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Alt 16.10.2005, 00:36   #1
Decker
 
Dabei seit: 10/2005
Beiträge: 4


Standard Sackgasse

Sackgasse

Es war wieder einer dieser langen Winternächte die schon Mittags beginnen und kein Ende nehmen. Wie so oft verbrachte ich die meiste Zeit alleine. Der Umgang mit anderen Menschen viel mir immer schon schwer, aber wenn die Dunkelheit zunimmt kapsel ich mich für gewöhnlich vollständig von der Außenwelt ab. Außerdem stelle ich dann beinahe sämtliche Handlungen ein. Ich verbringen den Tag mit lesen und rauchen. Nietzsche tut mir in solchen Momenten gut, oder zumindest denke ich das dann. In Wirklichkeit verstärkt er nur noch meine Isolation und meine Verstimmtheit. Ich Esse nur noch Schnellgerichte, die für gewöhnlich keinen Nährwert haben und mich kränklich machen, schlafe schlecht und bin deshalb immer Müde. Alles Denken, alles Hoffen ist auf den nächsten Frühling gerichtet.
Nun ja, an solch einen Abend hielt ich es zu Hause nicht länger aus und verließ die Wohnung ohne Ziel. Zu meinem Glück war es, für die Zeit, ein lauer Abend und so blieb mir der Schmerz der Kälte erspart. Ich ging so durch die Nacht, durch meine Gassen und ließ meinen Blick über die illuminierten Fenster der Wohnblöcke schweifen. Hier und da, wenn die Einrichtung einer mir fremden Wohnung gemütlich wirkte, oder mehrere Menschen im Dialog das Zimmer teilten, sehnte ich mich nach einfacher Kommunikation mit Menschen die meine Interessen teilten. Aber wo gab es die schon? Ich war allein. Der letzte Mensch.
Die Medien, die Werbung, die Verführung zu stumpfen Konsum, hat alle meine Freunde infiziert und zu willenlosen, abgestumpften Kreaturen gemacht. Sie verbrachten ihre Zeit mit den Verkauf von Kram über E-bay, um reich zu werden und da sie es nicht wurden, sich permanent darüber beklagten. Andere zogen den Spaziergang durchs Internet, dem Spaziergang durch den Wald vor. Manchmal gingen sie auch in die Stadt, zur Abwechslung, um sich dort durch Reklame und anderen Auffälligkeiten zum Kauf sinnloser Dinge animieren zu lassen, von denen sie dann allen ihren Freunden erzählten, wie schön und sinnvoll diese seien. Aber wenigstens hatten sie welche. Ich hingegen liebte es durch den Wald zu streifen. Allein.
Alleine, verlor ich irgendwann die Lust daran. Ich Wandere jetzt nicht mehr durch den Wald. Er ist zu weit weg und es ist meistens zu kalt, das Wetter ist oft schlecht und ich bin allein. Ich malte früher gerne Bilder, machte Fotos und baute mir Möbel für mein Zimmer. Aber sowas macht man eigentlich nicht. Normalerweise macht man keine Dinge, man kauft sie, schaut sie einige Tage an und wirft sie dann wieder weg, um neue Dinge zu kaufen. Den Rest der Zeit verbringt man damit Geld zu verdienen, um sich diese Dinge kaufen zu können.
Aber sie schienen glücklich in diesem Leben. So durch die Fensterscheibe betrachtet, fühlten sie sich in ihren Wohnungen, mit ihren Freunden, sich über Dinge unterhaltend, sehr wohl und wenn man nicht mehr wusste was man den anderen sagen sollte, ging man ins Kino oder sah fern. Da tat man was zusammen ohne sich wirklich miteinander beschäftigen zu müssen. Und weil die Bilder so schön flackern, in allen Farben dieser wundervollen Welt erblühen, ist alles wundervoll.
