhnt sich selbst daran, von Jeff scherzhaft „Shotgun Jane“ genannt zu werden.

Sie wiederholen das noch einmal und vergessen dabei, dass Mary nur da ist, um Jeff während der Abwesenheit seiner Brüder unter die Arme zu greifen. Und als Jim und Bill wiederkommen, tut es Jeff fast schon weh, Mary gehen zu lassen. Doch sie unterstützt sie weiterhin.
Parker und Dexter befinden sich bald auf dem Weg der Besserung und machen irgendwann sogar kurze Spaziergänge durch die Stadt. Mary hilft, wo sie kann und bald sind die Clarence wieder kurz davor weiterzuziehen. Mary bittet Jeff, sie mitzunehmen.
„Du bist nicht so weit“, erwidert er als sie einen Abschiedsspaziergang durch die Stadt machen. Mary bleibt vor einem Bekleidungsgeschäft stehen.
„Meinst du?“, fragt sie und sie gehen hinein. Sie sucht sich ein graues Kleid aus und bezahlt es. Dann kauft Jeff ihr im Hutgeschäft einen Cowboyhut. Doch er zweifelt.
„Weißt du, wieso man keine Greenhorns mitnimmt? Weil sie einen aufhalten. Sie müssen schießen lernen, flüchten und sie müssen sofort bereit sein“, sagt Jeff als sie wieder auf der Straße sind. Mary nimmt den Hut und schaut ihn sich an.
„Dann zeig es mir“, sagt sie. „Bring es mir bei. Bring mir bei, wie man schießt und wie man flüchtet.“



Natürlich war mir sehr wohl bewusst, worauf ich mich da einließ. Das wurde auch während der vielen Gespräche deutlich, die ich mit Jeff geführt hatte. Er erzählte mir viel über sich und seine Brüder und ich offenbarte ihm auch vieles aus meinem Leben. Doch es war ein langer Weg, bis wir an diesen Punkt waren. Jeff hatte seine Probleme damit, mir zu vertrauen. Er hatte auch ein Problem damit, weil es nicht er war, der mich zu sich gebeten hatte. Er hatte es aus einer Zwangslage heraus getan und schien nicht glücklich darüber gewesen zu sein. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, alles wäre gut. Mit einem Gefährten wie Jeff unter einem Dach zu leben, konnte nicht immer Spaß machen. Es dauert, bis er einen vertraut und es dauert noch länger, bis er sich einen gegenüber öffnet. Doch auch Jeff ist nur ein Mensch, der, genau wie alle, auch mal abschalten will. Unser Besäufnis im Wohnzimmer entstand nicht, weil Jeff mir vertraute. Ich denke, er fühlt sich insofern sicher, als dass er glaubte, dieses Risiko eingehen zu können. Dennoch möchte ich mit keinem der anderen Clarence-Brüder tauschen wollen. Bill ist herzlich. Er ist sehr sensibel und ich mochte ihn auf Anhieb. Jeff sagte mir einmal, er brauche ihn und seine Fähigkeit, andere zu verstehen. Er hatte gesagt, er und Bill würden sich ergänzen. Er sagte auch, dass es nicht immer so gewesen sei und schwieg. Ich ahnte, dass da mehr gewesen sein musste, wagte aber nicht, weiter nachzufragen. Eines Tages erfuhr ich dann die Wahrheit. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, erscheint es mir seltsam, dass die Brüder so ein gespaltenes Verhältnis zueinander hatten. Sie wirkten immer ziemlich vertraut. So als könne sich jeder auf jeden bedingungslos aufeinander verlassen. Es lag wohl nicht zuletzt an Dexter. Er war, wie ich erfahren sollte, derjenige, der alles zusammenhielt. Wenn es Streit gab, war er da, um zu vermitteln. Er war ruhig, sachlich und behielt ebenfalls in alles Situationen einen kühlen Kopf. Da unterschied er sich nicht allzu sehr von Jeff. Jim dagegen war jemand, der gerne anderen die Entscheidungen überließ. Wann immer es ihm möglich war, hielt er sich im Hintergrund. Nur wenn es darauf ankam, wenn ein Überfall geplant wurde oder eine wichtige Entscheidung im Raum stand, tat er seine Meinung kund. Über ihn habe ich in all der Zeit, in der ich mit den Brüdern gelebt habe, nie wirklich etwas erfahren. Das Gleiche gilt für Parker. Und auch wenn es mir damals nicht wirklich aufgefallen ist, so wurde mir nach und nach immer bewusster, dass ich die beiden gar nicht richtig gekannt habe und es vermutlich auch nie tun werde.


Bill postiert sich vor der Tür. Jim und Jeff halten ihre Waffen auf die Familie gerichtet und zwingen sie, sich ruhig zu verhalten. Dann geht alles blitzschnell: Bill reißt die Tür auf und Jim packt Alice. Er legt ihr den Arm um die Kehle und hält ihr seinen Revolver an den Kopf. Dann tritt er mit ihr hinaus. Er lässt Jim vorbei, der Peter als Geisel genommen hat.
„Das können Sie doch nicht tun!“ ruft Gladys. Doch die Brüder übergehen ihren Protest und gehen zu ihren Pferden. Sofort versammeln sich Menschen, viele davon haben Waffen in den Händen.
„Ich schwöre euch, wenn jemand schießt, sind sie tot!“ ruft Jeff in die Menge und springt auf sein Pferd. Mary streckt die Hände nach ihm aus und er hilft ihr, aufzusteigen. Dann hält Jeff seine Waffe auf die Menge gerichtet, während seine Brüder aufsteigen.
„Wir werden die Kleine mitnehmen! Wenn uns jemand folgt, ist sie tot!“ ruft er und gibt seinem Tier die Sporen. Auch Jim springt auf sein Pferd und hilft Alice aufzusteigen. Bill hält seine Waffe drohend vor der Brust. Am Ende steigen Bill, Parker und Dexter auf.
Nachdem sie Jim und Jeff eingeholt haben, reiten sie gemeinsam über die Steppe. Mary sieht zu Alice, die sich an Jim klammert. Nach einer halben Stunde steigen sie ab. Alice fragt, ob sie mitmüsse.
„Nein, du bleibst hier. Sie finden dich schon“, meint Jeff. Mary sieht, dass Alice friert und bittet Bill darum, ihr seine Jacke zu geben. Dieser gibt sie ihr und dann reiten sie weiter.
„Es ist wirklich kühl!“ ruft Mary.
„Ist dir kalt, Jane!?“, fragt Jeff. Mary lächelt.
„Es geht schon!“ erwidert sie und sieht zu den anderen. Nach einer weiteren halben Stunde gehen sie in einen Trab über.
„Jane?“ fragt Bill, der sein Pferd neben das von Jeff lenkt. „Habe ich was verpasst?“, Jeff grinst. Ihm geht Mary nicht aus dem Kopf, die eine Fingerpistole zeigt und auf dem Tisch steht.
„Allerdings“, lacht er.
Sie reiten bis in den späten Nachmittag hinein und machen zwischen Gräsern und Hügeln eine Rast. Parker hält sich die Seite und verzieht schmerzerfüllt das Gesicht. Bill entscheidet abzusteigen und Wachen einzuteilen. Jeff sieht sich nach allen Richtungen um. Er ist skeptisch, sieht aber auch ein, dass sich Bill und Parker schonen müssen.
„Na schön“, sagt er schließlich. „Immerhin hat sogar Gladys Johnson gesagt, dass du dich schonen musst.“ Nach und nach steigen die Brüder ab. Jeff muss sich fast verrenken, um abzusteigen und hilft Mary ebenfalls vom Sattel. Dann nimmt er ihre Hand und entfernt sich von den anderen. Bill und Jim beziehen derweil auf einer kleinen Anhöhe Position und ziehen ihre Colts. In der Zwischenzeit drückt Jeff der neu dazu gestoßenen Mary seinen eigenen in die Hand.
„Erst mal geht es darum, dass du lernst, wie sich ein Revolver anfühlt, wenn man damit schießt“, sagt er. Mary blickt auf die Waffe in ihrer Hand und richtet sie gen Horizont. Dann schießt sie. Der ungewohnte Rückstoß lässt sie zurücktaumeln, doch Jeff hält sie fest. Dann schießt sie noch einmal, dieses Mal steht sie ein wenig sicherer auf den Beinen. Jeff nimmt ihr die Waffe aus den Händen und erklärt, wie man sie benutzt.
„Siehst du die Kerbe?“, fragt er und zeigt auf die Kimme. „Das ist die Kimme. Und das nennt man Korn. Siehst du die verschiedenen Formen?“
„Ja“, antwortet Mary. Jeff nimmt die Waffe in die Hand und zielt in die Luft. Er bittet Mary, sich vor ihn zu stellen.
„Siehst du, wie das Korn in die Kimme passt?“
„Ja“, wiederholt Mary.
„Ich sorge dafür, dass das Korn in der Kerbe der Kimme ist, dann kann ich zielen“, sagt er und drückt ab. Von hinten meldet Dexter sich zu Wort. Er fragt, ob sie es lassen könnten, weil sonst alle Welt auf sie aufmerksam werden würde.
„Er hat recht“, sagt Jeff, lädt den Revolver nach und hebt die Patronenhülsen auf, die auf dem Boden liegen.
„Wir dürfen keine Spuren hinterlassen“, sagt er und steckt seine Waffe weg.
„Die Spur, die ihr gerade hinterlassen habt, ist unüberhörbar gewesen“, meint Dexter. Jeff geht zu Bill und sagt, er und Jim sollen die Augen offen halten und sie bei dem leisesten Verdacht warnen.
„Selbst wenn es am Ende nur ein Tier ist, das durch das Gras huscht, ihr warnt uns.“
„Wir sind hier völlig ungeschützt, Jeff. Glaubst du, das ist eine gute Idee hier zu bleiben?“, fragt Parker. Jeff lässt den Blick über die Prärie schweifen. Er sieht sich alles an, registriert jeden Grashalm, der sich im Wind bewegt, achtet auf jedes Geräusch und zieht ebenfalls seinen Colt.
„Jeff“, reißt Parker ihn aus seiner Konzentration. Dieser dreht sich zu ihm um.
„Nein, aber ungeschützt sind wir überall. Wenn sie kommen, müssen wir dafür sorgen, dass wir schneller schießen“, erwidert Jeff und sieht wieder in die Prärie hinaus. Minuten vergehen, ohne dass etwas passiert. Jeff wird nervös. Seine Hand klammert sich fester um den Griff seiner Waffe. Plötzlich hören sie aus der Ferne Stimmen. Bill erschrickt und Jim spannt den Hahn seines Revolvers.
„Lasst sie näherkommen. Dex, bring die Pferde weg. Führ sie ins offene Gelände und komm dann wieder zurück. Und die anderen, runter mit euch“, zischt Jeff. Dexter nimmt die Pferde und entfernt sich mit ihnen.
„Ich schaffe das nicht alleine“, flüstert er und sofort ist Parker zur Stelle. Gemeinsam bringen sie die Pferde weg. Jeffs Pferd beginnt zu schnauben. Dexter tut alles, um es wieder zu beruhigen und dann entfernen sie sich von den anderen.
Die Stimmen kommen näher. Die drei übrigen Brüder hocken mit Mary auf der Erde. Dann können sie in weiter Entfernung Reiter erkennen, die auf sie zu galoppiert kommen.
„Vorwärts!“ hören sie eine Stimme rufen. „Sie können nicht weit sein!“ Als die Männer ihnen schon so nahe sind, dass Mary glaubt, sie würden in jedem Moment erwischt werden, eröffnen Jeff, Bill und Jim das Feuer. Sie schießen abwechselnd. Während einer von ihnen nachlädt, schießt der andere auf die Angreifer. Mary hält sich die Ohren zu und wirft sich auf den Boden. Die Schießerei dauert nur wenige Minuten und am Ende sind alle Angreifer bis auf zwei tot. Jeff geht auf einen der Männer zu, der schwer verletzt im Gras liegt, und nimmt seine Waffe. Dann nimmt er ein Gewehr, das neben einem anderen Mann am Boden liegt und sammelt noch zwei Revolver ein. Er läuft wieder zurück und hält Mary die Winchester hin. Diese rappelt sich auf und sieht auf das Gewehr. Bill passt derweil auf, dass die beiden schwerverletzten Männer sie nicht doch noch von hinten überraschen.
„Shotgun Jane?“, sagt Jeff, der ihr noch immer die Waffe hinhält. Mary nimmt sie entgegen, teils verschämt, teils wütend darüber, dass er jetzt aus ihr „Shotgun Jane“ machen will. Doch sie sagt nichts. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, suchen sie die anderen zwei und machen sich auf den Weg. Sie reiten nicht. Sie führen ihre Tiere am Halfter und laufen bis zum frühen Abend durch die Prärie. Dann machen sie erneut eine Rast.


Tony Langley sieht zu Mel hinunter, der auf einem der Stühle sitzt.
„Was ist?“, fragt er. Mel seufzt und geht zu ihm auf die Bühne. Er ist es leid, seinen Schauspielern hundertmal erklären zu müssen, dass sie nicht zur Übertreibung neigen dürfen.
„Du erzählst. Du bist kein König, der sein Volk auf einen Krieg einschwört“, sagt er. Tony sieht zu Richard, der ebenfalls im Zuschauerraum sitzt. Dieser nickt ihm zu. Tony seufzt und geht wieder auf seine Position.
„Ich ritt durch die Prärie, eine endlose, gefährliche Reise voller Cowboys und wilder Indianer. Mein …“, beginnt er. Doch Mel unterbricht ihn.
„Stop!“ ruft er und vergräbt sein Gesicht in den Händen. „Ich brauche eine Pause.“ Er verlässt den Theatersaal und durchquert die große Halle.
„Mel!“ ruft ihm Richard hinterher. Mel bleibt stehen. Als sein langjähriger Freund ihn eingeholt hat, betreten sie gemeinsam die Straße und gehen ins Heaven’s Gate, das sich gegenüber des Theaters befindet.
„Etwas zum Herunterkommen, bitte“, sagt Mel, als der Barmann zu ihm kommt.
„So schlimm?“, fragt dieser und weist seine Kollegin an, ihm ihren hauseigenen Cocktail zuzubereiten. Mel setzt sich auf einen freien Barhocker und hält sich eine Fingerpistole an den Kopf.
„Ich glaube, ich schließe das Theater. Oder ich überlasse es anderen, die es besser können als ich“, sagt er. Richard bestellt ein Bier und klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.
„Das ist immer unser Traum gewesen. Ich erinnere mich noch als wir zusammen zur Schule gingen. Da haben wir über nichts anderes geredet“, sagt er. Mel legt sechs Dollar auf die Theke und verlässt das Heaven’s Gate.
Vor drei Jahren gründeten Mel und Richard die WesternLife Inc. Damals glaubten sie noch an ihr Vorhaben. Sie glaubten selbst noch daran, als man ihnen nahelegte, das Theater aufzugeben. Doch Mels Ehrgeiz und Richards Organisationstalent setzten sich durch. Innerhalb von zwei Jahren führte die WesternLife Inc. mehrere kleine Stücke auf; doch der große Erfolg blieb aus und es gab auch keine Besucherströme. Inzwischen verschlingt die WesternLife inc. fast mehr Geld, als sie mit ihr einnehmen.
Mel läuft die Straße entlang, bis er vor einem großen Haus steht, es ist sein eigenes. Er geht hinein, hängt seine Jacke an die Garderobe und geht ins Wohnzimmer. Es ist groß und hat einen Kamin. Vor dem Kamin stehen zwei Sessel, die durch einen kleinen Glastisch voneinander getrennt sind. Mel setzt sich in einen der Sessel, nimmt die Kristallflasche, die auf dem Tisch steht und schenkt sich ein Glas Whisky ein. Es ist ein irischer Whisky, den er alle neun Jahre von einem Freund mitgebracht bekommt.
Mel trinkt einen Schluck und starrt an die Wand. All die Jahre, die er und Richard in die Planung der Firma gesteckt haben. All das Geld, das sie gespart und investiert und verloren haben. Mel trinkt sein Glas leer und geht zu der Kochstelle, die einmal eine Abstellkammer gewesen ist, und betritt von dort aus den kleinen Vorratsraum. Hier ist es nie wärmer als acht Grad Celsius, dafür kann Mel aber seine Lebensmittel frisch halten. Er nimmt zwei Eier und ein großes Stück Schinken. Danach geht er zur Kochstelle zurück und beginnt damit, den Schinken zu schneiden. Als das erledigt ist, legt er die Stücke in einen Behälter und verstaut den Rest wieder in dem Vorratsraum. Er legt altes Zeitungspapier in die Feuerstelle und ein paar dünne Äste als Brennholz dazu, als es an der Tür klopft. Mel legt die Streichhölzer, die er gerade in der Hand hält, hin und öffnet. Draußen steht Richard. Mel bittet ihn herein.
„Was ist los mit dir? Du lässt dein Ensemble stehen und gehst einfach nach Hause?“, begrüßt ihn sein langjähriger Freund.
„Sag mir, was ich machen soll, Richard. Ich weiß nicht mehr weiter“, erwidert Mel und geht an die Kochstelle zurück. Er reißt ein Streichholz ein und wirft es in die Feuerstelle.
„Auf jeden Fall nicht das“, entgegnet Richard.
„Ja, in Ordnung! Die ganzen Leute hatten alle recht! Es ist eine Schnapsidee gewesen!“ sagt Mel und geht in das Wohnzimmer zurück. „Die Schauspieler sind schlecht! Die Stücke noch viel schlechter, und wir zwei sind auch nicht gerade Genies!“ Richard schenkt sich einen Whisky ein und setzt sich auf einen der Sessel.
„Und jetzt? Geben wir den Kampf auf? Nach allem, was wir in WesternLife investiert haben.“
Mel setzt sich auf den gegenüberliegenden Sessel und schenkt sich ebenfalls ein Glas ein.
„Ich weiß es nicht.“
Eigentlich will er WesternLife weiterführen. Doch ihm ist auch klar, dass er dafür Unterstützung braucht.
„Wir brauchen jemanden, der uns die Stücke schreibt. Jemand guten“, sagt Richard und trifft damit einen wunden Punkt. Wenn es um die Skripte geht, so hat Mel immer auf Tom Brady gesetzt. Einen Mann, mit dem er oft im Heaven’s Gate Bier oder Whiskey trinkt und der über die Jahre zu einem seiner besten Freunde wurde.
„Wir haben ihm zugesagt. Richard, er ist mein Freund“, erwidert Mel. Richard trinkt einen weiteren Schluck.
„Es geht aber nicht um irgendwelche Versprechen, Mel. Ich dachte, du willst erfolgreich sein“, entgegnet Richard. Dann sagt er etwas, das ihn große Überwindung kostet: „Entweder er oder ich.“ Mel sieht seinen Freund ungläubig an.
„Das kannst du mir nicht antun.“
„Weißt du, du kannst uns vorwärtsbringen. Du weißt, wie man die Menschen motiviert und du hast die unglaubliche Fähigkeit, nie aufzugeben. Aber du stellst jeden ein, der dich lieb anguckt und ich weiß, dass du genauso vorankommen möchtest wie ich“, sagt Richard. Mel denkt sehr lange darüber nach. Er muss daran denken, wie Tom mit einem Buch kam, von dem er sagte, es wäre gar nicht so schlecht, und obwohl Mel Zweifel hatte, hatte er nichts gesagt.
Mel sieht nach dem Feuer und fragt Richard, ob er zum Essen bleiben wolle. Dieser willigt ein.
„Wir brauchen etwas Besonderes. Wir reden doch immer von dem Westen, ohne zu wissen, wie er tatsächlich aussieht“, sagt Richard. Mel kommt wider ins Wohnzimmer.
„Was meinst du?“, fragt er.
„Ich fantasiere nur herum, aber was ist, wenn wir einen echten Wild-West-Helden in unserer Show haben würden?“
Mel beginnt zu lachen, dann sagt er: „Ich glaube, der Whisky bekommt dir nicht.“ Diese Bemerkung bringt Richard zum Lächeln. Das ist das Geheimnis an unserer Freundschaft, denkt Mel. Immer wenn die Stimmung zu kippen droht, kommt wieder irgendetwas, worüber wir zwei lachen können.
„Stimmt, vielleicht bekommt er mir wirklich nicht. Aber der Gedanke ist gut, oder?“
Mel lächelt ihn an.
„Ja, das ist er“, sagt er und widmet sich wieder der Feuerstelle.

