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Die Philosophen-Lounge Forum für philosophische Themen, Weisheiten und Weltanschauungen.

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Alt 07.12.2022, 17:57   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Ewig leben?

Fast immer, wenn die klugen Köpfe der Nation sich treffen, um über Gott und die Welt zu fachsimpeln, und zwangsläufig die Rede darauf kommt, ob es erstrebenswert sei, ewig zu leben, schüttelt einer in der Runde sein ehrwürdiges Haupt. "Das kann nicht sinnvoll sein, denn man stelle sich vor, wie langweilig so ein ewiges Leben wäre", lautet das inflationäre Argument, das mittlerweile jeder Papagei nachplappert. Im nächsten Atemzug erklärt dieser Schlaumeier, der seine These aus naheliegenden Gründen nicht durch Erfahrung belegen kann, dass er jedoch bei einer doppelten Lebenserwartung als heute eine Menge spannender Dinge wüsste, die er gerne noch täte.

Als ich eine solche Diskussion jüngst verfolgte, fielen mir die Koalas ein, die von morgens bis abends nichts anderes tun als in den Bäumen zu sitzen, Blätter zu kauen und zu dösen - tagaus, tagein. Nun sind Koalas keine Philosophen und denken garantiert nicht über ein ewiges Leben nach; aber ebenso garantiert werden sie nie eine Vorstellung davon bekommen, wie sich Langeweile anfühlt. Deshalb leuchtet mir als Mensch, der vor langer Zeit von den Bäumen runtergekommen ist, nicht recht ein, weshalb mir langweilig dabei werden könnte, in einer Zeit von mehreren Leben zu Fuß und mit Rucksack die Länder dieser Erde zu erkunden, und zwar jeden Quadratkilometer. Oder mich als Leseratte durch sämtliche Bibliotheken dieser Erde durchzunagen. Oder mich mit einigen Millionen Menschen über deren Lebensgeschichte, Wünsche und Pläne zu unterhalten. Oder von den noch existierenden Sprachen einige tausend zu lernen.

Wenn es die Menschen wirklich vor einer ewig währenden Langeweile graute, forschten sie nicht weiterhin eifrig daran, das Altern aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen. Angeblich hat man schon Moleküle entdeckt, mit denen es gelungen ist, gealterte Mäuse wieder zu verjüngen.

Aber wenn wir ewig leben, lautet das nächste Argument für die Akzeptanz des Sterbens, hat der Planet nicht mehr genug Platz für alle. So, so, denke ich, und dieses Problem einer stetig wachsenden Bevölkerung soll neu sein?

Kurz gesagt: Die Argumente, die uns das Ende unserer physischen Existenz akzeptabel machen wollen, überzeugen mich nicht. Ich halte das Sterbenmüssen angesichts des enormen Energieaufwands, den man zum Überleben aufbringen muss, für völlig absurd und einen Webfehler der Schöpfung, wer auch immer dafür verantwortlich ist.
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Alt 09.12.2022, 12:25   #2
männlich dunkler Traum
 
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... kommt bei mir immer auf die jeweilige Tagesform an. Manchmal halte ich die Idee für äußerst interessant und dann wieder für dumm.
Gern hätte ich zugeschaut, wie ein Stern entsteht oder auch wieder vergeht. Gern würde ich die Lebensideen vieler Menschen erfahren.
Aber was, wenn sich ein Großteil einfach nur wiederholt, es wird uninteressant, langweilig. Irgendwann kann ich alle Sprachen, alle Instrumente, alle Bedienanleitungen, alle Bücher etc. etc.; was fange ich dann mit meiner ewigen Zeit an?
Es wird Menschen geben, welche sich auch dann noch eine neue Idee/ Aufgabe ausdenken, aber eben auch viele andere.
Falls mir aber noch definitiv 1000 Jahre zugestanden werden, sollte ich vielleicht erst einmal über Körperoptimierung nachdenken (bessere Umweltanpassung, nicht Schönheit). Mir fällt bestimmt noch mehr ein, jetzt gerade würde ich dieses Geschenk gern annehmen.

