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Alt 17.06.2013, 21:16   #1
männlich Schmuddelkind
 
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Standard Begegnung

Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass das Schicksal mich einmal in das beschauliche Saarland führt und auch wenn mein Navigationsgerät aufgrund mehrerer Umleitungen unbrauchbar war und ich immer weitere Umwege gefahren bin, bis ich nicht umhin konnte, zu konstatieren, dass ich mich verfahren habe, wusste ich das Beste mit der Situation anzufangen: ich atmete bei offenem Fenster die Freiheit einer menschenleeren Gegend, versank in der grünen Selbstgenügsamkeit der ausgedehnten Wälder und blickte von den hohen Koppeln über eine Landschaft, die wie ein Akkordeon zusammengezogen wurde, dessen alte Klänge sich noch immer in den Tälern widerzuhallen schienen. Doch als die Abendsonne hinter den Hügeln zu versinken drohte, wollte ich bald wieder auf den Weg zurückfinden.

Im nächsten Ort hielt ich an und fragte ein älteres Ehepaar, das mir entgegenkam nach dem Weg. "No Dengmad?", fragte der freundliche Mann mit Schiebermütze leicht irritiert. "Nein, Sankt Ingbert", korrigierte ich. "San ich jo. Eichendlich könndschde grad lo vorre uff da Audobahn, abba lo is jo gesperrt. Am beschde fahrsche hinna da Kersch nit ganz im reschde Winkel links erunna. Lo kummschde erschdemoll in de Wald un dann no Däschdäasch. Lo halsche dich nit Richdung Luusem, sonnan Richdung Exwilla, dann Walwaschowe un Kaltnaggisch un dat Eck un dann kummts irchendwo." Ich bedankte mich freundlich und fütterte das Navi mit den Namen; doch die Datenbank schien keinen der Orte zu kennen, wie auch immer ich sie schrieb. "Das müssen alles ganz neue Siedlungen sein", dachte ich und fuhr los, wie empfohlen hinter der Kirche (nicht Kirsche!) links in den Wald.

Doch als ich nach gut einer halben Stunde noch keinen der Orte aus der Wegbeschreibung wiedererkannte, wollte das Gefühl nicht weichen, dass ich immer noch nicht auf dem richtigen Weg war. Also hielt ich in einem kleinen Nest wieder den nächstbesten Passanten an, einen grimmig dreinblickenden Mann in Sandaletten: "Entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich nach... wie hieß der Ort noch gleich... Walwaschowe komme?" Mein Gegenüber schaute mich skeptisch an: "Ausm Reich. Abba lese kriesche trotzdem noch hien, odda?" Er wies auf das Ortsschild hinter mir mit der Aufschrift "Walpershofen", wodurch ich zugleich erleichtert war und mich peinlich berührt fühlte. Trotzdem setzte ich den Dialog fort: "Ach, danke! Und wissen Sie zufällig auch, wo entlang es nach Kaltnaggisch geht?" "Gradaus. Fa die Pelsa steht uffm Ortsschild "Herrensohr" druff. Ala dann", verabschiedete er sich wortkarg und murmelte noch so etwas wie "Schaffschuhvasteggeler!" vor sich hin, während er an mir vorbei ging.

Während ich mich darüber wunderte, was das für ein seltsamer Menschenschlag sein muss, dass sämtliche Ortsnamen umgetauft werden (oder war es doch umgekehrt?), konnte ich die ersten Hinweisschilder Richtung Sankt Ingbert lesen und war erleichtert, noch vor Einbruch der Dunkelheit in der kleinen, gemütlichen Pension anzukommen. "Ai, do sinnse jo! Ich hamma schun Sorje gemacht", begrüßte mich die die Rezeptionistin/Hotel-Leiterin/Küchenchefin/Zimmerdame herzlich. "Ai, mache se grad dussma. Do hinne steht e Scheeslong un ich mach noch de Schriftkram." Neben den üblichen Sport-, Auto-, Tratsch- und Haushaltszeitschriften, lagen nur regionale Tageszeitungen auf dem Tischchen beim Sofa. Auf allen war Oskar Lafontaine mit leicht verschmitztem, aber stolzem Gewinnerlächeln abgebildet. Darüber Titel wie: "Mir brauche Schaffa, kenn Fohza!" oder "Vun de Grub, fa die Grub, uff die Grub!" Aus meiner Verwunderung über die lokale Wahrnehmung von Politik wurde ich plötzlich herausgerissen, als die Frau herüber rief: "Sie wollde e Plümmo, gell?" "Ich weiß nicht so recht. Was ist denn das?" "Ai, e Daunebett." "Ach so. Dann sehr gerne."


Fortsetzung folgt...
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fremdheit, mundart, saarland

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