Beim Essen unterhalten sie sich erneut über Tom Brady. Richard entschuldigt sich wegen seiner Drohung, sagt aber auch, Mel müsse sich überlegen, ob er Brady wirklich dabei haben wolle. Einen Tag später spricht dieser ihn darauf an, was zur Folge hat, dass Tom Mel die Freundschaft aufkündigt.
„Der kriegt sich schon wieder ein“, versucht Richard seinen Freund zu trösten. Doch Mel, zielstrebig wie immer, hat schon einen neuen Plan. Er fährt nach Long Island, wo sein Sohn Timothy ebenfalls ein kleines Theater besitzt, und bittet ihn um Hilfe. Dieser empfiehlt Mel einen Mann namens Owen McConner, der ein Appartement in Manhattan besitzt. Er sei trockener Alkoholiker und auf der Suche nach Arbeit.
„Aber er ist einer der Besten, die ich kenne“, fügt Timothy hinzu. Also fährt Mel zu der Adresse, die sein Sohn ihm genannt hatte, und klopft bei McConner an die Tür. Der ist begeistert von der Aussicht, endlich wieder etwas zu tun zu haben, und verspricht in drei Tagen vorbeizukommen. In der Zwischenzeit versucht Mel zu überlegen, woher er das Geld für die Miete auftreiben soll, die in ein paar Monaten wieder fällig wird. Dreitausendfünfhundert Dollar. Mel hat schon überlegt, seinen Sohn um einen Vorschuss zu bitten, doch er verwarf diesen Gedanken wieder. Außerdem hatte Timothy ihm schon zweimal geholfen, über die Runden zu kommen.
Dann ist es so weit: Owen McConner fährt mit seiner Kutsche vor Mels Haus vor. Er trägt ein weißes Hemd und einen schwarzen Anzug. Auf dem Kopf trägt er eine Melone. McConner klopft an die Tür und Mel öffnet. Nach dem Gespräch ist Mel zuversichtlich, dass er nun endlich den richtigen Autor gefunden habe.

Der Zeitungsartikel berichtet von einer Schießerei, die sich ganz in der Nähe von Cayenne ereignet hatte. Eine siebenköpfige Gruppe, bestehend aus Cowboys, Bürgern und Hilfssheriffs, hatte sich auf den Weg gemacht, um die lang gesuchte und landesweit bekannte Clarence-Bande zu stellen, die sich in Cayenne aufgehalten hatten, nachdem zwei der Brüder während eines Überfalls schwer verwundet wurden. Sie hatten die Arztfamilie Johnson in ihrer Gewalt und zwangen sie, die beiden Bandenmitglieder, Dexter Clarence und Parker Clarence, medizinisch zu versorgen.
Mel sitzt im Heaven’s Gate als er den Artikel liest. Es wird auch über eine unbekannte Frau berichtet, die sich zum Zeitpunkt der Schießerei bei den Männern aufgehalten haben soll. Laut der Aussage einiger Bürger habe sie die Männer gezielt angesprochen und sei am Ende sogar im Haus der Geiselnahme ein und aus gegangen.
„Es gibt drei Möglichkeiten: erstens, dich betrifft das, was auch immer da drinsteht, persönlich, zweitens, du hast Langeweile oder drittens: Du bist tief versunken, weil dich das echt interessiert“, holt eine Stimme Mel wieder nach New York zurück. Dieser sieht auf und ist ein wenig erstaunt darüber, Tom Brady vor sich stehen zu sehen.
„Tom, dass ich dich nochmal zu Gesicht bekomme, überrascht mich“, sagt Mel. Tom setzt sich auf den freien Stuhl, der links neben Mel steht, und entschuldigt sich.
„Ich habe ein wenig überreagiert. Wahrscheinlich hast du recht, wenn du mich nicht dabeihaben willst, aber ich verspreche dir, dass ich für dich da bin, wenn du etwas brauchst.“ Tom erhebt sich und geht an die Theke. Kurz darauf kommt er mit zwei Bier wieder zurück und stellt Mel eines vor die Nase.
„Was gibt es Neues?“, fragt er. Mel legt die Zeitung beiseite und erzählt Tom von Owen McConner. In diesen Moment betritt eine Gruppe junger Männer, die offenbar etwas zu feiern haben, die Bar. Sie gehen an die Theke und bestellen lautstark drei Flaschen Champagner. Mel sieht zu der Gruppe hinüber. Dann widmet er seine Aufmerksamkeit wieder Tom.
„Hier“, sagt er und zeigt ihm den Artikel. Tom liest ihn und legt die Zeitung auf den Tisch.
„Ich glaube, ich habe mal von denen gehört“, sagt er und nippt an seinem Bier.
„Ja, aber ich meine die Frau. Was macht sie dort?“, erwidert Mel. Tom kennt diese Gespräche. Sie beginnen immer auf die gleiche Weise.
„Die Bürger von Cayenne sagten, sie habe den Kontakt zu diesen Leuten gesucht“, fährt Mel fort.
An der Theke wird es laut. Einer der Männer ruft in die Bar hinein, er spendiere allen Anwesenden einen Drink. Mel trinkt ein Schluck von seinem Bier und sieht noch einmal zu der Theke.
„Wir reden ein anderes Mal“, sagt er und trinkt sein Bier aus. Dann legt er fünf Dollar auf den Tisch und entschuldigt sich dafür, dass er so überstürzt aufbricht. Doch Tom winkt ab.
„Große Künstler sind eben immer auf dem Sprung“, lächelt er.
„Ich wusste, du verstehst mich“, erwidert Mel und verlässt mit der Zeitung in der Hand die Bar. Er überquert die Straße und geht zum Theater, wo Richard in einem kleinen Büro sitzt.
„Brennt das Theater?“, fragt dieser als Mel in sein Büro gestürmt kommt.
„Nein, nein, gar nicht. Hier, lies mal!“ Mel legt ihm die Zeitung auf den Schreibtisch.
„Das ist genau das, was wir brauchen. Vergiss die Indianer und die Cowboys und die Sheriffs“, sagt er. Richard nimmt die Zeitung und liest sich den Artikel widerwillig durch. Dann legt er sie auf den Schreibtisch zurück.
„Gut, dann frage mal bei diesen Vince Silverstein nach, was er noch darüber weiß“, entgegnet Richard. Gesagt, getan, noch am selben Tag fährt Mel zum Verlagsgebäude der New York Post und fragt dort nach Vince Silverstein.
„Was wollen sie von ihm?“, will man am Empfang wissen. Mel zeigt dem Mann den Artikel und sagt, er sei auf der Suche nach Informationen bezüglich des Artikels von Silverstein. Der Mann erklärt Mel, er müsse warten. Vince Silverstein habe erst in vier Stunden Feierabend. Mel bittet den Mann darum, Silverstein auszurichten, er solle in die Bar Heaven’s Gate kommen. Vier Stunden später erscheint ein Mann mit Anzug und Mantel in der Bar. Mel winkt ihm zu. Als sich Silverstein zu ihm durchgekämpft hat, hängt er seinen Mantel über den Stuhl und reicht ihm die Hand.
„Vince Silverstein“, sagt er. Mel stellt sich seinerseits vor und der Mann setzt sich. Silverstein fragt, warum er ihn sprechen wolle.
„Mir gehört ein kleines Theater. Wir haben schon Stücke aufgeführt, doch der Erfolg hält sich in Grenzen“, sagt Mel.
„Und Sie erhoffen sich durch diese Geschichte hier eine bessere Resonanz?“, fragt Silverstein und zeigt auf die Zeitung, die auf dem Tisch liegt.
„Ja. Ich dachte, Sie wüssten vielleicht mehr darüber“, sagt Mel. Silverstein nickt und erzählt, seine Zeitung hätte einen Kollegen, der sich auf dem Weg nach Cheyenne befinde.
„Er versucht, uns alle zehn Tage eine Nachricht zukommen zu lassen.“
„Was hat es mit dieser Frau auf sich?“, fragt Mel. Silverstein hebt die Hand in Richtung Theke. Doch Mel sagt, er müsse schon selbst hingehen, wenn er etwas bestellen wolle. Silverstein entschuldigt sich und kommt wenig später mit einem Bier zurück.
„Über diese Frau weiß man nichts. Weder wo sie herkommt, noch was ihre Motive sind“, sagt Silverstein. Mel beugt sich vor.
„Sie soll sich sogar in einen Saloon geschlichen haben. Haben sie die Serie in unserer Zeitung nicht gelesen?“
Mel schüttelt den Kopf.
„Nun, dann können wir uns gerne noch einmal treffen und ich gebe Ihnen die Exemplare“, sagt Vince Silverstein. Sie unterhalten sich noch ein bisschen übers Theater und weshalb Mel ausgerechnet diese Geschichte erzählen will. Vince Silverstein ist der Meinung, solche Geschichten würden sich nicht für die große Bühne eignen.
„Aber Sie verdienen sicher auch gut daran. Ihre Zeitung profitiert doch davon“, sagt Mel.
„Solche Artikel sind bei einigen Menschen sehr beliebt, das stimmt“, entgegnet Silverstein und trinkt ein Schluck Bier.
Nach einer weiteren Stunde verabschieden sie sich voneinander. Silverstein verspricht, Mel die anderen Ausgaben am nächsten Tag vorbeizubringen und verlässt das Heaven’s Gate. Als Mel ebenfalls auf die Straße tritt, hat sich der Abend über die Stadt gelegt. Mel überlegt Richard zu fragen, ob sie noch etwas zusammen trinken sollen, doch er ist müde und hungrig und entscheidet sich nach Hause zu gehen.

Am nächsten Tag bringt der Journalist ihm die älteren Zeitungen vorbei. Mel verschlingt einen Artikel nach dem anderen und macht sich Notizen. Zwei Tage später erkundigt sich Owen McConner, wann er anfangen könne, für sie zu arbeiten. Mel erzählt ihm die Geschichte der Frau und bittet ihn, einen Entwurf zu schreiben. Einen weiteren Tag später kommt McConner mit dem Skript vorbei.
„Ich habe nicht gewusst, was ihre Beweggründe sind, deshalb bin ich nicht darauf eingegangen. Hier, die Szene beginnt in einem Saloon“, sagt Owen.
„Das ist der Anfang?“
„Ja. Und die Geschichte wird aus der Sicht eines Reporters erzählt, er ist überall dabei. Im Saloon, bei ihrer Suche … überall“, sagt McConner. Mel überfliegt die Blätter und sagt, er werde auf jeden Fall noch heute mit Richard sprechen.
„Aber es ist nur ein Entwurf“, sagt McConner. Doch Mel beteuert erneut, mit Richard zu sprechen. Nach der Lektüre des Entwurfs denkt Richard, dass Mel ein verdammter Starrkopf ist, doch es gibt kaum eine Situation, in der er nicht recht behält.


Wissen Sie, was Angst ist? Jeder hat vor irgendetwas Angst. Doch nur die wenigsten wissen, was wirklich Angst bedeutet. Die Angst, die man empfindet, wenn man weiß, dass jeder Atemzug der letzte sein kann. Die Angst, die man empfindet, den ein Schuss direkt neben einen abgefeuert wird. Es war ein sonniger Tag als ich zum ersten Mal diese Angst verspürte. Bis dahin bin ich noch nie an einem Überfall beteiligt gewesen. Jeff hat gemeint, sie hätten nicht so viel Zeit, mir das alles beizubringen. In diesen Momenten hasste ich ihm. Bill sagte, ich wäre noch nicht so weit, doch Jeff ist stur geblieben. Er sagte mir, ich würde mir wünschen, niemals diese Entscheidung getroffen zu gekommen zu sein. Er sagte, es wäre ein Gefühl, als wäre ich dem Tod näher als dem Leben. Ich gab zurück, wenn er versuche, mir Angst zu machen, wäre er bei mir an der falschen Adresse. Doch es war seine Art, mich auf etwas vorzubereiten, auf das man sich nicht vorbereiten kann.
Südwyoming. Alles, woran ich mich erinnern kann, sind die Hufen unserer Pferde, die gleichmäßig über den Boden galoppierten. Bill pfiff irgendeine Melodie, an die ich mich nicht mehr erinnere und ich war sehr nervös. Mein Herz raste und als wir die Stadt erreichten, gingen wir in einen Trab über. Ich sah die Menschen, die durch die Straßen ritten oder zu Fuß unterwegs waren. An mehr erinnere ich mich nicht, weil ich die ganze Zeit versuchte, meine Nerven in den Griff zu bekommen. Ich kann nicht mal mehr sagen, ob es warm war oder ob die Sonne geschienen hatte. Alles, was ich sehe, sind wir, wie wir die Straße entlang reiten und ich erinnere mich auch daran, wie wir sie wieder verließen. Ich habe viele Sachen gelesen, wo Leute schrieben, wir würden gejagt werden, immer mit dem eiskalten Atem des Teufels im Nacken. Ich kann nur sagen, dass es wahr ist, dass wir gejagt wurden. Doch es war nicht der Hauch des Teufels, den wir im Nacken spürten. Es war der Hauch des Todes. Ein so verlockender Hauch, dem ich mich nicht anziehen konnte.
Ein paar Wochen später betreten Jim, Bill, Dexter, Parker, Jeff und Mary die Bank einer kleinen Stadt im Süden von Wyoming. Sie sehen wie ganz normale Kunden aus, doch als Jeff seine Waffe zieht, ist klar, dies ist ein Überfall. Mary steht an der Tür und bewacht den Eingang, dies sei die leichteste Aufgabe, hatte Jeff gesagt. Bill, Jim und Jeff kümmern sich um die Bankschalter. Parker und Dexter stehen draußen auf der Straße und bewachen den Eingang von dort aus.
„Hände hoch!“ ruft Mary und richtet ihre Winchester auf einen Kunden. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, doch sie ist nervös. Jeff sagte ihr, sie solle das Reden den anderen überlassen und ihre Waffe nur auf die Leute gerichtet halten.
Draußen sieht Parker auf seine Taschenuhr. Sie zeigt viertel vor drei an. Wenn seine Brüder in zwei Minuten nicht rauskommen, würden er und Dexter ebenfalls in die Bank gehen und sie holen.
„Da“, zischt Dexter und zeigt auf einen Mann, der auffällig lange zu dem Eingang der Bank schaut. Parker sieht in die Richtung, in die Dexter zeigt und zieht seine Waffe.
„Noch nicht“, flüstert Dexter. Parker sieht erneut auf die Uhr. Der Mann vor der Bank ruft einen weiteren zu sich. Sie unterhalten sich kurz, dann läuft einer von ihnen die Straße entlang. Parker sieht ihm nach und ahnt, was er vorhat. Und tatsächlich steht der Mann bald vor dem Büro des Sheriffs, das sich nicht weit von der Bank entfernt befindet.
„Jetzt“, zischt Dexter und geht auf die Bank zu. In diesen Moment kommen Bill, Mary, Jim und Jeff aus der Bank gestürmt und schwingen sich auf ihre Pferde. Plötzlich zieht der Mann, der die ganze Zeit zum Eingang der Bank geschaut hatte, eine Waffe. Doch Parker zieht schneller.
„Wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen, Sir?“, fragt er und schwingt sich ebenfalls auf sein Pferd. Als letzter steigt Dexter auf. Dann jagen sie davon.
Marys Puls rast. Jeff hatte sie darauf vorbereitet, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt empfindet. Er konnte sie weder auf die Schüsse vorbereiten, die kreuz und quer um sie herum einschlagen noch auf die Angst, die sie in diesem Augenblick empfindet. Sie versucht, ruhig zu atmen, so wie Jeff es ihr gesagt hatte.
Ihre Verfolger kommen näher. Jeff setzt sich an die Spitze und schert nach links aus. Dann hält er an und feuert auf die Männer. Er ist ein sehr geübter Schütze und ein ebenso guter Reiter. Von ihm hatte Mary gelernt, wie man schießt und reitet und er war vor allem bereit Risiken einzugehen.
Jeff steht mit seinem Pferd noch am selben Fleck, als ihre Verfolger ihm schon bedrohlich nahe sind. Mary möchte ihm zurufen, er solle zusehen, dass er da wegkomme, doch Jeff hätte sie bei dem ganzen Lärm sowieso nicht hören können. Er gibt noch drei Schüsse ab, dann reitet er weiter und hat die anderen bald wieder eingeholt. Er wiederholt das ganze noch zweimal. Jim tut es ihm gleich. Irgendwann wird der Lärm weniger und Mary fragt sich, wie viele Verfolger noch hinter ihnen sein mögen.
Parker hält sich die Seite und verzieht vor Schmerzen das Gesicht. Wenn sie in dieser Geschwindigkeit weiter reiten, würde seine Wunde aufreißen, befürchtet er. Dexter beginnt auch allmählich den stechenden Schmerz am ganzen Körper zu spüren und er hat den gleichen Gedanken. Bill setzt sich an die Spitze und hat alles andere ausgeblendet. Er weiß nicht, von wie vielen Männern sie verfolgt werden oder ob Jim oder Jeff einen von ihnen erwischt hat. Bill hat gelernt, keinen Gedanken an solche Dinge zu verschwenden, wenn es um sein Leben geht.
Ein Schuss verfehlt Jeff nur knapp und er reagiert blitzschnell. Er feuert und trifft. Jim schert gerade nach rechts aus und lässt die Verfolger näher kommen. Dann schießt auch er. Doch Jim ist nicht so risikofreudig wie sein Bruder und schließt sich schnell wieder den anderen an.