In diesen Räumen war alles wundervoll. Hier draußen war es dunkel und einsam. Ich wusste auch nichts dagegen zu unternehmen. Es viel mir schwer mich mit Menschen zu unterhalten, ihr leben interessierte mich nicht. Es war alles so unwichtig was sie taten und ich bemerkte ihre Abneigung gegen mich, weil ich ihr Handeln für unwichtig hielt. Was sie für unnütz hielten war für mich wichtig, was sie hassten das liebte ich, das was sie als falsch empfanden war für mich Wahrheit. So blieb ich allein.
Die Welt konnte ich nicht ändern, das hatte ich schon vergebens versucht. Mich ändern. Aber wie? Ich lebte in ihrer Welt, aber sie gefiel mir nicht, da war keine Freude, kein Sinn.
Ich spazierte von einer kleinen Seitenstraße auf eine hell beleuchtete Hauptstraße. Auf ihr fuhren keine Autos mehr, da es schon spät war. Auf der anderen Straßenseite, sah ich von weitem eine Gestalt in meine Richtung schlendern. Die Gestalt war in einer roten Wolljacke gekleidet, hatte lange Haare und einen Rucksack auf an dem scheinbar metallende Gegenstände hingen die ich von weiten in der Stille klimpern hörte. Während wir uns einander nährten, schaute ich gelegentlich zu ihr hinüber ohne sie länger zu fixieren. Schließlich wollte ich nicht aufdringlich wirken.
Die Straße war zwar gut beleuchtet, aber das Gesicht der Gestalt blieb in einem undurchsichtigen Schatten verborgen. Als wir noch ungefähr zwanzig Schritte auseinander waren, winkte die Gestalt. Ich blickte hinter mich, aber da war niemand an den dieses Winken gerichtet sein könnte. Als wir aneinander vorbei gingen, die breite Straße zwischen uns, winkte die Gestalt wieder. Ich erkannte zwar nicht das Gesicht, aber die Bewegung und das restliche äußere schienen mir fremd und so glaubte ich nicht daran, dass die Gestalt mir zuwinken würde und erwiderte nicht die Begrüßung. Als wir uns wieder voneinander entfernten schaute ich kurz über meine Schulter ihr hinterher und die Gestalt blickte mir in ihrem Schlenderschritt ebenfalls nach ohne sich ganz umzudrehen.
Als ich wieder zu Hause in meinem einsamen Zimmer hockte und über diese seltsame Begegnung nachdachte, kam mir in den Sinn, dass ich die Gestalt von irgendwoher zu kennen glaubte, vielleicht aus weiter Vergangenheit. Die langen Haare, der Klimpernde Rucksack, die rote Wolljacke und der schlendernde unbekümmerte Gang.
Ich rauchte noch eine Zigarette, während ich die Gedanken von Nietzsche studierte, knipste das Licht aus und schlief ein. Und in meinen Träumen, lebte ich das Leben von einem anderen, jemandem der alles ganz anders gemacht hatte, alles besser gemacht hatte als ich es in Wirklichkeit tat. Und in diesem Traum, von sinnlosen Plappereien mit Freunden und dem kaufen von lustigen, kleinen, teuren Dingen, war ich glücklich. Für diese eine Nacht.



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sorry wegen der Orthografie, aber wir haben alle ein Laster.
Decker ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 23:44   #2
weiblich Ex Lucyinthesky
abgemeldet
 
Dabei seit: 07/2016
Beiträge: 202


Warum hat niemand diese Geschichte kommentiert? Sie berührt mich auf eigentümliche Weise, als würde ich selber darin vorkommen ...

Der Autor scheint wohl nicht mehr hier zu sein - schade.
Ex Lucyinthesky ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 23:48   #3
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.511


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Zitat von Lucyinthesky Beitrag anzeigen

Der Autor scheint wohl nicht mehr hier zu sein - schade.
War nur zwei Wochen im Forum, und das ist über zehn Jahre her.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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