Übrigens gehen auch unbelebte Sachen mit der Zeit kaputt, also warum soll dies für belebte Wesen nicht zutreffen? Ich wüsste auch nicht, warum unbelebte oder belebte Natur sinnvoll sein soll. Unsere Sonne verschleudert Energie ohne Ende (also fast), wofür?
Als ich damals dieses Universum erschaffen habe, war mir einfach langweilig, wollte mal was neues ausprobieren.

beaux rêves
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Alt 09.12.2022, 13:34   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von dunkler Traum Beitrag anzeigen
Als ich damals dieses Universum erschaffen habe, war mir einfach langweilig, wollte mal was neues ausprobieren.
Gute Idee . Das Projekt ist nämlich stark verbesserungsbedürftig.
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Alt 09.12.2022, 22:13   #4
männlich dunkler Traum
 
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ja ich bin besser geworden, weiß nur nicht mehr, wo ich das Ergebnis hingepackt hatte.

beaux rêves
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Alt 16.12.2022, 17:30   #5
männlich Axel-Gerd
 
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... in etwas abgeschwächter aber durchaus realer Form zeigt sich dieses Problem schon bei vielen Rentnern im Startloch und in dem Fall reden wir von relativ wenigen Jahren. Nicht jeder ist in der Lage, die neu gewonnene Freizeit sinnvoll zu füllen, und dann kommt besagtes Loch, in welches man fällt. Ich für meinen Teil hätte nichts gegen eine nächste Runde.
Euch allen einen schönen Abend.
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Alt 16.12.2022, 18:26   #6
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
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Nicht jeder ist in der Lage, die neu gewonnene Freizeit sinnvoll zu füllen, und dann kommt besagtes Loch, in welches man fällt.
Ich bin überzeugt, dass es sich dabei um eine klitzekleine Minderheit handelt. Die meisten Arbeitnehmer, also in Lohn- und Gehaltsabhängigkeit Beschäftigten sind froh, wenn sie aus der Tretmühle rauskommen. Immer mehr von ihnen nehmen unbeeindruckt Rentenkürzungen in Kauf, um in die Ruhezeit abhauen zu können. Und die meisten haben Interessen und Hobbys, die sie dann pflegen, und wenn es "nur" der Garten, das regelmäßige Spazierengehen oder der Stammtisch ist.

Arbeit, wie sie heute stattfindet, ist nicht mehr dazu angetan, sich mit ihr zu identifizieren. Der Beruf ist keine Berufung mehr, sondern eine Brötchenmaschine. Um die dicksten Brötchen einzuheimsen, muss man studieren, wird suggeriert, und deshalb studiert jeder mittelmäßig Bewässerte, lämmert sich irgendwie durch und wundert sich später darüber, dass er arbeitslos ist. Denn spätestens wenn es an die Praxis geht, trennt sich die Spreu von Weizen bzw. die Theorie vom wirklichen "Machen".

Wir sollten wieder zurückkommen auf die Begabungen, nämlich die jungen Menschen zu fragen, wovon sie träumen, was sie bis in den Kern ihrer Zellen interessiert und was sie meinen, bis ins hohe Alter lieben zu können. Kurz gesagt: wofür sie brennen. Nur so bekommt man gute Leute.

Und ich bin dafür, dass ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, so entlohnt wird, dass er davon sorgenfrei leben kann, ganz egal, ob er Kunstbilder malt, im Supermarkt Regale auffüllt, eine Heizung repariert oder in der Medizin Forschung betreibt. Für jeden muss ein Platz sein, ein menschenwürdiger Platz. Wer mehr leistet, darf höher entlohnt werden - kein Problem. Aber jede Arbeit muss gemacht werden, und auch ein Kloputzer muss genug verdienen, um sich eine Familie leisten zu können.

Wer hätte mich jemals, als ich noch verheiratet war, danach gefragt, was das Putzen meiner Fenster, das Scheuern meiner Spüle oder das Kratzen in der Kloschüssel wert gewesen wären?

Tatsache ist: Jeder Mensch, jeder Einzelne von uns, setzt seinen Dreck ab, in welcher Form auch immer. Und wer maßt sich an, dass es an allen andern liegt, den Dreck, den er verursacht hat, wegzuräumen?