Die ersten Regentropfen fallen gegen Mittag. Noch immer jagen Mary und die Clarence-Brüder durch die Prärie und versuchen, ihre Verfolger abzuhängen, die mittlerweile nur noch zu dritt sind. Drei der Männer sind geflohen, einen weiteren hatte Jeff vom Sattel geholt. Mary hat inzwischen ihre Angst in den Griff bekommen. Stattdessen empfindet sie etwas, was sie gar nicht möchte: ein Kribbeln, das aus ihrem Bauch zu kommen scheint und irgendwann auch ihren Verstand erreicht. Diese Todesangst, die sie empfand, hatte einem ganz anderen Gefühl Platz gemacht und dieses Gefühl beherrscht jetzt jede Faser ihres Körpers. Endlich kann sie wieder atmen. Ihr Puls verlangsamt sich, doch dieses Kribbeln wird stärker. Mary weiß, wie sich so etwas anfühlt. Sie hatte es empfunden, als sie ihren Mann kennenlernte. Sie hatte es empfunden, als sie ihren ersten Sohn zu Welt brachte und sie empfindet es auch jetzt. Doch der Gedanke an ihre Familie lässt sie innerlich erstarren. Ein Schuss zischt dicht an ihrem Ohr vorbei und Mary zuckt zusammen. Jim galoppiert an ihr vorbei und ruft den anderen zu, dass nur noch zwei der Verfolger übrig wären.
„Die knöpf ich mir persönlich vor!“ ruft Jeff zurück und setzt sich an die Spitze. Doch als er ausscheren will, schießt einer der Männer auf ihn. Jeff kann im letzten Moment ausweichen und reitet weiter. Dann setzt er zu einem neuen Versuch an, der wieder vergeblich ist. Jim versucht es auf seiner Seite und wird ebenfalls daran gehindert, auszuscheren.
Jeff setzt jetzt alles auf eine Karte und schert aus. Eine Kugel trifft sein Pferd und Jeff droht, zu Boden zu stürzen. Doch er schafft es, das Tier wieder auf die Beine zu bringen, dreht sich mit seinem Oberkörper auf dem Sattel um und feuert. Er trifft einen der Verfolger nur knapp. Jim nutzt den Moment der Verwirrung und schert ebenfalls aus. Auch er schießt auf ihn, verletzt den Mann allerdings nur am Arm. Dann bricht Jeffs Pferd zusammen. Jeff rennt zu Dexter und streckt seinen Arm nach ihm aus. Der zügelt sein Pferd und nachdem Jeff aufgestiegen ist, reiten sie weiter. Jim versucht, den Mann mit dem Armschuss loszuwerden und trifft mit der letzten verbliebenen Patrone aus seinem Revolver. Dann hält er an. Auch die anderen zügeln ihre Pferde.
„Geht es allen gut?“, fragt Jeff.
„Ja“, erwidert Bill.
„Mir auch“, sagt Jim. Parker hebt sein Hemd hoch und begutachtet seine Wunde.
„Mir tut die Seite weh“, sagt er.
„Mir auch, aber es wird schon gehen“, meldet Dexter sich zu Wort. Mary braucht ein wenig, um zu begreifen, dass alles vorüber ist.
„Mir geht es auch gut“, sagt sie leicht außer Atem. Dann reiten sie weiter. Inzwischen regnet es stärker und in der Ferne ist ein Grollen zu hören. Ein Blitz durchzuckt den Himmel, doch sie reiten weiter. Als der Regen so stark ist, dass sie nicht mehr was sehen können, machen sie halt und steigen ab.
„Bist du sicher, dass du das auf dich nehmen willst? Das ist nämlich bestimmt nicht letzte Schießerei gewesen“, sagt Jeff an Mary gewandt. Bill ist derweil damit beschäftigt, sich nach einem Unterschlupf umzusehen.
„Absolut. Meine Familie ist nicht umsonst gestorben“, entgegnet Mary.
„Ich sehe hier keine Möglichkeit, sich irgendwo unterzustellen.“
Jeff sieht zu Bill und fragt ihm, ob sie weiter reiten sollen.
„Es wäre besser. Das sagst du doch immer, Jeff“, meint Bill. Dexter geht zu den beiden hin.
„Wir werden nass, wenn wir hier bleiben und wir werden nass, wenn wir weiter reiten. Also entscheide dich“, sagt er. Am Ende entscheiden sie, weiterzureiten.

Es regnet die ganze Zeit hindurch. Mary, Jeff, Bill, Dexter, Parker und Jim werden selbst am Abend nicht von dem Unwetter verschont, das immer stärker wird. Auch am nächsten Tag lässt der Regen nicht nach.
Am Abend begegnen sie einer Gruppe von Ranchern, die einen Viehtreck begleiten. Jeff reitet auf die Männer zu.
„Nicht schießen!“ ruft er. „Wir brauchen nur eine Auskunft!“ Die anderen Männer greifen nach ihren Waffen.
„Was wollt ihr!?“, ruft einer der Rancher zurück. Jeff kommt vor den Männern zum Stehen.
„Ist das der Weg in die Stadt?“, fragt er. Der Mann mustert die Clarence.
„Wer ist das?“, fragt er. Sein Blick fällt auf Mary.
„Das ist …“
„Mary“, beendet sie den Satz. Jeff mustert sie. Der Rancher fragt, ob sie Hunger hätten und bietet ihnen etwas Essen an. Jeff wird misstrauisch. Das ist ein Reflex bei ihm, den er sich während seiner Zeit als Outlaw angeeignet hat.
„Danke. Wenn wir nur in die nächste Stadt kommen, würde uns das schon helfen.“
Der Rancher zeigt in die Richtung, aus der sie gekommen sind.
„Immer geradeaus“, sagt er. Jeff bedankt sich und reitet mit den anderen weiter. Mary reitet zu Jeff.
„Jetzt sag nicht, du wolltest ‚Shotgun Jane‘ sagen“, sagt sie. Jeff muss grinsen. Mary weiß nicht, weshalb es ihm ein solches Vergnügen bereitet, aus ihr „Shotgun Jane“ machen zu wollen. Sie hatte Jeff in den Wochen, in denen sich Parker und Dexter erholt hatten, ganz anders erlebt. Er ist streng gewesen. Er hatte mit ihr galoppieren geübt, obwohl sie damals noch nicht mal sicher im Sattel gesessen hatte. Er hatte sie auf die kleinsten Ziele schießen lassen und dies über Stunden mit ihr geübt. Jeff hat sie nie verschnaufen lassen, er weckte sie wie die anderen vor dem ersten Sonnenstrahl und duldete keine Nachlässigkeit.

Das Unwetter, das über den westlichen Teil des Landes hinweggefegt ist, hat große Zerstörungen hinterlassen. Als die Clarence die Stadt in der Nähe der Rocky Mountains erreichen, werden sie Zeuge der Verwüstungen, die der Sturm hinterlassen hat. Häuser sind eingestürzt und in den Straßen steht noch immer das Wasser. Und obwohl der Sturm schon längst abgeklungen ist, regnet es weiter.
Die sechs Reiter reiten die Hauptstraße entlang und sehen die vielen Menschen, die versuchen, das wieder aufzubauen, was der Sturm stehengelassen hat. Mary sieht einen Jungen mit einer Steinschleuder spielen. Als er sie sieht, richtet er die Steinschleuder auf sie.
„Hände hoch!“, ruft er. Mary muss lächeln, dann wirft der Junge einen Stein auf sie. Mary reitet zu Jeff, um aus der Schusslinie zu geraten, doch der Junge gibt nicht auf. Er wirft weiter mit Steinen, bis eine junge Frau kommt und ihn an die Hand nimmt. Bill sieht über die Schulter zu der jungen Frau, die offenbar die Mutter des Jungen ist, und gibt seinem Tier die Sporen.
„He, ihr!“, ruft eine Stimme auf einmal. Doch die Clarence reiten weiter.
„He, ihr!“, ruft die Stimme erneut und dann fällt ein Schuss. Die Clarence halten an. Jim schaut sich um und sieht sieben bewaffnete Männer. Einer von ihnen geht auf sie zu und bleibt neben Jeff stehen. Er richtet sein Gewehr auf ihn.
„Das war’s“, flüstert Dexter. Mary sieht ihn an. Die anderen Männer kommen ebenfalls auf die Clarence-Bande zu und umstellen sie von allen Seiten. Jeff hebt die Hände in die Luft. Der Mann neben ihm grinst.
„Hier kommt niemand durch, der dem Büro des Sheriffs nicht eine kleine Spende überläßt“, sagt der Mann mit dem Sheriffstern auf der Brust. Jeff nimmt die Hände wieder runter und sieht zu den anderen. Dann nimmt er einen Bündel Dollarscheine aus seiner Jacke.
„Oder sollen wir das im Büro klären?“, fragt er.
„Nicht nötig“, erwidert der Sheriff und streckt die Hand nach den Scheinen aus. Jeff gibt sie ihn.
„Ihr habt gedacht, wir würden euch verhaften“, grinst einer der Deputies.
Der Sheriff zählt die Scheine durch und tritt zur Seite. In diesen Moment kommt eine Gruppe Männer angeritten und versperrt die Straße. Jeff reitet auf die Männer zu und bleibt fünf Fuß entfernt vor ihnen stehen.
„Ich zähle zehn Männer. Ist das nicht ein bisschen feige?“, fragt er.
„Nicht minder feige, als unschuldige Menschen wie räudige Hunde zu erschießen“, erwidert einer der Männer aus der Gruppe. Nun setzt sich auch Jim in Bewegung.
„Wenn unser feiner Sheriff nicht diesen ganzen Dreck von der Straße fegt, werden wir es selbst tun“, sagt ein anderer und zieht seinen Colt.
„Ich fordere einen von euch heraus. Gewinnt einer von euch, bin ich tot und ihr dürft machen, was ihr wollt. Gewinne ich, lasst ihr uns durch“, sagt Jeff und übergeht den Protest seiner Brüder. Der Mann grinst.
„In Ordnung, Cowboy.“
Jeff und der andere Mann steigen beide vom Pferd und gehen ein Stück die Straße hinunter. Dann bleibt Jeff stehen. Der Herausgeforderte geht noch ein paar Schritte weiter, dann bleibt auch er stehen. Die Clarence, die Männer und die des Sheriffs versammeln sich um die beiden Duellanten. Nur Mary hält sich im Hintergrund. Doch auch sie kann ihre Neugier nicht verbergen und schiebt sich zwischen die Leute durch.
Die beiden Kontrahenten stehen sich gegenüber. Es ist still wie in einem Grab. Nur der Wind und der schwächer werdende Regen sind jetzt noch zu hören. Dann ziehen beide ihre Waffen und die Schüsse durchbrechen die Stille. Mary zuckt zusammen.
„Wette gewonnen“, sagt Jeff und steckt seinen Revolver wieder weg. Dann geht er an den Männern vorbei und steigt auf sein Pferd.
„Du hast uns als Wetteinsatz benutzt“, empört sich Bill. Doch Jeff reitet an ihm vorbei.
„Ich habe ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ausschlagen konnte“, sagt er.
„Auf unsere Kosten!?“, fragt Jim und steigt ebenfalls wieder auf sein Pferd.
„Manchmal muss man Risiken eingehen, Jim“, erwidert Jeff und reitet in Richtung Stadtausgang.
„Sag nicht, dass das für dich ein Risiko war. Du hast in dem Moment überhaupt nicht an die Folgen gedacht, und dir war es auch egal“, sagt Jim und setzt sich in Bewegung.
„Und wenn ich mich nicht an die Wette halten möchte!?“, ruft jemand hinter ihnen und zieht den Colt. Parker dreht sich um und zielt auf den Mann.
„Wirklich?“, sagt er. Dann reitet die Clarence-Bande aus der Stadt.

„‚Der Fall Clarence – wer ist die geheimnisvolle Frau?‘“, liest Jim und sieht zu Mary. „‚Die geheimnisvolle Frau aus Cheyenne, die den Clarence bis dort hin gefolgt sein soll, beging nun mit ihnen gemeinsam an der Grenze zu den High Plains ihren ersten Überfall, und während Gerüchte die Runde machen, die Frau sei ebenfalls eine Verbrecherin oder sie wolle sich bei den Clarence profilieren, ist es bereits Stoff für neue Spekulationen: Laut einem Kunden, der sich zum Zeitpunkt des Überfalls in der Bank befand, habe sie einen Lederriemen mit einem Ring um den Hals getragen, der laut der Aussage des Kunden, der nicht genannt werden möchte, ein Ehering sein könnte. Es ist also möglich, dass ihr Motiv etwas mit diesem Ring zu tun hat. Ist ihr Motiv Rache? Dies sind natürlich nur Gerüchte, aber es wäre gut möglich, dass sie der Wahrheit entsprechen. Der örtliche Sheriff wollte sich uns gegenüber nicht äußern, doch es spricht alles dafür, dass die geheimnisvolle Frau, wer sie auch immer sein mag, auf einem Rachefeldzug ist’.“ Jim legt die Zeitung beiseite. Sie hatten sie in der nächsten Stadt besorgt und sitzen jetzt beim Schein der untergehenden Sonne beisammen.
„Ich wollte nie in der Zeitung stehen“, sagt Mary.
„Willkommen in unserer Welt“, entgegnet Jeff. Mary berührt den Ring an ihrem Hals.
„Ich wollte euer Leben nicht aufs Spiel setzen. Ich habe gewusst, dass meine Chancen gut stehen“, sagt Jeff mit einem Mal.
„Angeber“, meint Bill und holt ein bisschen Brot aus seiner Jackentasche. Dexter streckt seine Hand aus und Bill reicht ihm ein Stück.
„Ich habe mit der Waffe von Dad schießen geübt, da war ich acht und mit elf habe ich schon kleine Tiere erlegt. Mit zwölf habe ich kürzere Strecken zu Pferd zurückgelegt, im Trab. Kannst du dir das vorstellen, Jane?“
Dexter grinst sie an.
„Ich glaube, du bist sehr diszipliniert“, sagt sie. Parker streckt die Hand nach dem Brot aus und Bill gibt es ihm.
„Diszipliniert? Disziplin ist sein zweiter Vorname, Mary. Disziplin und Struktur. Sie helfen uns bei unseren Überfällen und bei der Flucht. Aber es macht nicht immer Spaß“, sagt Parker. „Besonders dann nicht, wenn man sich Trost von ihm erhofft.“
„Das hatten wir schon“, erwidert Jeff. Doch Parker lässt sich diesmal nicht abspeisen.
„Nein, Jeff. Ich schätze dein Durchhaltevermögen und ich schätze dich auch als Bruder. „Aber es gibt einige Dinge, die dir nicht liegen. Und Empathie gehört dazu“, sagt er.
Mary greift nach dem Brot. „Deine Brüder folgen dir. Wart ihr euch da immer einig?“, fragt sie Jeff und nimmt das Brot von Dexter entgegen.
„Nein, nicht immer“, antwortet Bill. „Du siehst uns als geschlossenen Kreis und im Grunde brauchen und lieben wir uns. Wir sind die einzigen, auf die wir uns verlassen können, aber der Schein trügt. Ich meine, unser Verhältnis ist zerrüttet, Mary.“
Auf einmal hören sie einen Hund bellen. Jeff springt auf und Dexter zieht seinen Colt.
„Kommt“, zischt Jim und schleicht zu seinem Pferd. Die anderen vier folgen ihm. Der Hund bellt erneut und jetzt hören sie auch Stimmen. Jeff zieht seinen Colt und entfernt sich von den anderen.
„Jeff!“, zischt Bill. Doch dieser ignoriert ihn und spannt den Hahn seiner Waffe. Parker hat sein Pferd als erster erreicht und springt auf.
„Komm jetzt, Jeff“, flüstert er.
„Da sind sie!“, ruft eine Stimme. Mary rennt zu ihrem Tier und steigt auf. Auch Jim springt auf sein Pferd, danach folgt Bill. Jeff gibt zwei Schüsse ab und rennt gemeinsam mit Dexter zu den anderen.
„Beeilt euch“, zischt Bill. Und als Jeff und Dexter ebenfalls aufgestiegen sind, galoppieren sie, gefolgt von Schüssen, davon. Jeff ruft Dexter zu, er brauche endlich wieder ein eigenes Pferd.
„Wenn wir unsere Verfolger abgehängt haben, besorgen wir uns eines!“, erwidert Dexter. Doch Jeff kann sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben. Er ist es leid, nicht selber handeln zu können. Stattdessen sitzt er hinten auf Dexters Pferd und klammert sich an ihm. Jim übernimmt jetzt alleine dessen Aufgabe. Dexter spürt, wie Jeff mit den Händen imaginäre Zügel bewegt. Wenn Jim ausschert, bewegt er seine Hände nach rechts. Wenn Jim anhält, zieht er an den nichtvorhandenen Zügeln.
„Du bist nervös!“, stellt Dexter fest. Ein Schuss ist zu hören und Dexter reitet dichter an die anderen heran. Wieder drückt Jeff seine Hände sanft gegen den Bauch seines Bruders und erst jetzt bemerkt Dexter, dass es Jim ist, den er die ganze Zeit über im Auge hat.
„Entspann dich ein wenig! Du kannst nicht immer alles im Griff haben wollen!“, ruft er. Jim feuert und zeigt mit den Fingern eine drei. Dann schaltet sich auch Bill ein. Er setzt sich an die Spitze und feuert auf die Verfolger.
„Komm schon“, zischt Jeff. Dexter kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er weiß, wie schwer es seinem Bruder fällt, nicht selber zu agieren. Jim schert erneut nach rechts aus und schießt. Und noch einmal. Dann verstummen die Schüsse und Jim stößt einen Freudenschrei aus. Dexter zügelt sein Pferd. Auch Bill hält an. Als alle stehen, nimmt Parker das Wasser aus seiner Satteltasche und schüttelt etwas davon in seinen Hut. Dann geht er zu seinem Pferd und lässt es davon trinken. Das Gleiche macht er auch bei den anderen Pferden.
„Ich schlage vor, wir legen uns ein wenig hin. Ich kann keine Meile mehr reiten“, gähnt Jim. Dexter stimmt seinen Bruder zu und kann Jeff überzeugen, in der offenen Prärie zu schlafen. Und keine Stunde später sind sie eingeschlafen.

Es ist unbestreitbar, dass die Vorstellung von der endlosen Prärie noch immer unsere Fantasie beflügelt. Mit ihr verbinden wir Revolvermänner, Cowboys, Huren, Saloons, Goldsucher, Indianer und Schießereien. Die Luft, gesäumt mit dem Geruch von Schießpulver. Buffalo Bill Cody, der den Wilden Westen auch an die Ostküste brachte, machte ihn unsterblich und auch für die Mittelklasse erlebbar. Doch was ist mit jenen, die auf der anderen Seite stehen? Mit jenen, deren Heimat die Steppe ist, ob im Regen, Schnee oder Sonnenschein? Mit jenen, die bis zum Abend durchreiten, nur um vor dem ersten Sonnenstrahl wieder aufzustehen? Die Zeit hat ihre eigene Geschichte geschrieben und die Jahre haben sie verklärt. Doch wir sind hier, um die Geschichten zu ergründen, die jenseits von Glanz und Glimmer erzählt werden. Sehen Sie die sechs Reiter? Auch sie sind nur ein Produkt dessen, was wir aus ihnen machen. Auch sie könnten in den endlosen Geschichten des Wilden Westens verloren gehen.
Die Sonne steht schon seit ein paar Stunden am Himmel, doch Jim, Jeff, Bill, Parker, Dexter und Mary sind gerade erst aufgewacht. Jeff ist als erster auf den Beinen und sattelt sein Pferd, sie haben sich diesmal dafür entschieden, die Tiere abzusatteln, um auch ihnen eine Pause zu gönnen. Jeff nimmt seinen Colt und feuert dreimal in die Luft. Die anderen springen auf.
„Mach doch nicht so ein Lärm“, beschwert sich Dexter. Jeff legt dem Pferd das Zaumzeug an und schwingt sich in den Sattel.
„Wir haben verschlafen“, grummelt er. Dexter rappelt sich auf und geht zu Jeff, der ihm hilft aufzusteigen. Auch die anderen satteln ihre Pferde.
„Ich kann Jeff verstehen“, sagt Bill. Er befestigt den Sattel auf den Rücken seines Pferdes. „Wenn wir Pech haben, sind wir noch einen weiteren Tag unterwegs.“
Jim hilft Mary bei den Vorbereitungen. „Ich mache das. Hol du das Zaumzeug“, sagt er. Jeff seufzt. Als alle so weit sind reiten sie los. Jeff an der Spitze, danach kommen Jim und Mary, die Nachhut bilden Bill und Parker. Nach einer endlosen Ewigkeit des Schweigens beginnt Dexter Amazing Grace anzustimmen. Amazing grace, how sweet the sound, That saved a wretch like me. I once was lost, but now I am found, was blind, but now I see … nach der zweiten Strophe stimmt auch Bill in den Gesang mit ein. Und irgendwann singen sie alle.

Einen Tag später erreichen sie die Stadt und steuern sofort den Saloon an. Auch hier sind die Folgen des Sturms deutlich zu sehen und der Saloon wurde nach draußen verlegt. Man hatte in aller Eile ein paar Holzfässer aufgetrieben und sie vor den Eingang gestellt. Die Clarence bestellen Kaffee und erkundigen sich, ob sie sich in einem Badehaus frisch machen könnten.
„Ja“, sagt der Wirt, „einfach die Straße entlang.“ Zwei Männer gucken zu ihnen rüber. Jeff beginnt nervös zu werden, doch der Wirt beruhigt ihn.
„Die tun nichts. So wie ich die beiden kenne, kommen sie gleich herüber, nur um allen zu erzählen, sie hätten die berühmte Clarence-Bande getroffen“, sagt er. Einige Männer am Nebentisch beginnen zu lachen. Und tatsächlich, kaum ist der Wirt weg, kommen die beiden Männer auf sie zu.
„Samuel Lewis“, sagt einer von ihnen und reicht Jeff die Hand.
„Jeff Clarence“, erwidert dieser.
„Braucht ihr was? Etwas zu essen oder zu trinken? Verpflegung vielleicht?“ fragt Samuel Lewis.
„Ein Pferd. Wäre das machbar?“, fragt Jeff. Lewis erklärt, sein bester Freund John H. Plummer sei Pferdehändler und deutet auf ein Haus, das sich in derselben Richtung wie das Badehaus befindet. Jeff bedankt sich und trinkt seinen Kaffee aus. Als er allerdings bezahlen will, lehnt der Wirt ab. Jeff bedankt sich abermals und geht zu seinem Pferd. Dort wartet er auf seine Mitstreiter.
„Was ist los mit ihm?“, fragt Jim.
„Er möchte sich wahrscheinlich nur endlich frisch machen“, entgegnet Bill und trinkt seinen Kaffee aus. Danach gehen sie zum Badehaus. Sie bitten den Mann warmes Wasser einzugießen und bezahlen fünfzig Cent. Als sie sich entkleidet haben, legen sie sich in die Wannen, in die der Mann bereits warmes Wasser gießt.
Nach dem Badehaus gehen sie zu dem Pferdehändler, den Samuel Lewis ihnen genannt hatte und bitten um ein Pferd. Erst ist der Händler unsicher, doch als Jeff erwähnt, dass sie von Lewis geschickt wurden, weicht seine Skepsis. Er verkauft Jeff einen Schimmel zum halben Preis. Dann gehen sie wieder in den Saloon und bestellen noch einen Drink. Jeffs Laune hat sich deutlich verbessert.
„Wo wollt ihr hin?“, fragt sie der Wirt, als Jeff ihm sagt, sie würden bald wieder aufbrechen. Mary hält sich zurück. Sie will nicht als die trauernde, sich rächende Witwe dastehen.
„Wissen wir nicht“, sagt Bill, was Mary ihm hoch anrechnet.
„Nun, ich möchte die Reisenden nicht länger aufhalten“, sagt der Wirt. Jeff trinkt seinen Whiskey aus. Als sie wegreiten, schaut er noch einmal über die Schulter und sieht, wie der Wirt etwas auf ein Blatt Papier schreibt und es neben die Tür hängt. Jeff hätte gerne gewusst, was darauf steht, doch er reitet mit den anderen aus der Stadt.

„Du sagtest einmal, euer Verhältnis ist zerrüttet. Was hast du damit gemeint?“, fragt Mary. Die Nachmittagssonne steht am Himmel und strahlt mit all ihrer Kraft. Es ist nicht untypisch, dass sich das Wetter um die Rocky Mountains so schnell ändert.
„Wir hatten nicht gerade das beste Verhältnis zueinander. Das gilt nicht für Jim und Jeff, sie haben immer zusammengehalten, besonders wenn es darum ging, dem kleinen Bruder das Leben zur Hölle zu machen“, sagt Bill. „Ich war an allem schuld. Ich war schuld, wenn meine Brüder zu spät zu einer Verabredung kamen, ich war schuld, wenn dies und jenes passierte. Sie luden Freunde ein, oder wir gingen zu ihnen. Jim und Jeff hatten dann ein Spiel: ‚Bill ärgern‘. Sie sperrten mich ein und … nur Dex hat zu mir gehalten.“
„Und Parker?“, fragt Mary.
„Er hat sich rausgehalten. Er wollte nicht Teil von den Schikanen werden, denen ich und Dex ausgesetzt waren“, erwidert Bill. Jeff sieht zu Boden. Auch Jim ist es unangenehm, vor Mary darüber zu sprechen.
„Nein, ich hatte keine Angst vor Jim oder vor Jeff. Ich habe nicht eingegriffen, weil … ich es nicht für nötig hielt“, gesteht Parker. Bill sieht in die Prärie. Nicht, weil er die Landschaft bewundert. Er möchte verhindern, dass die anderen die Tränen sehen, die sich in seine Augenwinkel verirrt haben. Doch Mary bemerkt sie trotzdem.
„Alles in Ordnung?“, fragt sie.
„Ja“, antwortet Bill und wischt sich eine Träne weg.
„Sicher?“
„Ja.“
Jeff geht zu seinem Pferd. Er hat sich schon immer damit schwergetan, anderen zu zeigen, was er empfindet.
„Jeff, sag etwas. Du kannst mir doch jetzt nicht einfach den Rücken kehren“, sagt Bill mit zitternder Stimme. Jeff berührt den Sattelknauf und steigt mit einem Fuß in den Steigbügel. Doch er zögert.
„Jeff“, sagt Bill. Dann schwingt Jeff sich in den Sattel und schaut seinen jüngeren Bruder an.
„Es gibt nichts, was ich dir sagen könnte. Wir haben schon damals versucht, darüber hinwegzukommen, doch es wollte uns nie gelingen. Vielleicht muss jeder so gut er kann damit leben“, sagt er und reitet davon. Dann bleibt er stehen und sieht erneut zu den anderen. „Kommt.“
„Vielleicht hat er recht“, sagt Dexter und erhebt sich. Bill sieht ihn an, dann geht auch er zu seinem Pferd. Mary hat das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und reitet zu Jeff. Parker nimmt den Hut ab und rauft sich die Haare. Und Jim möchte seinen Bruder am liebsten die Meinung sagen, doch er kann nicht. Er steckt selbst zu tief drin, um irgendjemanden einen Vorwurf machen zu können.
Gegen Abend sind sie dann aber doch in der Lage weiterzureiten und auch wenn niemand so richtig weiß, was er dem anderen sagen oder wie er sich verhalten soll, schaffen sie es dennoch, irgendwie ein Gespräch in Gang zu bringen. Am Abend machen sie halt. Jeff sagt, er wolle mit Mary auf die Jagd gehen, während die anderen Feuerholz suchen sollen. Mary ist ein wenig überrascht, erklärt sich dennoch bereit, mitzugehen. Während sie durch die Prärie laufen, entschuldigt sie sich dafür, das mitgehört zu haben, wo es sie doch nichts angehe. Jeff lacht.
„Du hast gefragt“, sagt er.
„Ja, aber ich habe nicht gewusst, dass das so enden würde. Ich meine, dass sich die Stimmung so ändert“, erwidert Mary. Jeff hält an und sagt ihr, sie solle leise sein. Dann zielt er mit seinem Revolver in die Dunkelheit. Mary folgt seinem Blick und sieht, einen kleinen Busch, hinter dem sich etwas bewegt. Jeff schießt und läuft weiter. Hinter dem Busch liegt ein Kaninchen, es lebt noch und Jeff sagt Mary, sie solle es erlösen. Mary sieht ihn an. Dann sieht sie wieder auf das Tier, das schwer verletzt am Boden liegt. Sie legt mit dem Gewehr an und verharrt in dieser Position.
„Ich werde es nicht tun, Jane“, sagt Jeff. Mary zielt und schießt. Dann nimmt Jeff das tote Kaninchen und sie gehen zurück.
„Ich werde nicht schlau aus dir. Du bist so kalt, aber gleichzeitig hast du auch Momente, in denen ich vergesse, dass ich dich nicht leiden kann“, sagt Mary. Jeff sieht sie an, was in ihren Gesprächen nicht so häufig vorkommt.
„Ich bin eben, wie ich bin. Ich erwarte von jedem gleich viel und ich verlange von niemanden mich zu mögen“, erwidert Jeff. Darauf weiß Mary keine Antwort. Sie findet das Verhältnis zwischen den Brüdern seltsam, und doch bewundert sie die Clarence Mary bewundert ihren Umgang miteinander und dass sie sich darum bemühen, trotz aller Widrigkeiten zusammenzuhalten.


Der Mann verkündet, dass Edward Jensen die neusten Nachrichten vorlesen wird. Jeff wendet sich den anderen zu.
„Das ist heute Abend. Bill, das Restaurant befindet sich gegenüber des Saloons und ein paar Häuser von der Bank entfernt. Du und …“ - er lässt ein paar Leute vorbei und sieht sich verstohlen um, dann wendet er sich wieder Bill zu, „du und Jim, ihr geht in das Restaurant. Sobald Mary zur Tür herankommt, bezahlt ihr.“
„Und wann?“, fragt sie. Jeff geht mit den anderen weiter.
„Wenn die Menschen in das Gebäude gehen. Dann ist noch genug Zeit zum Bezahlen und um sich zu sammeln. Die Veranstaltung ist nicht so spät, da schließt …“ – Jeff lässt erneut ein paar Leute vorbeigehen, „da schließt die Bank noch nicht. Aber erst gehen wir in den Saloon.“ Mary schluckt. Sie ist noch nie in einem Saloon gewesen und sie weiß auch nicht, ob sie sich dafür bereit fühlt. Doch da hat Jeff den Saloon schon betreten und mit ihm auch die anderen. Mary folgt schüchtern und fühlt sich schon beim Betreten fehl am Platz. Doch das Gefühl verfliegt, als Jeff dem Barmann erklärt, sie gehöre jetzt zu ihnen und wenn irgendjemand etwas zu sagen hätte, solle er es mit ihm besprechen.
„Danke“, flüstert Mary noch immer ein wenig schüchtern und drückt Jeff ihr Gewehr in die Hand. Dieser streicht ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und widmet sich dem Tresen.
„Eine Flasche Whiskey“, sagt er und der Barmann stellt ihm die Flasche und sechs Gläser hin. Und bevor Mary Protest einlegen kann, hat Jeff bereits eingeschenkt.
„Ich hoffe, ihr bleibt nicht allzu lange hier“, sagt der Wirt.
„Wer weiß, vielleicht gefällt es uns ja so gut, dass wir hier wohnen bleiben“, erwidert Jeff und trinkt sein Glas leer. Bill bestellt eine Flasche Rotwein.
„Keine Sorge, ich weiß, was ich tue“, sagt er, als er Dexters Blick begegnet. Der Barmann wendet sich ab und macht sich daran, seine übrigen Gäste zu bedienen. Plötzlich kommt ein Mann auf sie zu. Er stellt sich als Jonathan Mayer vor und sagt, er sei Journalist einer kleinen Lokalzeitschrift.
„Tut mir leid“, sagt Jeff und schenkt sich erneut ein Glas Whiskey ein. Doch der Mann will mit Mary sprechen. Er fragt, ob sie Zeit für ein kurzes Interview hätte. Mary sieht zu den anderen, erklärt sich dann aber bereit.
„Mein Name ist Mary Thompson“, sagt sie, als der Mann sie nach ihren Namen fragt.
„Kennen Sie die Gerüchte, die man sich erzählt?“, fragt der Journalist.
„Ja“, antwortet Mary.
„Dann können Sie auch sicher dazu etwas sagen.“
Mary atmet tief durch. Sie weiß nicht, ob es richtig gewesen ist, dem Interview zuzustimmen. Sie hatte noch nie die Fragen eines Journalisten beantwortet.
„Sie sind nicht wahr. Ja, ich trage diesen Ring und ja, er hatte meinen Mann gehört. Wissen Sie, die Leute sagen, ich wäre eine Verbrecherin, doch es ist nicht so“, sagt sie.
„Und Sie wollen sich auch nicht profilieren?“
Mary sieht den Journalisten verwirrt an.
„Profilieren ist, wenn man einen Vorteil aus etwas ziehen will“, erklärt der Reporter.
„Nein, natürlich nicht“, sagt Mary erschrocken.
„Was wollen Sie dann?“
„Meine Familie wurde ermordet. Ich will die Männer finden, die es getan haben“, sagt sie und bereut diesen Satz sofort wieder.
„Glauben Sie, Sie werden sie finden?“, fragt Jonathan Mayer. In diesen Moment ruft Jeff Mary zu sich. Sie entschuldigt sich und geht zu ihm.
„Was hast du gesagt?“, fragt er.
„Er hat mir nur Fragen gestellt, die mich betreffen“, erwidert Mary. Jeff sagt ihr, sie solle unauffällig den Saloon verlassen und das Gebäude im Auge behalten, vor dem der Mann verkündet hatte, dass Edward Jensen vorlesen soll. Mary entfernt sich unauffällig und schlendert die Hauptstraße entlang. Sie geht in den Lebensmittelladen, nicht weit vom Holzgebäude entfernt, und wird dort von einem jungen Mann angesprochen, der aussieht, als würde er schon lange auf der Straße leben.
„Ich habe mein letztes Geld in Whiskey ausgegeben. Haben Sie eine kleine Spende für einen armen Mann?“, fragt er. Mary gibt ihm einige Cent und betritt den Laden.
„Danke, Sie sind die Großherzigkeit in Person, Gott schütze Sie!“, ruft ihr der Mann hinterher.
Mary schlendert durch den kleinen Laden, der von Whiskey bis hin zur Enzyklopädie alles im Sortiment hat, was das Herz begehrt. Doch sie will nur ein paar Lebensmittel kaufen. Mary entscheidet sich für Pfirsiche, Brot und einer Flasche Whiskey für die anderen.
„Haben Sie Wein?“, fragt sie, als sie bezahlen will.
„Nein, tut mir leid. Im Moment nicht“, sagt er Verkäufer und beginnt, ihre Einkäufe zusammenzurechnen. „Das macht siebenundzwanzig Cent“, sagt der Mann an der Registrierkasse. Mary gibt ihm ein paar Geldstücke, dann verlässt sie den Laden. Draußen bittet sie der Bettler um etwas Geld für ein warmes Essen. Auf einmal kommt der Ladenbesitzer aus seinem Laden gelaufen und geht zu dem Mann hin.
„Mensch, Charly. Hör endlich auf, die Leute anzubetteln und such dir eine Arbeit“, sagt er. Mary entschuldigt sich und geht zu den Pferden. Sie verstaut die Lebensmittel und den Whiskey in der Satteltasche und schlendert in Richtung Saloon zurück. Bill und Dexter kommen ihr entgegen.
„Jeff hat entschieden, den Überfall jetzt zu machen. Er glaubt, etwas stimmt nicht“, sagt Dexter, als die beiden sie erreicht haben. Mary sieht zum Saloon rüber.
„Die anderen sind noch drinnen“, entgegnet Bill.
„Wenn wir es vermeiden können, dann laßt uns gehen. Nehmen wir die Pferde und verschwinden wir“, sagt Mary. In diesen Moment kommt Jeff mit den anderen aus dem Saloon und geht ebenfalls auf sie zu.
„Mary hat vorgeschlagen, zu gehen“, sagt Bill. Jeff sieht sich um. Die Leute strömen allmählich in das kleine Gebäude aus Holz, in dem Edward Jensen die neusten Nachrichten vorlesen wird.
„Ein Mann am Tresen hat uns die ganze Zeit über beobachtet. Und ein anderer saß an einem der Tische, bereit zu schießen“, sagt Jim.
„Waren das Deputies?“, fragt Dexter.
„Wissen wir nicht“, antwortet Jeff. „Aber was immer wir tun wollen, wir sollten es jetzt tun.“ Er gibt Mary ihr Gewehr zurück und sieht zu Dexter. Dieser nickt seinem Bruder zu und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gehen sie in die Bank. Jeff geht voraus, Dexter begleitet ihm. Parker und Jim positionieren sich gegenüber des Bankgebäudes. Mary und Bill holen die Pferde. Als die beiden mit den Tieren zurückkommen, hören sie einen Schuss. Dann laufen bewaffnete Menschen auf die Bank zu und kurz darauf fallen drei weitere Schüsse. Bill steigt auf sein Pferd und reitet, obwohl sie schon fast da sind, die letzte Strecke zur Bank. Jeff und Dexter stürmen aus de Bank. Und dann sieht Mary, dass Dexter schwer verwundet ist. Er schafft es gerade noch zu dem Pferd und bricht dann zusammen. Bill läuft zu ihm, während Jim, Jeff und Parker versuchen, die Menge fernzuhalten. Die Situation droht, außer Kontrolle zu geraten. Mary mischt sich zwischen die Menschen und hält ein paar von ihnen in Schach.
„Jane, pass auf!“, ruft Jeff hinter ihr und Mary dreht sich nach ihm um. In diesen Augenblick verfehlt sie ein Schuss nur um Haaresbreite und Mary schießt zurück. Bill sitzt noch immer auf der Erde und ruft, Dexter solle aufwachen. In der Zwischenzeit hat Jeff sich zu Mary durchgekämpft und gibt ihr Feuerschutz.
„Bill! Bring dich in Sicherheit!“, ruft Jeff. Doch Bill ignoriert ihm. Er hat Dexter in den Arm genommen und nimmt die Schüsse um sich herum nicht wahr.
„Bring dich in Sicherheit!“, ruft Jeff erneut und schießt auf einen der Männer. Ein anderer richtet seine Waffe auf Bill und spannt den Hahn des Revolvers, doch Jim kommt ihm zuvor. Er erwischt den Mann am Bein. Parker wird am Arm getroffen, doch er lässt sich nicht davon abbringen weiter zu schießen.
„Geht es dir gut!?“, ruft Jeff durch den Lärm hindurch.
„Ist nur ein Streifschuss!“, erwidert Parker und feuert auf einen Mann.
Die Schießerei dauert eine gefühlte Ewigkeit. Am Ende schaffen es die Clarence aus der Stadt zu entkommen, wobei sie einige Schwierigkeiten hatten, Bill davon zu überzeugen, Dexter zurückzulassen. Nur mit aller Kraft zwingen Jim und Jeff ihn in den Sattel zu steigen. Und mit einen letzten Blick auf Dexter fliehen sie aus der Stadt.