Das sollen gefälligst diejenigen erledigen, die den Dreck verursacht haben!
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Alt 22.12.2022, 16:19   #7
männlich Luigi B
 
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Ewig leben
Das Leben zu verlängern für die Meisten ein Wunschtraum, aber ewig leben eine Horrorvorstellung, wenn es daraus keinen Ausweg gäbe. Mich „ermüdet“ es schon, wenn ich jedes Jahr einmal den gleichen Spaziergang mache. Bei solchem Wunschdenken fehlt mir einfach der Realitätssinn.
Mit Neugierde lässt sich vieles lange gut machen und neu einrichten. Bevor wir aber auch nur eine Lebensverlängerung bejahen, stellen sich weitere biologische Fragen bzgl. Alterung und Krankheiten, um bei der Realität zu bleiben. Aber selbst ein hypothetisch gesundes Leben auf ewig? Wie bei jedem Wunschdenken steckt der Teufel im Detail. Es nutzt sich alles, auch das Schönste, schon in relativ kurzer Zeit ab und irgendwann sogar die Lust zur Veränderung. Unsere Psyche ist für dieses kurze Leben gemacht.
Ein doppelt so langes Leben könnte vielleicht noch jedem guttun, ich könnte z.B. allein zum Aufarbeiten meiner Bibliothek ein zweites Leben brauchen und mögen.
Natürlich dürfen bei dem Wunschdenken nach stark verlängertem Leben u.a. politische, soziale, internationale und nicht zuletzt immer noch auch biologische Fragen nicht vergessen werden. Die Überbevölkerung wird irgendwann sogar die Klimaproblematik noch übertreffen.
So wie manche Krankheit schon sehr sinnvoll sein kann, so macht die Begrenzung durch den Tod dieses unser Leben erst richtig kostbar und wertvoll. Alles Gute und auch das Beste hat seine Zeit – zu unserem Besten.
LG Luigi B
Luigi B ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.01.2023, 23:19   #8
männlich BladeRuner
 
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Beiträge: 712

Eine wirklich wunderbare Frage hast du da aufgeworfen, Ilka-Maria.
Auch mich haben die Argumente für eine Sinnhaftigkeit des Vergehens nie überzeugt. Ja, das Sterben erscheint absurd. Es ist aber kein Webfehler der Schöpfung, die von sich aus nichts tun kann, sondern der Wille des Schöpfers, der die gesamte Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen hat, und zwar auf Hoffnung.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit kann zur Erkenntnis führen. Mensch bedenke, dass du sterben musst, auf dass du klug wirst.
So sagt es die Bibel!
Und der Weg zum Leben ist Jesus der Christus. Jedem Menschen angeboten.
Luigi B, natürlich ist die Vorstellung in dieser irdischen Realität auf ewig gefangen zu sein, albtraumhaft. Es geht um die Tür da heraus.
Der Tod, Luigi B, macht das Leben nicht kostbar. Der Tod macht das Leben nichtig, denn er wicht alles weg. Er lässt nichts übrig und macht alles was wir tun, zu einem Haschen nach Wind.
Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen.
Oder mit den Worten Hiobs: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, gelobt sei der Herr.
Euch Gottes Segen
BladeRuner ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.02.2023, 22:04   #9
männlich Faber
 
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Zitat:
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Aber was, wenn sich ein Großteil einfach nur wiederholt, es wird uninteressant, langweilig. Irgendwann kann ich alle Sprachen, alle Instrumente, alle Bedienanleitungen, alle Bücher etc. etc.; was fange ich dann mit meiner ewigen Zeit an?
Ewiges Leben würde ja nicht automatisch bedeuten, dass unser Gehirn unendlich viele Informationen aufnehmen könnte. Irgendwann würde das Vergessen einsetzen, weil alte Erinnerungen überschrieben werden müssten. Dann würde es nicht mehr reichen, eine vor langer Zeit gelernte Sprache aufzufrischen, man würde sie neu erlernen müssen. Und die 3000 Jahre alten Urlaubsfotos könnten ebenso gut von einem Fremden stammen, weil man sich nicht erinnert. Möglicherweise würde man über die Zeit ganz verschiedene Persönlichkeiten annehmen, die sich gegenseitig die Klinke in die Hand drücken.
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