Bill liegt auf dem harten Boden und weint bitterlich. Mary ist bei ihm und versucht ihn zu beruhigen, doch sie gibt es bald auf. Irgendwann steht sie auf und geht zu ihrem Pferd. Dann reitet sie wortlos davon. Jeff steigt ebenfalls auf sein Tier.
„Jane, warte!“, ruft er und bremst sie aus. Als Mary sieht, dass er sie nicht durchlässt, steigt sie ab und geht zu Fuß weiter.
„Jane!“, beginnt Jeff. Doch Mary denkt nicht daran, anzuhalten. Jeff läuft ihr nach und stellt sich ihr in den Weg.
„Lass mich ja vorbei“, zischt sie und funkelt ihm an.
„Jane“, beginnt Jeff, doch Mary schiebt sich an ihm vorbei. „Denkst du, für mich war es leicht?“
„Nenn mir auch nur einen vernünftigen Grund, weshalb ich bleiben sollte!“, schreit sie ihn an. Jeff steht da wie vom Donner gerührt. Er möchte ihr einen Grund nennen. Er will ihr sagen, sie solle sich beruhigen, doch er kann es nicht. Mary geht weiter. Jeff macht kehrt und geht zu den anderen zurück.
„Lass ihr ein wenig Zeit“, sagt Jim und hat Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Er ist gerade dabei, Parkers Arm zu versorgen. Jeff geht zu Bill, der noch immer weinend am Boden liegt. Er legt sich zu ihm und ergreift seine Hand. Bill lässt es zu.
„Wer sind wir, wenn wir unser eigenes Leben über das derer stellen, die wir am meisten lieben?“, sagt er. Bill schließt seine Hand fester um die von Jeff und rückt näher an ihm heran.
„Wir haben uns geschworen niemals jemanden zurückzulassen, erinnerst du dich?“, wimmert Bill. Jeff beginnt zu weinen.
„Ja, tue ich. Was für Narren wir doch gewesen sind. Wir hätten uns die Welt versprochen, wenn es uns in den Sinn gekommen wäre. Es tut mir so leid“, weint Jeff. Dann fragt er, ob Bill ihm für das, was er ihm damals angetan hatte, verzeihen möchte.
„Ja“, sagt Bill. „Ich verzeihe dir. Ich könnte es mir nicht vorstellen, dich zu verlieren, ohne …“ Bill kann nicht weitersprechen. Jeff nimmt ihm in den Arm.
„Du wirst mich nicht verlieren, Bill“, sagt er und hält inne.
„Sei ruhig. Keine falschen Versprechungen mehr“, schluchzt Bill. Jeff sieht zu den anderen. In diesen Augenblick kommt Mary zurück.
„Was jetzt, Jeff?“, fragt sie. „Was machen wir?“
„Erst versuchen wir uns alle wieder zu beruhigen, danach überlegen wir, wie es weitergeht“, antwortet er. Und in den nächsten Stunden sagt keiner ein Wort.

Es wird bereits Abend und die Temperatur ist in den letzten Stunden abgekühlt. Bill liegt noch immer auf der Erde, er weint inzwischen nicht mehr, beteiligt sich dennoch an keinem Gespräch. Es ist, als hätte ihn jemand abgeschaltet. Mary versucht ihn dazu zu bewegen, etwas zu essen, während Jeff sein Gesicht in den Händen vergräbt. Parker hat sich entfernt, um sich zu erleichtern und Jim trinkt beinahe die ganze Flasche Whiskey alleine.
„Ich will euch was sagen“, brabbelt er schon ziemlich betrunken. „Wenn es mich erwischt, könnt ihr gehen. Es würde mir nichts ausmachen.“ Jeff geht zu ihm und nimmt ihm die Flasche weg.
„Daran denken wir nicht“, sagt er und trinkt einen großen Schluck. Dann reicht er sie an Mary, die ebenfalls einen Schluck davon trinkt.
„Ich sage ja nur“, sagt Jim. In diesen Moment kommt Parker zurück und geht zu Mary. Er nimmt die Flasche an sich und trinkt ebenfalls einen Schluck.
„Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich würde mich am liebsten neben Bill legen. Solange bis entweder Jeff oder ein paar Kopfgeldjäger uns aufscheuchen“, sagt er. „Mom hat es uns gesagt, oder? Hat sie nicht alles genauso vorhergesagt!?“
„Sei still!“, ruft Jeff
„Wir hätten auf sie hören sollen.“
„Du sollst ruhig sein!“, Jeff schlägt Parker ins Gesicht, doch Mary geht dazwischen.
„Jeff! Es bringt nichts, wenn ihr einander fertigmacht“, sagt sie. Jeff wirft sie zu Boden.
„Halt du dich da raus!“, ruft er und rauft sich die Haare. Dabei fällt sein Hut auf den Boden, doch das ist ihm egal. Er macht sich nicht die Mühe, ihn aufzuheben.
„Wir alle haben so entschieden“, sagt Jeff. Bill beginnt wieder zu weinen.
„Vielleicht sollte jeder mal ein bisschen alleine sein“, schlägt Mary vor und rappelt sich auf. Jeff sieht zu Bill.
„In Ordnung. Wir setzen uns jetzt alle hin“, sagt er und nimmt Platz. Die anderen setzen sich ebenfalls und dann verfallen sie erneut in ein Schweigen.

Erst als es stockfinster ist, reiten sie weiter. Sie jagen durch die Dunkelheit und alle denken an den Moment zurück, in dem sie ihren Bruder zurückgelassen haben.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht; brenne, rase, wenn das Dunkel sich legt. Dem sterbenden Licht, trotze, wutentfacht; der Weise billigt der Dunkelheit Macht, weil keinen Funken je sein Wort erregt. Geh nicht gelassen in die gute Nacht; dem sterbenden Licht, trotze, wutentfacht.
Sie reiten bis in den Morgen hinein und legen sich zwischen einer Gruppe Felsen zum Schlafen. Noch nicht einmal Jeff drängt seine Brüder am nächsten Tag zum Aufbruch. Bill hat sich etwas abseits gelegt und sagt, er wolle liegenbleiben, bis der Schmerz nachlässt. Jim trinkt den letzten Schluck aus der Flasche und wirft sie mit einem wütenden Schrei in die Prärie. Dann reiten sie weiter. Sie reiten und machen immer wieder halt, wobei Bill sich jedes Mal hinlegt. Irgendwann erreichen sie eine Stadt und nehmen sich jeder ein Zimmer in einem Hotel. Bill verschwindet in seinem Raum und kommt den ganzen Tag über nicht heraus. Er reagiert nicht einmal, als Mary an die Tür klopft. Nach einer kleinen Ewigkeit, in der sie vor der Tür gewartet hat, tritt sie schließlich ein. Bill liegt im Bett. Er sieht an die Decke und Tränen laufen ihm die Wangen herunter. Mary setzt sich an das Bettende.
„Ich bin sehr traurig, ich habe ihn auch sehr gern gehabt. Jim ist in Saloon, er ist am Ende. Jeff versucht es im Bordell und Parker sitzt unten und starrt die Leute an, die vorbeigehen“, sagt sie. Bill reagiert nicht.
„Ich weiß nicht, ob es jemals wieder so wird, wie es vorher war. Eigentlich sollte ich es nicht hoffen, doch vorher wart ihr besser dran. Ihr wart glücklich. Ich will nur, dass du weißt, dass es mir unendlich leid tut“, fährt Mary fort. Bill reagiert noch immer nicht. Mary bleibt noch eine Weile neben ihm sitzen. Dann verlässt sie sein Zimmer und geht zu Parker.
„Wie geht es ihm?“, fragt dieser.
„Unverändert“, erwidert Mary.
„Ich glaube, ich gehe auch gleich zu ihm.“
Mary fängt zu schluchzen an.
„Er hat überhaupt nicht reagiert. Er lag nur da und schaute die Zimmerdecke an“, sagt sie. Parker nimmt Mary in den Arm.
„Ich sehe gleich nach ihm“, sagt er.
Als Parker Bills Zimmer betritt, liegt er noch immer genauso da. Auf dem Rücken, mit feuchten Augen und starren Blick. Parker kniet sich neben Bill und berührt sein Gesicht. Er hofft, es würde Bill zurückholen, er hofft irgendeine Reaktion in seinem Gesicht zu sehen.
„Bill“, sagt Parker. „Bill!“ Als dieser noch immer nicht reagiert, ergreift Parker Bills Hand.
„Sag etwas, wir sorgen uns um dich. Ich weiß, wie sehr du leidest, du hast Dex verloren. Aber du bist nicht tot. Mary sorgt sich um dich. Ich mache mir Sorgen, Jim und Jeff ebenfalls“, versucht Parker es erneut. Bill drückt seine Hand und lächelt schwach.
„Wieso hast du es nie für nötig gehalten, damals einzugreifen? Du hast gesehen, wie sehr ich gelitten habe“ fragt er. Parker rückt dichter an ihn heran.
„Ich weiß es nicht“, flüstert er.
„Mit wem soll ich jetzt reden, Parker?“
Bill sieht ihm an. Parker legt beide Hände um die von Bill.
„Wir hatten nie Gelegenheit, uns als Brüder so nahe zu sein. Aber ich bin für dich da – wir alle sind es. Wir haben dir sehr zugesetzt und du hast ein Recht, so zu empfinden. Aber ich sage das hier jetzt als dein Bruder: Du kannst immer auf mich zählen. Ich werde dich nie wieder so hängen lassen wie damals“, sagt er. Bill beginnt zu weinen.
„Ich weiß“, schluchzt er. Bill wischt sich über die Augen und erhebt sich. Dann verlässt er gemeinsam mit Parker das Zimmer und geht zu Mary hinunter. Die beiden nehmen sich in den Arm.
„Holen wir Jim und Jeff ab?“, fragt sie.
„Ja, wir holen die beiden und reiten weiter“, erwidert Parker. Draußen kommt Jeff auf sie zu. Er ist verschwitzt und noch immer leicht erregt.
„Geht es euch gut?“, keucht er. Parker nickt und sie gehen in den Saloon, in dem Jim am Tresen sitzt und schon ziemlich betrunken ist. Jeff fragt nach einem Glas und schenkt sich aus Jims Flasche ein. Auch Bill trinkt einen Schluck.
„Meine Flasche“, sagt Jim. Jeff legt einen Dollar auf die Theke und hilft Jim aufzustehen.
„Ist schon in Ordnung“, sagt er, als der Barmann mit dem Wechselgeld kommt.
„Aber ich habe noch nicht ausgetrunken“, protestiert Jim.
„Es wird Zeit“, sagt Jeff und verlässt mit den anderen den Saloon.

Die Zeitungen betiteln Mary inzwischen als „Shotgun Jane“. Einige Artikel sehen in ihr die Rächerin des Westens, andere fragen sich, woher diese Faszination für eine Frau kommt, die das Handwerk des Tötens von Verbrechern gelernt hat, die im ganzen Land als berüchtigt gelten. Doch Mary, Jeff, Jim, Bill und Parker haben andere Sorgen.
Sie reiten durch die raue Landschaft und leben von der Jagd. Sie meiden die Städte und wenn sie doch in eine Stadt gehen, dann nur, um etwas zu trinken und Vorräte zu kaufen. Der Tod ihres Bruders hat sie alle verändert und es dauert, bis sie sich wieder einigermaßen erholt haben.

Ihren ersten Überfall seit Dexters Tod begehen die Clarence am 4. August. Er wird als der Polizisten-Raub in die Geschichte eingehen. Die Brüder gaben sich als Sheriffs aus und verschaffen sich so Zutritt in die Bank. Erst als sie mit dem Bankangestellten allein waren, haben sie sich zu erkennen gegeben und erbeuteten mehrere tausend Dollar, es war einer der größten Raubüberfälle in ihrer kriminellen Laufbahn. Nach dem Polizisten-Raub beschlossen die Clarence in den High Plains Halt zu machen.

Am 16. August, zur selben Zeit, in der die Clarence-Bande die Grenze der High Plains, die sich in den westlich gelegenen Granit Plains befinden, überqueren, findet in New York die Prämiere von „Allein unter Cowboys“ statt. Es ist eine Geschichte, die auf Zeitungsartikeln basiert, die Mel in den letzten Wochen und Monaten gesammelt hat. Irgendjemand fragte ihn, weshalb er so viel Zeit und Arbeit in eine Geschichte stecke, die von Verbrechern und Mördern handle.
„Weil es nicht bloß eine Geschichte über Mörder ist“, hatte er geantwortet. „Es ist eine Geschichte, die eine Reihe von Fragen aufwirft: wieso schließt sich diese Frau einer Bande von Verbrechern an, obwohl ihre Familie selbst von solchen ermordet wurde? Was bewegt sie? Und wie ändert oder beeinflusst es ihr Verhältnis zu diesen Menschen?“
Zu der Prämiere sind mehr Leute gekommen, als Mel erwartet hatte, selbst Timothy ist da, um seinem Vater moralisch beizustehen. Nach der Prämiere fallen die Reaktion hauptsächlich positiv aus. Nur die Presse ist zurückhaltend und spricht von einem Stück, dass „nicht den Mut besitzt Dinge zu hinterfragen“. Doch für das Publikum ist dies nicht wichtig. Sie feiern das Theaterstück und je weiter die Tage ins Land ziehen, desto mehr Menschen strömen in die Vorstellungen und machen die Geschichte der Clarence und ihrer jungen Begleiterin „Shotgun Jane“ für viele Kinder und Familien real.

Doch die, um die es geht, bekommen vom dem ganzen Trubel nichts mit. Sie reiten durch die Prärie, ohne einen Gedanken daran zu vergeuden, was ihnen der nächste Tag wohl bringen mag.
Bill ist gerade mit Jeff unterwegs. Sie sammeln Feuerholz und nutzen die Gelegenheit, um sich noch einmal richtig auszusprechen. Jeff spürt, dass der Tod von Dexter ihn verändert hat. Bill war damals gesprächiger und hatte stets ein Lächeln auf den Lippen.
„Eines Tages wird alles wieder normal sein“, sagt Jeff. Bill bleibt stehen und blickt in den Horizont.
„Glaubst du wirklich?“, fragt er. Jeff geht zu ihm hin.
„Du nicht?“
Bill stemmt die Hände in die Hüften und sieht seinen Bruder an.
„Vielleicht sollten wir aufhören“, sagt er. Als Jeff darauf nichts erwidert, fügt Bill hinzu: „Was willst du denn noch? Willst du vielleicht unser aller Leben riskieren? Willst du mich und Jim und Parker auch noch verlieren? Oder Mary?“
„Du weißt, dass ich das nicht will“, antwortet Jeff.
„Was ist es dann? Willst du in einer lodernden Flamme des Ruhms abtreten? Du vergißt bloß eines: Tote können nicht mehr erleben, wie sie zu Helden werden. Am Strick bist du nichts als ein baumender Körper mit einem schwarzen Sack über dem Kopf“, sagt Bill.
„Die anderen müssten schon längst wieder zurück sein“, meint Jeff nur. Bill seufzt.
„Als wir uns damals für dieses Leben entschieden haben, wusste keiner von uns, was uns erwarten würde. Eigentlich warst du es, Jeff. Du warst der Träumer, der von der großen Welt geträumt hat; nicht ich, nicht Jim, nicht Dex und auch nicht Parker. Das bist du gewesen. Und jetzt sind wir hier, gut zwei Jahre später. Wir sind überall gewesen, stehen in den Zeitungen, wir werden geliebt und wir werden gehasst, aber eine Sache hast du nicht beeinflussen können“ – Bill kämpft mit den Tränen, – „Dex’ Tod. Und ich will nicht, nein, ich kann nicht noch jemanden verlieren. Wir bringen Mary nach Kalifornien und dann wird es für uns Zeit aufzuhören.“
Bill hatte den anderen von Marys Plan erzählt, dort die Mörder ihrer Familie aufzuspüren. Jeff sieht seinen Bruder an und zum ersten Mal hat dieser das Gefühl, dass ihm zugehört wird.
„In Ordnung. Bringen wir Jane dorthin, wo sie hin will und vergessen, dass es die Clarence-Bande jemals gab“, sagt er. Bill lächelt und fragt Jeff, weshalb er sie „Jane“ nennt. Jeff erzählt es ihm.
Als sie eine Stunde später mit dem Feuerholz wieder am Treffpunkt sind, werden sie bereits von den anderen erwartet. Jim hat ein Dickhornschaf erlegt und sitzt mit Mary und Parker auf zwei Felsblöcken.
„Wolltet ihr uns verhungern lassen?“, fragt er. Jeff legt ein paar trockene Blätter in die Mitte. Dann platziert er kleinere Äste darauf und zündet sie an.
„Wir haben uns etwas überlegt“, sagt er.
„Dass ihr doch nicht ohne uns abhauen wollt?“, fragt Jim.
„Nein, dass wir Mary nach Kalifornien bringen und die Überfälle sein lassen“, erwidert Bill. Jim sieht zu Parker.
„Ach“, sagt er. „Und woher dieser plötzliche Sinneswandel?“ Bill sagt, er habe lange mit Jeff gesprochen und sie seien schließlich dabei beide zu dieser Übereinkunft gekommen.
„Von mir aus gerne“, sagt Parker.
„Ich habe auch nichts dagegen. Vielleicht können wir dann ja auch endlich unseren eigenen Saloon aufmachen“, meint Jim. Jeff legt ein großes Stück Holz ins Feuer.
„Keine Bewegung!“, ruft eine Stimme und es fällt ein Schuss. Parker sinkt zu Boden und Jeff zieht seinen Colt.
„Wer ist da!?“, ruft er zurück. Acht Männer kommen auf sie zu. Sie alle haben Gewehre und richten sie auf die Clarence.
„Wir hörten, es gibt eine hohe Bezahlung für eure Ergreifung“, sagt der Mann und kommt auf Jeff zu.
„In der Tasche sind mehrere tausend Dollar. Die könnt ihr haben“, erwidert Jeff. Der Mann lacht.
„Wir verdienen auf ehrliche Art unser Geld“, sagt jemand anders.
„Schön für euch“, entgegnet Jim. Parker liegt am Boden und verzieht das Gesicht. Bill läuft zu ihm und sucht nach der Wunde. Es ist ein Bauchschuss. Bill legt seinen Kopf in seinen Schoß und redet ruhig auf Parker ein. Jeff hebt die Hände.
„Morgen werdet ihr garantiert berühmt sein“, sagt er.
„Mag sein“, entgegnet der Mann und lädt seine Waffe. In diesen Augenblick zieht Bill seinen Revolver und schießt auf ihn. Mary lädt ebenfalls ihre Winchester und erschießt einen der anderen Männer. Daraufhin eröffnen die sieben übrigen Männer das Feuer auf die Clarence-Bande. Bill springt auf und greift nach seinen Colt. Parker erwischt die nächste Kugel. Bill feuert schreiend auf die Angreifer und erschießt einen von ihnen.
„Fahrt zur Hölle!“, ruft er und schießt auf einen weiteren Mann. „Fahrt alle zur Hölle! Ihr kriegt uns nie!“, Jeff hat sich hinter einem kleinen Felsen verschanzt und schießt von dort aus. Jim steht inmitten des Spektakels und feuert, wobei er jedes Mal damit rechnet erschossen zu werden. Einer der Männer richtet seine Waffe auf Mary und wird von Jim getötet. Am Ende bleiben drei Männer, drei Schwerverletzte, zwei tote Angreifer und ein fast Toter übrig. Jeff geht mit gezogener Waffe auf einen der Angreifer zu.
„Seht ihr nicht, dass wir keine Angst haben zu sterben? Seht ihr nicht, dass wir uns stellen? Flieh oder stirb´“, sagt er und drückt den Mann, der kaum älter ist als er selbst, den Lauf seines Revolvers an die Stirn. Der Mann weicht vor ihm zurück.
„Jemand, der bereit ist, seinen Bruder zurückzulassen, hat bestimmt keine Angst zu sterben“, sagt er. Bill richtet seine Waffe auf ihn und feuert. Dann richtet er sie auf die zwei verbliebenen Angreifer.
„Verschwindet, solange ihr noch könnt“, sagt Bill. Die beiden Männer treten den Rückzug an und Bill zielt so lange mit der Waffe auf sie, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden sind. Dann steckt er den Revolver weg.
„Geht es dir gut, Jane?“ fragt Jeff. Mary liegt am Boden und sieht in die Richtung, in der die beiden verschwunden sind.
„Geht es dir gut, Jane?“ wiederholt Jeff seine Frage.
„Ja“, sagt sie. Jeff geht zu ihr und hebt ihren Rock, sodass er die Wunde begutachten kann. Dann reißt er ein Stück von seinem Hemd ab und bindet den Fetzen um die Wunde.
„Jeff, komm besser mal her. Und die anderen auch“, sagt Bill und ergreift Parkers Hand.
„Ich …“ flüstert er. Die anderen scharen sich um Parker. Dieser lächelt jeden einzelnen von ihnen an.
„Du musst uns nichts mehr erklären“, weint Bill.
„Geht. Man wird mich schon finden.“
Mehr bringt Parker nicht zustande. Und wieder einmal wissen sie nicht, was sie tun sollen. Sie packen am Abend alles zusammen und brechen auf. Jeff hat Parker vorher noch an die Seite gelegt, um ihn vor der Sonne zu schützen. Er nimmt Parkers Revolver und Gurt an sich, dann reitet er mit den anderen davon.

Als sie die nächste Stadt erreichen, nehmen sie sich zwei Zimmer im Hotel der Stadt. Der Rezeptionist ist ein wenig erstaunt darüber, eine Frau mit einer Winchester in der Hand zu sehen, doch er behält seine Gedanken für sich.
„Haben Sie zwei Doppelzimmer?“ fragt Jeff. Der Mann mustert jeden einzelnen von ihnen.
„Ja. Zimmer 321 und 327. Wie lange möchten Sie bleiben?“ fragt er Mann schließlich.
„Keine Ahnung“, erwidert Jeff. Der Rezeptionist händigt ihm die Schlüssel aus und die vier gehen nach oben. Und ohne es vorher abzusprechen, gehen sie alle in das Zimmer 327, das sich am Ende eines langen Flures befindet. Sie setzen sich auf die Betten und schweigen sich an. Draußen ist ein Streit zu hören, kurz danach fallen zwei Schüsse. Irgendwo lacht jemand und wieder woanders bellt ein Hund. Dann hören sie noch einen Schuss. Jeff nimmt seinen Revolver und klappt die Trommel auf. Er nimmt die Patronen heraus und legt sie neben sich auf das Bett. Mary beobachtet, wie er seine Waffe mit neuen Patronen nachlädt. Dann steckt er sie ins Holster zurück. Bill stürzt seinen Kopf in die Hände und versucht nicht zu weinen. Jim nimmt seinen Hut ab und fährt sich durch seine inzwischen schulterlangen Haare. Mary starrt auf ihre Hände. Sie muss auf einmal an das Duell denken. Sie denkt an Parker und an Dexter. Sie denkt an die Überfälle, an Cheyenne, an Bill, der auf dem Boden gelegen und geweint hatte. Plötzlich reißt sie ein Schuss aus ihren Gedanken. Mary schreckt hoch.
„Woran hast du gedacht?“, fragt Jeff.
„An alles, was passiert ist. Eigentlich daran, wie ich hierhergekommen bin“, antwortet Mary. Jeff sieht zu ihrem Ring, der noch immer an ihrem Hals hängt.
„Ja“, sagt sie. „Daran auch.“ Eine lange Pause entsteht. Irgendwann schlägt Jim vor, in den Saloon zu gehen. Mary sagt, sie wolle noch in ein Bekleidungsgeschäft, um ein neues Kleid zu kaufen.
„In Ordnung, dann treffen wir uns im Saloon“, entgegnet Jim und verlässt das Zimmer.
„Vielleicht solltest du auch besser gehen, um ihn im Auge zu behalten“, sagt Mary. Jeff erhebt sich und wartet, dass Bill ebenfalls soweit ist. Dann verlassen die beiden das Zimmer. Mary steht auf und geht an das Fenster. Sie sieht Bill und Jeff, die wortlos zum Saloon laufen. Nach Parker Tod haben sie sich alle noch mehr verändert. Sie hatten während des Ritts in die Stadt kaum ein Wort miteinander gesprochen und wenn sie es taten, fassten sie sich kurz.
Mary verlässt das Hotel und geht die Straße entlang. Irgendwann findet sie ein Bekleidungsgeschäft und geht hinein. Es ist voll und sie braucht ein wenig, bis sie gefunden hat, wonach sie sucht. Dann bezahlt sie und verlässt den Laden. Sie schlendert zum Hotel zurück und zieht sich um. Dann betritt sie den Saloon.
„Jane!“, ruft Jeff. Mary blickt in die Richtung, aus der er gerufen hatte. Jeff winkt ihr zu. Als sie die anderen erreicht hat, bemerkt sie einen Mann, der mit ihnen am Tisch sitzt.
„Das ist Lynn Goldberg. Er hat gehört, dass du nach Kalifornien willst“, sagt Jeff.
„Ich kenne Johnny Lopez. Er ist ein mieser, verzeihen Sie den Ausdruck, Ma’am, Bastard“, sagt Goldberg und trinkt ein Schluck von seinem Bier.
„Ist er noch dort?“, fragt Mary.
„Allerdings. Nach allem, was ich gehört habe, halten er und seine Mörderbande sich im Westen Kaliforniens auf. Ich will sowieso dorthin. Ich werde meinen Bruder besuchen, der dort als Anwalt arbeitet“, erwidert er.
„Er wird heute Abend los reiten, Mary. Bis dahin kannst du dir überlegen, ob du mitfährst“, sagt Bill. Jeff setzt sich neben sie.
„Ist es das wirklich wert?“, fragt er. „Hast du deine Familie so sehr geliebt?“, Mary starrt auf sein Whiskeyglas.
„Das ist das Einzige, was mir bleibt. Ich wünsche euch, dass ihr einmal in eurem Leben genau dasselbe Glück empfindet wie ich damals“, sagt sie und trinkt Jeffs Whiskey leer.
„Wir können …“, beginnt Jeff, doch Mary lässt ihm nicht aussprechen.
„Nein. Ihr müsst das nicht tun. Aber danke.“
Am Abend sagt Lynn, wenn Mary wirklich mitwolle, solle sie sich fertig machen. Nachdem sie sich von Jim, Jeff und Bill verabschiedet hatte, bricht sie gemeinsam mit Lynn Goldberg auf.

Sie reiten durch kleine Canyons und Hügellandschaften, machen Rast und reiten weiter. Mary, die es anfangs als eine Notwendigkeit betrachtet hatte, durch die Prärie zu reiten, gewöhnt sich allmählich an den Sattel, den Wind in ihrem Gesicht und den gleichmäßigen Hufschlag der Pferde. Das Einzige, was ihr fehlt, sind ihre Freunde, die Clarence. Doch Mary merkte, dass der Tod ihrer beiden Brüder ihnen zugesetzt hatte und sie hatte sie nicht noch mehr belasten wollen, indem sie sie dazu brachte, mit ihr zu gehen. Am Abend machen sie in einer unwirklichen Hügellandschaft halt und Lynn Goldberg macht sich auf die Suche nach Feuerholz. Mary umklammert ihr Gewehr und sieht sich in alle Richtungen um. Das Erlebnis mit den Kopfgeldjägern ist noch in frischer Erinnerung, daher weiß sie, dass es besser ist vorsichtig zu sein.
Als es so dunkel ist, dass fast nichts mehr zu sehen ist, hört sie nicht weit entfernt Schritte. Mary springt auf, spannt den Hahn der Waffe und zielt in die Dunkelheit.
„Wer ist da!?“, ruft sie.
„Ganz ruhig, Shotgun Jane, ich bin es“, sagt Lynn und wirft ein paar Holzscheite auf den Boden. „Man findet hier kaum welches.“ Mary hilft, das Holz für ein Feuer zu stapeln. Dann geht Lynn zu seinem Pferd und holt eine Flasche Whiskey aus der Satteltasche. Er kippt die etwas über das Holz und zündet es an. Dann setzen sie sich ans Feuer.
„Willst du etwas?“, fragt Lynn und hält ihr den Whiskey hin. Nach kurzem Zögern ergreift sie die Flasche.
„Woher kennen Sie Lopez?“, fragt sie.
„Wir hatten ein paar mal miteinander zu tun. Als ich mit meinem früheren Partner Cody O’Bryan eine Bank in Iowa ausgeraubt habe, haben wir uns bei ihm versteckt“, erwidert Lynn.
„Woher kennen sie beide sich?“, fragt Mary.
„Wir waren mal sowas wie Partner. Er, ein Mann namens Jack und Lopez’ Bande. Irgendwann hatte Jack wohl keine Lust mehr gehabt zu teilen und floh mit der gesamten Beute nach einem unserer Überfälle. Lopez war fuchsteufelswild und hat geschrien, er würde ihn umbringen; doch seine Spur verlor sich, bis vor sieben Jahren. Da sah Johnny ihn zufällig in einer Stadt. Er war in Begleitung einer jungen Frau und bereit, sich einem Siedlertreck anzuschließen. Inzwischen hatte er zwei kleine …“
„Was?“, sagt Mary.
„Lopez hatte ihn und seine zwei Kinder erschossen. Aber jetzt bist du dran. Du bist vor genau sieben Jahren in den Zeitungen aufgetaucht. Wie lautet dein Nachname?“
Mary sieht ihm überrascht an.
„Thompson“, sagt sie.
„Jack hat so geheißen. Jack P.C. Thompson“, sagt Lynn Goldberg. „Erschieß mich bitte nicht.“ Mary ist noch immer perplex.
„Jack. Aber das …“
„Wie alt waren deine Kinder?“, fragt Lynn.
„Der Ältere war sechs“, entgegnet Mary und wieder kommen ihr die Tränen. „Und dieser Johnny Lopez kannte meinen … kannte Jack?“
„Wir haben ihn gesucht, doch er war wie vom Erdboden verschluckt. Nach fünfeinhalb Jahren wünschten wir ihm den Tod und gaben die Suche auf. Doch Johnny suchte weiter. Wenn man sich dazu entscheidet, Freunde zu bestehlen, entscheidet man zu sterben, sagte er.“
Nach dem Essen legen sie sich schlafen, doch Mary kann in dieser Nacht kein Auge zu tun. Ist es wirklich wahr, dass ihr Ehemann sie die ganze Zeit belogen hatte? Wie ein Kartenhaus fällt nun alles zusammen, was sie in ihm gesehen hatte. Das Geld zum Heiraten, das Haus, die Geschichte des mühsam verdienten Vermögens, sogar der Treck verliert seine Echtheit. Und ihre Kinder? George und Lucas? Peng, peng! hört sie die beiden sagen. Sie hört das Lied des Banjospielers aus dem Wagen vor ihnen und weiß nicht mehr, ob es noch einen Sinn hat, weiterzuziehen. Ja, Johnny Lopez hatte ihre beiden Kinder getötet; doch soll sie sich wirklich für ihren Mann rächen? Für ihn, der sie belogen hatte? Der seine Freunde, wer auch immer diese gewesen sein mochten, bestohlen hatte? Und was ist mit ihr? Was macht sie? Sie suchte nur Lopez, sie wollte ihn töten und tötete doch andere. Sie wollte den Mörder ihrer Familie finden und schloss sich Männern an, die ebenfalls Familien ermordeten. Mary starrt in die Dunkelheit. Wenn jetzt irgendetwas passiert und auf mich geschossen wird, werde ich mich nicht wehren, denkt sie. Ich werde genau hier sitzen bleiben, wo ich bin. Doch es kommt niemand. Kein Kopfgeldjäger, kein Indianer, noch nicht einmal ein Outlaw, der sie ausrauben will.
Am nächsten Morgen brechen sie auf. Mary weiß nicht, ob sie noch das Richtige tut.

„Damals im Fort wollte ich nicht mehr weiter. Ich wollte bleiben. Ich war drauf und dran, die ganzen Sachen, die im Planwagen waren, zu verkaufen. Meine Erziehung hielt mich davon ab, gegen das Gesetz zu verstoßen. Doch es gab einen Moment, an dem ich dachte, dass ich nur dann wieder Frieden finden kann, wenn ich die Männer finde, die das getan haben. Und jetzt?“
„Und jetzt?“
„Mein Mann beging einen Raubüberfall und ist mit der Beute geflohen. Er hat mich belogen; wahrscheinlich tat er es, damit ich bei ihm bleibe. Und ich habe auch noch geglaubt, ich würde richtig handeln. Jetzt sind meine Kinder der einzige Grund, weshalb ich noch hier bin. Weshalb hast du mir das erzählt?“
Mary und Lynn Goldberg sitzen an diesen kalten Tag zusammen in der Prärie und wärmen sich bei einem Whiskey, den Lynn in der letzten Stadt gekauft hat.
„Ich dachte nur, du solltest es wissen“, sagt er. Mary weicht seinen Blick aus.
„Tut mir leid“, sagt sie. Lynn hält ihr die Flasche hin.
„Muss es nicht. Ich hätte genauso reagiert“, lächelt er. Mary nimmt den Whiskey entgegen und trinkt einen kleinen Schluck. Auf einmal fällt eine Schneeflocke auf den Boden.
„Ich kann mich immer noch für meine Kinder rächen“, sagt sie.
„Willst du es denn?“
„Ja. Und für meinen Mann. Auch wenn er mich belogen hat, hatten wir trotzdem sehr schöne Jahre zusammen“, sagt Mary und beobachtet ihren Atem, der als kleine Wolke aus ihrem Mund kommt. Dann fällt noch eine Schneeflocke neben sie auf den Boden.
„Ich hoffe, du findest wonach du suchst, Jane. Ich schätze dich und ich schätze deinen Mut, als Frau das Ganze auf dich zu nehmen. So etwas tut nicht jedes Mädchen aus gutem Hause“, sagt Lynn. Mary trinkt noch einen kleinen Schluck.
„Wieso nennen mich alle Jane?“ fragt sie. Dann fügt sie hinzu: „Ich weiß, weshalb es Jeff getan hat. Aber wieso nennst du mich so?“
„Kennst du die Zeitungsartikel nicht?“, fragt Lynn.
„Ich würde es, wenn ich sie lesen könnte“, erwidert Mary. Lynn lächelt und streckt die Hand nach der Flasche aus. Mary gibt sie ihm.
„Ich kann es auch nicht. Aber nach allem, was ich gehört habe, nennen sie dich überall ‚Shotgun Jane‘“ sagt er und trinkt einen großen Schluck.
„Shotgun Jane?“, fragt Mary. Lynn nickt.
„Du glaubst gar nicht, wie viele junge Mädchen wie du sein wollen. Wie viele von ihnen davon träumen, mit Outlaws über die Prärie zu reiten“, sagt Lynn. Mary sieht ihn mit offenem Mund an. Es dauert ein wenig, bis sie ihre Sprache wiederfindet. Dann fragt sie:
„Woher weißt du das alles?“
„Weil ich viel herumgekommen bin“, erwidert Lynn. „Da bekommt man einiges mit.“ Inzwischen schneit es stärker und Lynn schlägt vor weiter zu reiten. Sie steigen auf ihre Pferde, doch Mary lässt das, was sie gerade gehört hatte, nicht los.
In der nächsten Stadt besorgen sie sich Proviant und brechen wieder auf. Mary verbringt in den nächsten Wochen und Monaten mehr Zeit im Sattel als in der gesamten Zeit davor und als sich das Jahr dem Ende entgegenneigt sind sie in Nevada. Von dort aus dauert es nicht lange, bis sie den Osten Kaliforniens erreichen. 1869 Kalifornien Mary ist noch nie in einer Großstadt gewesen. Sie war noch nie jenseits der Great Plains und doch findet sie, dass dieser Staat einen gewissen Charme besitzt. Das Haus von Edwin Goldberg ist ein großes Anwesen mit der beeindruckendsten Innenausstattung, die Mary jemals gesehen hat. Sie hat sogar ihr eigenes Schlafzimmer. Jeden Tag geht Mary in den Garten und staunt über die Blumenvielfalt, die sich ihr bietet. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass Edwin Goldberg, der Bruder von Lynn, sie nicht leiden kann. Er grüßt sie, hat aber sonst nichts weiter mit ihr zu schaffen. Es ist Lynn, der mit ihr alles macht. Er redet mit ihr und zeigt ihr die Stadt. Bei einem dieser Streifzüge machen sie vor einem Restaurant halt.
„Bist du hungrig?“, fragt Lynn.
„Ein wenig“, erwidert Mary und sie gehen hinein. Der Kellner führt sie zu einem Tisch, der sich neben dem Fenster befindet. Mary setzt sich so, dass sie auf die Straße hinaussehen kann.
„Wo kommst du her?“, fragt Lynn.
„Aus Texas. Mit fünfzehn bin ich mit meinen Eltern quer durch die Staaten gezogen. Es hat Spaß gemacht, wir sind immer woanders gewesen. Meine Eltern haben jung geheiratet und meine Mutter hat mich jung bekommen. Als der Krieg kam, wurde mein Vater Soldat der Konföderation; er fiel und Mom ließ sich in Kansas nieder. Sie hatte kurz einen neuen Mann und hat es sogar geschafft, Dad für eine Weile zu vergessen“, erzählt Mary. Lynn ruft den Kellner zu sich und fragt, ob er etwas empfehlen könne. Ja, Lamm oder Fisch. Lynn bestellt das Lamm; Mary ebenfalls und als der Kellner weg ist, fragt Lynn:
„Was hast du vor diesem Leben gemacht?“
„Ich war Näherin. Ich habe nie etwas anderes gelernt“, antwortet Mary.
„Mein Bruder Edwin sagte einmal, etwas stimmt mit mir nicht. Ich hatte immer einen Drang, Dinge zu tun, die nicht richtig waren. Ich bin froh, dass er mir mittlerweile verziehen hat“, sagt Lynn.
„Aber er mag mich nicht.“
„Nein. Edwin glaubt an das Gesetz. Er wollte immer etwas Anständiges aus seinem Leben machen und nicht wie sein wenig respektabler Bruder leben; immer von einem Ort zum anderen ziehen und nie zu wissen, was der nächste Tag bringt. Im Grunde bewundere ich ihn dafür.“ Lynn lächelt.
„Er kann lesen und schreiben, nehme ich an“, sagt Mary.
„Ja“, erwidert Lynn.
„Wieso kannst du es nicht?“
„Du siehst, wie jung mein Bruder ist. Er ist fünfunddreißig, ich bin achtundvierzig. Das bedeutet, ich war schon weg, als er noch ein Junge war. Ich weiß nicht, warum er mir verziehen hat, dass ich nicht da war, aber das ist der Grund, weshalb er es kann und ich nicht“, sagt Lynn. Dann sagt er: „Er hat mir eine sehr lange Zeit nicht mit mir geredet. Als ich das letzte Mal bei ihm war, vor zehn Jahren, warf er mich hinaus. Irgendwann vor ein paar Jahren kam ein Telegramm. Darin stand, Edwin sei in Kalifornien und er würde sich freuen, mich zu sehen und dass ich jederzeit kommen könne. Der Mann am Telegrafenamt hat mir den Brief vorgelesen. Doch ich hatte Angst, ihn zu besuchen. Ich wusste, mein Verhalten war durch nichts zu entschuldigen.“
„Woher wusste er wo du warst?“, fragt Mary
„Weil ich es ihm sagte, bevor er mich hinauswarf. Die Zeit hatte ich noch.“ Lynn lächelt schwach.
„Ich brauche ein wenig Geld, Lynn. Ich brauche eine Arbeit. Nur solange, bis ich genug zusammen habe“, sagt Mary auf einmal.
Lynn überlegt kurz, dann sagt er: „Ja, das verstehe ich. Im Granit store brauchen sie immer Leute, die bereit sind, mit anzupacken. Später zeige ich dir, wie man dorthin kommt“, entgegnet Lynn. Nach dem Essen zeigt er ihr die Bar und verspricht, sich am nächsten Tag darum zu bemühen, Mary dort eine Stelle zu verschaffen. Dann gehen sie zu Edwin zurück. Dieser begrüßt Mary flüchtig und verschwindet wieder. Am Abend ruft er Lynn zu sich und fragt, wie lange Mary noch bei ihnen wohnen solle.
„Solange, bis sie genug Geld hat, um weiterzureisen“, antwortet Lynn.
„Was macht sie überhaupt hier?“
Lynn schweigt. Er sieht an seinen Bruder vorbei auf den Blumenstrauß, der auf dem Kaminsims steht.
„Lynn, ich rede mit dir“, sagt Edwin.
„Sie ist eben hier“, gibt er zurück. Edwin tritt dicht an seinen älteren Bruder heran und stemmt die Hände in die Hüften.
„Ich frage dich noch einmal, Lynn Goldberg: Was macht sie hier?“
„Sie will die Männer finden, die ihre Familie ermordet haben“, sagt Lynn kleinlaut. Edwin stößt ihn vor die Brust, wie es einst Mary bei Jeff getan hatte. Auch Lynn taumelt ein paar Schritte zurück.
„Du mieser Dreckskerl“, sagt er. „Da verschwindest du erst und dann kommst du mit ihr an, sie, die kurz davor ist, der zweite Jesse James zu werden, wenn sie es nicht schon ist!“
Edwin stößt ihm erneut vor die Brust.
„Ich will sofort wissen, was du dir dabei gedacht hast!“, sagt er. Lynn setzt sich auf die Couch, die vor dem Kamin steht und atmet tief durch. Er hat keine Erklärung dafür, jedenfalls keine, die Edwin verstehen würde.
„Ich wollte sie nach Kalifornien bringen, ja. Aber sie wusste nicht, wohin und da dachte ich …“
„Da dachtest du: ‚lasse ich sie hier bei meinem Bruder. Der ist sowieso den ganzen Tag weg und merkt es vor lauter Arbeit nicht‘“
„Nein! Es …“
Edwin setzt sich in den Sessel gegenüber.
„Zwei Wochen“, sagt er, „dann ist sie weg. Und nach zwei weiteren bist du es auch.“
„Ja“, erwidert Lynn und holt sich ein Glas Whiskey. Ungefragt schenkt er seinen Bruder ebenfalls ein Glas ein und stellt es ihm vor die Nase.
„Ich habe mich geändert, Lynn. Ich lasse mich nicht mehr auf diese Weise umstimmen.“
Lynn setzt sich wieder auf die Couch und trinkt einen Schluck.
„Ich will dich nicht umstimmen. In zwei Wochen ist sie weg, versprochen. Und wenn du eines Abends nach Hause kommst, werde ich es auch sein“, sagt er.
Am nächsten Tag erzählt er Mary von dem Gespräch, das er am Abend zuvor mit seinem Bruder geführt hat. Sie entschuldigt sich und sagt, sie habe es nicht gewollt. Dann nimmt sie ihre Winchester und geht.
„Wo willst du denn schlafen?“, fragt Lynn.
„Ich suche mir was, ich bin es gewohnt. Das ist kein Leben für so jemanden wie mich, ich weiß. Doch ich habe sehr, sehr lange so gelebt“, erwidert Mary
„Und der Granit store?“
„Ich werde anfangen, sobald ich kann“, sagt Mary und verlässt das Haus.

Der Barmann runzelt die Stirn als Mary zur Tür hereinkommt. Er kennt sie aus den Zeitungen und kennt jede ihrer Geschichten, was er seinen Kollegen allerdings niemals sagen würde. Mary geht zum Tresen und fragt, ob sie jemanden bräuchten, der hinter der Theke die Getränke ausschenkt. Sie erklärt ihre Situation und sagt, sie wäre beim Kassieren zwar keine Hilfe, doch sie könne lernen, die Gäste zu bedienen. Einen Tag später steht sie probehalber hinter dem Tresen. Es fällt ihr anfangs schwer, so schnell zu arbeiten, doch mit der Unterstützung des Barmannes, der von jedem nur Wally genannt wird, schafft sie es den Tag herumzukriegen; dann kommt der Abend und die Menschen strömen in die Bar. Anders als erwartet, wird sie von mehr Menschen besucht als sonst, auch wenn einige Gäste, die seit Jahren hingegangen sind, ausbleiben. Doch Wally sagt, es gäbe andere Dinge, die ihm mehr stören als eine Handvoll guter Stammkunden zu verlieren. Er fragt Mary, ob sie ihre Geschichte nicht erzählen wolle und verspricht, ihr pro Abend zehn Dollar zu bezahlen.
„Wenn das ganze Erfolg hat, würde ich auf fünfzehn Dollar erhöhen. Einmal die Woche, den Rest der Zeit arbeitest du hinterm Tresen“, sagt er, als sie um sieben Uhr morgens alleine im Granit store sitzen. Mary überlegt.
„Im Moment habe ich nichts, wo ich unterkommen könnte“, sagt sie.
„Was ist los?“
„Ich wohnte bei einem Mann namens Lynn Goldberg. Sein Bruder war nicht einverstanden, dass ich bei ihm wohne“, entgegnet Mary. Wally nimmt sich einen Whiskey und setzt sich wieder zu ihr.
„Ich kenne die Goldbergs. Edwin ist sehr launisch, doch ich bin mir sicher, dass er sich wieder beruhigt, das ist immer so bei ihm“, sagt Wally.
„Kommen die beiden öfter hierher?“, fragt Mary.
„Jeden Abend, Lynn war lange weg, doch als sie noch gemeinsam hier waren, und das war nicht immer, kamen sie jeden einzelnen Abend“, erwidert Wally und fragt sie erneut, ob sie Interesse hätte. Und Mary sagt zu.

Die Abendvorstellung kostet 2,90 Dollar, dafür geht jedes Getränk auf Kosten des Hauses. Mary steht auf einem kleinen Podium, ihre Winchester lehnt an der Wand hinter ihr. Seit einer halben Stunde erzählt sie ihre Geschichte. Sie ist ehrlich und redefreudig, auch wenn sie bei ihren Überfällen nicht ins Detail geht.
„Ich war viel unterwegs“, sagt sie. „Ich habe Landschaften gesehen, die ich noch nie zuvor sah und doch war immer die Gefahr unser ständiger Begleiter. Wir hätten erschossen werden können oder verhaftet und aufgehängt. Ob ich Zweifel hatte? Ja, die hatte ich, doch ich hätte nicht weiterleben können, wenn ich es nicht getan hätte.“ Wally steht hinter dem Tresen und lauscht gebannt ihrer Erzählung. Er kann sie sich gut vorstellen, zwischen den ganzen Cowboys und Outlaws. Und doch kommt es ihm unwirklich vor.
„Hattest du Angst?“, fragt plötzlich jemand aus der Menge. Mary überlegt kurz, ob sie auch hier ehrlich sein soll, dann sagt sie:
„Ja, ich hatte Angst, besonders bei meiner ersten Flucht. Jeff Clarence hat mir alles darüber erzählt und ich habe auch reiten und schießen gelernt. Er war ein unglaublich strenger Lehrer, doch er konnte mich nicht auf die Angst vorbereiten und auf die Kugeln, die links und rechts an einem vorbeifliegen. In diesen Moment glaubte ich das erste Mal in meinem Leben sterben zu müssen“.
Ein Schweigen legt sich über die Bar. Auf einmal geht ein Glas zu Bruch. Alle Augen richten sich zur Theke, an der ein Mann sitzt. Er ist betrunken und bestellt noch einen Whiskey.
„Hast du schon einmal jemanden erschossen?“, fragt er. Mary schweigt. Einer der Barkeeper geht zu dem Mann hin und sagt ihm, er solle sich zusammenreißen.
„Ich wäre gerne wie du. Meine Frau, die hat mich verlassen. Für einen Banker! Ich habe ihr alles gegeben, was sie wollte. Ist es wahr, dass du den Mörder deine Familie aufspüren willst?“, fährt er fort.
„Mein Mann war nicht der, für den ich ihn gehalten habe. Ja, es stimmt, dass mich dieser Gedanke bis hierhergeführt hat, doch erst muss ich wissen, ob es noch das ist, was ich will“, erwidert Mary. Der Betrunkene lacht.
„Meine Frau war auch nicht die, für die ich sie gehalten habe, Schätzchen. So ist das. ‚Jack, du findest schon eine neue, wirst sehen‘. Ich habe diese Frau mehr geliebt, als ich jemals eine Frau auf dieser gottverdammten Welt lieben werde“, sagt der Mann.
„Das reicht Jack. Entweder du hältst die Klappe oder du gehst. Das ist nicht deine Vorstellung“, sagt der Barkeeper. Der Mann zieht es vor, doch lieber still zu sein und die Veranstaltung kann wieder ihren gewohnten Lauf nehmen. Mary erzählt von den Clarence und versucht die einzelnen Persönlichkeiten widerzuspiegeln. Sie erzählt von Bill, der sehr heftig auf Dexters Tod reagiert hat. Sie erzählt von Jeff, der manchmal sehr streng gewesen ist und ihnen alles abverlangt hatte, sie sagt, er hatte keinen Unterschied zwischen ihr und den anderen gemacht; er habe sie genauso behandelt, wie er jeden Mann behandelt hätte. Sie erzählt von Jim, der immer an Jeffs Seite gestanden hatte, von Parker, der sehr zurückhaltend gewesen ist und von Dexter, der ein sehr enges Verhältnis zu Bill gehabt hatte.
„Vermisst du sie?“, fragt der gleiche Mann, der Mary schon einmal fragte, ob sie Angst gehabt hatte.
„Ja, wahnsinnig. Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten habe. Wir haben uns in einer Stadt getrennt“, erwidert Mary. Nach der Veranstaltung geht sie an den Tresen und bestellt einen Whiskey.
„Alles in Ordnung?“, fragt Wally.
„Geht so“, erwidert sie und setzt sich auf den Barhocker.
„Was hast du?“, Wally stützt sich auf die Theke und beugt sich zu ihr.
„Ich frage mich, was sie jetzt wohl gerade machen. Jim, Jeff und Bill. Ich frage mich, ob es richtig war hierher zu kommen und ich denke darüber nach, wie es wäre, wenn ich von der Sache mit Jack nichts wüsste. Wenn ich nicht wüsste, dass er mich belogen hat“, sagt Mary. Wally schenkt ihr ein Glas Whiskey ein.
„Wer ist Jack?“
„Mein Mann. Er wurde ermordet.“
„Weshalb?“
Mary erzählt ihm von Johnny Lopez. Sie erzählt von dem Raub und dass ihr Mann die ganze Beute für sich behalten hatte. Sie erzählt ihm auch, von wem sie es erfahren hatte. Wally schenkt sich ebenfalls einen Whiskey ein.
„Mach dich nicht fertig, Mary“, sagt er.
„Wie ist dein richtiger Name?“, fragt sie.
„Walt. Aber seit ich denken kann, nennen mich alle Wally“, erwidert er. Mary trinkt ihren Whiskey aus und überlegt, noch einen zu bestellen.
„Gerne, aber wo schläfst du? Ich habe gehört, du bist wohnungslos“, sagt er.
„Draußen in den Wäldern. Ich habe so lange in der Prärie geschlafen, dass es mir nichts mehr ausmacht“, antwortet Mary. Wally bietet ihr an, bei ihm zu übernachten und nach einigem Zögern nimmt sie seine Einladung schließlich an.
Wie sich herausstellt, ist Wally ein Kenner und ein glühender Verehrer der Clarence. Er fragt, ob sie wirklich so seien, wie es in den Zeitungen steht und wie es für sie war, mit ihnen zu reisen. Mary sagt, sie habe nie die Absicht gehabt, Teil von etwas zu werden, dass größer als sie selber ist und fragt ihm, woher seine Bewunderung für die Clarence kommt.
„Mich haben diese Geschichten schon immer fasziniert“, erwidert er.
„Niemand war dabei, als Bill am Boden gelegen und geweint hat. Niemand hat die Todesangst gefühlt, die ich gefühlt habe, als ich mit den anderen vor den Schüssen durch die Prärie geflüchtet bin. Das sind Dinge, die keiner sieht und keiner weiß. Ich bin losgezogen, weil ich nicht mehr leben konnte, wenn ich es nicht getan hätte, doch jetzt weiß ich noch nicht mal mehr, ob es richtig gewesen ist“, sagt Mary.
„Weißt du, ich kenne euch vielleicht nicht und es stimmt, dass ich nicht dabei war, als das Ganze passiert ist. Aber die Menschen werden immer etwas brauchen, woran sie sich festhalten können“, gibt Wally zurück.
„Wieso? Ich habe niemals vorgehabt, in den Zeitungen zu stehen. Ich habe sehr viel gehört, was einige schreiben und es hat mich schockiert. Ich will nicht die Frau unter Cowboys sein; ich bin auch kein Monster“, sagt Mary. Wally sieht auf ihr Gewehr.
„Manchmal muss man etwas einfach hinnehmen, glaube ich. Es gibt keine Erklärung dafür, jedenfalls keine, die ich dir geben könnte“, sagt er. Dann fragt er sie, ob sie mit der Arbeit hinter dem Tresen zurechtkäme.
„Es wird schon gehen“, erwidert sie. Sie reden die ganze Nacht und lernen sich kennen. Wally erfährt, wer sie wirklich ist und beginnt, Mary mit ganz anderen Augen zu sehen.
„Gottes Wege sind rätselhaft. Vor sehr vielen Jahren war ich noch mit dem Oregon Trail unterwegs, jetzt sitze ich hier in Kalifornien und lasse mich von allen bewundern. Ein einfaches Mädchen vom Lande, das weder lesen noch schreiben kann“, sagt Mary. Wally sieht sie erstaunt an.
„Nein, kann ich nicht“, erwidert Mary und bittet Wally, ihr noch einen Whiskey zu geben. Er stellt ihr noch ein Glas hin.
„In der Prärie hat es dir sicher keine Probleme bereitet“, sagt Wally.
„Nein“, lächelt Mary. Wally bietet Mary an, ihr beim Lesen und Schreiben lernen zu helfen. Nach einigem Überlegen nimmt sie sein Angebot an. Wally nimmt eine Zeitung und blättert darin. Dann legt er sie vor Mary auf die Theke.
„Die ist von gestern. ‚Shotgun Jane vermutlich in Kalifornien‘. Siehst du? Wir fangen erst einmal mit Zeitungsüberschriften an, Wort für Wort“, sagt er und wird von seinem Kollegen darauf hingewiesen, dass es in der Bar noch ein bisschen was zu tun gibt. Mary trinkt ihren Whiskey leer und verlässt die Bar. Draußen begegnet sie Jack wieder, der Mann, der die Abendvorstellung immer wieder unterbrochen hatte.
„Tut mir leid“, sagt er. „Ich wollte die Vorstellung nicht stören.“ Mary sieht auf die andere Straßenseite zu einer der parkenden Kutschen hinüber.
„Kann ich was für dich tun?“, fragt Jack.
„Sie heißen Jack?“, fragt Mary. Der Mann neben ihr rülpst.
„Ja“, sagt er.
„Mein Mann hieß Jack.“
Und in derselben Nacht träumt Mary zum ersten Mal von ihrem Mann und den Kindern. Es ist ein furchtbarer Alptraum und er wird sich noch tagelang begleiten.
Sie ist wieder im Fort John. Nur dass auf einmal alle Menschen, alle Soldaten und alle Planwagen verschwunden sind. Sie sieht sich um, es ist totenstill. Es zieht sie zu den Baracken, wo ihre Familie aufgebahrt wurde. Mary hat Angst, hinzugehen, doch irgendetwas scheint sie zu leiten. Und als sie die Baracken fast erreicht hat, weiß sie, weshalb sie sich fürchtet. Sie geht hinein und an der Bahre steht ihr Mann. Er ist aufgedunsen und verfault. Er hat die Kinder bei sich. Sie sind ebenfalls verfault.
„Du hast mich belogen“, hört sie sich sagen.
„Nicht immer. Was wir beide hatten, war echt“, erwidert Jack. Mary weicht zurück.
„Dad hat das bestimmt nicht böse gemeint“, sagt George.
„Ich bin so weit gegangen, so weit. Was soll ich tun, Jack?“, fragt Mary. Diese Frage löst Angst in ihr aus, denn sie weiß, dass gleich etwas passieren wird.
Von irgendwoher kommt Musik. Es ist das Lied, das der Banjospieler gespielt hatte, nur dieses Mal singen George und Lucas mit.
„Ich bin so weit gegangen“, hört sie sich erneut sagen. Dann wacht Mary auf. Draußen ist es noch dunkel und sie sucht Streichhölzer, um die Petroleumlampe zu entzünden, die auf dem Nachttisch steht. Ich bin so weit gegangen, hallt es in ihrem Kopf nach. Sie findet die Streichhölzer und reißt eines davon an. Mary zündet die Lampe an und sofort füllt sich der Raum mit warmem Kerzenlicht. Dann legt sie sich wieder hin und sieht an die Decke. Dad hat das bestimmt nicht böse gemeint, hört sie die Stimme von George sagen. Und immer wieder spielt das Banjo. Mary erinnert sich an das Gefühl, das sie im Traum gehabt hat. Es war ein Gefühl der blanken Angst. Sie verspürt es noch immer. Ich bin so weit gegangen. Für einen kurzen Moment sieht sie die Clarence vor ihrem geistigen Auge. Jeff, der seinen Bruder Jim niedergeschlagen hat. Bill, der auf dem Boden lag. Und sie denkt an die Gespräche, die sie geführt hatten. Ja, sie ist weit gegangen. Doch lohnt es sich, noch weiter zu gehen? Oder ist sie vielleicht sogar schon zu weit gegangen, um jetzt umzukehren? Wenn ihr Mann alleine getötet worden wäre, stünde sie jetzt vor der schwierigsten Entscheidung, die sie jemals würde treffen müssen. Aber er wurde nicht alleine erschossen. Ihre beiden Söhne sind auch tot. Und wie sie so da liegt, denkt sie darüber nach, ihren Plan aufzugeben. Dieser Gedanke allerdings ist der Schlimmste, den sie je hatte. Sie ahnt, dass es für Menschen wie sie kein Zurück mehr gibt. Sie hat schon zu oft den Abzug getätigt, hat zu viele Menschen getötet, auch wenn sie diese an einer Hand abzählen kann und sie hat eine zu weite Strecke zurückgelegt. Doch Mary weiß, dass sie sich bald entscheiden muss.
In den nächsten Tagen ist Mary damit beschäftigt, lesen und schreiben zu lernen. Wally hatte ihr ein Papier mit allen sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabetes gemacht, das Mary sich, nicht ohne anfängliche Vorbehalte, in ihr Zimmer gelegt hat. Ab dem Nachmittag arbeitet sie in der Bar. Die Männer sehen sie noch immer an, als wäre sie eine Erscheinung. Und Mary ist noch immer nicht wohl dabei, besonders dann nicht, wenn sie von einigen Betrunkenen „Shotgun Jane“ genannt wird. Doch sie weiß, dass sie sich früher oder später damit abfinden muss. Aber mit den Leuten kommt auch das Gerede und mit dem Gerede kommen die ersten Neugierigen von außerhalb. Einige wollen nur einen Blick auf Mary werfen und ziehen danach weiter, andere wollen ein Bier oder einen Whiskey in der gleichen Bar trinken, in der sie sich befindet und wieder andere kommen, um zu bleiben. Sie stoßen mit ihr an und wollen mit ihr reden. Sie schütteln ihr die Hand und scharen sich um sie. Und dann kommen die ersten Reporter. Doch das ist nicht der Grund, weshalb Mary das Gefühl hat allmählich die Kontrolle zu verlieren. Wally beginnt Gefühle für sie zu entwickeln und Mary kann nicht sagen, ob diese Gefühle wirklich ihr gelten oder ob es nur „Shotgun Jane“ ist, die er liebt. Mary traut sich aber nicht, ihn danach zu fragen.


Ungefähr zur selben Zeit sitzt Mel mit einem Mann an einem Tisch des Heaven’s Gate und diskutiert darüber, wie man die neue Popularität der WesternLife Inc. nutzen kann. Der Mann kommt aus Georgia und versteht eine Menge vom Theatergeschäft. Er selbst ist Leiter eines kleinen Theaters gewesen und hatte einfach Glück, wie er sich ausdrückt.
„Ich bin nicht hier, um Ihnen zu erklären, wie man ein Theater führt“, sagt er. „Ich möchte mit Ihnen ins Geschäft kommen.“ Mel trinkt seinen Kaffee leer.
„Das weiß ich zu schätzen, aber mein Stück jemanden anderen zu überlassen wäre, als würde ich einen Teil von mir verlieren“, erwidert Mel.
„Bedenken Sie doch nur, was für Möglichkeiten sich Ihnen bieten würden. Noch kennen die Leute ihr Stück nur aus der Zeitung. Georgia ist etwas anderes. Ich kann Ihnen die Reichweite verschaffen, die sie brauchen“, sagt der Mann. Mel denkt darüber nach.
„Nun, Mister Harris, das klingt wirklich gut und ich denke, ich wäre ein Narr, wenn ich Ihr Angebot nicht annehmen würde“ – und nach einer Pause – „in Ordnung.“
„Jeder weiß, dass das Stück von Ihnen ist“, sagt Harris.
„Darum mache ich mir weniger Sorgen. Mein größtes Bedenken ist, das Stück einem völlig Fremden zu überlassen. Natürlich kenne ich Sie und Ihren guten Namen, dennoch ist es ein Abschied, der mir nicht leicht fällt“, sagt Mel.
„Es ist kein Abschied. Es wird Ihr Stück bleiben. Nur, dass es woanders ist“, entgegnet Harris. Und als sie sich voneinander verabschieden, weiß Mel nicht, wie er über die ganze Sache denken soll. Einerseits hat sich William Harris einen Namen in Georgia gemacht, andererseits tut es ihm auch weh, sein Stück in einem anderen Theater zu sehen. Doch Mel weiß, dass es seine Chance ist und die will er sich nicht entgehen lassen. William Harris hat all das, was Mel nicht hat: ein Gespür fürs Showgeschäft, die nötigen Mittel und einen Namen.
Als Mel nach Hause kommt und seine Haustür aufschließt, steht Richard vor ihm. Mel sieht sofort, dass ihn etwas bedrückt und bittet seinen Freund herein. Dieser ist betrunken und niedergeschlagen und lässt sich sofort in einen der Sessel fallen.
„Doreen will ausziehen“, sagt er. Mel setzt sich ihm gegenüber auf den anderen Sessel.
„Ich an deiner Stelle wäre nicht so traurig. Es lief sowieso nicht mehr so gut zwischen euch beiden“, entgegnet er.
„Ich weiß“, sagt Richard. „Aber man lebt so lange zusammen, dass man keinen Gedanken an einen Abschied verschwendet. Wie lief es eigentlich bei dir?“
„Großartig. Ich habe sein Angebot angenommen“, antwortet Mel. Richard lächelt schwach.
„Endlich. Du hast so lange darauf gewartet“, sagt er.
„Du aber auch. Ich weiß noch, wie du dich da reingehängt hast.“
„Wir sind Partner. Da hilft man sich.“
Auf einmal denkt Mel an die Frau aus dem Theaterstück. Er denkt an die Zeitungsartikel, die er gelesen hatte und die Bilder, die er in den Zeitungen gesehen hat und fragt sich plötzlich, was sie jetzt wohl gerade macht. Mel hatte gelesen, dass sie sich vermutlich irgendwo in Kalifornien aufhält. Aber was macht sie dort? Wie nah ist sie ihrem Ziel und verfolgt sie es noch? Mel erwischt sich dabei, wie er sich wünscht, sie würde ihren Racheplan aufgeben.
„Mel?“, reißt Richard ihn aus seinen Gedanken. Er sieht ihm an, als wache er aus einer Trance auf.
„Hm?“, macht er.
„Wo warst du?“
„Nirgendwo. Richard, ich glaube, diese Geschichte ergreift langsam Besitz von mir. Sie beherrscht meine Gedanken; ich will nicht, dass sie bei mir ist“, sagt Mel. Richard sieht ihm verwirrt an, dann beginnt er zu verstehen, von wem sein Freund redet.
„Ich denke ständig an … ich meine … sie ist in meinem Kopf. Nicht die Bühnenrolle, nicht als Theaterstück, sondern als Mensch. Als Frau“, fährt er fort.
„Du kennst diese Frau nicht. Sie ist ein Phantom“, erwidert Richard. Mel steht auf und läuft zur Tür.
„Ja, ich weiß“, sagt er und verlässt die Wohnung. Er läuft zum Spielhaus und öffnet den Theatersaal. Er ist leer. Mel klettert auf die Bühne und sieht auf den Zuschauerraum hinunter.
„Wieso!?“, ruft er in den Saal, als hoffe er auf eine Antwort. Doch der Saal bleibt stumm.
„Ich kenne mich besser! Du bist ein Phantom! Ein Geist! Ein Outlaw! Ich! Kenne! Mich! Besser!“
Stille. Nur sein eigenes Echo hallt nach. Mel wünscht sich so sehr, er würde nicht mehr an diese Frau denken. Er wünscht sich, er würde nicht mehr an diese Geschichte denken. Er verflucht diesen Tag, an dem er angefangen hat, über diese Geschichte zu lesen. Doch Mel ist immer ein Mensch gewesen, der sich sehr für derartige Dinge begeistern konnte. Und so steht er auf der Bühne und schreit seine Verzweiflung in die Stille hinein.

Als Mary an diesen Morgen die Augen aufschlägt, weiß sie nicht, was sie über sich denken soll. Sie erhebt sich und geht, mit einem Unterhemd und einer Unterhose bekleidet, zur Tür. Ein letztes Mal wirft sie einen Blick auf Wally, der noch im Bett liegt und schläft. Dann verlässt sie das Zimmer. Unten angekommen, macht sie sich am Kamin zu schaffen und entzündet das Feuer. Sie denkt an die gestrige Nacht zurück. Mary ist verzweifelt gewesen, Wally war für sie da. Sie hatte ihn weggestoßen. Dann hatte sie ihn an sich gezogen und erneut weggestoßen. Er hatte sie gepackt und sie haben miteinander gerungen. Dann standen sie einander gegenüber. Lange. Und dann hatte er sie geküsst.
Mary hört Schritte hinter sich und dreht sich um. Wally steht ein paar Schritte hinter ihr und weicht ihrem Blick aus. Auch Mary wendet den Blick ab.
„Das habe ich nicht gewollt. Bitte verzeih mir“, sagt er.
„Ich wollte es auch nicht“, erwidert Mary. Sie denkt darüber nach, ihre Sachen zu packen und weiterzuziehen.
„Ich muss hier weg“, sagt sie.
„Jetzt schon? Du kannst kaum lesen. Du kannst kaum ein Wort schreiben, Mary. Du würdest die Bar verlassen. Geh nicht. Nicht jetzt. Die Bar läuft gerade so gut wie nie zuvor“, entgegnet Wally. Mary dreht sich zu ihm um.
„Die Bar? Glaubst du dir das selber?“, fragt sie.
„In Ordnung, es ist nicht nur die Bar“, gesteht Wally. Mary läuft an ihm vorbei in ihr Zimmer und zieht sich an.
„Bist du dir sicher, dass du das willst?“, fragt Wally, als Mary wieder ins Wohnzimmer kommt, um ihre paar Sachen zusammenzupacken. Sie antwortet nicht.
„Es gibt eine Zugverbindung nach San José. Ich bringe dich zum Bahnhof und gebe dir Geld. Wenn du im Zug bist, frag, wie lange du bis San José brauchst“, sagt Wally, während er Mary dabei hilft, ihre Sachen zu packen. Dann fährt er sie zum Bahnhof.
„Du willst wirklich nicht bleiben?“, fragt Wally, als der Zug einfährt. Mary schüttelt den Kopf. Dann kommt der Zug schnaubend und zischend zum Stehen und hüllt sie beide in eine Dampfwolke ein. Die Menschen strömen an ihnen vorbei und Mary steigt ein. Sie setzt sich in eins der hinteren Abteile und sieht auf den Bahnhof hinab. Dann schaut sie auf ihre Winchester. Sie umklammert die Waffe noch fester und versucht sich einzureden, sie täte es aus Rache. Doch als der Zug abfährt, wird ihr klar, dass sie es nicht tun wird. Sie wird Lopez nicht erschießen. Sie wird ihre Familie nicht rächen und sie wird sich auch nicht weiter auf die Suche nach Johnny Lopez machen. Sie wird in San José aussteigen und versuchen, wieder die Plains zu erreichen. Doch wozu? Was sucht sie dort? Vielleicht wird sie auch bleiben und sich in San José niederlassen.
Die Landschaft zieht an Mary vorbei und sie denkt an die Clarence-Brüder. Sie fragt sich, ob auch sie sie noch nicht ganz vergessen haben und was sie wohl jetzt gerade machen und wo sie jetzt wohl sein mögen. Und sie weiß, dass irgendjemand von ihnen auch noch an sie denkt.



Meinen besonderer Dank gilt Martha Jane Canar(r)y Burke
(Calamity Jane) *1852 †1903 für die Inspiration zu „Shotgun Jane“.
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Alt 24.07.2022, 00:28   #2
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Zitat:
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Die Sonne brennt heiß auf die etwa einhundert Männer und Frauen herab, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg gen Westen gemacht haben. Die großen Planwagen kommen nur langsam vorwärts und vor den Reisenden liegt nichts als die Weiten der einsamen Prärie. ...
Kompliment. Die Geschichte ist flüssig erzählt, sie schafft Antmosphäre, und die Rechtschreibung stimmt.

Woran du arbeiten solltest, ist die Verliebtheit in Adjektive, denn die meisten sind entbehrlich. Wenn die Sonne brennt, weiß jeder, dass sie alles andere als Kühlung bringt, und dass in der Weite der Prärie nirgendwo eine Empfangsversammlung steht, weiß auch jeder. Also:
Die Sonne brennt auf die Schar der Männer und Frauen herab, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg gen Westen gemacht haben. Die Planwagen kommen nur langsam vorwärts, und vor den Reisenden liegt nichts als die Weite der Prärie.
Was an deiner Geschichte hervorsticht, ist der Präsens. Damit nimmst du dem Leser die Distanz, die er im Präteritum gehabt hätte, sondern du holst ihn in das Geschehen hinein. Das lässt mich vermuten, dass du kein literarischer Neuling bist, sondern deine Geschichte wohlüberlegt entwickelt hast. Auch wie du die Dialoge eingeflochten hast, zeugt davon, dass du im Schreiben Erfahrung hast.
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Alt 24.07.2022, 10:16   #3
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Hallo Romy Krug,

für mich fing die Geschichte interessant an, aber dann hast du im Präsens weiter erzählt, was ich persönlich furchtbar finde, erst recht, wenn sie im Jahre 1868, also vor sehr langer Zeit spielt. Dann höre ich regelmäßig auf zu lesen.
In der Vergangenheit erzählt, hätte mich die Geschichte vermutlich gepackt.

Das hat keinen Bezug zu dem Kommentar vorher. Ich habe schon öfters im Forum erwähnt, dass ich es hasse, wenn Bücher im Präsens geschrieben sind.

LG DieSilbermöwe
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Alt 24.07.2022, 10:31   #4
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Hallo Romy Krug,

für mich fing die Geschichte interessant an, aber dann hast du im Präsens weiter erzählt, was ich persönlich furchtbar finde, erst recht, wenn sie im Jahre 1868, also vor sehr langer Zeit spielt. Dann höre ich regelmäßig auf zu lesen.
In der Vergangenheit erzählt, hätte mich die Geschichte vermutlich gepackt.

Das hat keinen Bezug zu dem Kommentar vorher. Ich habe schon öfters im Forum erwähnt, dass ich es hasse, wenn Bücher im Präsens geschrieben sind.

LG DieSilbermöwe

Ich hatte es auch so stehen gehabt, aber da war so eine riesen Lücke in der Geschichte, mein Vater hatte recht. Ich habe mich dann dazu entschieden, es halb wie Memoiren zu erzählen. Von wegen: das ist meides, Geschichten und Memoiren
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Alt 24.07.2022, 10:41   #5
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Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Kompliment. Die Geschichte ist flüssig erzählt, sie schafft Antmosphäre, und die Rechtschreibung stimmt.

Woran du arbeiten solltest, ist die Verliebtheit in Adjektive, denn die meisten sind entbehrlich. Wenn die Sonne brennt, weiß jeder, dass sie alles andere als Kühlung bringt, und dass in der Weite der Prärie nirgendwo eine Empfangsversammlung steht, weiß auch jeder. Also:
Die Sonne brennt auf die Schar der Männer und Frauen herab, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg gen Westen gemacht haben. Die Planwagen kommen nur langsam vorwärts, und vor den Reisenden liegt nichts als die Weite der Prärie.
Was an deiner Geschichte hervorsticht, ist der Präsens. Damit nimmst du dem Leser die Distanz, die er im Präteritum gehabt hätte, sondern du holst ihn in das Geschehen hinein. Das lässt mich vermuten, dass du kein literarischer Neuling bist, sondern deine Geschichte wohlüberlegt entwickelt hast. Auch wie du die Dialoge eingeflochten hast, zeugt davon, dass du im Schreiben Erfahrung hast.

Danke. Wohlüberlegt? Weißt du, wie lange ich diese Geschichte bearbeitet, geändert, wieder bearbeitet, umgeschrieben, eine Version/Szene gestrichen, eine andere hinzugefügt und umgeschrieben habe? Diese Geschichte habe ich zwar schon während des Bearbeitens veröffenlicht, weil ich dachte, sie wär schon fertig. (Was für eine Idiotin ich war) Aber allen in Allem hat sie vielleicht drei Jahre an Bearbeitung hinter sich. (Ich glaube es sind drei Jahre)

Und geübt? Nein, überhaupt nicht

PS.: Die Tipps, die du mir gegeben hast sind nur kleine Details, die man machen kann, was aber nicht unbedingt ein Muss ist


LG
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Alt 24.07.2022, 13:35   #6
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Danke für das Feedback
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Alt 30.07.2022, 21:51   #7
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Ich muss gestehen, ich habe es bislang nicht geschafft, den ganzen Text zu lesen
Meine Zuschrift zielt auf die Länge des Textes ab. Meines Erachtens könnte man ihn eigentlich schon als Novelle bezeichnen.
Eine Novelle wird meines Wissens definiert als "Mittelstück" zwischen Kurzgeschichte und Roman. Meiner Meinung nach ist der Text für ein Geschichten-Forum wie hier zu lang.
Der Autor läuft in diesem Fall möglicherweise in Gefahr, einen Leser mit zunehmender Textlänge zu langweilen...
Es sagt dann natürlich nichts über die (orthographische) Qualität des Textes aus, und der Autor (Autorin) geht dann eventuell positiver Bewertungen verlustig, was schade ist.

MfG.
K.
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Alt 30.07.2022, 22:00   #8
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Wir bekamen hier einen Ausschnitt einer Erstveröffentlichung vom April 2020 zu lesen. Ich denke nicht dass es der Autorin im Sinn lag nach "Verbesserungen oder Tipps" zu fragen. Ich denke eher sowas geht in die Richtung Eigenwerbung oder Promotion? Ich kenne mich da nicht aus und ich weiß nicht ob das so üblich ist.
MonoTon ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 30.07.2022, 22:20   #9
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Ich dachte es wäre in Ordnung
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Alt 30.07.2022, 23:00   #10
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Zitat:
Zitat von Kurt Beitrag anzeigen
Eine Novelle wird meines Wissens definiert als "Mittelstück" zwischen Kurzgeschichte und Roman. Meiner Meinung nach ist der Text für ein Geschichten-Forum wie hier zu lang.
Nein, Kurt, so wird eine Novelle nicht definiert. Sie ist eine eigene Literaturgattung, die sich von einer Kurzgeschichte oder Erzählung durch ein bestimmtes Merkmal unterscheidet.

Zitat:
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Ich dachte es wäre in Ordnung
Das Einstellen deiner Geschichte in Poetry ist völlig in Ordnung. Von Promotion oder Eigenwerbung habe ich nichts entdecken können, denn Angaben in dieser Richtung hast du nicht gemacht. Aber selbst wenn du deine Geschichte als Veröffentlichung bekanntmachen wolltest, stünde dir dafür eine Rubrik in diesem Forum zur Verfügung.

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Alt 06.08.2022, 20:45   #11
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Nein, Kurt, so wird eine Novelle nicht definiert. Sie ist eine eigene Literaturgattung, die sich von einer Kurzgeschichte oder Erzählung durch ein bestimmtes Merkmal unterscheidet.
Ich habe ein paar Recherchen angestellt und konnte nichts Adäquates zu Deiner Stellungnahme ("bestimmtes Merkmal") finden.
Welches bestimmte Merkmal sollte eine Novelle Deiner Meinung nach haben?
Kurt ist offline   Mit Zitat antworten
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